
Nach elf Jahren bin ich wieder über den Berg. Ich war noch einmal auf dem berühmten Monte Verità. Der „Berg der Wahrheit“ über Ascona ist wahrhaftig kein Riese. Bevor der 322 m hohe Hügel oberhalb des einstigen Fischerdorfes am Lago Maggiore zu einer Legende wurde, hieß er bei den Einheimischen La Monescia. Die karge Kuppe mit Seeblick diente im Jahr 1900, als sich eine Gruppe deutschsprachiger Auswander*innen an den Aufbau einer Kooperative wagte, noch als Viehweide. Reblausbefall hatte den vormaligen Weinberg unbrauchbar gemacht. Er wurde nun zur Spielwiese eines Experiments, mit dem nach progressiven Lebensstilen gesucht wurde.

Der Monte Verità ist eines der berühmtesten Projekte der Lebensreform-Ära. Von 1900 bis 1920, als die dortige „Kolonie“ endgültig auseinanderfiel, wollte der Ort als „gelebte Utopie“ richtungsweisend sein: geprägt von Naturnähe, geschlechtlicher Gleichberechtigung, vegetarischer Ernährung sowie einer Überwindung der Körpervergessenheit der Moderne. Ausgehend von diesem emanzipatorischen Unternehmen verlaufen Verbindungslinien zur Alternativkultur der 1960er Jahre, die nicht minder hochgesteckte Ziele verfolgte. Diese waren wiederum einflussreich für ökologische Fragestellungen der Gegenwart, bis hin zum Lifestyle der Bio-Märkte, der säkularen Religion des Veganismus und einer globalen Gesundheitsindustrie, die die Natürlichkeit ihrer kostspieligen Wellness-Produkte anpreist. So gesehen, darf die Lebensreform als ein Katalysator kapitalistischer Logiken betrachtet werden.
In diesem Essay soll die Geschichte des Experiments nicht noch einmal erzählt werden. Derlei Darstellungen gibt es zur Genüge, sehr oft kommen sie anekdotisch und in schwärmerischen Tönen daher, die der Legendenbildung zuarbeiteten und die Bedeutung des „Wahrheitsberges“ in spirituelle Höhen schrauben. Noch 2023 erklärte Edgardo Franzosini in der Neuausgabe einer zentralen Schrift den Monte Verità zum „Heimatort aller Utopien“, der für viele „die Wiege der gesamten Alternativ- und Untergrundkultur des 20. Jahrhunderts“ sei. Das ist völlig überzogen.
Für Aufmerksamkeit sorgten zuletzt die große Ausstellung Para-Moderne. Lebensreform ab 1900 (2025), die den „heiligen Berg“ eher kursorisch behandelte, sowie ein passabler Spielfilm, der das Befreiungsversprechen von einem „Rausch der Freiheit“, so der Titel, in Tristesse münden lässt. Der Film erschien 2021, hundert Jahre nach dem Scheitern der „vegetabilen Kooperative“, um deren Nachleben es hier gehen soll.

Mich interessieren vor allem die Rezeption dieses Ortes und seine physische Gestalt. Dem veritablen Mythos Monte Verità lässt sich, dies macht ihn zusätzlich attraktiv, real begegnen. Er ist ein konkreter Ort. Die über den Hügel verstreuten architektonischen Relikte sind frei zugänglich. Um sich die wechselhafte Geschichte des Ortes plastisch vorzustellen, muss man indes etwas Phantasie mitbringen. Ascona ist heute ein stark frequentierter Urlaubsort mit bunter Promenade. Das war natürlich nicht immer so. Es gab sogar einen Moment, als die Siedlung nahe Locarno drohte, in der völligen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Der bis heute sichtbare Bauboom wurde letztendlich durch das Projekt Monte Verità angestoßen, ein weiterer Beleg für den Verdacht, dass Vertreter*innen der Avantgarde mitunter unbewusst als Immobilien-Scouts agieren. Um 1900 hatte Ascona etwa 700 Einwohner*innen, bis 1910 waren bereits fast ebensoviele Ausländer*innen dazugekommen.

Asconas „Berg“ der Gegenwart ist eine Mischung aus mondänem Hotelkomplex, Nobelrestaurant, Teehaus, Kongresszentrum und Museum. Der Umstand, dass der letzte Besitzer, der Bankier und Sammler Eduard von der Heydt, das Areal dem Kanton Tessin vermachte, dämmte die restlose „Erschließung“ des Gipfels ein: Der Monte Verità ist ein öffentlicher Park in Hügellage, mit verschlungenen Pfaden, dichter Vegetation, Tennisplatz, Bassin, vielen Mücken und etwas Landschaftskunst.

In neueren Publikationen fallen die Deutungen des Monte Verità, einem der am meisten verklären Orte der Moderne, differenziert aus. Mithin finden sich desillusionierende Zugänge, die den mentalen Sehnsuchtsort als solchen dekonstruieren. Warum, fragte man sich wiederholt, übt der Monte Verità weiterhin eine merkwürdige Anziehungs- und Strahlkraft aus? Sind es die „magnetischen Anomalien“, die hier in den 1970er Jahren tatsächlich festgestellt wurden? Der Monte Verità ist mit Bedeutungen aufgeladen. Er ist geradezu überdeterminiert, überbelichtet.

