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BABYN JAR – Vom künstlerischen und topographischen Nachleben einer kontaminierten Erinnerungslandschaft. Anlässlich der Neuübersetzung von Anatoli Kusnezows Roman „Babyn Jar“ (2026)

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Am 13.3.1961, 9:20 Uhr, brach der Damm endgültig. Die Flutkatastrophe, bei der sich eine meterhohe Schlammlawine über ein Kiewer Wohngebiet ergoss, wurde bekannt als „Kureniwka-Schlammlawine“. „Ganze Menschenmengen wurden sekundenschnell von der Welle verschlungen.“, schrieb Anatoli Kusnezow in seinem Roman Babyn Jar.

Der 1929 in Kiew geborene Kusnezow hatte seine Kindheit in dem überfluteten Viertel neben der Schlucht verbracht, und er war nun Zeuge einer weiteren Katastrophe geworden. Sein fesselndes Buch Babyn Jar (1966) liegt jetzt in einer bravourösen Neuübersetzung vor, die zudem die drastischen Eingriffe der sowjetischen Zensur und die Ergänzungen des Autors sichtbar macht. Das Buch ist ein guter Anlass, über Babyn Jar als eine stetig überformte (Erinnerungs-)Landschaft nachzudenken. Kusnezows dokumentarischer Roman begleitet uns auf diesem Weg.

Die Nazis hatten mit ihrer beispiellosen Vernichtungspolitik zahllose „kontaminierte Landschaften“ (M. Pollack) hinterlassen. Zu diesen mussten sich die Staaten, die zum Bewohnen dieser Gifthalden verurteilt waren, irgendwie verhalten. Obgleich die westliche Empörung über erinnerungskulturelle Lücken in Osteuropa mitunter heuchlerisch anmutet, setzten sich die Versuche der Nazis, ihre Morde unkenntlich zu machen, nicht selten im fragwürdigen Umgang mit sensiblen Orten fort. Hierfür ist Babyn Jar, dessen Topographie über die Jahre bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde, ein beredtes Beispiel.

Mit großem Aufwand hatte der sowjetische Geheimdienst 1961 versucht, die Wahrnehmung und Berichterstattung des Unglücks zu behindern und die Zahlenangaben der Todesopfer (geschätzte 1500) drastisch nach unten zu korrigieren. Was diese Flut von anderen Katastrophen abhebt, sind Ort und Ursprung der todbringenden Lawine: Die Wassermassen, die aus der Schlucht brachen, hatten Aschereste und menschliche Gebeine mit sich geschwemmt.

Denn Babyn Jar (deutsch: „Altweiberschlucht“) war an nur zwei Tagen, am 29.9. und 30.9.1941, der Schauplatz des größten Einzelmassakers an Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg gewesen. Ein Epizentrum der Shoah, des „Holocaust durch Kugeln“. Bis zum Ende der Nazibesatzung in der Ukraine, Herbst 1943, war dies der lokale Tatort zahlreicher weiterer Morde an anderen Opfergruppen (Kriegsgefangene, Kommunist*innen, Sinti & Roma, ukrainische Nationalist*innen, Patient*innen u.a.). Die im Oktober 1941 entstandenen Farbaufnahmen des Propaganda-Soldaten Johannes Hähle zeigen keine Morde, geben dafür einen Eindruck von der Spurenbeseitigung und dem Umfang der Habseligkeiten der Opfer.

Kurzer Rückblick ins Jahr 1941: Im Zuge des Überfalls der Nazis auf die Sowjetunion am 22.6.1941 („Unternehmen Barbarossa“) wurde Kiew, seit dem 19. Jahrhundert ein Zentrum jüdischer Kultur, am 19.9.1941 von der Wehrmacht besetzt. Kurz darauf traf die Todesschwadron des Sonderkommandos 4a, Teil der SS-Einsatzgruppe C, ein. Umgehend setzten Verfolgungen und Massaker an der Bevölkerung ein. Die in Kiew verbliebenen Jüdinnen und Juden wurden am 28.9. mittels dreisprachiger Aushänge aufgefordert, sich am folgenden Tag zur „Umsiedlung“ an einem zentralen Sammelplatz einzufinden. Als Vorwand der „Aktion“ dienten den Nazis die Sprengstoffanschläge des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, bei denen ab dem 24.9. zahlreiche deutsche Soldaten umkamen.

