
„Nach der Entdeckung litt ich unter Alpträumen. Tschernobyl war ein ergreifendes Ereignis für mich.“, sagte Cornelia Hesse-Honegger 2016 in einem taz-Interview. Was hatte sie entdeckt? Die wissenschaftliche Zeichnerin, spezialisiert auf die Darstellung von Kleinstlebewesen, hatte im Winter 1986 beschlossen, in das am meisten radioaktiv belastete Gebiet Westeuropas zu reisen. Anlass war die Frage gewesen, „wie weit der radioaktive fall-out, der Europa verseucht hatte, Insekten mutiert haben könnte.“, wie sie in dem Bildband Nach Tschernobyl (1992) schreibt. Es sind „böse Menetekel“, die die „Wissenskünstlerin“ ins Bild setzte. Eine Würdigung ihrer jahrzehntelangen Arbeit ist ein guter Einstieg für die Betrachtung von Flora und Fauna rund um Tschernobyl. Deren Zustand wird durchaus widersprüchlich bewertet.

Im Juli 1987, ein gutes Jahr nach dem Reaktorunfall in der Ukraine, reist Cornelia Hesse nach Südschweden. Dort waren ehebliche Mengen der Radionuklide aus Tschernobyl niedergegangen. Schweden hatte als erstes westliches Land den Reaktorunfall registriert und publik gemacht. Im Ort Österfärnebo nahe Uppsala fielen der Besucherin, gewappnet mit Zeichenblock und Farbkasten, neben seltsam rötlich verfärbten Pflanzen stark geschädigte Insekten auf. Sie fand viele „grauenhaft“ deformierte Exemplare aus der Familie der Wanzen. Es sind ihre Lieblingstiere, da kennt sie sich aus. „So etwas hatte ich noch nie gesehen.“, schreibt sie in ihrem Buch Die Macht der schwachen Strahlung (2016). Im opulenten Bildband Heteroptera. Das Schöne und das Andere oder Bilder aus einer mutierenden Welt (1998) merkte sie an: „Beim Betrachten wurde mir fast schlecht.“

Vor dem Super-GAU hatte H.-H., die seit 1969 Wanzen malt, nie derartige Anomalien wahrgenommen, betont sie 2024 in einem Radiofeature. Ihre Sesshaftigkeit macht Wanzen zu wichtigen Bioindikatoren. Über Generationen bleiben sie an einem Ort. Die Menge der Abweichungen bei Pflanzen und Insekten, die sie 1987 in Schweden fand, ließ sie kurzzeitig an ihrem Verstand zweifeln. „Ich kann nicht schlafen. Ich glaube, ich habe hier etwas Schreckliches entdeckt.“, notiert sie in Warum bin ich in Österfärnebo? (1989).
Wie es der Zufall will, muss sie beim Erwachen aus einem Alptraum an Andrej Tarkowskijs in Schweden gedrehten Film Opfer (1986) denken, in dem es um die Abwendung einer nuklearen Bedrohung geht. Kurz nach dem Unfall in Tschernobyl hatte Tarkowskijs letzter Film, er starb Ende 1986 an Krebs, in Schweden Kinopremiere (vgl. Teil 2 dieser Blog-Beiträge).

Hesse-Honegger, 1944 in eine Schweizer Künstlerfamilie geboren, arbeitete zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe an der graphischen Darstellung von Fruchtfliegen (drosophila subobscura), die man experimentell im zoologischen Labor in Zürich mit Röntgenstrahlen mutieren ließ. Dies wurde zum Initial eines lebenslangen Projekts. Der Anblick dieser „Frankensteine unter dem Mikroskop“, bizarr verformte quasimodo-Fliegenköpfe und Augen, verstärkte ihre Ahnung, dass radioaktive Strahlung bereits in niedrigen Dosen zu physiologischen Veränderungen führen und den Erbgang beeinflussen könnte.
Mit diesem Verdacht stand sie damals allein da. Für Insekten galt noch das Dogma einer weitgehenden Unempfindlichkeit gegenüber Radioaktivität. Am sinnfälligsten im Fall der Kakerlaken, die tatsächlich, aufgrund verlangsamter Zellteilung, das Zehnfache der für Menschen tödlichen Strahlenmenge aushalten. In zahllosen Memes werden Schaben als postapokalyptisches Ungeziefer im Licht von Atompilzen imaginiert.

