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„WAHNHAFTER EIGENTUMSRAUSCH“ – Die Philosophin Eva von Redecker sucht eine Theorie des „neuen Faschismus“ und nimmt Adorno und Arendt mit

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„Warum kann sich dieser Mist überhaupt ausbreiten?“, fragt sich Eva von Redecker in einem Radiointerview zu ihrem neuen Buch Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (Frankfurt/M 2026). Im Rahmen der Buchmesse stellte sie den Band im gut besuchten Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum vor. Vor dem Gebäude steht die Bronzeplastik Der Jahrhundertschritt (1984) von Wolfgang Mattheuer: mit ihrer gleichmacherischen Verbindung von faschistischem und kommunistischem Gestus ist diese Figur ein Exempel bildgewordener Begriffsverwirrung.

Die Philosophen Félix Guattari und Gilles Deleuze definierten Philosophie als das Verfahren der Erfindung von Begriffen. Genau dies tut Eva von Redecker. Der von ihr geprägte Terminus „Bleibefreiheit“ hat bereits breiten Eingang in Diskurse zu Migration, Ökologie und Solidarität gefunden. In Dieser Drang nach Härte sucht sie nun nach Kriterien, um die gegenwärtigen Erscheinungsweisen des Faschismus in den Griff zu bekommen. Dieser sei individualistischer, weniger auf Kollektive als an eigenen Anspruchshaltungen ausgerichtet. Vielleicht sogar weniger gewalttätig, „weil Menschen glauben, dass sie [die Gewalt] ihnen von oben abgenommen wird“, wie sie im Interview mit der Zeitung der Freitag sagt. Es entspricht ihrem Selbstverständnis als Philosophin, dass sie sich dezidiert auf einem eher abstrakten Level bewegt. Zur Stärke des Buches gehört jedoch, dass sich beim Lesen problemlos konkrete Beispiele mitdenken und finden lassen.

Ihre Argumentation und Diagnostik beziehen sich stringent auf Aspekte unserer Gegenwart. Eine Überraschung ist dabei, dass die Philosophin als durchgehende Begleiterinnen auf den Pfaden ihres Denkens Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) sowie Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung (1944) dabei hat. Besonders die zarten Hoffnungsaspekte, an die sie in der pessimistischen Düsternis des brachialen Werks Dialektik der Aufklärung erinnert, animieren zu einem Wiederlesen dieser philosophischen Fragmente. Wahrscheinlich hätte das Buch aber auch ohne diese in die USA emigrierten Gewährsfrauen und -männer funktioniert. Das Foto unten zeigt Hannah Arendt 1944, das Jahr, in dem Adorno und Horkheimer ihr gemeinsames Opus magnum schrieben, das vom Umschlagen der Aufklärung in den Mythos handelt.

Dieser Drang nach Härte wartet somit als Aktualisierung klassischer Faschismustheorien auf, denen die Philosophin durch luzide Re-Lektüren überraschend gegenwärtige Seiten abgewinnt. Die neue Sichtung der frühen Theorien hält sie für produktiver als ein weiteres Auflisten historischer Analogien und Merkmale, wie sie jüngere Zugänge auszeichnen. Denn, meint von Redecker, es sei keineswegs selbstverständlich, dass Analogien beim Erkennen der neuen Phänomene hilfreich sind.

Ihre Argumentation bezieht die Auswirkungen des Neoliberalismus, den sie mit seiner Zerstörung sozialer Schutzmechanismen als „bewusste Fortsetzung eines apokalyptischen Kapitalismus“ beschreibt, ebenso ein wie die Deformierungen von Sprache und Begriffsvermögen durch Soziale Medien, Chatbots und KI. Diese seien lediglich imstande, aus geschredderter Menschensprache eine krude „Plastiksprache“ zu produzieren, die sie, mit Arendt, an Adolf Eichmanns klischeehafte Sprache vor Gericht erinnert. (Der SS-Offizier Eichmann, Logistiker des Holocaust, bleibt im Buch einer der seltenen expliziten Bezüge auf den Nationalsozialismus.)

Die Wirrnis undurchschaubarer Strukturen, die zu einer „Verflixung“ (Entfremdung) führen, wird ebenso verhandelt wie die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die bekanntlich Katalysator des globalen Rechtsrucks war. In ihrem Nachleben macht Redecker eine Erosion des Vertrauens in Recht und Regularien aus, welche sich etwa als „vorauseilender Zynismus“ äußert, der Wahrheit und Sinnhaftigkeit verächtlich mache. Auch die Ökologie spielt in den Ausführungen der bekennenden Ökofeministin, die in einer Brandenburger Landkommune lebt, eine große Rolle. Dies ist eine Leerstelle in den meisten Faschismustheorien. Dass es eine faschistische Tradition auch in dieser Sphäre gibt, verschweigt von Redecker nicht mit Hinblick auf die antisemitischen „Landvolk“-Symbole während der Bauernproteste 2021. Der neue gegenwärtige Faschismus, konstatiert die Autorin ohne Illusionen, schreibe sich durch seine gnadenlos fortgesetzte „Naturtraumatisierung“ „in die Erdgeschichte ein“.

