
Es brauchte den dankenswerten Hinweis der scheidenden Leiterin des „Kunsthaus Kannen“ bei Münster, um nach Wermsdorf zu fahren. Das „Kunsthaus Kannen“ ist ein schmuckes Zentrum für Kunst im psychiatrischen Kontext, ein Paradies der „Outsider art“. Und im sächsischen Wermsdorf, zwischen Leipzig und Dresden, liegt das Schloss Hubertusburg, ein ehemaliges Jagdschloss und zu DDR-Zeiten die größte Psychiatrie Sachsens.
In einem Teil des weitläufigen, überwiegend leerstehenden Barockbaus existiert heute ein kleines Museum. Die psychiatrieerfahrenen Mitglieder des Rosengarten e.V. gründeten 1997 den Verein Schloss Hubertusburg e.V., der seit 2013 im Wermsdorfer Schloss, Haus 21, ein Zuhause hat. 2007 eröffnete hier die kleine, sehr sehenswerte Ausstellung Karl Hans (Joachim) Janke – Genie und Schizophrenie. Um die soll es nun gehen.

Grundlage der Ausstellung war der ungewöhnliche Inhalt von Obstkisten. Die lagerten auf dem Dachboden der einstigen Klinik und waren von der leitenden Psychiaterin ihrem Nachfolger übergeben worden, der sie vor der drohenden Vernichtung rettete. Die Stiegen enthielten über 2500 kleingefaltete Zeichnungen des ehemaligen Patienten Karl Hans Janke. Der scheint mit seinem umfänglichen Output und einem Leben im gesellschaftlichen Abseits der Inbegriff dessen zu sein, was heute „Außenseiterkünstler*in“ genannt wird, outsider artist. Jankes Opus ist in der Tat singulär, einzigartig. Es ist überaus erfreulich, dass sich ein rühriger Verein nicht nur der Konservierung der Bilder widmet, sondern sie seit 1996 mit Veranstaltungen (Lesungen, Publikationen) sowie nationalen und internationalen Ausstellungen in die Öffentlichkeit trägt. Eine solche war dem fast 40 Jahre lang psychiatrisierten Schöpfer verwehrt. Das breite Themenspektrum dieser Bilder, wobei Raumfahrt und Futurismus besonders hervorstechen, bietet sich geradezu an für eine Konfrontation mit anderen Künsten und Wissenschaften (etwa „Outer Space“ 2014 in Dresden oder „Things to come“ 2016 in Israel).
„Alles kommt aus ihm selbst und er macht es für sich selbst. Es ist totale Wahrhaftigkeit.“, schwärmte der Ausstellungsmacher Jan Hoet (Stedelijk Museum Gent). So ganz stimme ich ihm da nicht zu. „Wahrhaftigkeit“ ist zu einer Phrase im Kontext der „Art brut“ geworden, die der Künstler-Sammler Jean Dubuffet als exklusives Label einer „unverfälschten“ Kunst erfand. Das heißt, eine Kunst, die ohne Einflüsse nur aus sich heraus geschaffen würde. (Er hat das später etwas relativiert.) Man weiß, dass Janke Zeitung las und sehr interessiert war am Weltgeschehen. Ganz gewiss ließ er einer Menge Material in sein Schaffen eingehen.
Ich glaube aber vor allem nicht, dass Janke es „für sich selbst machte“. Vielmehr springt gerade sein Sendungsbewusstsein ins Auge: die meterlangen Aktenordner mit der erhaltenen Korrespondenz sprechen für ein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis. In tausenden Briefen (man schätzt 6000) bot er DDR-Betrieben und Behörden seine Erfindungen an. Er bewarb sie eloquent. Anfangs nahm man ihn durchaus ernst, man lud ihn sogar ein. Als Janke, der Patient, dann mit einem Pfleger zum Termin erschien, sah man das plötzlich anders. Ein Verrückter hatte diese Ideen? Danke, nein. Außerdem hielt Janke Dia-Vorträge über seine technischen Visionen, ein seitenlanges Manuskript von einem dieser Referate, wahrscheinlich aus dem Jahr 1970, ist im schönen „Brevier“ (Berlin 2003) in klitzekleiner Type abgedruckt.
Janke ist, wenn überhaupt, vor allem für seine Raumschiff-Bilder bekannt. Eine ganze Reihe seiner Ideen zielten jedoch auch auf konkrete Anwendung im Haushalt: So ersann er ein „Rasierklingenschleifgerät“, eine „Luftschaumkappe“ und den „Zehenspalt-Reiniger“. Gewiss nützliche Dinge! Diese kleinen Helfer – ein „Atomfahrrad für Frauen“ ist darunter – bilden einen interessanten Kontrast zu den megalomanen Großprojekten, zu den Turbinen, Triebwerken und Raumschiffen und den mit Fantasie-Atomen angetriebenen Raketen, die er „Trajekte“ nannte.

