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TSCHERNOBYL, GRÜNE ROBOTER & DIE ZONE. Zur Erinnerungskultur der Reaktorkatastrophe – Teil 2: Stalker

12–18 Minuten

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„Schluss mit der Sicherheit, wir waren in der Zone!“, sinniert der „Schatzgräber“ in der Sci-Fi-Erzählung Picknick am Wegesrand (1972). Roderic Schuchart verdient seinen Lebensunterhalt damit, Menschen illegal in das streng abgeriegelte Areal zu führen. Berühmt wurde das fesselnde Büchlein der Brüder Arkadi und Boris Strugatzki als Drehbuch. Der Regisseur Andrej Tarkowskij hatte sich seit 1973 mit der Idee einer Verfilmung getragen. Die Strugatzkis mussten ihr Skript für Tarkowskijs Stalker laufend umarbeiten, wobei letztlich die eigenständige Erzählung Die Wunschmaschine entstand. Dass man ihren Text 2021 unter dem Namen des Filmes in neuer Übersetzung herausgab, war nur konsequent.

Im Folgenden soll es um einige der Verbindungen gehen, die nicht wenige zwischen dem sowjetischen Kultfilm Stalker (1979) und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) herstellen. Verwandtschaften drängen sich förmlich auf. Ich werfe gern die in diesem Kontext zu wenig beachtete Erzählung der Strugatzkis ins Rennen. Was Gedankenspiele angeht, bleibe ich da skeptisch, wo sie die Züge magischen Denkens annehmen, gar in Verschwörungsmythen kippen. Das Prophetische bei Tarkowskij wird mitunter überstrapaziert, der Filmklassiker Stalker insgesamt, denke ich, eher überinterpretiert. Sicher wäre der Ende 1986 früh verstorbene Schöpfer des Films, der schöne Polaroids mit nebligen Landschaften schoss, von einigen Deutungen mehr als überrascht.

Es geht darum, ein assoziatives Gewebe zu beleuchten. Wahrscheinlich ist dieser Ausflug für alle, die den Film nicht kennen, wenig einladend. Neben seiner Ereignisarmut kann Stalker mit einer Länge von 162 min. durchaus als strapaziös empfunden werden. Dass Kunst weh tun muss, ist ein Verdikt, dem der elitäre Regisseur vollumfänglich zustimmte. Ich selbst war mit 19 Jahren in einem Erfurter Programmkino, beim ersten Sehen von Stalker, ziemlich überfordert. Was war das denn? Ob es die Synchronfassung der DEFA war oder zusätzlich sperriges OmU, erinnere ich leider nicht.

Die Weltzeit lässt sich in eine Zeit vor Tschernobyl und eine danach dividieren. Für manche mag dieses Vorher/Nachher auch für die Erfahrung von Stalker zutreffen. Im Danach zu leben heißt hinsichtlich des nuklearen Unfalls jedoch, in der anhaltenden Katastrophe, ihrer „Latenz“ (Eva Horn) zu leben, da Tschernobyl keineswegs vorbei ist. Es wirkt in der für Jahrtausende weiterbestehenden Verseuchung ganzer Landstriche und, sehr wahrscheinlich, im Genpool von Generationen fort.

Wie hat der krebskranke, exilierte Tarkowski, 1986 in Kliniken in Deutschland und Frankreich, die Reaktorkatastrophe aus der Ferne wahrgenommen? War es für ihn eine Strafe Gottes? Die Zone ist das, wozu wir sie gemacht haben, sagt die zentrale Figur im Film. Dass es ausgerechnet Schweden war, in dem Tarkowskijs letzter Film Opfer am 9.5.1986 Premiere hatte, gerade zwei Wochen nach dem Reaktorunglück, und dass es schwedische Atomingenieure waren, die als erste die internationalen Auswirkungen des Super-GAUS vermeldeten – das sind zumindest interessante Zufälle. In Opfer geht es übrigens um die Abwendung eines Atomkriegs.

