
Als Protestsong versteht der US-amerikanische Rapper Macklemore seinen Hit Hind´s Hall (2024). Der Titel bezieht sich auf das fünfjährige Mädchen Hind Rajab, das im Januar 2024 während einer israelischen Militäraktion im Gazastreifen ums Leben kam. Seit dem Angriff der Terrormiliz Hamas auf Israel am 7.10.2023 hat Macklemore seine private Mission entdeckt: In Musik, Statements und Bühnenshows des Musikers aus Seattle steht die Fundamentalkritik am israelischen Vorgehen in Gaza auf dem Programm. Dieses prangert er, wie nicht wenige andere seiner Kolleg*innen, als Genozid an. Im Song rappt er „Yet the music industry´s quiet / complicit in their platform of silence“.
Dass die Musikindustrie „still“ sei und durch ihr „Schweigen“ zum Komplizen werde, mitschuldig am Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung, ist ein Befund, den das Duo Maria Kanitz & Lukas Geck schon mit dem Titel ihres Buches nicht teilen: Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis (Berlin 2025). Dass sich dieser Hass nicht selten inmitten freudigen Jubels artikuliert, nicht unvereinbar ist mit beglückenden Rhythmen, Spaß und Party gehört auch zu den dunklen Aspekten des Themas.

Ihren schmalen Band stellten Kanitz und Geck im Rahmen der Leipziger Buchmesse im sozio-kulturellen Zentrum Werk 2 vor. Mit Lauter Hass legen die beiden in Berlin ansässigen Geisteswissenschaftler*innen eine griffige und fokussierte Übersicht vor, die sich mit (Pop-)Musik als idealem Trägermedium für antisemitische Narrative, für implizite Relativierungen islamistischen Terrors sowie für einseitige Israel-Kritik beschäftigt.
„Wie keine andere Kunstform“, wissen die Autor*innen aus eigener Leidenschaft, „vermag es Musik, tief in die emotionale Welt der Menschen einzudringen.“ Keine andere der Musen habe eine derartige „emotionale Strahlkraft“ und könne zugleich niedrigschwellig Inhalte transportieren: „Musik ist politisches Instrument, Agitation und Emotion schlechthin. (…) Musik besteht nicht nur aus Melodien und Texten; durch sie werden Weltbilder und politische Botschaften vermittelt.“