Einige Anmerkungen zur Genese des Experiments mögen hilfreich sein. Vier Hektar von „Monescia“ wurden im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts zum Monte Verità, als eine illustre Truppe den Hügel günstig erwarb. Kennengelernt hatten sich die Unzufriedenen 1899 im Sanatorium des „Sonnendoktors“ Arnold Rikli in Veldes/Bled. Neben der Pianistin Ida Hofmann waren das der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven sowie der Ex-Soldat Karl Gräser. Man entdeckte Gemeinsamkeiten. Zur Münchner Projektgruppe stoßen im Jahr darauf Gräsers Bruder Gustav, genannt „Gusto“, Hofmanns Schwester Jenny und die Beamtentochter Lotte Hattemer. (Letztere wird den Berg 1906, geistig umnachtet und noch keine 30 Jahre jung, durch Suizid verlassen.)

Im Herbst 1900 von München kommend, zogen Sechse aus, um nicht nur ihr Glück, sondern das der ganzen Welt zu suchen. Denn es ging um nicht weniger als eine „Renaissance des Menschengeschlechts“, wie Hofmann, die Chefideologin des Unternehmens, in ihrem Büchlein Monte Verità – Wahrheit ohne Dichtung 1906 festhielt. Die Broschüre ist nicht nur eine Bestandsaufnahme (und scharfe Reaktion auf andere Perspektiven), sondern bereits ein früher Baustein im Mythen-Gebäude der vorteilhaften Selbsthistorisierung. Ohne die kommt wahrscheinlich kein sozialutopisches Projekt aus. Hofmann beschreibt den beschwerlichen Weg zu Fuß, durch Sturm und Regen (!). Die wochenlange Suche nach einem geeigneten Grundstück – ein oberitalienischer See sollte es sein – ist ein Aufstieg zur Sonne und zur Selbstwerdung.
Wirklich entdeckt haben die Ausgewanderten den attraktiven Ort über dem See allerdings nicht: bereits 1889 war hier die Errichtung des theosophischen Klosters Fraternitas geplant; vom Eigentümer Alfred Pioda erwarb man das Grundstück für 150000 Franken.

Mit Hofmann, die in Sachsen geboren, aber in Montenegro gelebt hatte, und den Siebenbürgener Gräsers kam die Hälfte der Truppe zwar aus einem südlichen Europa, ihre nach „dem Süden“ gewandte Wunschprojektion war jedoch geprägt von Vorstellungen, die im nördlichen Europa virulent waren: ewige Sonne, mediterrane Flora, blaues Wasser. Wiedergeburt im Palmen-Paradies, weg aus der lärmenden Stadt.
Das historische Experiment des Monte Verità wird mitunter als „Aussteiger“-Projekt bezeichnet. Dies war es, wenn überhaupt jemals, nur für einen Teil des involvierten Personals. Und dieser Teil gehört schnell nicht mehr dazu. Allzu weit von Mitteleuropa und seiner Kulturlandschaft wollten sich die Gründer*innen eben doch nicht entfernen. Dem harten Acker auf dem Berg entfloh das Inhaber-Duo Hofmann-Oedenkoven, verbunden in freier „Reformehe“, regelmäßig nach Paris, London oder auf den „Hügel“ von Wagners Bayreuth. Zwar ekelte man sich dann gehörig vor dem überall zechenden „Menschenmaterial“ (Hofmann), konnte aber dafür bestätigt in die frei gewählte Reinheit zurückkehren. Zu Hause ist es immer am wahrhaftigsten.

Dass es sich beim Monte Verità um ein vornehmlich „deutschsprachiges Phänomen“ handelt, ist ein durchaus interessanter Hinweis von Andreas Schwab, dem Spezialisten. Ascona wurde, das steht schon im Katalog von Harald Szeemanns Ausstellung Die Brüste der Wahrheit (1978), auf die ich noch eingehe, mit der Gründung des „Wahrheitsberges“ zu einer „deutschen Kulturprovinz“. Es wurde gar zu einer „Art von Vorposten im Süden“. (Bis heute sind die Besucher*innen des Museums zu 4/5 deutschsprachig.)
Mit dem Charakter einer deutsch(sprachig)en Enklave geht der Umstand einher, dass der Berg, wie es Stefan Bollmann in seinem lesenswerten Buch Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt (München 2017) formuliert, wie ein „Raumschiff zwischen Himmel und Wasser schwebt“. Mit dieser Fremdkörper-Metapher ist zugleich angesprochen, dass die Kolonist*innen herzlich wenig Kontakt zur Bevölkerung des Ortes suchten. Von gewissen Handelsbeziehungen mal abgesehen. Die wenigsten der Monteveritaner*innen lernten überhaupt Italienisch, und die Einheimischen sahen in den Fremdgebliebenen, wie es heißt, „Nackttänzer“ oder Verrückte.

Die Gegend um Locarno war, als ein internationales Zwischenreich, bereits im 19. Jahrhundert imprägniert mit Sonderlingen, Gestrandeten, Suchenden und „Luftmenschen“. Gern wird auf den exilierten Anarchisten und Anti-Marxisten Michail Bakunin verwiesen, der seit 1869 in Locarno lebte und schrieb. Die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs spülten weitere Bohémiens in die Region; nicht immer haben sie den Monte Verità selbst besucht. Dass der Dadaist und Neo-Katholik Hugo Ball nur „schafblöde Naturmenschen“ erblickte, muss nicht auf eigener Anschauung beruhen. Immerhin hatte Ball in Die Flucht aus der Zeit (Zürich 1992) geschrieben, dass die Idee des natürlichen Paradieses „nur in der Schweiz“ hatte geboren werden können. Lag vielleicht wirklich ein „Hauch des Besonderen“ über der ganzen Gegend, wie Robert Landmann (= Werner Ackermann, 1892-1982) in der ersten Geschichte des Berges (1930) – es war eine Auftragsarbeit des neuen Besitzers – schreibt? (Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies, Frauenfeld 2000.)

