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BANDSALAT. Zur Soundperformance MEMORY DISTORTION. MIXTAPE von Nicoleta Esinencu & teatru-spalatorie (Moldau) – Kunstfest Weimar (2026)

7–11 Minuten

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„Auf diesem Mixtape könnt Ihr hören, wie verzerrte Erinnerung klingt. Wer will es haben?“, fragt sie am Ende und hält eine Kassette in die Höhe. Als niemand reagiert, legt sie das Band an den Bühnenrand. Ich zögere ebenfalls. Hatte ich überhaupt noch ein Abspielgerät? Was war auf dem Band? Etwa ein Mitschnitt der hundert Minuten, die wir, das Publikum, soeben erlebt hatten? Und: Wollte ich das wirklich nochmal hören?

Ich bin im Rahmen des Weimarer Kunstfestes (21.8.-6.9.) wieder in der Redoute, ein Spielort des Nationaltheaters (DNT). Das ehemalige Haus der Offiziere, erbaut 1974, hat eine historisch interessante Lage: es liegt direkt an der Ettersburgerstraße. Jene Straße, auf der ab 1937 Häftlinge vom Bahnhof auf den zugigen Ettersberg getrieben wurden, hinauf ins KZ Buchenwald. „KZ Weimar“ sollte es nicht heißen, wegen Goethe und Schiller etc. Am 16.4.1945 müssen dann rund tausend Weimarer*innen denselben Weg zu Fuß zurücklegen, eskortiert von US-Jeeps: sie sollen das Lager und die Spuren der Nazi-Gräuel besichtigen. Sind die Einwohner*innen des einstigen NS-„Mustergaus“ Thüringen durch diese Erfahrung  in sich gegangen? (Gegangen bin ich den Weg vor einigen Jahren, um eine Vorstellung von der Entfernung zu bekommen.)

Apropos Buchenwald: bevor ich abends die Redoute besuche, schaue ich am Nachmittag beim e-werk vorbei, dem Festivalzentrum in diesem Jahr. Das ehemalige Elektrizitätswerk ist seit Jahren ein soziokulturelles Zentrum mit Ateliers, Bar und Kino (Lichthaus). In einem ehemaligen Straßenbahndepot auf dem Areal befindet sich zudem die Rauminstallation Konzert für Buchenwald der Künstlerin Rebecca Horn (1944-2024). Die Arbeit wird bereits seit 1999 von der Klassik Stiftung Weimar zugänglich gemacht, war dieses Mal jedoch geschlossen. Schade. Sinnigerweise hat dieselbe Stiftung ihr Museumsdepot in direkter Nachbarschaft der Redoute. Also ebenfalls am Wegesrand Richtung Buchenwald.

Mit der Einladung der Gruppe teatru-spalatorie (auf Deutsch etwa: „Theater Waschsalon“) aus der Republik Moldau schließt das Kunstfest Weimar nicht nur zeitnah an die Premiere der Performance Memory Distortion. Mixtape am 10.6.2026 im Berliner HAU (Hebbel am Ufer) an. Am 26.6. wurde in Chemnitz der Theaterwissenschaftlerin und Autorin Nicoleta Esinencu der diesjährige ITI-Preis (Internationales Theaterinstitut) verliehen. Für ihre transnationale Arbeit und den kulturellen Austausch mit Osteuropa. In ihrer Dankesrede sagte sie: „Ich habe den Zusammenbruch und die darauf folgende Wirtschaftskrise miterlebt. Meine Eltern haben, wie viele ihrer Freunde, über Nacht alles verloren. Sie waren damals in meinem Alter. Ich lebte in einem neuen Land. Ein Land im Umbruch. Damals das ärmste Land Europas. Damals ein Entwicklungsland.“

Esinencu, 1978 in Moldau geboren, lebt und arbeitet nach ihrem Studium in Deutschland in der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Ihre Arbeit wird dort seit ihrem europakritischen Erstlingswerk, dem zornigen, autobiographischen Monolog Fuck you, Eu.ro.Pa! (2007), sehr kontrovers wahrgenommen. Seit 2017, lese ich, verfügt ihr 2010 gegründetes Theaterkollektiv, das aktuell sechsköpfige teatru-spalatorie, über keine feste Spielstätte mehr. Vor allem das Berliner HAU blieb dem Projekt treu. Seit 2012, mit der Inszenierung des dokumentarischen Theaterstücks Clear History, kommen regelmäßig Engagements für Gastspiele zustande. 2014 entstand mit Dear Moldova, can we kiss just a little bit? ein Stück über die queere Community in Moldau, die erheblichen Repressalien ausgesetzt ist. Es wurde am Münchner Volkstheater aufgeführt und löste, wie alle Produktionen des teatru, in Moldau einen Theaterskandal aus.

Besonderen Unmut erzeugte das genannte Stück Clear History, das sich in Form des Sprechtheaters unter Einbeziehung von Archivmaterialien mit der Verdrängung der Holocaust-Erinnerung in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau auseinandersetzt. (Gleichzeitig hat dies die Autorin Ruta Vanagaite mit ihrem Buch Die Unsrigen für die Verdrängung der Shoah in der ehemaligen Sowjetrepublik Litauen geleistet).