Der Meisterregisseur verwahrte sich gegen symbolisierende Lesarten seiner filmischen Kunstwerke. „Die `Zone´ ist einfach die `Zone´.“, schreibt Tarkowskij in Die versiegelte Zeit. Er war genervt und „rasend“ von den ständigen Fragen, was sie bedeute. – Natürlich ist die Zone nicht einfach nur sie selbst. Sie ist im christlichen Sendungseifer des spirituellen Filmemachers mindestens auch Pilgerstätte für die wahrhaft Gläubigen, Hoffnungsraum und Prüfstelle des Herzens. Stalker, das hielt Tarkowskij 1978 in seinem Tagebuch Martyrolog über die Neujustierung des Projektes fest, sollte „ein Film über das Göttliche im Menschen werden und über den Verfall der Spiritualität aufgrund der Beherrschung falschen Wissens.“ Die Konturen der Figur des Stalkers hatte sich im Laufe der 1977 begonnenen Dreharbeiten verändert.

Schauen wir uns nun einige Ähnlichkeiten zwischen Stalkers Bilderwelt und der von Tschernobyl an. Schon der Name der geheimnisumwitterten „Zone“ von Stalker verbindet sich begrifflich mit dem Sperrbereich, der sieben Jahre später rund um den explodierten Reaktor ebenfalls so heißen sollte (gesperrte Zone, Radius 30 km bzw. „Sonderzone“, 10 km). Die messbaren Gefahrenbereiche bilden weniger schöne Kreise, sie sind ein ausfransendes Territorium, wie eine aktuelle Karte des Sperrgebiets von 2021 zeigt.

Andeutungen einer unsichtbaren Bedrohung durchziehen den Film. Genauer gesagt: es ist der Stalker, der das behauptet. Zu sehen sind bei Tarkowskij keine Gefahren, während es bei den Strugatzkis abenteuerlich zugeht. In deren Buch wird die Zone als Gebiet geschildert, in dem Gesetzmäßigkeiten außer Kraft sind und tödliche Fallen und Gravitationsfelder lauern. Ein Wissenschaftler stellt im Buch klar: „Es gibt in der Zone keinerlei Strahlung.“ Die ist freilich Realität im verstrahlten Gelände um Tschernobyl, dessen radioaktive Belastung sich zudem bei jedem Schritt unabsehbar ändern kann.

Über der langwierigen Entstehung von Stalker lagen Schatten: fehlerhaftes Filmmaterial, ein durch Erdbeben erzwungener Wechsel der Drehorte. Die neue location nahe Tallinn führte aufgrund chemischer Abfälle zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Reizungen. Möglicherweise verursachte dies sogar den Krebs mehrerer Menschen: neben dem Schauspieler Anatoli Solonizyn (1934-1982) Tarkowskij (1932-1986) selbst sowie, später, seine Frau Larissa (1933-1998). Dieser Aspekt trug zur legendären Verknüpfung mit Tschernobyl bei.

In der Mehrkanal-Videoinstallation Stalker/Material machte der Künstler Ulrich Polster 2015 das heutige Aussehen und die (Nicht-)Nutzung der Stalker-Drehorte sichtbar. Unter Führung eines ehemaligen Mitglieds der Produktionscrew besuchte er die einstigen Drehorte von Tarkowskijs „Zone“ und collagierte sie mit Dokumentarmaterial und Interviews. https://ulrichpolster.de/en/stalker/#stalker – In Tallinn gibt es ein jährliches Stalker-Festival, zudem einen Stalker-Pfad.

Zurück ins Jahr 1979. Im Film überqueren die drei Zonengänger kurz nach ihrer Ankunft eine Wiese mit verrostenden Militärfahrzeugen. Panzerwracks liegen im Gras, überwachsene Kanonenrohre ragen in die Luft. Im Kampf gegen die „Besucher“ hatte das Kriegsgerät ebenso wenig genutzt wie es Waffen gegen die unsichtbare Radioaktivität tun. In Tschernobyl schoben Armeepanzer radioaktive Trümmer beiseite und verstrahlten dabei ihre Besatzung.