In dem Roman Baba Dunjas letzte Liebe (2015) von Alina Bronsky klagt die Protagonistin, die in ihr Dorf Tschernowo in der strahlenverseuchten Zone um Tschernobyl zurückgekehrt war: „Seit dem Reaktor hat sich das Ungeziefer vermehrt. Vor einem Jahr war ein Biologe da, der die Spinnennetze in meinem Haus fotografiert hat.“ Der Forscher erklärt der Protagonistin, dass die Spinnennetze anomal seien, der Klang der Zikaden sich verändert habe und das Anwachsen der Ungezieferpopulation auf die sinkende Zahl der Vögel in der Zone zurückgehe.

Zeilen wie diese spielen an auf reale Untersuchungen zahlreicher Forscher*innen in der 4300 km2 großen Sperrzone. Dieses Gebiet müssen sich die Ukraine und Belarus teilen. Das isolierte Areal bietet dabei vielfältige Möglichkeiten, um die Auswirkungen von Strahlung auf Ökosysteme zu erforschen. So hatte der dänische Forscher Anders Møller (Aarhus) zwischen 2006 und 2008 in Wäldern um Tschernobyl an hunderten Standorten Insekten und Spinnennetze gezählt und die Strahlenbelastung gemessen. Mit seinem Kollegen, dem US-Biologen Timothy Mousseau, war er am 26. April 2011 erneut in Tschernobyl.
Man fragt sich, ob Mousseau Hesse-Honeggers Arbeit kannte, wenn er im Interview erzählt: „Wir sammelten in Pripyat Blumen, um deren Pollen zu untersuchen, als Anders diese kleinen, schwarz-roten Insekten vom Boden hochhob. Er sagte: `Tim, schau her, das ist ein Mutant, dem fehlt ein Augenfleck!´ (…) Ab diesem Moment suchten wir überall nach diese kleinen Wanzen. (…) Irgendwann hatten wir mehrere hundert dieser kleinen Viecher zusammen. Es war offensichtlich, dass die deformierten Tiere in Gegenden mit einer höheren Verseuchung viel häufiger waren. Wir fanden buchstäblich unter jedem Stein, den wir umdrehten, Anzeichen von mutagenen Eigenschaften der Strahlung.“ (https://www.dw.com/de/nukleare-unf%C3%A4lle-verursachen-mutationen-bei-tieren/a-19179109)

Deformierte Feuerwanzen in der Nähe von Tschernobyl hatte Hesse-Honegger bereits im August 1990 gefunden. Als Teil einer Reisegruppe gelang es ihr, das 1986 evakuierte Pripyat zu besuchen. Die 1970 als Stadt für das AKW gegründete Siedlung ist heute ein radioaktives Pompeji. Dort fiel H.-H. besonders die Stille auf, die Franceso Cataluccio in seinem Buch Die ausradierte Stadt (2012) betonte: „Man versuche, sich eine Landschaft vorzustellen, in der man keine Tierlaute hört.“ – Hesse-Honegger hört zumindest einige Heuschrecken. Zehn Minuten hat sie dort Zeit, um nach Tierchen im verstrahlten Unterholz zu suchen. Sie findet nicht viele. Einige ihrer Aquarelle der behinderten Insekten, die sie in Pripyat, Polessje und in der Nähe des Eingangs zur 30-km-Sperrzone sammelt, sind abgebildet in dem Band Nach Tschernobyl.

Die gefundenen Insekten in der Geisterstadt waren, das verblüffte sie, nicht stärker missgebildet als jene, die sie in der Nähe von Schweizer Reaktoren findet. Es muss hier betont werden, dass es der Künstlerin immer um den Nachweis der Wirkung schwacher Strahlung ging. Die ist dauerhaft in der Umgebung von „störungsfreien“ Atomkraftwerken messbar. Ihre im Medium der Kunst vollzogene Forschung wurde über Jahre von der Fachwelt nicht ernst genommen; die Atom-Lobby zog ihre unbequemen Ergebnisse aus naheliegenden Gründen ins Lächerliche. „Man hielt mich für eine Spinnerin.“, erinnert sie sich.