Janke war vielleicht ein Mensch, den man einen introvertierten Altruisten mit einem ausgeprägten Sinn für Selbstvermarktung nennen könnte. Das klingt in der Tat widersprüchlich. Er wollte ganz offenkundig, dass die bedeutende Reichweite seiner Erfindungen zur Kenntnis genommen wird. Ihr enormer Wert sollte durch die praktische Umsetzung, die industrielle Fertigung gewürdigt werden. Das Erklügelte sollte zur Welt kommen. „Janke litt nie an seiner Krankheit, sondern am Unverständnis der Welt, der er sich ausgesetzt fühlte.“, schreibt der Psychiater Dr. Peter Grampp im Katalog. Bei seinem produktiven Patienten hatte er jede „Krankheitseinsicht“ vermisst. Der stets gepflegte „Ingenieur“ Janke suchte, erinnert der Arzt, „für sich immer wieder einen Sonderweg“, drückte sich „gespreizt“ und „geschraubt“ aus, war schnell gekränkt. Janke habe sich dem Pflegeperson überlegen gefühlt, meint Grampp. Ein ganz normaler Patient glaubte er nicht zu sein. Jahrelang schrieb Janke zudem an ärztliche Adressen: er kämpfte um seine Freilassung, fühlte sich fehl am Platz zwischen den Verrückten.
Wer war Janke? Sein Werdegang vor der Psychiatrie ist etwas nebulös. 1909 geboren in Kolberg/Pommern (heute Polen), wuchs Karl Hans auf dem elterlichen Landgut auf, machte sein Abitur jedoch in Berlin. Nach einem Semester Zahnmedizin in Greifswald und, wahrscheinlich, Abendkursen an der Technischen Universität Berlin (TU), scheint er spätestens 1939 wieder bei den Eltern zu wohnen. Deren Gut wird während des Krieges zu einem Schießplatz umgerüstet. In seiner Werkstatt in der dortigen Scheune hatte der gescheiterte Student an Flugzeugmodellen gearbeitet.
Im „Dritten Reich“ vor dem Krieg war Janke, wie es scheint, nicht psychiatrisch auffällig geworden; das wäre lebensgefährlich gewesen. (Der „Euthanasie“ entging er im militärischen Rahmen ebenso wie ein anderer deutscher Künstler-Sonderling zur gleichen Zeit: Friedrich Schröder, der sich „Sonnenstern“ nannte.) Stattdessen existieren tatsächlich gleich zwei Patente von Janke: „Flugzeug mit schwingender Tragfläche“ (1936) sowie „Standortanzeiger“ (1939). Die Patentschriften, die 2007 entdeckt wurden, sind in der Ausstellung zu sehen, die in mehreren Räumen eine Vielzahl von Bildern, Texten und Briefauszügen präsentiert. In Schubladen liegen Aufrisse von Raketen.

Ein erster Verdacht auf „Schizophrenie“ wurde bzgl. Janke 1941 in einem Kriegslazarett geäußert. Er war 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden. Hat der Krieg ihn irre gemacht? Er wäre nicht der einzige, wobei sich die psychischen Störungen von Soldaten im Zweiten Weltkrieg von den sogenannten „Kriegszitterern“ des Ersten Weltkriegs unterschieden. Psychiater*innen versuchten jedenfalls in beiden Kriegen erbarmungslos, Soldaten wieder „fronttauglich“ zu machen und in den Tod zu schicken. 1943 wird Soldat Janke als ungeeignet entlassen; er hatte Glück. Das Kriegsende und die territoriale Neuordnung verschlagen den Mittdreißiger mit seiner Mutter als Flüchtlinge von Pommern nach Sachsen. Ab 1948 ist Janke Waise.
Wie landete er nun in der psychiatrischen Klinik? Weitgehend mittellos, in einer Werkstatt Spielzeuge bastelnd, beklagt er sich 1949 auf provokative Weise – Janke wird seltsamerweise sagen, es war „Antihetze gegen Hitler“ – über die elende Mangelwirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die Psychiatrie scheint für ihn der richtige Platz, befindet man. 1950 wird er, über Dresden, in Wermsdorf eingewiesen, eine der größten Anstalten der jungen DDR. Dort sind viele Patient*innen in Gemeinschaftsräumen zusammengepfercht, die Zustände bleiben bis zum Schluss miserabel.

