GEHEN+DENKEN [!]

‚Gehen+Denken [!]‘ erkundet Verbindungen von Kunst, Erinnerungskultur und Politik: Berichte von Reisen zu Orten, in Bücher, Filme und Musiken. Es geht um Bilder, Menschen und Menschenbilder. Zu Fuß sieht man manches (etwas) klarer.

° Hier findet Ihr ein Karussell mit allen bisherigen Beiträgen. Über Kommentare freue ich mich! – Gern könnt Ihr den Blog auch abonnieren.

FELDER

Darktourism?

„Wir leben auf einem friedlichen Eiland des Unwissens inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es ist uns nicht bestimmt, diese weit zu bereisen.“

H.P. Lovecraft, Cthulhus Ruf

Reisen zu „dunklen Orten“, das sind Berichte von Erkundungen, allein oder gemeinsam mit Freunden oder mit Studiengruppen, zu Stätten der Vernichtung. Der Schwerpunkt liegt auf den Massenverbrechen des Nationalsozialismus („Euthanasie“ und Shoah).

Ist das „Darktourism“? Das heißt: das sensations- und affektgeleitete Aufsuchen von Schreckensorten in aller Welt. Das Gelingen einer Abgrenzung zum „Darktourism“ ist auch im Kontext seriöser Bildungsreisen keineswegs selbstverständlich. Nicht selten werden Stätten von Menschheitsverbrechen selbst von reflektierten Besucher*innen als „auratisch“, gar „magisch“ wahrgenommen. Wonach sucht man dort? Findet sich am „authentischen“ Ort – der tatsächlich immer ein historisch und kulturell überformter ist – wirklich der Zugang zu einer essentiellen Wahrheit? Dies sind einige der Fragen, die mich bei Reisen zu solchen Orten begleiten. Die Schattierungen von „Dunkelheit“ verändern sich mitunter im Zuge der Annäherung. Dies schließt immer die Selbstbeobachtung ein. Auch von der schreibe ich.

Die körperliche, sinnliche Ebene in der Auseinandersetzung mit „dunklen Orten“ ist ein wichtiger Bestandteil des Lernens: es macht eben doch einen Unterschied, ob man einen Ort abgeschritten hat, zu Fuß, Entfernungen, Ausdehnungen, Beschaffenheiten, auch Gerüche, physisch erfahren hat. Es macht natürlich einen Unterschied, mit wem man dies tut. All dies verändert die Vorstellungen über das, was von einem Ort gewusst werden kann. Und: Wissen ist eine notwendige Voraussetzung für diese Erfahrung. Wissen und seine Medien können sehr vielfältig sein. Aber: Sieht man wirklich nur, was man weiß?

Der verlockende „thrill“ in der Annäherung an Orte des Grauens, die Versessenheit in der Suche solcher Orte – diese Regungen können als solche erkannt werden. Sie können zu einem Teil des Nachdenkens über diese Orte und über die Möglichkeiten des Gedenkens werden.

Dem geläufigen Begriff „Erinnerungskultur“, auch wenn ich ihn hier mehrfach verwende, stehe ich eher skeptisch gegenüber: man sollte vielleicht besser von einer Gedenkkultur sprechen. Warum? Vor allem, um die schmerzhafte Erfahrung der tatsächlich Erinnernden (Überlebende, Opfer und ihre Nachkommen) nicht zu entwenden.

*1976 in Gotha (Thüringen), Studium der Erziehungswissenschaften, Soziologie sowie Grafik & Malerei in Marburg/Lahn; seit 2003 in Leipzig, mit Kind(ern) und Kegel.

Tätig als Pädagoge, seit 2015 nebenberuflicher Referent für kulturelle Bildung (Vorträge, Moderation als gelegentliche Ausritte auf den Steckenpferden Erinnerungskultur, Film, Kunst und Psychiatrie), bildender Künstler (phasenweise), Betreiber der quirligen, von Erfolgsdruck gänzlich unabhängigen Kleinstgalerie „4te wand“ (seit 2013).

GEHEN+DENKEN ist mein bescheidener Versuch, dieser so seltsamen wie schönen Welt etwas Sinniges abzutrotzen. Ohne dabei den Humor zu verlieren. Texte, vor allem Texte mit Bildern, sortieren doch so einiges, was sonst nur als zerebraler Wust in uns und zwischen uns schwingt, oder?