Ascona war, dies scheint richtig, „ein guter Nährboden für umfassende Weltinterpretationsversuche, individuelle Mythologien“, wie Szeemann in Museum der Obsessionen (Berlin 1981) festhält. Schwab charakterisiert den Monte Verità als „Resonanzraum“, dem eine „theatralische Stellvertreterfunktion“ zukomme. Die überschaubare Größe und ein eingrenzbares Ensemble an wirkmächtigen Persönlichkeiten habe zudem die Identifizierung mit dem Experiment erleichtert.
Zur Zeit seiner Entstehung, in der es von alternativen und lebensreformerischen Versuchen wimmelte, trug der Monte Verità keineswegs einzigartige Züge, wie Bollmann hervorhebt. Was hat den Mythos Monte Verità geschaffen und (über)leben lassen?
Vieles spricht dafür, dass es vor allem die Vielzahl der existierenden Deutungen ist. Sie stammen von durchreisenden Kulturschaffenden, namhaften Künstler*innen, neugierigen Besucher*innen und hoffnungsvollen, nicht selten enttäuschten politischen Aktivist*innen. In keiner Darstellung des Monte Verità fehlt das who-is-who der internationalen Promi-Elite, die sich hier ein Stelldichein gab. Hermann Hesse war hier auf Alkoholentzug etc. Und wer nicht noch alles! Diese vielfach aufgezählte Hitparade soll hier nicht wiederholt werden. Immerhin wird geschätzt, dass über 500 Lebensläufe mit dem Berg verwoben sind.
Der enorme Durchlauf auf dem Hügel ist auch der logistisch günstigen Lage des Ortes geschuldet. Das (noch) günstige Ascona und die Schweiz sind ein Transit-Scharnier zwischen Mitteleuropa und dem Süden. Gerade die frühe Phase des Berges war von einem steten Kommen und Gehen geprägt, einem Hereinschneien potentieller Mitstreiter*innen. Sie packten kurz mit an und zogen weiter, wie der „Naturapostel“ Gustav Nagel. Manche blieben länger, manche versuchten es mit der Südsee. Einige kamen immer wieder.

Landmann meint, es seien vielfach „labile Menschen“ unter den Besucher*innen gewesen: „Alle waren ringende Menschen, meistens von irgendeiner Idee besessen und hungrig nach einer neuen Religion, einem neuen Halt oder einem neuen Heiland.“ Dieser „subkulturelle Tourismus“ (J. Frecot) erinnert an das WWOOFen (= Willing workers on organic farms) der 1990er oder dem Konzept Work & Travel der Gegenwart. Für die zahlreichen die Aufbauarbeit störenden Gaffenden mussten bald Eintrittsgelder erhoben werden. Sie steigern noch die Attraktion.
Dies führt zum Aspekt der Sichtbarkeit dieser „Kolonie“. Bollmann weist auf die Nähe von Leben und Theater hin, auf eine Verschränkung von Leben und Inszenierung und schreibt: „Sie lebten ihr Außenseitertum nicht nur, sie stellten es auch zur Schau.“ Vom Monte Verità existiert eine ganze Reihe ikonischer Fotografien. Besonders bekannt sind die farbigen Aufnahmen der Tanzgruppe um Rudolf Laban mit seiner sommerlichen Schule für Bewegungskunst (1913-1919). Sie zieren zahlreiche Bücher zum Thema. Viele der Aufnahmen, auch jene mit der schwebenden Tänzerin Mary Wigman, entstanden nicht auf dem Berg, sondern am Ufer des Sees.

Die erhebliche Stilisierung dieser Bilder sticht ins Auge. Zudem wurden mit der Herstellung und dem Vertrieb von M.V.-Postkarten bereits konsequent Merchandising-Strukturen entwickelt. Für Gäste gab es Briefpapier mit Logo. Die Postkarten und Fotos haben das erwünschte Bild des Berges erheblich geprägt, ihn zur Marke gemacht.
Selbst Lenin und Stalin verbanden sich auf einer berühmten Fotografie Hand in Hand zu einem Reigen auf dem Berg – doch, halt, das ist dann doch wohl Fake! Pardon.

Zur wachsenden Bekanntheit des Monte Verità trug bei, wie Schwab anmerkt, dass die umlaufenden Nacktbilder „das Bild einer leicht anrüchigen und befreiten Kolonie“ zeichneten, das „durch Artikel und Broschüren in den Norden getragen“ wurde. Das gesuchte Klientel war von Anfang an nördlich angesiedelt. (Bodmer u.a. Hg., Monte Verità. Landschaft, Kunst, Geschichte, Frauenfeld 2000.)
All die Zuschauer*innen der Inszenierungen, sofern sie etwas dokumentierten, haben den „heiligen Berg“ gleichsam mit einer „Wolke“ aus Memoiren, Spekulationen, Wünschen, Verwünschungen und Bildern umgeben. In diesem Haufen konnte und kann sich jede/r etwas Passendes heraussuchen. Der Monte Verità war und ist ein Brennpunkt für Projektionen. Vielleicht hat jede/r seinen/ihren eigenen Berg im Kopf. Bei manchen scheint er ein Vulkan zu sein, für andere vor allem ein FKK-Paradies. Der Berg wurde, wie Schwab im Sammelband Sinnsuche und Sonnenbad (Zürich 2001) schreibt, zur „Chiffre für eine Utopie, eine unerfüllte Hoffnung, ein Ort, wo sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben erfüllen sollte.“