In der Doku Rückkehr nach Tschernobyl (2020) erinnert sich ein Offizier der Spezialeinheit, die das Gebiet 1986 sicherte und Plünderer festnahm: „Als ich in Afghanistan im Krieg kämpfte, sah ich meinen Feind von Angesicht zu Angesicht. Aber in Tschernobyl wusstest du nicht, wo dein Feind war oder wen du töten solltest. Du hast dich selbst allmählich umgebracht.“

Heute sind auf kilometerlangen Schrottplätzen die kontaminierten Fahrzeuge ausgesondert. Die meisten davon sind von Schmugglerbanden ausgeschlachtet, wie Fotos z.B. von Robert Polidori zeigen, der 2001 in der Zone beeindruckende Aufnahmen machte.

Zumindest ein Teil der prämierten Installation Ghost Fire (2024) des französischen Duos Collectif Grapain, die ich in Halle/S. sah, spielt auf Tschernobyl an: eine von Pflanzenfasern überwachsene Baggerschaufel steht in einem gläsernen Bassin. Dessen blaues Leuchten soll, nun ja, den Tscherenkow-Effekts andeuten. Daneben rotieren einige amorphe Figuren. Die Baggerschaufel rekurriert sicher auf das von Robert Maxwell 2019 in einem Waldstück bei Pripyat gefundene hochradioaktive Maschinenteil.

Der Schriftsteller Geoff Dyer, ein jahrelanger Stalker-Fan, schrieb 2012 ein merkwürdiges Buch über den Film. Es heißt Die Zone: Ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer und ist angelegt als eine Nacherzählung, die unentwegt unterbrochen wird von Assoziationen, die sich in teils seitenlangen Fußnoten ausbreiten. Bisweilen schert Dyer auf unterhaltsame Nebenwege aus, mitunter plaudert er vor sich hin oder legt persönliche Fantasien offen, die manchmal das Peinliche streifen. (Beim Lesen von Dyer fiel mir auf, dass sie „Stalkerologie“ eine sehr männerlastige Angelegenheit ist, Mansplaining. Daran nehme ich hier wohl leider teil. Dass Tarkowskij selbst ein recht merkwürdiges Frauenbild hatte, das der aufopferungsvollen Mutter-Gattin als „Symptom des Mannes“ (Zizek), sei hier nur angemerkt.)

Dyer verblüffte die Reichweite des Filmes, seine „Fähigkeit, aktuelle und kulturelle Ereignisse in sein Projektionslicht zu tauchen“. Seinen Eindruck, dass der „abwesende und unerwähnte Gulag“, das gigantische System der sowjetischen Arbeitslager, durch den Film geistert, teile ich. In Stalker sah auch er einen „vorausgeworfenen Schatten der Tschernobyl-Katastrophe“, und er freut sich, dass ein Protagonist im Film ausgerechnet in einem „Block 4“ die Bombe findet, um das „Zimmer“ der geheimsten Wünsche im Herzen der Zone zu zerstören. Bekanntlich war es der Reaktorblock 4, der sieben Jahre später in Tschernobyl explodieren wird. Zufall?

Dyers Überlegung, ob die Ästhetik der zahlreichen Fotografen der Tschernobyl-Zone nicht vielleicht bereits durch Stalker geprägt war, ist eine gute Frage. Der Film könnte die spätere Wirklichkeit mit geformt haben. Die ungesunden Ruinen, die Tarkowski für seine Kino-Zone auswählte, schließen sich kurz mit späteren Halden, auf denen Zivilisationsmüll von wuchernder Vegetation umschlossen ist. Wahrscheinlich kann man nach Stalker keinen lost place mehr betreten, ohne Filmbilder aus dem Körperspeicher abzurufen. Vielleicht hat Slavoj Zizek recht, wenn er das als „Tarkoswskijsche Landschaft“ bezeichnet: „verfallenes menschliches Ambiente, das wieder von der Natur beansprucht wird“.