Das heutige Territorium von Moldau, historisch hervorgegangen aus einer Fusion der Regionen Bessarabien und Bukowina, war mit dem Überfall der Nazis und ihrer rumänischen Verbündeten unter Ion Antonescu von 1941 bis 1944 der Hauptschauplatz des Holocaust in Rumänien. Man geht von etwa 300.000 Opfern (Jüdinnen und Juden, Sinti & Roma) durch Massenerschießungen, Hunger und Krankheit aus. Etwa fünfzig Ghettos und Konzentrationslager, teils reine Vernichtungszentren, hat es hier gegeben. Dies alles wurde und wird kollektiv beschwiegen. (Siehe dazu meinen eingehenden Blog-Beitrag Lapte negru).

In einem Interview mit der taz (2025) erinnerte sich die Theatermacherin: „Wir haben zu Hause nie über den Holocaust gesprochen. Meine Eltern haben überhaupt nicht verstanden, warum ich das an die Öffentlichkeit zerre. In ihren Augen ist das: den Müll wieder hervorkehren.“ Der Holocaust, so Esinencu, werde einfach „versteckt. Er wird wegradiert. Man möchte ihn loswerden und tut so, als hätte es ihn niemals gegeben.“

Esinencu (Foto links) wird als „Kulturrebellin“, „Kämpferin“ und Feministin charakterisiert. Sie versteht sich jedoch nicht nur als kritische Stimme hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Entwicklungen in ihrem Land, mit dem sie offenbar eine Art Hass-Liebe verbindet. Es geht ihr ebenso darum, das in der Tat unzureichende Wissen von Moldau im Ausland zu vermehren.

Moldawien, seit 1991 unabhängige Republik, Binnenstaat zwischen Rumänien und der Ukraine, EU-Kandidat (2028?), prosperierendes Exportland für Weine, durchsetzt von autonomen ethnischen Territorien (Gagausien), im Osten mit der vom Dnjestr abgeschnürten Enklave Transnistrien, teilbesetzt von russischem Militär, durch die Nähe zur kriegsüberzogenen Ukraine insgesamt ein bedrohtes Land – das einstige Fürstentum Moldau ist eine geschichtlich und politisch hochkomplexe Gegend und touristisch nach wie vor eine terra incognita. Auch ich war noch nicht dort.

„Wer an die Macht kommt, schreibt die Geschichtsbücher um.“, hatte Esinencu im Interview gesagt. Ein Allgemeinplatz, gewiss. Mit ähnlichen Sätzen beginnt nun die Performance Memory Distortion. Mixtape: „Die nächste Regierung sagte mir, ich solle eine andere Geschichte schreiben – die wahre Geschichte.“ Das wird wiederholt, um die Dynamik klar zu machen.

Ich sitze am 23.8.2026 in dem zu zwei Dritteln gefüllten Publikumsraum und lese während der Aufführung auf englischen und deutschen Übertiteln, was die drei Performer*innen Artiom Zavadowsky, Doriana Talmazan und Kira Semionov auf der Bühne auf Moldawisch-Rumänisch sagen.

Die kristallklare Stimme von Doriana (Mitte) dominiert die überwiegend statische Bühne. Alle drei stehen vor allerhand technischem Equipment: Tische mit Bandmaschinen, Mischpulten, Effektgeräten, Kassettendecks. Es ist ein Medien-Konglomerat, das mit der Haptik der analogen Geräte spielt, den technisch überholten Kästen, deren klackende Bedienung eigens tonal verstärkt wird.

Das Konzept der Performance besteht in der ununterbrochenen Herstellung eines akustischen und semantischen Stromes. Der Gerätepark steht metaphorisch für das Schreiben und Überschreiben historischer Narrative im Auf und Ab der Ideologien und Regime, für das Klittern und Verdrängen von Wahrheiten. Aufnehmen/Löschen.

Ästhetisch kommt dies als laufendes Addieren und Übereinanderschichten von Medien daher: Tapes werden eingelegt, es wird kreischend gespult, händisch an knarzenden Tonbändern und Knöpfchen gedreht, ins Mikro gesprochen. Mit geheimnisvollen Apparaten werden Loops und Echos erzeugt, Sätze invertiert, Tempi gedrosselt. Aus dem Rauschen, Knistern und Knacken tauchen verzerrte Stimmen auf, schnarrende oder dumpfe Radioansagen, Musikfetzen, Samples aus westlichen TV-Sendungen („Douze points Israel!“), Interviewfragmente. Gelegentlich schälen sich Rhythmen aus dem Klangbrei und man hofft kurz, das Trio möge sich zu Gesang oder Rap zusammentun.

Derweil werden Schirme und Performer*innen von flirrenden Videoprojektionen bestrahlt, die die Inhalte visuell kommentieren. Trumps „Drill, baby, drill!“ wird ein Dutzendmal repetiert; wenn es um Putin und dessen Krieg in der Ukraine geht, drehen sich Ballerinas wie Gänseblümchen auf den runden Schirmen.