Aber war der Monte Verità wirklich ein Vorläufer der Hippie-Kommune? „Woodstock, Ibiza und Goa in einem“, wie Peter Richter in der SZ schrieb (Nr. 160, 14./15.7.2018)? Dass Oedenkoven Strom verlegen ließ, es im Sanatorium elektrische Höhensonnen und physikalische Gerätschaften gab, man Maschinen aufgeschlossen gegenüberstand und sich Hauspersonal hielt, passt nicht recht zu dieser wohlfeilen Deutung. Einen Platz in einer „Kolonie“ sollten die zahlenden Kurgäste jedenfalls nicht buchen.
Dass sich am Rande niedrigschwelliger sozialutopischer Projekte windige Akteur*innen der Esoterik und der sog. Geheimwissenschaften als Trittbrettfahrer ansiedeln, wie etwa 1917 der Orden O.T.O. um Theodor Reuß (1855-1923), dass Blavatskys Theosophie immer mit dabei war auf dem Berg, das war schlicht Teil des Zeitgeists. Hofmann berichtet von der Teilnahme an Seancen.
Angetrieben wurde das Projekt tatsächlich von „ins Innerweltliche verlegten religiösen Vorstellungen“, wie Ulrich Linse in einer Radiosendung zum Monte Verità (DLF) sagt. Nicht selten werden einzelne Protagonisten (immer männlich) mit messianischen Attributen ausgestattet, vor allem geschehen mit der markanten Gestalt des Wanderpredigers, Malers und Dichters Gustav „Gusto“ Gräser. Der langhaarige Sandalenträger war einer jener wunderlichen Proto-Hippies um 1900, die Ulrich Linse in seinem gleichnamigen Buch „barfüßige Propheten“ nannte.

Lebensreformerische Projekte trafen sich um 1900 aber nicht nur mit Spiritismus, Kunst und Religion; sie gingen auch einher mit dem Aufkommen touristischer Reisefreuden. Verkehrstechnisch angebundene Orte wollten zunehmend von einer bürgerlichen Mittelschicht entdeckt werden, die sich nach Abwechslung sehnte. Ab 1882 gab es die Eisenbahn durch den Gotthardtunnel.
Schwab geht in seinem Buch Monte Verità – Sanatorium der Sehnsucht (2003) dezidiert auf die Widersprüche zwischen der weitreichenden Anspruchshaltung und ihrer realen Umsetzung, auf die Spannungen zwischen Zukunftsmodell und Existenz als touristischer Betrieb ein. Letzteres deutet er als die „Lebensbasis“ des Projektes. Womit dessen Einschreibung in das kapitalistische System bereits besiegelt war. Broschüren warben ab 1902 in den gängigen Zirkularen für das Sanatorium, dessen Standort spätestens dann als Monte Verità firmiert.

Genau dies hat der Anarchist Erich Mühsam 1905 desillusioniert in seiner sarkastischen Broschüre Ascona kritisiert. (Trotz der Ähnlichkeit ist der Nackte auf dem Cover übrigens nicht der bisexuelle Anarchist, sondern Konsul Josoph Salomonson.) Mühsam kritsierte das Experiment auf dem Berg als Kapitalunternehmen mit „ethischem Firmenschild“. Die vegetarische Ernährung habe man „zu einer menschheitsbefreienden Idee aufgepustet“, was für eine sozialreviolutionäre Basis nicht ausreiche. (Mühsam, Ascona. Eine Broschüre, Berlin o.J.) Auf seine freche Darstellung, die gleichzeitig für Werbung in der Münchner Künstlerszene sorgte, reagierte Ida Hofmann 1906 mit unterdrückter Wut.
Im Grund waren viele der sich einstellenden Konflikte von Beginn an vorgezeichnet. Die im Abenteuer angelegte Radikalität, mit deren Furor man 1900 loszog, wurde, sobald man an dem konkreten Ort war, der es sein sollte, in einem Richtungsstreit begraben: Natursanatorium, Technik, zahlende Gäste (Team Hofmann-Oedenkoven) vs. kommunistische Kolonie und Selbstversorgung (Team Karl Gräser & Jenny Hofmann). Über derlei Grundlegendes hätte man im Vorfeld diskutieren können. Hat man vielleicht sogar. Es überrascht jedoch nicht, dass der „Streit“ schlicht vom Kapital entschieden wurde: Die Projektgruppe aus „Menschen verschiedenster äußerer und innerer Gestaltung“ (Hofmann) zerfiel bereits nach wenigen Monaten. Die Karl & Jenny-Fraktion wurde durch Ausbezahlung ihrer geringen Anteile vertrieben. Sie darbte fortan in der Nähe. Da sie radikal Geld und Ofen abschaffen wollte, war das ziemlich kalt und beschwerlich, wie Augenzeugen hämisch berichteten.