Nicht alle Kapitel des Buches freilich sind gleichermaßen fesselnd. Mitunter schweift die Verfasserin ab, kommt gar ins Plaudern, bevor sie zur strengen Begriffsarbeit zurückfindet. Gewisse Wünsche bleiben offen, wenn zum Beispiel die Erscheinungsformen des digitalen Faschismus in seiner Bandbreite zu wenig thematisiert werden. Der digitale Faschismus, den etwa Simon Strick in Rechte Gefühle (2021) luzid analysierte, operiert eben nicht nur über Schriftsprache, sondern auch (oder vor allem?) über Bilder, Memes und KI-generierte Photos (sowie über Musik- und andere Kulturen). Die besondere Wirkmacht visueller Medien für die Herstellung faschistischer Phantasmen (Feindbilder) gerät bei von Redecker zu wenig in den Blick.

Nun soll bündig ihre Argumentation nachgezeichnet werden. „Faschistische Tendenzen wohnen einer kapitalistischen Ordnung immer als Möglichkeit inne.“, sagt von Redecker in direktem Anschluss an ihre philosophischen Lieblinge der Kritischen Theorie. Mit ihrem Buch liefert sie einen originellen Zugang zur altbekannten Frage nach dem Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus. Ein Schwerpunkt ihrer Argumentation liegt dementsprechend auf einer Deutung der kapitalistischen Eigentumslogik. In den Operationen der Herstellung von Eigentum, die mit Aufspaltungen (wertvoll/wertlos) und Verdinglichungen einhergeht, erblickt sie bereits die Grundlage einer potenziellen Eskalation ins Faschistische: „Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Sein Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.“ In der modernen Eigentumskonzeption von „Sachherrschaft“ macht von Redecker eine wichtige Inspiration für den neuen Faschismus aus: bis hin zur statthaften Zerstörung ist im neoliberalen Kapitalismus die absolute Verfügungsgewalt über das Eigentum rechtlich ebenso abgesichert wie dessen gewaltsame Verteidigung. Der Faschismus könne daher in der neoliberalen Wirtschaftsordnung bereits „Trittbrett fahren“.

„Die Gewalt der Faschist*innen feiert die Ekstase des Eigentums.“ – Die Philosophin führt gleich zu Beginn als prominenten Begriff den „Phantombesitz“ ein. Damit fasst sie eine Vielzahl von Fiktionen, die sich um eingebildeten Besitz, um Quasi-Eigentum drehen. Dieses definiert sie als „eingeübte oder ererbte Anspruchshaltung“. Wichtig ist die Betonung des Fiktionalen dieser vermeintlichen Besitzstände, zu deren entschiedener Verteidigung der Faschismus anstiftet. Denn Faschismus sei, so von Redecker, „liquidierende Phantombesitzverteidigung“. Mit dieser Formel hat sie einen weiteren Begriff geprägt, der sich halten wird in der Diskussion. Rechte Mobilisierung rufe unermüdlich und panisch den Ausnahmezustand aus, um verloren geglaubte Werte, vermeintlich gestohlenen „Phantombesitz“ – sei es das Vaterland, die deutsche Sprache, die binäre Geschlechterordnung – zu verteidigen oder zurückzuholen. Und zwar in einem Überlebenskampf bis aufs Messer. In dem sind alle Mittel recht, denn der Faschismus operiere „im Modus der Selbstverteidigung“.

Viele Menschen schleppen, das leuchtet unmittelbar ein, „Phantombesitz“ herum. Also die Vorstellung, dass ihnen etwas eigentlich gehöre, zustehe oder weggenommen wurde/werde. Das gibt es auch ohne Faschismus. Dieser bläst derlei Gefühlslagen dann jedoch systematisch zum Bedrohungszustand auf. Die wichtigste Beigabe des Faschismus zu den bereits vorhandenen Einbildungen ist das Präparieren von Phantasmen. Von denen geht die Gefahr aus. Die Feinde, das weiß man aus psychoanalytisch orientierten Theorien, sind ebenso phantasiert wie der imaginäre Besitz, auf den sie es abgesehen haben. Sie sind Projektionen der eigenen Gier. „Pathische Projektion“ heißt das bereits bei Adorno/Horkheimer. Die Feinde sind Imaginationen, Konstrukte, „ohne Anker in der Realität“.

Ohne dass es die Philosophin so explizit sagt, wird in dem Buch deutlich, dass es sich bei faschistischem Denken und Fühlen um Wirklichkeitsverkennungen handelt. Im Grunde sind es Wahnvorstellungen. Auf fatale Weise förderlich ist dabei das, was von Redecker, Adorno folgend, „Reflexionsausfall“ nennt, also die Abkehr von Korrektiven in der Wirklichkeit. In fingierten Bedrohungsszenarien belagern die Feinde immer schon das Areal des Eigenen, in dem die „faschistische Seele“ sich eingeschlossen und verrammelt hat. Die Zeit drängt, um den bereits stattfindenden Angriff abzuwehren. Das AfD-Plakat auf dem Foto unten hat das schützende Haus, das eigentlich ein Kerker des Eigenen ist, gebaut aus Hitler-Grüßen.

