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GANZER HALBER BRUDER (2025). Gesehen mit Dagmar Herzogs Buch „Der neue faschistische Körper“ (2025) im Hinterkopf

7–10 Minuten

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Am Ende schafft es Roland natürlich, er stemmt die 115 kg. Und siegt. Den Wettbewerb im Gewichtheben hatte sich der korpulente junge Mann zu Hause in einem besonderen Kalender markiert. Denn Roland hat Trisomie 21, eine Chromosomenanomalie, besser bekannt als Down-Syndrom. Den Roland spielt in Hanno Olderdissens Tragikomödie Ganzer halber Bruder, der am 2.7.2025 Premiere auf dem Münchner Filmfest feierte, Nicolas Randel. Für den Film trainierte der kognitiv beeinträchtigte Künstler (Kat18) und Schauspieler intensiv und absolvierte wöchentliche Textproben. Sein Filmpartner Christoph Maria Herbst („Stromberg“) erlebte ihn voller Respekt als „besonderen Kollegen“, wie er in einem Radiointerview sagt.

Ganzer halber Bruder ist eine deutsche Buddy-Komödie, die nicht „moralinsauer“ auftreten möchte und ans Herz gehen soll. In meinem Fall tat sie das auch. Es geht um Diversität und Ausgrenzung, um Ehrlichkeit, Verlassensein und Freundschaft. Sogar um Sterbehilfe. Der Titel selbst, zerlegt man ihn, bietet neben einer Parodie der sprichwörtlichen Verwandtschaftsbeziehung eines „Halbbruders“ eben auch das „Ganze“, das mit einem „Heilsein“ verbunden ist. Vollständig sein. Bekanntlich ist die gesellschaftliche Auffassung lange nicht überwunden, dass Behinderung per se einen Krankheitswert besitzt. Krank und behindert werden nicht selten synonym gebraucht.

© Joel Heyd / Filmfest München

Dass die Story klischeehaft ist, schmälert nicht zwingend, was man an und in dem Film finden kann. Der Plot ist so vorhersehbar wie überschaubar: der aus der Haft entlassene Betrüger Thomas, pleite und ein Heimkind mit Menschenkenntnis, die er routiniert mit krimineller Energie verbindet, erbt von seiner Mutter, die im Koma liegt, ein wertvolles Haus. Allerdings mit der Klausel, dass sein behinderter Halbbruder Roland, juristisch nicht zur Erbschaft befähigt, dort lebenslanges Wohnrecht genießt.

Die freudige Überraschung führt umgehend zu Überlegungen, wie man den sturen Hausbewohner, der den Erben als „Einbrecher“ wahrnimmt, loswird. Die erste Hälfte des Films dreht sich um ein windiges Anschleichen und um niederträchtige Versuche, Roland ins Heim abzuschieben. Der braucht die Goldgrube schließlich gar nicht. Was für eine Verschwendung! Bei dem Plan stört zunächst Rolands Betreuerin, eine empathische und gestresste Pädagogin mit Migrationshintergrund, auch wenn sich ein erotisches Prickeln zwischen ihr und dem cleveren Immobilienbetrüger einstellen wird.

Der zweite Teil widmet sich der Annäherung der ungleichen Geschwister. Wiederholt halten sie Händchen. Sie fahren in Thomas´ Cabriolet, das – eine kleine Kapitulation? – den öffentlichen Bus ersetzt, in dem Roland von Jugendlichen gehänselt wird aufgrund seiner Behinderung und in dem sich Thomas, plötzlich der große Bruder, nur eine blutige Nase holt beim Versuch des Einspruchs. Die beiden teilen sich nicht nur eine Mutter, sondern auch das Gefühl des Ausgeschlossenseins. „Das Syndrom geht nie weg. Es ist immer da.“, sagt Roland in einer sensiblen Szene, und Thomas entdeckt, dass ihm als Kind „nie etwas geschenkt worden“ sei im Heim.

Der Soundtrack des Films besteht aus Cover-Versionen des Songs Sunny (zugleich der Arbeitstitel des Drehbuchs). Das Lied symbolisiert Rolands sonnige Lebenseinstellung, sein Gemüt. „Sunny“ ist sein Spitzname in der Wäscherei, wo er arbeitet, während Thomas jeden Job vermeidet, das lukrative Haus im Blick.