Krass ist nun der Spagat der verbliebenen Monteveritaner. Im Grunde waren es nur noch zwei. Die Berg-Eigner sahen sich nicht nur gezwungen, zum Angestellten-Modell zurückzukehren, da die gastierenden, geknechteten Proletarier*innen bei ihnen in träge Urlaubsstimmung verfielen. Auch wird der bekannte Widerspruch von Kopf- und Handarbeit als solcher spürbar: mit den Hütten ging es kaum voran. Die allgemeine Arbeitsfreude in der Hitze war übersichtlich. Ein Bauunternehmer wird später engagiert für die größeren Vorhaben. Eine genossenschaftliche AG wird der Monte Verità, trotz zweier Anläufe für Statuten, nie.
Auch im Sektor der Ernährung, der in der Gründungsidee einen zentralen Raum einnahm, mussten aus taktischen Gründen schmerzliche Konzessionen gemacht werden. (1909 gab es übrigens ein erfolgreiches vegetarisches Restaurant in Ascona.) Mit vegetarischer Kost sollte vom Berg aus das Patriarchat bekämpft werden, das, wie man meinte, maßgeblich auf Fleischgenuss aufbaue. An der „vegetabilen“ (d.h. quasi-vegane Ernährung) hielt man so lange wie möglich fest, auch wollte Hofmann partout auf Lasttiere (Esel) verzichten. In Sachen luftige Reformkleidung versuchte man ebenfalls, auf tierische Produkte zu verzichten.
Letztlich musste man viele der ursprünglichen Verbindlichkeiten und Grundsätze fahren lassen – und überließ es den „Patient*innen“, ob sie zum „Leichengift“ des Fleischessens und zum toxischen Alkohol zurückkehren wollten. Solange sie als zahlende Gäste – im Durchschnitt waren es zur 11, nie mehr als 27 gleichzeitig – erhalten blieben und nicht weiterzogen zu einem der zahlreichen anderen Anstalten. Da Hofmann Fleischesser für eine, das schreibt sie tatsächlich so, „niedere Menschenrasse“ hielt, dürfte ihre Meinung von einigen Gästen nicht sehr hoch gewesen sein…

Gern wird an dieser Stelle, neben Mühsams ignorantem Spottlied Gesang der Vegetarier („Wir essen Salat“), Landmanns Anekdote kolportiert, dass sich einige kulinarisch gegängelt fühlende Kurgäste abendlich heimlich ins Dorf schlichen, um Gebratenes und Wein zu sich zu nehmen, das ihnen „oben“ im gar nicht so billigen „Salatorium“ (Mühsam) vorenthalten wurde. Im Dorf unten dürfte dies einen „sekundären“ Markt etabliert haben.

Die Umstellung von den Biergärten und Weißwürsten München-Schwabings zur frugalen Kost auf dem „Berg“ (anfangs sogar Rohkost) war eben nicht so einfach. Die Verbindungslinien zwischen der Münchner Künstler-Bohéme und dem Monte Verità hat Ulrike Voswinckel in ihrem Buch Freie Liebe und Anarchie (München 2009) behandelt. Leider repetiert auch diese Publikation überwiegend gängige Anekdoten und bleibt einer eher euphemistischen Lesart verhaftet, die vor allem die damalige Aufbruchsstimmung festhalten möchte.
Eine einzige Anekdoten-Jonglage und Namedropping-Schlacht ist Peter Michalziks Buch 1900, das auf der kurzen MV-Welle um 2018 mitritt. Die Personen werden von ihm wie Roman-Figuren behandelt, das ganze Buch kommt ohne eine einzige Quellenangabe aus. Wenn es heißt, dass sich um den dubiosen Psychoanalytiker Otto Gross ein „Liebesstrudel“ gebildet habe, wird es gänzlich feuilletonistisch.
Schwabs kritische Geschichte legt nahe, dass zumindest das Projekt „Naturheilanstalt“ nur ein halbherziger Ausbruchsversuch war. Die von Anfang an dominierende Partei, die zwei Geldgeber*innen, agierten individualistisch-reformerisch, nicht revolutionär. In Gestalt des Sanatoriums hielten sie die Bindung an das „System“ nicht nur als notwendigen Kompromiss aufrecht. Es sollten keineswegs Brücken abgebrannt werden. Das liest sich mit unserem heutigen Verständnis von Massentourismus als Ausverkauf, Kommerz und Naturverschandelung ziemlich ernüchternd. Die pragmatische Ausrichtung des Geschäftsmodells ermöglichte indes, dies gehört zur Wahrheit, ein immerhin zwanzigjähriges Überdauern des Projektes Monte Verità. Im kontingenten Feld der Alternativkultur entstanden und verkümmerten damals laufend ähnliche Versuche. Sie sind für immer vergessen.
Gräsers Gemälde Der Liebe Macht, das im Museum hängt, bleibt als quasi-religiöse Allegorie eines Heraustretens aus dem Dunkel in ein paradiesisches Naturreich eine uneinlösbares Idealvorstellung. Es ist zudem einem schlichten, antizivilisatorischen Dualismus verhaftet.

Es sind vor allem, meine ich, die Potenziale der Randzonen, die nicht verwirklichten Aspekte, die den Monte Verità heute noch spannend machen. Sie halten den Berg in einer Schwebe des Was-wäre-wenn? Dies droht in Schwabs „erbarmungsloser“ Dekonstruktion und der „ökonomischen Perspektive“, die sich auf das Sanatorium als Kernaspekt konzentriert und die der Autor einer weltanschaulichen Überbetonung des Experiments gegenüberstellt, etwas aus dem Blick zu geraten.
In konzentrischen Kreisen um die Naturheilanstalt hatte sich damals ein Kordon schillernder Lebensentwürfe gelegt, die weitaus radikaler, wenngleich flüchtiger waren als das pragmatisch operierende „Zentrum“. Gewiss trugen diese peripheren Existenzen und ihre „Aura“ dazu bei, dass sich Menschen „aus aller Welt“ auf den Weg nach Ascona machten und gleichsam dem „Ruf“ des vielversprechenden „Berges der Utopien“ (Szeemann) folgten. Was aber wäre der Monte Verità, wenn er wirklich nur ein Sanatorium unter vielen gewesen wäre? Einiges hob ihn schon ab.