Während Teile des Stadtzentrums von Kiew noch in Flammen standen, gingen zehntausende von Kiewer Jüdinnen und Juden in eine perfide Falle: Kordons aus prügelnden Soldaten und Kollaborateuren zwangen die riesige Kolonne von Menschen – „eine absurde Warteschlange“ (Kusnezow) – nach ihrer völligen Beraubung durch ein tödliches Nadelöhr: die zumeist nackten, völlig entsetzten Menschen wurden in der Talsohle und den Seitenarmen der Schlucht von SS-Männern erschossen. „Das MG in der Schlucht ratterte den ganzen Tag.“, erinnert sich der Autor. Die Ausbeute hatte die Erwartungen der Mörder weit übertroffen: bereits am ersten Tag wurden 20.000 Kinder, Frauen und Männer ermordet. Am zweiten Tag, nachts in Garagen untergebracht, folgten weitere fast 14.000 Menschen. Sexualisierte Gewalt war Usus. Die Leichenberge wurden schließlich unter den Erdmassen der gesprengten Wände der Schlucht begraben.

Für zwei Jahre war Babyn Jar ein gewaltiges Massengrab, das unentwegt weitere Opfer in sich aufnahm. Sie wurden hier erschossen oder in Gaswagen (russisch: „Duschegubka“) erstickt, die, wie Kusnezow schreibt, „ein vertrauter Anblick in ganz Kiew“ waren.

Wie Kusnezow war der Schriftsteller Jonathan Littell, der mit seinem prämierten Mamut-Roman Die Wohlgesinnten (2006) die Leser*innen in die bizarre Innenwelt eines SS-Offiziers zwingt, nicht selbst Augenzeuge der Morde. Während bei Kusnezow das Massaker aus der Perspektive und mit den Worten der Überlebenden Dina Pronitschewa im Detail geschildert wird, entwarf Littell seine plastische Darstellung sehr wahrscheinlich in Kenntnis ihrer Aussagen vor Gericht. Wenn Littells Protagonist Max Aue manisch Todesschüsse in der Schlucht verteilt und dabei „bis zu den Knöcheln in Schlamm und Blut“ versinkt, scheint man inmitten des Grauens zu stehen.

Man geht heute von 70.000 – 100.000 Menschen aus, die in Babyn Jar ermordet wurden, darunter mindestens 40.000 Jüdinnen und Juden. Dass sich diese Zahl nicht ebenso exakt bestimmen lässt wie die von der SS 1941 nach Berlin gemeldeten 33771 Jüdinnen und Juden, liegt vor allem an der von den Nazis betriebenen Spurenverwischung: über 300 Häftlinge des nahen, 1942 eingerichteten KZ Syrez hatten im August 1943 im Rahmen der geheimen „Aktion 1005“ die zerfallenden Leichen „enterden“ und auf Scheiterhaufen verbrennen müssen. Der gerade 14-jährige Kusnezow hatte diese grauenvolle Arbeit, die nur wenige bei ihrem Ausbruch überlebten, als „seltsamen schwarzen, fetten Rauch“ wahrgenommen.

Die Gesamtzahl der Opfer lässt sich auch darum lediglich schätzen, weil Babyn Jar seitens der Sowjetregierung lange Zeit mit einem erinnerungskulturellen Tabu belegt war. Bereits die sowjetische Untersuchungskommission für die Nazi-Verbrechen hatten an diesem zentralen Schauplatz der Massenmorde nicht wirklich graben wollen. Jahrzehntelang sollte vor allem das Jüdischsein der meisten Opfer nicht als zentrale Spezifik des NS-Vernichtungskrieges im Osten (an)erkannt werden. Ihre Identität wurde mit dem Code „friedliche Sowjetbürger“ chiffriert – und letztlich ebenso eingeebnet wie die Massengräber in der Schlucht. Ein vom ukrainischen ZK beschlossenes Denkmal-Vorhaben für die „Opfer der faschistischen Besatzung“ revidierte man im widrigen Klima der antisemitischen staatlichen Kampagne ab 1948, die erst mit Stalins Tod 1953 nachließ.

Der gesamte Holocaust in der Sowjetunion war mit einem Tabu des Gedenkens belegt. Der Historiker Ilya Altmann spricht von einem „Verbot des Gedächtnisses an den Holocaust“ und schreibt, dass „jegliche jüdische Symbolik“ von den Behörden bekämpft, bestehende Monumente auf Befehl umgestaltet und erinnerungskulturelle Aktivist*innen verfolgt wurden. In Babyn Jar fand dieses Verdikt einen besonders dramatischen Ausdruck in der beispiellosen Gewalttätigkeit, mit der die dortige Erinnerungslandschaft deformiert wurde.