Erst die Untersuchungen an pathologisch veränderten Schmetterlingen um das im März 2011 durch einen Tsunami havarierte japanische Kernkraftwerk Fukushima Daiichi „rehabilitierten“ die unermüdliche Schweizerin. Als Pionierin hatte sie einsam jahrzehntelang obsessiv Atomkraftwerke in aller Welt umrundet. Wieder waren es kleine Tiere, die als wertvolle Marker dienten. Ihre These, dass bereits geringe Strahlungsmengen genetische Schäden verursachen können, ist mittlerweile Stand der Forschung.

„Ich dokumentiere den Schrecken, der erst begonnen hat“, hatte die Aktivistin geschrieben, „und werde weiter arbeiten, weil ich hoffe, dass der Schrecken wahrgenommen wird.“ Als „eine Zeugenaussage der Natur im Tornister“ versteht sie ihre Sammel- und Malarbeit. Ihre Bücher sind für manche „Reiseführer des Grauens“.
Die minutiös gemalten Bilder von teils dramatischen Fehlbildungen, die man sich in menschlichen Relationen gar nicht vorstellen möchte, konkurrieren beim Betrachten mit heilen Vorstellungen schöner Symmetrie und Farbenpracht. Es ist klar, dass die entstellten Insekten nicht nur für sich selbst stehen: sie sind zugleich Sinnbilder einer anhaltenden Gefährdung des Menschen. Visualisierungen einer möglichen Zukunft.
Die kleinen Kreaturen werden, wie William Thompson kommentiert, so zum schmerzhaften „Ikon der Natur als Opfer“. Der Entomologe Hugh Raffles würdigte in seinem schönen Buch Insektopädie (2013) Hesse-Honeggers Überwindung der strengen „Distinktion zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Menschen und Insekten, Nähe und Distanz“. Ihre Bilder ermöglichen das Empfinden von Mitleid mit beschädigtem Leben im Mikrokosmos.

Wir verlassen das Reich der Insekten und streifen kurz durch die Flora um Tschernobyl. In der verstümmelten Welt ihrer „Atomwanzen“ hatte Hesse-Honegger nebenbei „die verrücktesten Formen von Blättern an den Bäumen“ gesehen. „Die große Katastrophe entfaltet sich en miniature“, schreibt Katja Petrowskaja in Das Foto schaute mich an (2022), „die Pflanzen sind Abbildungen des Geschehens, sie verkörpern die Fragmente der zerfallenen Welt.“ Die ukrainische Autorin musste angesichts der leuchtenden Aura einer zarten Pflanze aus dem Chernobyl Herbarium (2017) an einen „Zauberstab“ oder eine Menora denken.

Slowakischen Biogenetikern war es gelungen, die Radioaktivität von Pflanzen um Tschernobyl mittels eines fotochemischen Verfahrens sichtbar zu machen (eine Methode, die man übrigens auch zur Untersuchung von verstrahlten Kindern nutzte). Die filigranen Stengel glühen im Dunkel des Bildraumes.
Im Buch des Biophysikers Zhores Medwedjew sind deutlich verwachsene Eichenblätter abgebildet, die ein Genetiker rund um Tschernobyl gesammelt hatte. Ihre Asymmetrie spiegelt sich in den verdrehten Bäumen mit verknoteten Ästen wider, die zahlreiche Fotos festhalten.

Herbarien finden sich auch in der Gruppenausstellung über Tschernobyl, die aktuell im Stadthaus Ulm zu sehen ist und die der Fotograf Volker Kreidler kuratierte (https://stadthaus.ulm.de/ausstellungen/tschernobyl).