Dass Menschen mit Trisomie 21 in einem quasi-kindlichen Paradies simpler Gefühlsäußerungen leben, viel und gern lachen, gehört wohl zum Bestand von Drehbuchschmieden. Rolands „besonderes Talent zum Glücklichsein“ ist im Film Teil des Testaments der Mutter für ihren nichtbehinderten Sohn. Ein wenig soll wohl der drollige Bruder das schlechte Gewissen der Mutter wettmachen. Thomas, der Erstgeborene, wird in der Klinik das Okay zur Abschaltung der künstlichen Beatmung geben. Während dieser Szene umarmt er den weinenden Bruder, der glaubte, seine Mutter schlafe nur. Alles mündet, nach der üblichen Krisis im Handlungsverlauf, in ein Happy End: Thomas, für kurze Zeit wieder hinter Gittern, liest seinem Bruder im Besuchsraum der Haftanstalt aus dessen Lieblingscomic vor. Er handelt von den Abenteuern eines Superhelden, der von allen als „anders“ wahrgenommen wird, dafür aber über tolle Kräfte verfügt…

Soweit zu Ganzer halber Bruder. Den Film sah ich mit einem kleinen Buch im Hinterkopf. Es heißt Der neue faschistische Körper und enthält zwei Vorträge der deutsch-amerikanischen Historikerin Dagmar Herzog, die sich seit langem mit der Geschichte der „Eugenik“ und der Wahrnehmung von Behinderung beschäftigt.

„Eugenik“ hieß bekanntlich die internationale Bewegung, die sich seit Ende des 19. Jahrunderts einer „Aufwertung“ des gesellschaftlichen Erbguts verschrieben hatte. Das nahm unterschiedliche Formen an, von Sozialarbeit und Geburtenkontrolle bis hin zu Sterilisationen und letztlich Massenmord im NS. In Herzogs jüngstem Buch geht es um Aspekte des weltweiten Erstarkens rechter Bewegungen, deren Erfolg nicht nur in Angst und Wut begründet sei, sondern in einer „Lust an Aggression, Gemeinheit und Gewalt“. Ein „Reich der Schadenfreude“ wurde erschaffen, in dem aus „Lust an der Zerstörung“, so ein Artikel von Herzog (SZ 15.5.2026, Nr. 110), agiert wird. Diesen Zugang finde ich gewinnbringend.

Herzog geht es vor allem um die körperbezogene Bildpolitik der vergangenen und gegenwärtigen „Faschismen“. Das überaus spannende Thema hätte indes mehr Raum verdient als der schmale Band bietet. Herzog buchstabiert am Beispiel der AfD und ihres „postmodernen Faschismus“ aus, was sie als eine Kombination aus „sexy Rassismus“ und einer „obsessiven Beschäftigung mit Behinderung“ erkennt. „Sexy Rassismus“, eine etwas irritierende, medienwirksame Formel, definiert sie als „libidinös aufgeladene Botschaften, die Gefühle von Angst, Wut und Abneigung schüren“, zugleich aber ein „erregendes Dominanzgefühl gegenüber rassifizierter Vulnerabilität“ transportieren. In der „Erotisierung einer behaupteten Überlegenheit“, einer „Re-Hierarchisierung von menschlichem Wert“ und einer „Kombination aus Rassismus und kitzelnder Erregung“ erkennt sie „visuelle Echos“: Verbindungen der Gegenwart mit der antisemitischen Bildsprache und Verherrlichung arischer Perfektion im NS. (Verwandtes begegnet uns derzeit im Phänomen des Looksmaxxing, der besessenen Arbeit am eigenen Körperbild.)

Der Historikerin geht es darum, den behindertenfeindlichen Zug rechter Politik herauszuarbeiten, ihrer Abwertung von Vielfalt und Unvollkommenheit. Neben einer obsessiven Beschäftigung mit „Intelligenz“ und ihren vermeintlichen Störfaktoren durch migrantische Bevölkerungsgruppen, ist es der Begriff der Inklusion, der vielfach ins Visier gerät. Inklusion, in Deutschland trotz UN-Beschlüsse ohnehin nur im Ansatz realisiert, wird, das zeigt sie an Beispielen, von rechten Akteur*innen als primärer Bremsklotz „normaler“ Schulbildung und darüber hinaus „nationaler“ Entwicklung diskreditiert. Das Zusammenlernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern sei schuld am schlechten Schnitt der Deutschen im internationalen Bildungs-Ranking. „Leistungsprinzip statt Inklusion und Kuschelunterricht!“, titelte entsprechend ein Werbeplakat der AfD 2018.

Wenn Herzog, basierend auf einem Artikel von Christoph Schneider über den Habitus jugendlicher Besucher*innen in der „Euthanasie“-Gedenkstätte Hadamar, von der abnehmenden Fähigkeit schreibt, Vulnerabilität (Verletzlichkeit) als „grundlegende menschliche Aspekte des Menschseins“ zu erkennen, sehe ich die gehässigen Jugendlichen im Linienbus des Films vor mir. Die bewerfen Roland mit Müll und verhöhnen ihn aufgrund seines Aussehens.