Als genau das lassen sich Teile der Sperrzone um Tschernobyl beschreiben. In die Geisterstadt Pripyat kehrt die Natur zurück. Die drei Kilometer von Tschernobyl gelegene Stadt wurde 1970 als Heimat der Mitarbeiter des Kraftwerks und ihrer Familien gegründet. Zum Zeitpunkt der Evakuierung am 27.4.1986 lag das Durchschnittsalter bei 26. Pripyat ist zu einem Hotspot des Darktourismus geworden. Reiseanbieter in Kiew lassen sich Tagesausflüge ins radioaktive Gruselparadies, Kulisse zahlloser Selfie-Fotos, gut bezahlen. In dem Horror-B-Movie Chernobyl Diaries (2012) reist eine kleine Gruppe von us-amerikanischen Touristen für einen Tag in die Zone. Der Film wurde zum Teil in Pripyat gedreht und spielt durchaus geschickt mit den Schreckmomenten von wilden Tieren, Mutationen – und radioaktiven Zombies. Letztere entpuppen sich am Ende als entflohene „Patienten“ einer geheimen Klinik, doch da sind fast alle der Reisegruppe bereits tot. Der Reiseführer Juri sagt auf der Fahrt nach Pripyat: „Die Natur hat ihre rechtmäßige Heimat zurückgefordert.“

Beim Anschauen der Fotos von Pripyat muss ich an das Neubaugebiet meiner DDR-Kindheit und Jugend in Thüringen denken. Grau-braune Beton-Tristesse, in der man dennoch glücklich sein konnte. Heute sind einige Blocks abgerissen. Hier stehe ich im April 2025 im „Ghetto“ von Gotha-West am Ort meines einstigen Blocks.

Die postapokalyptische Einöde um Tschernobyl zog früh auch professionelle Fotografen an. Polidoris Bildband Zones of Exclusion. Pripyat and Chernobyl (2003) zeigt vor allem verwüstete Innenräume von Schulen und Kindergärten, Schrottberge und von Bäumen und Büschen zugewachsene Dörfer. Der ikonische Rummelplatz mit Riesenrad und Autoscooter, den viele Bücher ausstellen, fehlt seltsamerweise. Beim Betrachten wird deutlich, dass dies nicht Bilder einer verlassenen Stadt sind: es sind Bilder einer geplünderten Stadt.

Der Historiker Serhi Plokhy nahm an einer geführten Tour in die Zone teil und berichtet in seinem Buch Chernobyl. History of a Tragedy (2018), dass einige Reiseteilnehmer vor allem das PC-Game S.T.A.L.K.E.R. (2007) dorthin gelotst hatte. In dem Game, das mehrere Sequels hatte, ist man in Ego-Shooter-Perspektive um das zerstörte Kernkraftwerk und in Pripyat unterwegs, um kostbare Dinge aufzusammeln und gegen Mutanten und Geister zu kämpfen.

Eine der beliebtesten Engführungen von Stalker und Tschernobyl geht auf eine der letzten Einstellungen des Films zurück: Stalker, zurückgekehrt aus der Zone, trägt seine gehbehinderte Tochter „Äffchen“ – im Buch der Strugatzkis ist sie fellbedeckt – auf den Schultern am schlammigen Ufer eines Sees entlang. Auf dessen gegenüberliegender Seite steht ein dampfendes Kraftwerk mit Schloten, die sich im Wasser spiegeln.

Das Heizkraftwerk bei Tallinn kann man wirklich für ein Kernkraftwerk halten; der See davor, den es in Tschernobyl als künstlich angelegtes Kühlwasserreservoir gibt und der Angler (!) anlockte, befeuert den Eindruck. Ganz direkt wird diese Verbindung 2011 in dem Hörspiel Schwarzer Hund. Weißes Gras (R: Kai Grehn) hergestellt. Aus dem Schankraum in Stalker, heißt es hier, könne man „die Kühltürme sehen. Nicht irgendwelche, sondern die von Tschernobyl“. (Auch wenn es am RBMK-Reaktor von Tschernobyl diese Kühltürme nicht gab.) Die Erzählerin wundert sich, dass „wir, damals acht Jahre zuvor, die Geschichte von drei Männern, die in eine Zone voll unsichtbarer tödlicher Gefahr eindringen, genau an diesem Ort gedreht haben“.