Der Fotograf gehört zur Gruppe derer, die meinen, dass „die Atomkatastrophe der natürlichen Umwelt weniger geschadet als der anhaltende Einfluss des Menschen“. Eine steile These, meine ich. Hinsichtlich der Bewertung des gegenwärtigen Zustandes der Natur in der verstrahlten Zone stößt man bei Recherchen schnell auf Widerstreit. Es gibt im Grunde zwei Lager, deren Einschätzungen sich gegenüberstehen: a) die Natur erholt sich ohne den zerstörerischen Einfluss des Menschen sowie b) Mutationen und andere Folgeschäden sind (noch) unsichtbar, vielleicht irreversibel, der schöne Schein trügt.
„Es blüht und grünt, das lokale Ökosystem hat sich an die Verstrahlung so weit wie möglich angepasst.“, war 2010 im Spiegel zu lesen. Forscher*innen hatten herausgefunden, dass derlei Anpassung durch veränderte Proteinproduktion der Pflanzen zustande kam. Aussagen, die eine Regeneration der Natur um Tschernobyl behaupten, ließen sich endlos paraphrasieren. Ganz offenkundig ist hier zum Teil Wunschdenken am Werk: die Natur möge das revidieren, was der Mensch verschuldet hat. Sie soll das Toxische des menschgemachten Unheils kompensieren.
In dieser optimistischen Lesart wird die Katastrophe fast zu einem Katalysator für Biodiversität. Die Sperrzone, in der Tat ein einmaliges Biotop auf diesem Kontinent, erscheint als beseeltes Naturreservat: Fotos von Wildkameras zeigen Adler, Wildschweine, Wolfsrudel oder Pferde in verlassenen Häusern. Auf zahlreichen Fotos, die im Netz zu finden sind, wird das wilde Tierleben gern mit den gelben Warnschildern kontrastiert. Die Strahlung ist unsichtbar.

Die Forscherin Emily Greenfield meint 2025, dass es „den Tieren trotz der Folgen der Atomkatastrophe gut“ gehe: „Einer der gefährlichsten Orte der Welt ist die Sperrzone von Tschernobyl, die nach dem verheerenden Atomunfall vom 26. April 1986 eingerichtet wurde. Dennoch hat sie sich überraschenderweise zu einem Paradies für Wildtiere entwickelt. Tiere aus Tschernobyl, wie Wölfe, Hirsche, Wildschweine und sogar gefährdete Arten wie das Przewalski-Pferd, gedeihen in einem Gebiet, das die Menschen fast 40 Jahre lang verlassen hatten.“ (https://sigmaearth.com/de/Wie-es-den-Tieren-in-Tschernobyl-trotz-der-Folgen-der-Atomkatastrophe-gut-geht/)

Um den hoffnungsvollen Pol a) sammeln sich also Berichte von der Rückkehr bedrohter Arten und wieder erstarkender Populationen. Besonders die überraschende Anpassung zurückgelassener „Nutztiere“ an die nuklearen Bedingungen wird als Ausdruck der erstaunlichen Anpassungsfähigkeit der Natur betrachtet.
Das berühmte LP-Cover von Pink Floyd (1970) soll übrigens auf einen „atomgetriebenen Herzschrittmacher“ einer schwangeren Mutter anspielen.

Der ehemalige „Liquidator“ und Biologe Sergei Gaschak arbeitete in der Sperrzone auf einer Versuchsstation mit drei Kühen, die man sinnigerweise Alpha, Beta und Gamma taufte. Zunächst unfruchtbar geworden, hatten sich die Huftiere, die über den Boden erhebliche Mengen an Cäsium-137 aufgenommen hatten, überraschenderweise erholt. Sind diese Tiere heute Teil der von Forscher*innen beobachteten Herde von Milchkühen, die den Habitus von Wildtieren, von Wisenten oder Auerochsen, angenommen haben und sogar den zahlreichen Wölfen trotzen?

„Keine Tiere mit zwei Köpfen oder fünf Beinen“ titelte die Süddeutsche Zeitung zum 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe. Ich musste bei diesen Worten an das ikonische Foto von Igor Kostin denken, der 1986 ein „Fohlen mit acht Beinen“ abgelichtet hatte. Kostin fotografierte auch riesige Fische, die im verseuchten Kühlwasserteich des Kraftwerkes, in dem man gern angelte, gediehen und am Ufer verendet waren. Im Tschornobyl Museum in Kiew wird ein extrem deformierter Hundewelpe ausgestellt.