Den Umstand, dass der 7.10. auch in der Sphäre der Kultur eine fatale Zäsur bewirkte, führen sie an zahlreichen Beispielen vor. Dass ausgerechnet ein friedliches Musikfestival ein Ziel der klerikalfaschistischen Hamas war, die Techno gewiss für Teufelswerk hält und die Hunderte Zivilist*innen ermordete, vergewaltigte oder nach Gaza verschleppte, sorgt für einen Subtext des Buches. Der brutale Hamas-Angriff löste nicht nur seitens Israel eine Militäroffensive aus, die sehr viele Menschen als unverhältnismäßig wahrnehmen. Die Attacke war zugleich der Initiator einer neuerlichen Welle der Entsolidarisierung mit jüdischen Opfern von Massengewalt. Dies geschah zumeist wortlos, indem von diesen Opfern bald kaum mehr die Rede war.
Kanitz und Geck betonen mehrfach in ihrem Buch, dass die Kritik am israelischen Vorgehen und der desaströsen Zustände in Gaza selbstverständlich Gegenstand von Kunst und Kultur sein dürfen. Für politisch engagierte Kunst, die auf Leid und Missstände aufmerksam machen möchte, kann dies geradezu ein Muss sein. Ihre gut begründete Kritik gilt indes der eklatanten Einseitigkeit in der Darstellung der Zusammenhänge in den Musiken und Accounts von Künstler*innen, die sie sich angeschaut haben. Dass dies nur Stichproben sein konnten, ist klar. Ein wenig mehr Begriffsarbeit hinsichtlich des Begriffes „Antisemitismus“ wäre aber nicht schlecht gewesen. Nicht jede Israel-Kritk, das wissen Kanitz und Geck selbst, ist ja sofort Antisemitismus. Wann, wo und warum der Umschlag von (berechtigter) Kritik an staatlichem Agieren in eine menschenverachtende Vorstellung von einem „jüdischen Wesen“ o.ä. erfolgt, die auf Auslöschung zielt, das wäre noch einmal zu klären gewesen.
Eine zynische Entkontextualisierung führt dazu, dass der Nahostkonflikt in ein dualistisches Raster gepresst und als Lage gedeutet wird, in der lediglich Unterdrücker und Unterdrückte, Kolonisatoren und Kolonisierte ausgemacht werden. Israel werde stets als alleiniger Aggressor dingfest gemacht, erkennen die Autor*innen. Während unzählige, auch namhafte Stimmen fordern, dass der Hamas-Angriff vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen „Besatzungspoltik“, eines „Siedler-Kolonialismus“ oder der „Apartheid“ bewertet werden müsse, was mitunter die Massaker zu Widerstandshandlungen umdeutet, sei dies offenkundig für Morde, sexualisierte Gewalt und Verschleppungen von israelisch-jüdischen Opfern nicht vonnöten: „Die Forderung nach Kontext scheint offenbar nicht für alle zu gelten.“ Ebensowenig wie Empathie und Humanismus, die zumeist nur als selektive ihren Ausdruck finden.
Soviel zur mentalen Matrix, die Kanitz und Geck ausgiebig im musikalischen Feld ausmachen und untersuchen. Da im popkulturellen Sektor in den wenigsten Fällen ausgewogene sozialwissenschaftliche Referate vertont werden, scheint populäre Musik, die Politisches aufnehmen und sich zugleich an viele Menschen richten möchte, in der Darstellung von Komplexität von vornherein der Überforderung nahe. Viele Künstler*innen verheben sich sichtlich am Gegenstand ihrer Lyrics. Nur selten fällt ihnen das jedoch selbst auf.

Kunst müsse „interpretierbar“ sein, betonen die Autor*innen, um nicht in die Niederungen der Eindeutigkeit abzusinken, die man schlicht Propaganda nennen kann. Dass dies bei einigen Musiker*innen bereits der Fall, wird in Lauter Hass eingehender beleuchtet anhand einschlägiger Beispiele. Etwa anhand der pompösen Agitprop-Konzerte, zu denen das Ex-Pink-Floyd-Mitglied Roger Waters im SS-Mantel seine Shows im wahrsten Sinne des Wortes aufbläst: wenn über der Arena riesige Schweine-Ballons mit Davidstern schweben und auf die kathartische Zerstörung durch das Publikums warten. Die Autor*innen deuten dies als „Erlösungsantisemitismus“ in Form einer kollektiven Performance. Dass in Extremfällen die „Palästinafrage“ zur „Menschheitsfrage“ erhoben, die Befreiung Palästinas zur Grundbedingung globaler Freiheit (v)erklärt wird, stützt diesen bei Saul Friedländer entlehnten Topos einer Wahnvorstellung, die besagt: einfach alles wird gut, wenn „der Jude“ weg ist.
Weitere Beispiele im Buch sind der Konsistenz von Verschwörungsmythen gewidmet, in deren Kern ja oft bereits die antisemitischen Figuren von Weltherrschaft und Kindermord stecken. So im Werk von peinlich-maskulinen Boss-Rappern wie Kollegah oder Haftbefehl oder dem in Schmusesongs gehüllten Irrlichtern eines Xavier Naidoo. Dieses „antisemitische Grundrauschen im Deutschrap“ kennt man bereits – oder fühlt sich, wie ich, in einigen Fällen erstmals angestoßen, da via Spotify zumindest kurz reinzuhören. Um zu wissen, was man nicht verpasst hat. Die ästhetische Bandbreite ist groß, und viele antisemitische Narrative werden in akustischer Form gleichsam subliminal aufgenommen, während man etwas vor sich hinsummt. Dass die brachiale Teutonik einer Band wie Rammstein, die sich als versimpelte Laibach-Epigonen im Gestus der Provokation gefallen, im Buch nicht analysiert wird, überraschte mich etwas. Oder ist die Causa Rammstein schon andernorts gründlich abgehandelt worden?