Ob es Kilian Leypold, Autor des Hörspielskripts, damals bewusst war, dass es sich in Stalker eben nicht um Tschernobyl handelt, fragte ich den Regisseur. War es künstlerische Freiheit? Dies sei nicht ganz klar, teilt mir Grehn sehr freundlich mit. Sein Standpunkt, dass sich künstlerische Schöpfungen in einem eigenen Referenzrahmen bewegen und nicht zwingend der Faktizität gehorchen müssen, ist nachvollziehbar. Auch, dass man Tarkowskijs Filme als seismographische Aufzeichnungen verstehen könne, die feinste Schwingungen des noch Kommenden antizipieren. Bon. So richtig glücklich bin ich dennoch nicht damit. Dies war der Anlass für diese weitere digitale Bildmontage mit Fake-Potential:

Der Reigen der Querverbindungen muss unvollständig bleiben. Sie stellen sich zudem unentwegt und weiterhin her. Nur einen Link zwischen den diversen „Zonen“ möchte ich hier noch hinzufügen: Im Film stellt der Stalker erfreut fest: „Die Blumen blühen wieder. Nur sie duften nicht.“ Einer seiner zu Tode gekommenen Vorgänger hatte die Blumen zertrampelt (wie auch Tarkowskij störenden Löwenzahn am Set entfernen ließ!). Man stutzt kurz, wenn der Fotograf Igor Kostin (1936-2015) in seinem Buch Tschernobyl. Nahaufnahme (2006) von seiner Irritation schreibt, dass er die sommerlichen Blüten in der „Zone“ nicht riechen könne: „Ich rieche nichts. Ich weiche ein paar Schritte zurück. Mir ist schwindelig. Bin ich krank? Habe ich den Geruchssinn verloren? Oder stehe ich inmitten eines Dekors, in dem alles unecht ist?“

Der Epidemiologe Jurij Stscherbak hatten seinem Buch über Tschernobyl bereits 1988 ein Zitat aus Picknick am Wegesrand vorangestellt. Überzeugende Parallelen lassen sich, um langsam zum Ende zu kommen, eher zwischen der originären Erzählung der Strugatzkis und Tschernobyl ziehen: In Picknick am Wegesrand erfährt man etwa, dass die Menschen in der Nachbarschaft der Zone an rätselhaften Krankheiten („Pest“ genannt) leiden. Aufgrund der Gefahren wurden in der Zone „Schatzgräber-Roboter“ – wie später auf den Dächern von Tschernobyl! – zur Bergung des außerirdischen „Ramsches“ eingesetzt, wie die begehrte Beute von den Schmugglern genannt wird.

In Tarkowskijs Film, dem es um etwas ganz anderes geht, spielen diese lukrativen Gegenstände keine Rolle. Bei den Strugatzkis haben die wahllos zurückgelassenen Objekte illustre Namen und rätselhafte physikalische Eigenschaften. Man liest, dass eine aus der Zone entwendete Substanz, die „Hexensülze“, bei einem Unfall (!) austrat und das gesamte Laborpersonal umbrachte.

Die offenbar erbliche „Belastung“ der Kinder der Schatzgräber im Buch, die sich in genetischen Schäden von Nachkommen der Reaktorkatastrophe und in Mutationen der Tier- und Pflanzenwelt spiegeln, hat Tarkokwskij in seinem Film übernommen. Der materialistische Impetus der „Stalker“ in Picknick am Wegesrand verhielt sich indes diametral zu seinem Projekt. Im Buch sind sie tollkühne Männer, die „in die Zone eindringen und herausschleppen, was sie nur auftreiben können“. Weniger schmeichelhaft für sie ist dort freilich, dass sie mitunter „Abschaum“ seien, der von der Zone angezogen werde: „Typen, die von ihr profitieren und durch sie fett wurden, (…) alles bis zum Letzten an sich gerafft haben würden, was vordem dort gewesen war. Egal, was mit dem geschah, was ihr entrissen und in die Welt der Menschen geschleudert wurde“

Gerade der letzte Passus liest sich wie eine Charakterisierung der organisierten Banden, die seit Jahrzehnten mit den Hinterlassenschaften in der Sperrzone um Tschernobyl schwungvollen Handel treiben. Auch ihnen ist es egal, was der krankmachende Plunder anrichtet, der „in die Welt der Menschen geschleudert“ wird, wenn sie radioaktive Kleidung und Haushaltsgegenstände auf Märkten verkaufen.