Noch im Jahr 1945 konnte das verlassene Babyn Jar ein Drehort (!) des ersten sowjetischen Spielfilms sein, der den Holocaust als solchen ins Bild setzte (Der Unbeugsame, R: M. Donskoi). Die Forscherin Olga Gershonson hat diesen Komplex 2013 mit ihrem Buch Phantom Holocaust und der dazugehörigen Website gründlich erforscht. (https://www.phantomholocaust.org/)

In die darauffolgende, fast zwanzigjährige Epoche des Verschweigens fiel im Dezember 1952 die Entscheidung der Stadtverwaltung Kiew, die Schlucht, Ort des tausendfachen Todes, physisch zu verändern. Babyn Jar sollte, so Kusnezow, „zerstört und vergessen“ werden. Im Rahmen landschaftsarchitektonischer Planungen, die neben einem Stadion einen Vergnügungspark vorsahen, sollte die Schlucht mit Sand aufgeschüttet und mit dem flüssigen Abraum, Industrieabwässer und Abfälle aus den nahen Ziegeleibetrieben, gefüllt werden. Kusnezow schreibt im Kapitel „Die Vernichtung der Asche“ von seinem Befremden beim Anblick der Schlucht, in der nach jahrelangem Lärmen der Rohre ein „See“ aus faulig-grünem Wasser entstanden war: „Ich ging öfters dorthin und betrachtete verstört den Schlammsee, der Asche, Knochen und Grabsteingeröll verschlungen hatte.“

In Sergei Loznitsas Filmcollage aus Archivmaterial Babyn Jar. Context (2021) finden sich Aufnahmen dieser Flutung mit Tonschlemm.

Im Jahr 1961, einige Monate nach der „Kureniwka-Schlammlawine“, steht der Dichter Jewgenij Jewtuschenko am Rand der Schlucht. Er blickt mit seinem Begleiter Kusnezow hinunter in eine ausgespülte Senke, in der noch Knochen liegen. Eine Fläche von einem Quadratkilometer hatten die Abwässer der Ziegelei in der Schlucht bedeckt, 30 Hektar Land hatte die Lawine verwüstet. In seinem Roman wird Kusnezow schreiben: „Die Erde in der Schlucht und rundherum war auf einer Fläche von einem Quadratkilometer buchstäblich vollgestopft mit Leichen.“

Bekanntlich sind Erschütterungen nicht selten Katalysatoren künstlerischer Produktion. So stürzte, heißt es, Jewtuschenko ins Hotel, um ein Gedicht zu schreiben. „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal (…) Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.“ Mit diesen Zeilen (Deutsch von Paul Celan) wird Jewtuschenko im September 1961 seinen Eindruck lyrisch festhalten. Währenddessen ging Kusnezow daran, sowohl seine Zeugenschaft der Verbrechen der Jahre 1941-1943 als auch seine Wahrnehmung des Nachlebens der Schlucht in einem Roman zu verarbeiten, der mehr ist als das. Sein Buch, das auf Deutsch in der zensierten Fassung 1968 in der DDR und 1970 in der BRD erschien, ist in der Tat ein „eigenartiger Bildungs- und Abenteuerroman“ (S. Margolina). Seine „postmoderne“ Machart als Mischung von Autobiographie, Dokumentensammlung und oral history hob die Übersetzerin Christiane Körner auf der Leipziger Buchmesse hervor.

Vor allem die sorgfältige Verarbeitung, teils wörtliche Übernahme der Berichte von Zeitzeug*innen, mit denen Kusnezow gesprochen hatte und deren Aussagen er kunstvoll in seinen multiperspektivischen Text einwob, macht das Buch historiographisch bedeutsam. Die Qualität dieser Kapitel ist derart überzeugend, dass die Autoren Ernst Klee und Willi Dreßen 1989 für ihren Sammelband „Gott mit uns“: Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945 ganze Passagen von Kusnezow als Beiträge aus der Zeitschrift „Junost“ abdruckten – ohne die Quelle als Roman auszuweisen. „Junost“ war der erste sowjetische Publikationsort des (zensierten) Romans gewesen.