Die Natur habe sich heute in der Sperrzone mit Macht zurückgemeldet, meint die Forscherin A. Zymaroieva in der SZ. Äußerlich seien keine Unterschiede zwischen verstrahlten und nichtverstrahlten Tieren erkennbar, sagt sie. „Drastische Missbildungen habe ich nie gesehen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Folgen gibt.“

In Lothar Herzogs Film 1986 (2019) erscheint die Zone um Tschernobyl ebenfalls als magisches Idyll. Das Filmplakat zeigt eine Aufnahme des berühmt gewordenen „Roten Waldes“ nahe Pripyat, dessen Bäume sich unter dem Einfluss der radioaktiven Strahlung in kurzer Zeit verfärbt hatten. Im Oktober 1986 hatte man in einer der geheimen Sitzungen, die Alla Jaroshinskaja publik machte (Verschlusssache Tschernobyl), noch dessen „Dekontamination und Vernichtung“ gefordert. Im Zuge des Angriffskrieges auf die Ukraine gruben sich russische Soldaten ausgerechnet hier ein – und vergifteten sich ohne ihr Wissen.


Die Protagonistin Elena sieht am Ende des leisen Films 1986 auf einer Lichtung im sonnendurchfluteten Wald einen Hirsch, der träge davon stapft. Fast hat es den Anschein, als würde sie ihm, nach einem Schluck aus dem glitzernden Bach, in die Wildnis folgen…
Begegnungen mit wilden Tieren hält Markijan Kamysch in seinem Buch Die Zone oder Tschernobyls Söhne (2022) fest. Der 1988 in Kiew geborene Schriftsteller ist ein solcher „Sohn“: sein 2003 gestorbener Vater gehörte zur unbekannten Zahl der „Liquidatoren“, die sich nach ihrer gefährlichen Arbeit wie „Hunderttausende kleine Tschernobyls“ (Jaroshinskaja) im Land verteilt hatten. Geradezu zwanghaft erkundet Kamysch, für den die Zone ein „Ort der Entspannung“ geworden ist, seit 2010 in einem „Drang nach der Wildnis“ das abgeriegelte Areal. Er schreibt über „magische Momente aus Schnee, Wolfsgeheul und nassen Füßen“ und weiß vom „Wahnwitz dieser Streifzüge“. Besonders weibliche Luchse, die ihre Jungen bewachen, verfolgen ihn in seine Träume.
Zahllose Hunde sind in der Zone unterwegs. Einmal mehr führen assoziative Wege zu Andrej Tarkowskij. Der in Stalker (1979) auftauchende schwarze Hund in der geheimnisvollen „Zone“, die man 1986 umgehend mit der Reaktorkatastrophe in Verbindung brachte, scheint Kinder zu haben. Die tollen nun um das Kraftwerk von Tschernobyl herum…



Ein neuer Frühling also?
Adam Higginbotham, Autor des Buches Mitternacht in Tschernobyl (2019), sprach diesbezüglich von einem „märchenhaften Narrativ von ökologischer Wiedergeburt und Erneuerung“ und fasst diesen Mythos prägnant zusammen: „In Abwesenheit des Menschen gedeihen Pflanzen und Tiere in einem radioaktiven Eden.“
Bevor dieses vermeintliche Eden möglich wurde, hatte extreme Angst unter den Tieren um Tschernobyl geherrscht, wenn sie nicht durch die Reaktorkatastrophe bereits umgekommen waren. Dem systematischen Abschießen verstrahlter Tiere durch „Liquidatoren“, die 1986 durch die verlassenen Dörfer zogen, widmet sich fast eine ganze Episode der TV-Serie Chernobyl (2019). Das bloße Streicheln einer Katze könne ihn umbringen, warnt man einen Neuling, dessen Aufgabe es ist, zu schießen und mit seinen Kameraden die Tierleichen von Lastern in Gruben zu kippen. Hunderte dieser sogenannten „Mogilniki“ existieren in der Sperrzone.