Der 2007 entstandene informative Film „Genie und Wahnsinn. Der Fall Janke“ (mdr), den man in der Ausstellung sehen kann und sollte, resümiert die Stationen dieses „Jules Verne aus der Heilanstalt“ und lässt Zeitzeug*innen zur Wort kommen. 38 Jahre ist Janke in der Hubertusburg Patient und Erfinder, Erfinder und Patient. Das psychiatrisch-diagnostische Schubfach heißt: „Expansive Paraphrenie“, eine der bunten Unterkategorien der „Schizophrenie“. Das Anstaltsleben ist der Rahmen, in dem Jankes Vorstellungskraft förmlich zu explodieren schien: hier entstehen über die Jahre Berge von Entwürfen für Fluggeräte, Raketen, Raumschiffe, Turbinen. Wunschmaschinen aller Art. Besonders die Flugzeuge, wie die Zeichnung einer im Klinik-Schlosshof bereitstehenden Rakete zeigt, sind als Fantasien des Entkommens deutbar.

Raus aus dieser Einöde, weg von diesem Planeten. „Janke-Atom“ vs. Schwerkraft. Die Raumschiffe haben poetische Namen: „Centaurion“, „Weltall-Kugel-Trajekt“ oder „Weltall-Ewigkeits-Trajekt“. In den Bezeichnungen „Terra-Venussa“ oder „Venusland“ schwingt etwas vom Liebesglück mit, das der Mann Janke vielleicht lebenslang nicht kennenlernte.
Patient Janke, ein begabter Autodidakt, zeichnet akkurat, filigran, sauber. Wie wichtig es ihm war, dass Autoritäten seinen Fleiß zur Kenntnis nahmen, zeigt sich in einigen Bildecken: er ließ sich die Pläne von den Ärzt*innen abzeichnen und datieren. Die „Konstruktionszeichnungen“, die wir nun als kunstvolle Bilder, als bildende Kunst, wahrnehmen, sind bestechend komponiert, ästhetisch ausbalanciert. Sie sind wunderschön. Als „Leonardo da Vinci der Heilanstalt“ wurde Janke 2013 bezeichnet, und so ganz abwegig ist der Vergleich ja gar nicht. Alles ist am richtigen Ort in diesen Bildern, ist gar nicht anders denkbar. Schönschrift bettet die perfekten Objekte ein. Eine souveräne Ruhe geht von ihnen aus, obgleich dort von enormen Energiemengen die Rede ist: „Atom-Magnetische-Blitzturbinen“ oder „Super-Tornado-Strahldüsen“ sollen die Fahrzeuge antreiben. Sie scheinen zu sagen: „Wir funktionieren tatsächlich, wenn man uns baut!“. Sie rufen: „Mit uns gelangst Du zu den Sternen!“ Es muss frustrierend gewesen sein, dass sich da keiner rantraute und sie umetzte in Wirklichkeit.

Einschub: die Sehnsucht nach dem Fliegen geht bei so einigen Künstler*innen im Feld der „Outsider art“ mit einem besessenen Ersinnen von Geräten einher. Janke ist nicht der einzige, der aus dem Irrenhaus oder dem eigenen Wahnsinn wegfliegen wollte. Ein bekanntes Beispiel ist der Münsinger Korbflechter Gustav Mesmer (1903-1994), genannt der „Flugradbauer und Ikarus vom Lautertal“. Das Unikum entwarf vor allem Fahrräder, die abheben sollten.

Auf einen offenkundigen Seelenverwandten von Janke, den deutschstämmigen US-Amerikaner Charles W. Dellschau (1830-1923), der zehntausende Bilder von Flugapparaten entworfen hatte, „fliegende Mandals“ mit Pedalen und Ballon, die ebenfalls fast in der Tonne endeten, wies ich die Museumsmitarbeiter*innen in Wermsdorf gerne hin. Dellschaus Aquarell (Foto unten) erinnerte mich sofort an Jankes „Andromeda“ (siehe weiter oben). Ausgeschlossen, dass Janke Dellschaus Werk kannte.

Was obsessive Bauten angeht, gibt es ebenfalls Verwandtschaften mit Janke, etwa den „Outsider artist“ Franz Gsellmann (1910-1981) mit seiner umfangreichen „Weltmaschine“ oder den Künstler Heinrich Anton Müller (1869-1930). Müllers Konstruktionen rotierender Maschinen, die er aus Abfällen in der Klinik baute, überlebten die Psychiatrie, eine weitere Parallele zu Janke, nur auf einigen wenigen Fotos.