Kehren wir zur Überformung von Babyn Jar zurück. Diese war im Jahr 1961 noch lange nicht abgeschlossen. 1962, das Jahr der Moskauer Uraufführung von Schostakowitschs 13. Symphonie, die Jewtuschenkos Gedicht Babij Jar vertont (1. Satz), wird die Schlucht zugeschüttet. Es wird mit dem Bau einer Fernstraße begonnen, Bäume gepflanzt. Am Standort des Syrezer KZ zieht man einen neuen Wohnkomplex hoch, der Jüdische Friedhof – kaum jemand ist noch da, um zu protestieren – wird mit Raupen planiert, für den Bau einer Mehrzweckhalle werden Gräber plattgewalzt. Dabei reißen sie, wie Kusnezow schreibt, Zinksärge aus der Erde. Hatten die Nazis im Zuge ihrer Vertuschung 1943 in der Schlucht schon Greifbagger eingesetzt und von Babyn Jar in ihrer Tarnsprache als „Baustelle“ gesprochen, sollten keine zwanzig Jahre später sowjetische Baufahrzeuge den gleichen Boden aufwühlen. Noch im Jahr 2000, als auf dem Gelände von Babyn Jar eine Metrostation (Dorohoschytschi) entstehen wird, fand man bei Grabungen Gebeine.

Da, wo die Überlebende Pronitschewa vor ihrer drohenden Erschießung am Abend des 29.9.1941 voller Entsetzen ein „Meer aus blutüberströmten Leichen“ sehen musste, hatte bis 1961 ein trüber See gestanden. Der regimekritische Kusnezow, der 1969 nach England fliehen wird, arbeitete 1965 nachts an seinem Roman und ging tagsüber neugierig zur Baustelle. Alpträume stellten sich ein, in denen ihn Tote heimsuchen. Beim Anblick des riesigen Brachfeldes, das Babyn Jar zwischenzeitlich dominierte, sinniert der Autor, dass die Nazis „sich keine bessere Lösung“ hätten vorstellen können, hätten sie damals nur die nötige Technik gehabt.

Mit dem 25-jährigen Jahrestag des Massakers, zu dem Tausende Menschen aus Kiew nach Babyn Jar strömen, zeichnet sich 1966 leise eine Wende ab. Doch erst zehn Jahre später, am 2.7.1976, sollte es das erste offizielle Denkmal geben, während in direkter Nähe ein Fernsehturm errichtet wird (eben jener Turm, der am 1.3.2022 das Ziel russischer Raketen wurde). Das Denkmal blieb weiterhin der sowjetischen Lesart verpflichtet, trotz des, wie Davies/Makhotina in Offene Wunden Osteuropas (2022) schreiben, „inzwischen etablierten sowjetisch-jüdischen Narrativs zu Babyn Jar.“

Die typische Figurengruppe steht auf einem kleinen Hügel in dem Park, der in den 1980er Jahren über der einstigen Schlucht entstanden war. Die Inschrift erinnert an „hunderttausend Kiewer Bürger und Kriegsgefangene“; erst Ende der 1980er gibt es eine Tafel auf Jiddisch.

Die 1970er und 1980er Jahre sind erinnerungskulturell geprägt von einer Zusammenarbeit jüdischer Aktivist*innen mit ukrainischen Dissidenten, die ihre Frontstellung zu Moskau verbindet. Ein neues erinnerungskulturelles Paradigma ist, trotz einer Phase der Liberalisierung unter Gorbatschow, erst nach dem Zerfall der Sowjetunion möglich.

Der 50. Jahrestag des Massakers, nahezu zeitgleich mit der Unabhängigkeitserklärung der ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine, wird mit einer Aktionswoche verbunden. Das am 29.9.1991 eingeweihte Menora-Denkmal verortet Babyn Jar nun deutlich im Kontext des Holocaust, während erstmals die Beteiligung ukrainischer Kollaborateure am Judenmord zur Sprache kommt. Die wachsende Aufmerksamkeit für die jüdischen Opfer ist zum Teil mit der (strategischen) Integration der Ukraine in die europäische Gedenkkultur verbunden. Die heroisierende Rückbesinnung auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ sollte dennoch ein Bezugspunkt der offiziellen staatlichen Erinnerungspolitik bleiben; zahlreiche Vorhaben des Gedenkens an die jüdische Tragödie blieben in diesem polaren Spannungsfeld virtuell.

Die Zeit des Umbruchs, die erheblich mit nationalistischen Tönen einherging, war zugleich der Beginn eines bis heute anhaltenden geschichtspolitischen Kampfes um Babyn Jar als Ort der Erinnerung. Zahlreiche Projekte wollen Babyn Jar als Gravitationszentrum für sich in Anspruch nehmen. Mit der Zahl der konkurrierenden Opfergruppen (nun stehen hier auch Kreuze für antisemitische Nationalisten der OUN), multiplizierten sich die Denkmäler. Heute sind es über dreißig an der Zahl. Zum Teil ist dies dem Dilemma geschuldet, dass einige Opfer der Nazis zuvor selbst zu Täter*innen geworden waren.