Der Faschismus, der aus autoritärer Abwertung bestimmter Menschengruppen hervorgeht, jongliert heute, betont von Redecker, mit neuen, indes ebenso „zusammengestrickten“ Hassobjekten: neben den diversen Modifikationen des Antisemitismus sind es weitere Fixierungen, auf die sich rechte Mobilisierung wirft und, im Fall der „liquidierenden Phantombesitzverteidigung“, zur physischen Auslöschung anstachelt: Homosexuelle, Muslime, Transmenschen, Behinderte, Ökoaktivist*innen etc. Die müssen weg. Sie sind sogenannte „Abjekte“. „Alles zu hassen ist offenbar sehr viel leichter, als allem in seiner Besonderheit gerecht zu werden.“, vermutet die Philosophin, die mit ihrer Lebensgefährtin in der ostdeutschen Provionz bisher zum Glück noch nicht zum Hassobjekt der Rechten wurde.

Von seinen historischen Vorläufern unterscheidet sich der neue Faschismus auch darin, dass er abgeschlossen habe mit der Zukunft. Er agiert in einer leeren Gegenwart, einer „Unzeit“, wie von Redecker schreibt. Kein „Tausendjähriges Reich“ wird mehr herbeifabuliert. Es geht knallhart um das Jetzt. Ausverkauf letzter Ressourcen, finale Selbstbedienung vor dem Untergang. Der „Endzeitfaschismus“ des „drill, baby, drill“. Jetzt noch abgreifen, was da ist, dabei das Eigene, und sei es in den meisten Fällen eben nur halluzinierter „Phantombesitz“, verbittert verteidigen: wahnhafter Eigentumsrausch. An diesem erkennt man den neuen Faschismus und seine krude Willkür- und Herrschaftslogik.

„Was hat das mit der Härte im Titel Ihres Buches auf sich?“, fragte eine abendliche Besucherin im Leipziger Forum. Ich selbst hatte den Härte-Titel vor dem Hintergrund eigener Vorstellungen vom Wesen des Faschismus unmittelbar eingängig gefunden: hatte nicht Klaus Theweleit in seiner wegweisenden Studie Männerphantasien (1977/78) von „Körperpanzern“ geschrieben, die sich der faschistische „soldatische Mann“ zulegt in psychischer Abwehr bedrohlicher Ströme (Frauen, Jüdisches) und aus der Angst heraus, sich selbst aufzulösen? Hatte nicht der Reichsführer-SS Heinrich Himmler 1943 in Posen vor seiner Killertruppe davon geschwärmt, dass die in aller „Anständigkeit“ vollzogene Pflicht des massenhaften Mordens sie „hart gemacht“ habe? Ist Faschismus nicht grundsätzlich charakterisiert durch die Abwertung alles Schwachen, Weichen und „Kranken“? Durch das Beschwören stählerner Härte und des nachahmenden Exerzierens einer vermeintlich ebenso erbarmungslosen Natur, in der das Recht des Stärkeren regiert?

Die Ansätze möglicher Gegenstrategien, die sie auf den allerletzten Seiten ihres Buches skizzieret, bleiben vage. Es war der Philosophin ja um ein Verstehen der Lage zu tun, nicht um praktische Rezepte. Und mit ihr, meine ich, versteht man durchaus die Verfasstheit der Gegenwart ein wenig besser. Nach so viel Arbeit am Begriff verblüfft am Ende die Frage der Autorin, ob der Faschismusbegriff überhaupt gebraucht werde oder im antifaschistischen Kampf nützlich sei.

Von Redeckers Vorschläge für einen Gegenfaschismus zielen in eine probate Richtung, da sie nicht dazu rät, dem omnipräsenten „Drang nach Härte“ den ebenso knallharten Kampf anzusagen, der ebenfalls über Leichen geht und Menschen zu Sachen degradiert. Widersprechen, Freundlichbleiben, notfalls Weggehen könnten schon Statements sein.

Statt auf Hohn und Spott möchte sie auf einem solidarischen Miteinander von Gleichen und das Festhalten an der Bedeutung von Wahrheit und Sinn bestehen. Neben dem Stellenwert von Sorgearbeit und Reproduktion von Leben betont die passionierte Gärtnerin die lebenspendende, zyklisch-regenerative Arbeit der Natur, die Neoliberalismus und Faschismus unentwegt zugrunde richten. Die im menschengemachten Klimawandel sich entfaltende Zerstörungskraft könnte ein zukünftiger Faschismus, befürchtet von Redecker, in seine eliminatorischen Phantasien gezielt einbauen. Indem zugelassen wird, dass „unerwünschte“ Bevölkerungsgruppen auf vermeintlich „natürliche“ Weise in den entfesselten Elementen (Wirbelstürme, Fluten, Brände) zugrunde gehen. Die aus diesen verwüsteten Regionen „zu uns“ fliehenden Menschen prallen dann auf jene harten Mauern, die weitere faschistische Phantasmen und Schreckensvisionen unterdessen hochgezogen haben…

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.