Janke, ein „ein Mensch mit einer ausgeprägten Obsession“ (Kurator Peter Lang), war fest davon überzeugt, mit seinen „Trajekten“ globale Schwierigkeiten und „die Energieprobleme der Menschheit lösen zu können“ (D. Petzold im Katalog zur Ausstellung). „Trajekte“ (= Fährschiff) nennt Janke, wie gesagt, seine futuristischen Raumschiffe. Wohl aus Gründen der Anschaulichkeit baut er Modelle aus Pappmaché und Gerümpel. Zum Beispiel gab es ein „Weltraumschiff Sonnenland“, das der Schöpfer in der Klinik ausstellen durfte. Fotos von den tragischerweise 1990 zerstörten Bauten zeigen liebenswert-naive Fluggeräte, die der Erbauer stolz und ernst präsentiert.

Auch die Kinder des Ortes waren damals fasziniert, denn Janke, der „harmlose Irre“, darf raus ins Dorf, manchmal. Er ist eine bekannte Kuriosität, ein freundlicher „Spinner“. Einige seiner zerstörten Modelle stehen heute als gelungene Rekonstruktionen in der Ausstellung.

Gegen Ende seines Lebens, das er nahezu zeichnend und schreibend an einem kleinen Tisch verbringt, wenn er nicht lästige Aufgaben im Anstaltsbetrieb übernehmen muss, verändert sich das Themenspektrum. Während das Frühwerk überwiegend maschinell war, konstruktiv, analytisch, wird Janke nun zum Verkünder gewaltiger Zusammenhänge: Er entwirft Kosmologien. Es geht um die Entstehung der Welt, von Pflanzen und Tieren, um Evolution. Der Stil verändert sich, die Farbigkeit, das Malwerkzeug. Ein lebendiger Strich kommt hinzu, weniger perfektionistisch, ohne Zirkel und Lineal. Leuchtendes Gewölk vor schwarzem Himmel, erstmals gibt es nun auch Menschen, Tiere, Geschöpfe. Sie befinden sich inmitten gewaltiger Umbrüche, in denen die Sonne „Lebensbildkeime über die Erde“ streut. Es geht um die Welt „vor 60-80000 Jahren“, um „Naturzeugung der Kleintierwelt.“ Janke hat beim Malen und Zeichnen die Siebenmeilenstiefel an, er rechnet in Äonen. Alle Pflanzen auf Erden, weiß Janke jetzt, sind „Spiral-Nebel / Kondensatoren / Stabmagnete mit Sonnen (Früchten)!“ Er verschmilzt das Techno-Latein seiner frühen Arbeiten mit Flora und Fauna. Manche dieser farbintensiven Verkündigungen erinnern an die Illuminationen des Dichter-Malers William Blake, andere an esoterisch überformte, anatomische Schautafeln in Nachschlagewerken oder botanischen Führern.

Ich gestehe, mir gefallen Jankes „Ufos“ doch am besten. Die geniale Kombination aus Bild und Text, die man für ein markantes Zeichen einer sogenannten „schiziophrenen Kunst“ hält, was immer das sein mag, ist hier besonders ausgefeilt. Außerdem liebe ich Science-Fiction. Es heißt, dass Janke Stanislam Lem las, den polnischen Meister der wissenschaftlichen Sci-Fi. Das glaube ich unumwunden. Janke hätte einige Lem-Romane illustrieren können.
Das Ende der DDR, die einen Teil seiner „doppelten Isolation“ ausmachte, wie mehrere Autoren betonen, wird Karl Hans (Joachim) Janke nicht erleben. Im Alter von 79 Jahren starb er 1988. Jetzt könnte ich schreiben, er fliegt nun mit dem „Weltraumschiff Sonnenland“ auf die Venus. Doch das wäre Kitsch, oder?
Haben die „dipolare Raumelektrizität“ oder das „Jankesche Atom“ eine Zukunft technischer Machbarkeit? Eher nicht. Aber dem Museum in Wermsdorf, dem Verein und seinem Museum wünsche ich eine Zukunft.
Besucht die Hubertusburg! Möge die Macht mit Euch sein.

Link zum Museum: https://janke.itacom.de/ Öffnnugszeiten: Di-So 13-17 Uhr
Film: Genie und Wahnsinn. Der Fall Janke https://www.youtube.com/watch?v=IOhnAv3EQYI


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