Neben der bereits erwähnten semantischen Entkontextualisierung und der unumgänglichen Emotionalisierung, die Musik als Transporter von Weltanschauungen so ideal erscheinen lässt, sind Positionierungsdruck und Reichweite wichtige Begriffe in der Argumentation der Autor*innen. Ersterer ist besonders mit den Umtrieben der BDS-Bewegung verknüpft, die seit 20 Jahren nicht nur hinsichtlich Israel zu Boykott und Sanktionen aufruft, sondern Druck auf Künstler*innen ausübt, die zwischen dem Staats Israel und seiner Bevölkerung, die ebenfalls gern Konzerte besucht, zu trennen wissen. Dass mittlerweile auch ohne BDS Akteur*innen im Kulturbereich in die Enge getrieben und zur Cancel culture genötigt werden können, vermeintlich „israelnahe“ Künstler*innen ausladen etc., interpretieren die Autor*innen als Verselbständigung einer Dynamik des erzwungenen Dafür oder Dagegen.

Da geraten auch mittlerweile eher queere Veranstaltungen wie der Eurovision Song Contest ins Visier und werden gar als ein Agent Israels mit Stacheldraht und SS assoziiert. In diesem Jahr werden erneut gewalttätige Proteste gegen die Teilnahme Israels am vermeintlich apolitischen Event (in Wien) befürchtet.

Popmusik ist eine Massenkultur. Sie wendet sich an viele Menschen. Die via Konzertbesuch als verbindendes Gemeinschaftserlebnis, social media und Streaming-Plattformen erreichten enormen Reichweiten von Werken und Statements der Künstler*innen betonen die Autor*innen besonders. Was nicht schon im musikalischen Gewand ins Ohr ging, wird als Post auf Insta in aller Deutlichkeit nachgereicht, um Likes zu ernten. Oder es geht als Musikvideo viral. Um Musik organisierte Communities können zudem zu einem Surrogat realer Handlungsmacht werden: das kollektive Erlebnis kompensiert Gefühle der Einsamkeit und Ohnmacht angesichts der grässlichen Weltlage. „Is there anybody out there?“
Gerade die bisweilen schwindelerregenden Fan- und Follower-Zahlen bauen den Ikonen den moralischen Sockel. Dieser hehre Podest sowie die Botschaften des Idols in Musik, Bildern und Text erleichtern im Gegenzug den Fans die Deutung der Wirklichkeit. – Hoffen wir nur, dass Taylor Swift mit ihren Abermillionen Followern nicht plötzlich nach rechts abdreht! Die Masse des Zuspruchs im Promi-Kult lässt gleichzeitig die Relevanz von Widerspruch gegen Hetze und Kontrafaktizität sinken. Hinweise auf faktische Gegebenheiten wirken dann eher wie Spielverderber im Meer des Wohlgefallens und gehen in den Kommentarspalten unter.

Dass sich im Stelldichein der einseitigen Deutungen und der brennenden Bedürfnisse, sich als wohlsituierte Künstler*in aus der Ferne unbedingt zum Nahostkonflikt und zu Gaza zu äußern, dass sich in dieser Reihe der „Darlings“ auch für ihre musikalische Intelligenz bekannte Formationen wie Massive Attack (Foto oben) finden, die immer artifizieller werdende Björk oder die anarcho-feministische Ikone Pattie Smith – das ist hart. „Kill your darlings?“, fragen die Autor*innen im Buch zu Recht.
Beim Gespräch in Leipzig, leider ohne mögliche Publikumsbeteiligung, kündigten sie an, dass beim Lesen von Lauter Hass wohl einige musikliebende Herzen brechen werden. Nun ja, vielleicht nicht ganz. Aber nach dem Buch blickt man etwas anders auf die eigenen Playlists oder ins CD-Regal…



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