2010 erhielt Babyn Jar den Status einer nationalen historischen Gedenkstätte, 2017 ist es als „Denkmalschutzgebiet“ offiziell Teil der staatlichen geförderten historischen Forschung. Angestrebt wird ein eigenes Holocaust-Museum im einzigen verbliebenen historischen Gebäude. Als äußerst umstritten darf das 2016 ins Leben gerufene nichtstaatliche Babyn Jar Holocaust Memorial Center (BYHMC) gelten. Das private, von in Russland ansässigen, jüdisch-ukrainischen Oligarchen finanzierte Gedenkprojekt wird von manchen als „trojanisches Pferd“ verdächtigt, das russische Narrative transportieren könnte. Bedenken mehrten sich angesichts der Ernennung des für seine DAU-Filmreihe (2019) berüchtigten Regisseurs Ilja Chrschanowski zum „künstlerischen Direktor“ des Zentrums. Dies führte zu Protesten und Rücktritt einer Reihe renomierter Berater*innen des Gremiums der Stiftung. Chrschanowski steht für eine als „Holocaust-Disneyland“ kritisierte, problematische Vorstellung von Erinnerungskultur, die Gedenkorte medial als emotionale Erfahrungsräume modelliert, die zum Lernen „historischer Lektionen“ aufrufen: Babyn Jar, orakelte der Regisseur, sollte neben vielem anderen „a place of transformation“ und „a place for self-knowledge“ sein. Das 2020 eröffnete „Spiegelfeld“, in dem glitzernde metallische Stelen mit originalen Projektileinschlägen eine immersive Klang-Installation bilden, spiegelt diesen Ansatz im wahrsten Sinne des Wortes wider: Man kann sich in den Stelen inmitten und zwischen den Einschusslöchern selbst sehen. Ideal zumindest für ungewöhnliche Selfies.

Eine zentrale Intention des BYHMC leitet sich direkt aus den oben skizzierten Zerstörungen des historischen Ortes her. Auf der Website wird das Ziel der Stiftung als Wiederherstellung der Verbindung des Ortes mit seiner Vergangenheit und Gegenwart benannt: „Today, the territory of Babyn Yar is completely different from the scene of the tragedy in 1941-1943. Its relief has been changed beyond recognition; cemeteries destroyed, a park and the residential area built nearby. The past is not visible in present-day Babyn Yar. The threads between its history and modernity are hidden. Our projects’ aim is to uncover and restore the connection between this place, its past, and its present.“ (https://babynyar.org/en/place/about) – Eine gänzlich unkritische, publizistische Übernahme der Selbstdarstellung des BYHMC und seiner zahlreichen Projektvorhaben stellt der 2021 im Leipziger Spector Books Verlag erschiene Band Babyn Jar. Past, Present, Future dar. (https://www.spectorbooks.com/book/babyn-yar)

Die chaotische Bautätigkeit auf einem Areal voller sterblicher Überreste wird besonders seitens jüdischer Aktivist*innen mit Sorge beobachtet. Die Aktivität des BYHMC, das 2020 neue Denkmäler eröffnete und 2021 einen riesigen Museumskomplex von 150 Hektar incl. Synagoge ankündigte, somit selbst dazu beiträgt, dass Babyn Jar „completely different“ aussieht, wird zu Recht als aggressiv und rücksichtlos wahrgenommen. Mit dem Angriffskrieg Russlands fanden Mittel des BYHMC vorerst neue pro-ukrainische Verwendung. Vgl. hierzu das Radiofeature Streit um das Gedenken an ein Massaker – Babyn Jar (https://www.hoerspielundfeature.de/babyn-jar-102.html)

In ihrem Gedichtband Babyn Jar. Stimmen (dt. 2024) schrieb die ukrainische Dichterin Marianna Kijanowska: „die schlucht ist wie die welt jedenfalls wie die welt von heute“. Auf dem Streifzug von einer Todesschlucht bei Kiew im Jahr 1941 sind wir heute in der Gegenwart eines grünen Parks angekommen, für dessen Metrostation 2023 sogar der Name „Babyn Jar“ vorgeschlagen worden war. Die in diesem Park stehenden Bäume hatte Kijanowska, das sagte sie 2025 bei einer Lesung, als klagende „Augen“ stummer Zeugen wahrgenommen. Beim Schreiben hatte sie extrem gelitten, nur Alkohol half. Bereits in Jewtuschenkos Gedicht war von solchen Blicken die Rede: „Streng, so sieht dich der Baum an / mit Richter-Augen“.