Das Allerwichtigste beim Töten der Tiere sei es gewesen, das erzählt die belarussische Journalistin Swetlana Alexijewitsch 1994 im Interview mit Alexander Kluge, „dem Hund nicht in die Augen zu blicken, den Blick nicht aufzufangen.“ Alexijewitsch hatte Hunderte Überlebende und „Liquidatoren“ befragt. In ihrem Furor ging sie so weit, die Massengräber der Tiere mit „Dachau“ und „Buchenwald“ zu vergleichen.
Nicht wenige popkulturelle Visualisierungen imaginieren die „Zone“ freilich lieber als gefährliches Terrain der Mutation und Fabrikation von Monstren. Sie spielen mit dem Horror der Entgrenzung. Ein ganzes Filmgenre dreht sich bekanntlich um durch Radioaktivität generierte Ungeheuer (z.B. Godzilla).
Im B-Movie Chernobyl Diaries (2012), der teils vor Ort gedreht wurde, stürmt ein tollgewordener Braunbär durch einen Häuserblock in Pripyat. Um die verfallenden Neubauten streifen in der Dunkelheit hochaggressive Hundemeuten und mutierte „Patienten“, während im Fluss bissige Riesenfische wie Piranhas kreisen.

In einer Grauzone der Wahrheit bewegen sich wohl neuere Berichte von schwarzen Pilzen, die sich angeblich „von Radioaktivität ernähren“ und unter dem Sarkophag von Tschernobyl blühen. Tatsächlich fand man erstaunlich widerstandsfähige Pilzkulturen im verrottenden Kraftwerk. Ihr Melaningehalt erhöhte offenbar die Resistenz gegenüber der Strahlung. Ein weiteres Kunststück der Natur.

Diesen radiotrophen Pilz untersuchte man aufgrund seines Potentials „zur Reinigung kontaminierter Orte“ und hinsichtlich einer möglichen Verwendung als lebender Strahlenschutz bereits, so heißt es, im All auf der Internationalen Raumstation ISS.

Den kuriosen Weltraum-Ausflug eines Pilzes fand ich jüngst wieder im abstrusen Plot der Horrorkomödie Cold Storage (USA 2026): Ein Tank des 1979 abgestürzten Skylab enthielt einen parasitären Pilz, der dann aus dem Jahrzehnte später stillgelegten Biolabor entweicht, gezielt Lebewesen befällt und seine Wirte kontrolliert. Dem Pilz geht es einzig um seine Verbreitung. Der vom grünen Schleim infizierte Hirsch im Film bildet gleichsam den gruseligen Antipoden zu seinem stolzen Artgenossen, der frei durch die Wälder des „radioaktiven Edens“ von Tschernobyl streift.
Am Ende von Cold Storage spuckt uns ein infizierter Hirsch in freier Wildbahn den tödlichen Pilz auf die Mattscheibe. Ins Gesicht.

Quellen
Bücher, Artikel
Alina Bronsky, Baba Dunjas letzte Liebe, Köln 2015.
Francesco M. Cataluccio, Die ausradierte Stadt, Wien 2012.
Alle Jaroshinska, Verschlusssache Tschernobyl, Berlin 1994.
Cornelia Hesse-Honegger, Warum bin ich in Östernfärnebo?, Neu-Altschwill 1989.
Cornelia Hesse-Honegger, Nach Tschernobyl, Bern 1992.
Cornelia Hesse-Honegger, Heteroptera. Das Schöne und das Andere oder Bilder einer mutierenden Welt, Frankfurt/M. 1998.
Cornelia Hesse-Honegger, Die Macht der schwachen Strahlung, Solothurn 2016.
Markijan Kamysch, Die Zone oder Tschernobyls Söhne, Berlin 2022.
Igor Kostin, Tschernobyl. Nahaufnahme, München 2006.
Alexander Kluge, Die Wächter des Sarkophags. 10 Jahre Tschernobyl, Berlin 1996.
Zhores Medwedjew, Das Vermächtnis von Tschernobyl, Münster 1991.
Katja Petrowskaja, Das Foto schaute mich an, Frankfurt/M. 2022.
Hugh Raffles, Insektopädie, Berlin 2013.
Anastasiia Zymaroiewa, Keine Tiere mit zwei Köpfen oder fünf Beinen, SZ Nr. 95, 25./26.4.2026
Filme
1986, R: Lothar Herzog, D 2019.
Chernobyl Diaries, R: Bradley Parker, USA 2012.
Cold Storage, R: J. Campbell, USA 2026.
Radio
Heteroptera oder: Vom Sehen lernen beim Malen. Die Wissenskünstlerin Cornelia Hesse-Honegger, R: Christine Nagel, DLF 2016.


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