Den „Kindern die so außerordentlich kostbaren menschlichen Fähigkeiten zu Empathie und Solidarität auszutreiben, mit denen sie auf die Welt kommen“, hatte Herzog als eines der finstersten Ziele neurechter Bestrebungen erkannt. Im neoliberalen Klima erscheint bereits jungen Menschen die Vorstellung einer eigenen Pflegebedürftigkeit als Verdammnis und Suizid-Anlass.

In Ganzer halber Bruder wimmelt es von beiläufigen Bemerkungen, in denen der behinderte Protagonist als „solche wie die“ bezeichnet wird. Roland nehmen sie nicht als Individuum wahr, sondern nur als Typus. Der schmierige Bewährungshelfer sagt zu Thomas, der das geerbte Haus mit seiner Hilfe verjubeln will: „Den wirst du nie los.“

Rolands Sexualität bleibt im Film, das ist nicht anders zu erwarten, ausgespart. Zum Thema Behinderung und Sexualität gibt es allgemein nicht viel im Sektor der Unterhaltung. Hier sind, meine ich, noch immer die historischen „Korrektive“ in Kraft, die um Begriff wie Vererbung und „Degeneration“ kreisen. Behinderte sollen, bitte schön, wie Kinder sein, asexuell. – Eine sichtlich enge Beziehung unterhält der „Downie“ Roland im Film zur sozialpädagogischen Betreuerin Yesim, daher ihn deren alkoholschwangerer Kuss für Thomas auf einer Feier besonders aufregt. „Ihr dürft das nicht!“, ruft er zornig. – Mit der Formel „Du darfst!“ hatte Herzog, Slavoj Zizek folgend, eine Kernkompetenz des erfolgreich mit widersprüchlichen Signalen operierenden NS, der in sexuellen Belangen nicht (nur) restriktiv war, ausgemacht: „Das Regime nahm die Rolle des Erlaubnisgebenden an.“ Es stellte, dies macht eine Attraktivität des Faschismus aus, Freibriefe zur Entgrenzung aus.

Herzog referiert bedenkenswerte Positionen, dass die in Deutschland weiterhin gängige Praxis der Separierung lernender junger Menschen auf der Basis prognostizierter Bildungspotenziale zu einer gegenseitigen Verarmung führe: die Erfahrung kultureller und sozialer Vielfalt geht in der uniformen Zurichtung der Bildungs- und Erlebnisräume für alle Seiten verloren. Jedem das Seine? Von einem Zusammenkommen diverser Welten handelt Ganzer halber Bruder. Zugleich wird der Umgang des Kleinkriminellen mit seinem Bruder zu einer Art Läuterung. So wie in der französischen Komödie Was ist schon normal? (2024), in der sich zwei Kleinganoven auf der Flucht in eine Ferienfahrt von Behinderten schleichen.

Im kathartischen Finale von Ganzer halber Bruder reißt Roland unter Zeitdruck, dafür mit dem motivierenden Sunny im Walkman, die Hantel nach oben. Er gewinnt den Wettkampf, an dem er doch noch mit Verspätung, eine Metapher für das Nachhinken der Gleichberechtigung von Menschen mit Beeinträchtigungen, teilnehmen durfte. Auch er, das ist etwas bedauerlich, stand unter erheblichem Erwartungsdruck, musste es schaffen. Wie hätte ein Ende ohne Sieg im Wettkampf gewirkt? Enttäuschend?

Ich sah das doch allzu schöne Ende vom starken Roland mit Herzogs warnenden Worten im Untertitel: dass „Faschismen“ immer auf eine Verachtung von Schwäche zielen, auf eine „Abwertung jeglicher Vulnerabilität“…

Quellen:

Ganzer halber Bruder, R: Hanno Olderdissen, D 2025.

Dagmar Herzog, Eugenische Phantasmen: Eine deutsche Geschichte, Berlin 2024.

Dagmar Herzog, Der neue faschistische Körper, Berlin 2025.

Dagmar Herzog, Aus Lust an der Zerstörung, SZ Nr. 110, 15.5.2026.

Was ist schon normal?, R: V. A. Solaro, F 2024.

Radio:

Christoph Maria Herbst über „Ganzer Halber Bruder“, https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr4/wdr4-gut-zu-wissen/audio-christoph-maria-herbst-ueber-ganzer-halber-bruder-100.html (14.9.2025)

Weiterführende Literatur:

Paula Diehl (Hrsg.), Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen, München 2006.

Simon Strick, Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, Bielefeld 2021.

Petra Fuchs, ´Behinderung´und der Umgang mit behinderten Menschen in historischer Perspektive, https://www.bpb.de/themen/inklusion-teilhabe/behinderungen/521593/behinderung-und-der-umgang-mit-behinderten-menschen-in-historischer-perspektive/#node-content-title-4

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.