Kijanowskas künstlerischer Balanceakt besteht darin, in 67 Gedichten den Opfern des Massakers, sichtlich auf der Basis ausgiebiger Recherchen, fiktionale Stimmen zu verleihen. Sie erdichtet in Reimform (nur im ukrainischen Original von 2017) innere Monologe, die von Sterbenden zu uns gelangen. Das liest sich mit Beklemmung. Nicht immer überzeugt diese Anverwandlung, auch wenn sie den Opfern ein literarisches Denkmal setzen möchte.

Kusnezow hätte die weiteren, topographischen wie geschichtspolitischen Transformationen des Ortes, in dessen Nähe er Kind sein musste, gewiss mit neuerlicher Irritation wahrgenommen. Er starb, gerade 49 Jahre alt, im englischen Exil.

Als Roman entfaltet Babyn Jar seine Handlung in unmittelbarer Nähe der Schlucht, die ebenso droht wie die Deportation nach Deutschland. Wir folgen dem jungen Kusnezow im Roman als agilem Schmuggler und Schwarzarbeiter, lauschen der Interaktion mit seiner vielschichtigen Familie. Wiederholt rettet den Knaben nur das Glück im besetzten Kiew. Der namensgebende Ort des Unheils tritt mitunter in den Hintergrund, ohne ihn vergessen zu machen. Wie Kateryna Mishchenko in der Zeitschrift Osteuropa (2021) schreibt, ist Babyn Jar in Kusnezows Text „eine verinnerlichte Landschaft. Der Autor bewohnt und erforscht sie, wächst mit ihr zusammen und kann dann eine Führung durch ihre historischen Erfahrungsräume anbieten.“

Der Roman Babyn Jar geht als leidenschaftlich humanistisches Werk über den historischen Ort hinaus, denn Kusnezow erkennt in diesem früh den symbolischen Gehalt, seine geschichtspolitische Bedeutung: Babyn Jar ist Menetekel, Mahnung. Er nennt diesen Namen wiederholt in einem Satz mit Auschwitz und Hiroshima und sah eine „Barbarei im globalen Ausmaß“ kommen. Seine Frage, „Warum töten? Wozu?“, drückt bei aller Naivität eine zutiefst menschliche Sicht auf die Welt aus.

In Kiew existiert seit 2009 ein schönes Denkmal für den zu früh gestorbenen Autor. Ein Halbwüchsiger aus Bronze mit Kappe und Beutel – die Skulptur entstand auf der Basis einer zeitgenössischen Fotografie – steht aufmerksam lesend vor einem Plakat an der Hauswand. Es ist jener Aushang der Nazis, der zur „Umsiedlung“ aufrief. 2000 davon hatten die Nazis in Kiew kleben lassen. „Vor den Aushängen mit dem Befehl blieb niemand lange stehen, und Gespräche kamen nicht auf.“, hatte sich Kusnezow an seinen ganz persönlichen 28.9.1941 erinnert.

Kusnezow steht als Jugendlicher noch immer in Kiew, an der Kreuzung der Kyryliwska und Petropawliwka Straße.

Literatur:

Andrej Angrick, „Aktion 1005“. Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-1945, Göttingen 2018.

Ilya Altmann, Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945, Zürich 2008.

Babyn Jar. Past, Present, Future, Leipzig 2021.

Franziska Davies/Katja Makhotina, Offene Wunden Osteuropas. Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs, Darmstadt 2022.

Olga Gershonson, The Phantom Holocaust: Soviet Cinema and Jewish Catastrophe, New Brunswick 2013.

Wassili Grossman/Ilja Ehrenburg, Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, Reinbeck 1994.

Jochen Hellbeck, Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision, Frankfurt/M. 2025.

Marianna Kijanowska, Babyn Jar. Stimmen, Berlin 2024.

Anatoli Kusnezow, Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen, Berlin 2026.

Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten, Berlin 2006.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther, Frankfurt/M. 2014.

Manfred Sapper Hg., Osteuropa. Babyn Jar. Der Ort, die Tat und die Erinnerung, Berlin 2021.

Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011.

Gerd R. Ueberschär (Hg.), Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003.

Boris Zabarko (Hg.), Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse von Überlebenden, Berlin 2019.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.