Im Video, das als Einführung für die Museumsausstellung in der Casa Anatta zu empfehlen ist, wird angemerkt, dass die Schickeria, die ab 1925/26 mit ihrem neuen Eigentümer auf dem Monte Verità Einzug hielt, mit „Süffisanz“ auf die Hinterlassenschaft ihre alternativen Vorgänger geschaut haben dürfte. Der Plunder lag noch herum, wurde zur Deko.

Von Szeemann stammt eine sympathische Äußerung zur vermeintlich gesetzmäßigen Abfolge des Entstehens und Absterbens avantgardistischer Visionen. Bezüglich des Monte Verità sagte er bei einer Führung: zuerst kämen die Spinner, dann die von diesen angelockte Künstler, die ihre Werke an kaufkräftige Bourgeois veräußerten, die wiederum den Ort der Kunstentstehung in Besitz nehmen wollten, woraufhin etc. etc. Da mag durchaus was dran sein.

1920 packen Henri, inzwischen verheiratet, und Ida die Koffer. Sie wandern über Spanien nach Brasilien aus (Hofmann wird schon 1926 an einem Fieber sterben). Der Monte Verità ging 1925, nach einer Interimsphase als künstlerischer Party-Hotspot, die Bollmann als eine Art „Ballermann“ wertet, in den Besitz von Eduard von der Heydt über. Der kunstaffine und philanthrope Baron, genannt „Buddha“, ließ ein Hotel im Bauhausstil bauen (DP heute 230 CHF) und mit seiner umfangreichen Sammlung bestücken. Wenig später finanzierte er nazi-deutsche Spionage und war NSDAP-Mitglied, unterstützte offenbar aber auch jüdische Geflüchtete.
Die Lesart, dass der „heilige Berg“ vom Regen der Anarchie in die Traufe des Großkapitals kam, scheint naheliegend. Das emanzipatorische Projekt sei im Laufe seiner Entwicklung in sein „Gegenteil“ umgeschlagen. Diese eindimensionale Deutung ist jedoch korrekturbedürftig. Wenn „die Spinner“ zuerst kommen, so muss zumindest für den Monte Verità konstatiert werden, dass dieses Kommen nur mit der finanziellen Flankierung möglich war, die von durchaus selbstbestimmt und planmäßig agierenden Geldgebenden mit progressiver Einstellung ausging. Mit Kapital, dem „größten Machtmittel“, schreibt Hofmann 1906, sollte dem Kapitalismus und seinen „sozialen Folgeübeln“ entgegengetreten werden. Hofmann-Oedenkoven waren alles mögliche, nur kein Spinner-Duett. Von Anfang an hielt Hofmann z.B. den Naturapostel Gusto Gräser, der zeitweilig in einer Höhle wohnte und ursprünglich nur als Anhängsel des Bruders in das Projekt geplatzt war, für einen faulen Parasiten.

Kehren wir auf den Monte Verità der Gegenwart anno 2026 zurück. Fast unverändert muten die noch erhaltenen Licht-Luft-Hütten an, jene von den Gründern bis 1904 mühsam erbauten Häuschen, teils auf Stelzen. Es waren einst elf an der Zahl.

Einige, etwa die hübsche Casa Selma, dienen heute als Ausstellungsräume für kritische Gegenwartskunst. Das spartanische Innere vermittelt einen Eindruck der auf Einfachheit zielenden Lebensbedingungen. Dennoch hatten die meisten Hütten für den Komfort der Gäste, die weitgehend eigeninitativ kuren sollten, Öfen, Strom und fließendes Wasser.

Die kontrastierende Jugendstil-Villa Semiramis, erbaut 1909 in Hanglage mit, so heißt es, Türmchen für frivole Blicke auf den Nacktbereich, ist weiterhin eine Ferienpension.

Vom tempelartigen Gebäude des Gemeinschaftshauses, in dem es einst Musikabende mit Wagner und eine Bibliothek gab, sind heute nur noch der doppelte Treppenaufgang und Teile der Terrasse erhalten.

Die Stufen führen nun hinauf zum hochpreisigen Restaurant (darunter befindet sich ein Konferenzsaal) mit Parkbuchten für Mercedes und Tesla. Die erlesene Speisekarte bietet u.a.: „Rindsentrecôte-Tagliata, Chimichurry-Sauce `Monte Verità´, Rucolasalad und country fries Kartoffeln“, 48 CHF. Buon appetito!

Das bauliche Prunkstück des Parks ist die Casa Anatta. Sie entstand 1904, diesmal mit professioneller Hilfe, nach anthroposophischen Gesichtspunkten. Das heißt: keine Ecke ist eckig. Das holzvertäfelte Interior ähnelt einem Schiff mit Kajüte in Richtung See. Ein Flachdach für „Sonnenbäder“ krönt das ungewöhnliche Gebäude.


Zwischenbemerkung: Die solaren Anwendungen stellten eine zentrale Offerte im Betrieb des Sanatoriums dar – solange man nicht zu dunkel wurde, denn der nackte Körper sollte schließlich gebräunt, keineswegs schwarz werden! Teile der Lebensreform, die sich durchaus kompatibel mit nationalsozialistischen Körperpolitiken und eugenischen Ansinnen zeigten, bleiben verdächtig. Völkische Versatzstücke flottierten schon immer auch in jenen Subkulturen, die sich dem Slogan „Back to nature“ verpflichtet fühlen und das vermeintlich Einfache und Gesunde propagieren.