Die bunte Mischung aus Videoprojektionen, Monologen und Sounds ließ mich ganz kurz an Laurie Anderson denken. Doch Memory Distortion fehlt die Poesie der Pop-Ikone. Und es fehlt jeglicher Humor. Im brachialen streaming folgen die Aussagen Schlag auf Schlag. Alles rauscht, im wörtlichen Sinne, an einem vorbei. Etappenweise nähert sich das Ganze der Publikumsbeschimpfung. Frage: Lassen sich kulturell interessierte Besucher*innen von Avantgarde-Stücken eigentlich besonders gern anspucken?

In Wortkaskaden werden „unsere“ selektive Erinnerung, der bräsige Wohlstand und das ignorante Konsumverhalten angeprangert. Die Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen, zu denen die Eltern der Autorin zählten, gehört dazu. Die vielbeschworene „Großherzigkeit“ Westeuropas ist ohnehin nur Heuchelei. Das ist hart, aber nicht unwahr.

Waffenlieferungen des Bundestages dienen einzig der Gewinnmaximierung, und laufende Völkermorde werden nur willkürlich als solche benannt, so wie es eben gerade passt ins neoliberale Weltgeschehen. Dass letzteres eine Form des „bereits etablierten“ Faschismus sein könnte, ließ mich an Eva von Redekers Buch Dieser Drang nach Härte denken (vgl. meinen Blog-Beitrag dazu). Doch das teatru-spalatorie ist keine Theoriefabrik. Seine programmatische Hast verhindert das Nachdenken.

Wirklich grenzwertig wird es dann, wenn der Nahost-Konflikt angesprochen wird. Das flotte Kommentieren dieser Sachlage scheint Kunstschaffenden ja ganz besonders am Herzen zu liegen. Für Esinencu und ihre Gruppe steht jedenfalls fest, dass Israel im Gaza-Streifen einen Genozid betreibt.

Was ist mit den vom Theaterkollektiv angestrengten ausgreifenden Recherchen zum Holocaust für das erwähnte Stück Clear History, incl. Befragung von Überlebenden und Archivbesuchen? Dass der pro-nazistische Dichter Octavian Goga, nach dem heute eine Straße in Chisinau benannt ist, den „Madagaskarplan“ euphorisch unterstützt hatte und heute in Lehrbüchern in Moldauer Schulen unkritisch behandelt wird, das wird in Memory Distortion thematisiert. – Nur haben diese Erkundungen der Gruppe leider nicht zu einer differenzierten Betrachtung der Gegenwart verholfen. Stattdessen wird tatsächlich der mörderische „Madagaskarplan“ der Nazis 1938, d.h. die skrupellose Deportation aller Jüdinnen und Juden in ein insulares Reservat, mit einer heutigen „Vertreibung der Palästinenser in den Südsudan“ gleichgesetzt. „Wiederholt sich die Geschichte?“, fragt die Performerin wohl nur rhetorisch. Vor allem diese schlichte Engführung kritisierte eine DLF-Radiokritik mit dem deutlichen Reim: „Nichts wird zu Ende gedacht, alles nur gemixt und gleichgemacht“.

Zum Glück gibt es leisere Momente in der Aufführung, die sonst einem 2-Stunden-Multimedia-Overkill gleichgekommen wäre. In diesen intimeren Abschnitten wird Autobiographisches hörbar. Es geht um die seltene Sprache Moksha der Großmutter oder die Zubereitung von Salaten mit dem Vater, bei dem Fragen nach der kulturellen Herkunft der jeweiligen Zutaten aufkommen. Identitätsprobleme stellen sich: Was ist moldawisch? Was macht eine „gute“ Moldauer*in aus? Welche Sprache hat sie vornehmlich zu sprechen? Rumänisch? Russisch? Beides?

Die Performance über, so der Handzettel, „Macht, Propaganda, Erinnern und Schweigen“ war anders als ich erwartet hatte. Viel habe ich über das postsozialistische Moldau nicht gelernt. Dazu wollte die Performance zu viele aktuelle Themen anreißen. Das ging nicht ganz auf.

Wie klingt nun „verzerrte Erinnerung“? Dass viel Verbitterung als energetische Ladung die herausfordernden Produktionen des teatru begleitet, ahne ich. Nebenbei wurde ich angeregt, mich eingehender mit dieser osteuropäischen Nische zu beschäftigen, die eine (Lese-)Reise wert ist. Empfohlen wird ja der Nachtzug von Bukarest, der nach dem Grenzübertritt noch auf die Spurbreite in Moldau umgerüstet werden muss und mit Holz beheizt wird.

Was geschah mit dem einsamen Tape am Weimarer Bühnenrand? Ich kam zu spät. Ein Mann aus dem Publikum schnappte sich das Plastik, während das Performance-Trio einen, so schien mir, eher lauen Applaus bekam.

Was war auf dem Band? Etwa ein Mitschnitt der hundert Minuten, die wir, das Publikum, soeben erlebt und ertragen hatten? Wollte ich das wirklich nochmal hören?

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.