In Lothar Herzogs TV-Film 1986 (2019) übernimmt die in Minsk studierende Elena, die sich in einer Lebenskrise befindet, vorübergehend das illegale Geschäft ihres inhaftierten Vaters. Der ruhige Film spielt in der Gegenwart und lässt Elena schrittweise zu einem Teil des kriminellen Systems werden, das sich um Rohstoffe aus der Zone dreht: mit einem LKW fährt sie in das kaum bewachte Sperrgebiet um Tschernobyl, zunächst noch auf der belarussischen Seite, um Altmetall abzuholen. Das wird laufend heimlich von Arbeitstrupps mit Brennschweißern aus Gebäuden geholt. Holz und Pilze, erklärt ihr der Freund des Vaters, übernehmen andere. Die Geschäfte bleiben schön getrennt. Im durch die Radioaktivität rot gewordenen Holz (vgl. „Roter Wald“ bei Pripyat) ist der Jahresring von 1986 zu erkennen.

Tarkowskij-Zitate finden sich bei Herzog, soweit ich sehe, an mehreren Stellen. Die in langen Einstellungen gezeigte Fahrt in das Speergebiet, das wie ein idyllisches Naturreservat anmutet, ist dabei von sphärisch-meditativen Klangflächen unterlegt.

Sie erinnern deutlich an Eduard Artemjews elektronischen Soundtrack von Stalker.

Die Musik wiederholt sich im rätselhaften Finale des Films, als Elena nur mit einem Rucksack langsam im sonnendurchfluteten, friedlichen Grün der Zone verschwindet…

Ich beende hier den Streifzug durch die verschiedenen „Zonen“. Er ließe sich fortsetzen, natürlich. Wer überhaupt bis hier gelesen hat, sei bedankt. Der Text wurde einmal mehr zu lang, pardon.

Im nächsten Beitrag soll die „Zone“ noch einmal in den Blick genommen werden. Dann wird es um die Menschen gehen, die hierhin zurückkehrten oder nie fortgingen sowie um Tiere und Pflanzen, die Teil dessen sind, was sich die Natur dort „zurückholte“…

Auf bald.

Quellen

Bücher, Bildbände, Comics

Natacha Bustos / Francisco Sánchez, Tschernobyl. Rückkehr ins Niemandsland, Berlin 2016.

Geoff Dyer, Die Zone. Ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer, München 2012.

Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Frankfurt/M. 2014.

Igor Kostin, Tschernobyl. Nahaufnahme, München 2006.

Emmanuel Lepage, Ein Frühling in Tschernobyl, Bielefeld 2013.

Serhi Plokhy, Chernobyl. History of a Tragedy, London 2018.

Robert Polidori, Zones of Exclusion. Pripyat and Chernobyl, Göttingen 2003.

Jurij Stscherbak, Tschernobyl. Protokolle einer Katastrophe, Frankfurt/M. 1988.

Arkadi und Boris Strugatzki, Picknick am Wegesrand, Frankfurt/M. 1984.

Arkadi und Boris Strugatzki, Stalker, München 2021.

Andrej Tarkowskij, Die versiegelte Zeit. Gedanken zu Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films, Berlin 1984.

Andrej Tarkowskij, Martyrolog 1. Tagebücher 1970-1986, Berlin 1989.

Andrej Tarkowskij, Martyrolog 2. Tagebücher 1981-1986, Berlin 1991.

Slavoj Zizek, Picknick mit den Aliens. Andrej Tarkwoskij und das Ding aus dem inneren Raum, in: Lettre International, Nr. 43, Berlin 1998.

Radio, Podcast, Musik

Schwarzer Hund. Weißes Gras, R: Kai Grehn, BR 2011.

Henrik Otremba / Marcus Stiglegger, Projektion Kinogespräche: Picknick in der Zone – Andrzej Tarkowskijs Stalker (2024)

Eduard Artemjew, Soundtrack für Der Spiegel und Stalker

Filme, Videos

1986, R: Lothar Herzog, D 2019.

Chernobyl Diaries, R: Bradley Parker, USA 2012.

Rückkehr nach Tschernobyl, R: Roman Shumunov, KAN 2020.

Stalker, R: Andrej Tarkowskij, UdSSR 1979 (www.youtube.com/watch?v=Q3hBLv-HLEc)

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.