Zurück in die Villa ohne Ecken. Den komfortablen Standard des einstigen Domizils von Hofmann-Oedenkoven konnten damals nicht alle „Genoss*innen“ auf dem Berg nachzuvollziehen.
1981 birgt das Gebäude, nach langer Pause wieder seit 2017, die maßgebliche Ausstellung zur Geschichte des „Berges der Utopien“. Maßgeblich heißt: es gibt keine andere auf diesem Niveau, in diesem Umfang. 1978 hatte der berserkerhafte Ausstellungsmacher Harald Szeemann mit Die Brüste der Wahrheit eine Wanderausstellung nebst umfangreichem Katalog auf die Reise geschickt, deren Einfluss man sich nicht entziehen kann. Zuvor war sie in Ascona an mehreren Orten eröffnet und von einem inoffiziellen „Grüne Kraft“-Hippie-Festival im Wald begleitet worden. Die Ausstellung gilt als Wiederentdeckung des Monte Verità, als Neugeburt. Tatsächlich war sie eine (weitere) Neuerfindung des Berges und der Region.

Szeemann, persönlich angezogen vom „Wahrheitsberg“, hatte das sog. Russenhäuschen, eine der Licht-Luft-Hütten, übrigens als Büro im Auge. Schwer vorstellbar angesichts des „kreativen Chaos“ der Papierberge in Weinkisten, die er mit seiner Agentur für geistige Gastarbeit um sich aufzuhäufen liebte.

Mit der ebenfalls in der Casa Anatta stationierten Fondo Harald Szeemann (ein Archiv) wird nicht nur die Bedeutung der Ausstellung zementiert. Sie ist zugleich ein Denkmal für den 2005 in Locarno Verstorbenen. Szeemanns eroto-geographische Deutung des Monte Verità als „Landschaftskind“ und „Erbe gewaltiger Hügelschenkel“ erblickte im Berg ein „Bermudadreieck des Geistes“ und eine „sakrale Topographie“. Für ihn, den „die einmalige Abfolge der Utopien“ faszinierte, ist der Berg, dem er „huldigen“ musste, eine Verdichtung, ein geistiges Gravitationszentrum. Ein „Mikroparadies, durchzogen von der Ahnung um alle hier versuchten, intendierten, gelungenen, misslungenen Sprünge vom Ich zum Wir in südlicher Landschaft.“ Die Ausstellung sei für ihn ein „Traum“ gewesen, schwärmt er, „fast ein Gesamtkunstwerk“. (Szeemann, Zeitlos auf Zeit. Das Museum der Obsessionen, Regensburg 1994).
Eben dieses Museum, das es in sich hat, war der hauptsächliche Anlass meiner neuerlichen Besteigung des Hügels – bzw. der bequemen Anfahrt zum nahen Parkplatz. Von unserem ersten Besuch im Jahr 2015 gibt es hinreißende Fotos der Töchter. Ihre Freude an der schönen Umgebung tröstete darüber hinweg, dass die Schau damals geschlossen war. Die Kinder spazieren auf den kleinen Terrassen der Hütten herum oder stehen vor dem Turm der Utopie (torre dell´utopia), ein später gebauter Wasserturm und Kunstraum. Im heutigen Plan des parco monte verità ist er, warum auch immer, nicht mehr verzeichnet.

Um 1900 gab es hier übrigens, dies wird in der breiten Literatur um den Monte Verità nicht thematisiert, keine Kinder: Die lebensreformerische „vegetabile Kooperative“ war ein Abenteuer kinderloser Erwachsener, die mit sich selbst schon genug zu tun hatten. Wenn sie später Kinder in die Welt setzten, bei Gusto Gräser, dem haarigen Kult-Flaneur, waren es ganze acht, bei Oedenkoven, der die bürgerliche Ehe entdeckte, immerhin drei, spielten sie offenkundig keine Rolle in ihrem Leben. Die feinsinnigen Monteveritaner*innen widmeten sich ganz der eigenen Pflege. Auch in dieser apolitischen Selbstbezogenheit erinnern sie stark an heutige Ausformungen der New Age-Szenen.
Was Kinder angeht, die später auf dem Berg lebten, kann man froh sein, taucht man in die nicht selten verschrobenen Viten der Gründer*innen ein, dass sie vor allem der chaotischen Anfangsphase auf dem Berg nicht beiwohnen mussten. Für sie hätte es kaum Raum gegeben. Erst etwas später werden mit der „Schwabinger Gräfin“ Franziska zu Reventlow (1871-1918) und der Puppen-Designerin Käthe Kruse (1883-1968) alleinerziehende Frauen auf dem Monte Verità wohnen.

Kehren wir ins Museum zurück. Im Foyer wird man von einem Gemälde des talentierten Malers und Grafikers Hugo Höppener (1868-1948), genannt Fidus, empfangen. Er war, wie Gusto Gräser, einst Anhänger des Lebensreform-Pioniers Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913). Fidus ist neben dem Bildmotiv Sonnengebet für sein (erfolgloses) Anbiedern an den Nationalsozialismus bekannt.

Die Ausstellung (moderater Eintritt für Schweizer Verhältnisse) erstreckt sich über mehrere etwas dämmrige Etagen, die über knarzende Treppen zu erreichen sind. Im Erdgeschoss thront die Göttin Artemis in einer Nisch. Jedes Zimmerchen, jede Wand und Nische des Hauses sind dem Themenkomplex in Form von Bildtafeln, Objekten und Texten gewidmet. Man muss Zeit und Geduld dabei haben.

Kostüme und Staffage, Modelle und Skulpturen können umrundet werden, Gemälde bestaunt. Vitrinen breiten die Früchte einer enormen Archiv- und Sammelarbeit aus. Zeitschriften, Periodika, Bücher. Verblichene Typoskripte und krakelige Handschriften laden nicht wirklich ein zur mühseligen Entzifferung.

Kurz, das Ganze wirkt wie ein ausgebreitetes, eher noch wie ein explodiertes Archiv. Genau das ist es: Bruchstücke und Fetzen einer obsessiven Beschäftigung mit dem Berg sind an die Wände detoniert und dort mehr oder weniger zufällig in gerahmter Form hängen geblieben. Eine begehbare Enzyklopädie.


Szeemann war aufs Ganze gegangen. Das ist sein Ding, darunter machte er es nicht. Das lag an seinem „Hang zum Gesamtkunstwerk“, so der Titel einer späteren Mega-Schau von ihm, die auch den Berg wieder streift. Dafür schätze ich ihn durchaus. Er war ein lebendes Rhizom in Form eines großen bärtigen Ausstellungsmannes. Er sah sogar ein wenig so aus wie die „Naturmenschen“ auf dem Berg – oder wie Hermann Müller, der in Freudenstein das größte Privatarchiv zum Monte Verità unterhält und wohl ein wenig davon träumt, Gusto Gräser zu sein, den er offenkundig vergöttert. Der urige Sessel aus Wurzelwerk gehörte Bruder Karl (1875-1916), der auf dem Berg auch nicht alt wurde.

Museumsdidaktisch ist Szeemanns Schau eine echte Zumutung. Im Sinne von: Herausforderung. Man wird erschlagen, soll erschlagen werden, wird dabei jedoch enorm angeregt, selbst zu forschen, weiterzulesen. „Es ist uferlos, uferlos“, teilte Szeemann, das sieht man auf einem Video, etwas erschöpft seinen Gästen mit. Dabei krault er sich unablässig den grauen Bart. „Dort ist der Raum mit der zweiten Generation der Anarchisten, da gehen wir jetzt nicht rein.“ Natürlich ging ich kurz rein.

Man verlässt das Museum mit dem leisen Gefühl, einiges nicht mitbekommen zu haben – auch darum, weil die Darreichungsform unterirdisch, zumindest strapaziös ist. Barrierefrei schon gar nicht. Diese wuchernde Messi-Schau ist tatsächlich „uferlos“, wie es der manische Szeemann selbst empfunden hat.


Das Padiglione Elisarion, ein Holzpavillon auf einer Lichtung, wo sich einst das Sonnenbad befand und der 1986 dorthin verfrachtet wurde, war schon geschlossen als ich wieder ins Sonnenlicht trat. Das riesige Wandgemälde in bester weißer Eso-Kitsch-Manier konnte ich daher nicht im Original scheußlich finden. Alles kriegt man wohl nie zu Gesicht auf diesem verflixten Monte Verità.
Uferlos wie die Ausstellung und das Thema ist der Lago Maggiore zum Glück nicht. Nach einer zugänglichen, nicht zubetonierten Stelle am See muss man in Ascona dennoch eine ganze Weile suchen…

Quellen:
Bücher:
Jan Bachmann, Der Berg der nackten Wahrheiten, Zürich 2019.
Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich 1992.
Hans-Caspar Bodmer/Ottmar Holdenrieder/Klaus Seeland (Hg.), Monte Verità. Landschaft, Kunst, Geschichte, Frauenfeld 2000.
Stefan Bollmann, Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt, München 2017.
Janos Frecot/Johann F. Geist/Diethart Kerbs, Fidus 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Hamburg 1997.
Friedrich Glauser, Dada, Ascona und andere Erinnerungen, Zürich 1976.
Ida Hofmann, Monte Verità – Wahrheit ohne Dichtung, Bellinzona 2023.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik (Hg.), Para-Moderne. Lebensreform ab 1900, München 2025.
Robert Landmann, Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies, Frauenfeld 2000.
Peter Michalzik, 1900: Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies, Köln 2018.
Helmut Möller/Ellic Howe, Merlin Peregrinus. Vom Untergrund des Abendlandes, Würzburg 1986.
Erich Mühsam, Ascona. Eine Broschüre, Berlin o.J.
Andreas Schwab/Claudia Lafranchi, Sinnsuche und Sonnenbad. Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità, Zürich 2001.
Andreas Schwab, Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt, München 2017.
Harald Szeemann (Hg.), Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie, München 1980.
Harald Szeemann, Museum der Obsessionen, Berlin 1981.
Harald Szeemann, Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Europäische Utopien seit 1800, Aarau 1983.
Harald Szeemann, Zeitlos auf Zeit. Das Museum der Obsessionen, Regensburg 1994.
Emil Szittya, Das Kuriositäten-Kabinett, Berlin 1979.
Von der Heydt, Mühsam u.a., Ascona und sein Berg Monte Verità, Zürich 1979.
Ulrike Voswinckel, Freie Liebe und Anarchie. Schwabing – Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben, München 2009.
Radio:
Eine Lange Nacht über den Monte Verità. Jungbrunnen für Entrückte (DLF 2016)
Filme:
Monte Verità. Der Traum vom alternativen Leben, R: C. Javér, D/S/DK/N 2014.
Monte Verità – Der Rausch der Freiheit, R: S. Jäger, D/CH/AT 2021.


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