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PINGPONG. Czollek und Haruna-Oelker gehen auf die „Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ – und finden vor allem sich (2026)

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Auf Seite 146 heißt es dann Pingpong. Genauer: „Empowerment-Pingpong“. Der Begriff passt gut, denn das von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker gemeinsam verfasste Buch Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur (Frankfurt/M 2025) hat die Form eines Ballspiels. Die Dialog-Struktur des Textes, teils eine Art Briefwechsel, schließt an den dynamischen Charakter von Trauer und Turnschuh an. Das Buch kommt indes weniger gut gelaunt daher als dieser Podcast, bei dem die beiden schon vor einigen Jahren zusammenarbeiteten. Die wechselnden Schreibpositionen der Autor*innen, die ihre Situation und Verfasstheit schildern, dienen (auch) der wechselseitigen Bestärkung. Hier wird neben einer „neuen Erinnerungskultur“ auch Trost gesucht hinsichtlich der vergangenen Enttäuschungen.

Ein wenig Melancholie steckt da schon drin. Das Buch soll eine Gegenerzählung sein „zu den Verlusten, die aktuell an so vielen Orten gefühlt werden“. Alles auf Anfang versucht sehr persönliche Gefühlslagen mit einer luziden Zeitdiagnostik zusammenzubringen. Überwiegend gelingt das den Autor*innen. Wäre da nicht die „Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ im Untertitel. Diese Suche führt die beiden Autor*innen nämlich nicht sehr weit auf wirklich unbekanntes Terrain.

Nun kurz zu dem Buch. Als „eine Art Logbuch der Gegenwart“ hält es gleichsam ein langes Zwiegespräch der afrodeutschen Journalistin/Soziologin Haruna-Oelker und des jüdischen Publizisten/Dichters Czollek fest. Darin geht es um „unser Entsetzen, unsere Einsamkeit, unsere Ängste und unsere Versuche, mit dieser Gegenwart umzugehen“. Die Autor*innen nehmen „ein geteiltes Wissen, nicht in der Mehrheit zu sein und gerade deshalb klarer zu sehen“, für sich in Anspruch. Erinnerungskultur, das wird schnell deutlich, heißt hier nicht nur Gedenken an die Verbrechen des Holocaust, sondern schließt das Nachdenken über Denkweisen mit ein, die eine Gewaltgeschichte möglich machten, in der neben dem Kolonialismus und Formen des Rassismus und Antisemitismus die Ausgrenzung von Minderheiten eine wichtige Rolle spielten, noch immer spielen.

In einem dichten Parforceritt bietet das Buch einen Abriss der Ereignisse, Debattenkulturen und Diskurse der letzten Jahre: Es geht besonders um das jähe Ende des vielversprechenden „postmigrantischen Jahrzehnts“ sowie um eine Erinnerungskultur, die das „Generationenprojekt“ einer deutschen Selbstkritik hinter sich gelassen hat. Nach Meinung beider Autor*innen ist sie gescheitert und zu einer „ErinnerungsLeitKultur“ geworden, in der sich Deutschland als „Erinnerungsweltmeister“ gefalle, der sich zudem nur ungern in seiner Selbsterzählung stören lässt. Ist der Aufstieg der völkischen AfD – trotz und wegen ihrer laufenden „Skandale“ – nicht tatsächlich der schlagende Beweis einer missglückten (oder aufgegebenen) „Aufarbeitung“ der deutschen Gewaltgeschichte? Sollte Erinnerungskultur nicht eigentlich die Wiederkehr von „Auschwitz“, d.h. eine Wiederholung der Gewalt und ihrer diversen Erscheinungsweisen zu verhindern wissen?

Das Buch erinnert in diesem Zusammenhang an die rechtsextremen Angriffe auf Asylsuchende und Vertragsarbeiter*innen (z.B. Rostock-Lichtenhagen), und Czollek, für den Deutschland „immer auch eine Drohung“ war, wundert sich tatsächlich, „dass wir die Rückkehr der Gewalt bis heute aufhalten konnten“. Dass die Erfolge der AfD auch ein Medieneffekt sind, die durch fatale Unterstützung medialer Funktionslogiken (Stichworte: false balance, framing) zustande kamen, konstatiert die Journalistin Haruna-Oelker überzeugend. Sie plädiert in diesem Zusammenhang dafür, der von Rechten genutzten Falle einer vermeintlichen Wahrung von „Neutralität“ mit einer klaren Positionierung zu begegnen. Demokratie verpflichte geradezu zur Parteilichkeit.

Die Thesen im Buch zur deutschen Erinnerungskultur, die ja besser Gedenkkultur heißen sollte, kennt man aus Czolleks bisherigen Publikationen. Gegenwartsbewältigung (2020) oder Versöhnungstheater (2023) führten dazu, dass sich der Name Czollek bei vielen auf „klug“ reimt. Auch in Alles auf Anfang jongliert der Berliner gern mit dem bei Eike Geisel (1945-1997) produktiv entwendeten Begriff der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ nach ihren einmaligen Menschheitsverbrechen. An wirklich „lebenden“ Jüdinnen und Juden, das heißt einer Gruppe aus eigensinnigen Individuen, habe das postnazistische Deutschland kein Interesse, meint Czollek ganz in der Tradition des „Gedächtnistheaters“ von Y. Michal  Bodemann (1944-2025). Das deutsche Gedenken sei ohne „entsprechende Praxis“, es gehe um das eigene Wohlgefühl im wohlfeilen „Erinnern“. Was eben nicht ausschließt, dass der Antisemitismus anderer sofort lautstark in den Fokus gerückt wird (Beispiel Documenta 15). Der Tumult wird sodann als moralische Selbstbestätigung verbucht. Was freilich nicht heißt, dass kritikwürdige Umstände nicht angesprochen werden sollen, sie sollten nur, fordert der Autor, in ein Verhältnis gesetzt werden mit den eigenen ausgrenzenden Äußerungsformen (Sprache, Bilder etc.)

Czollek macht sich explizit Gedanken, ob nicht schon im Attest des „Gutseins“ das Problem liegt: Das eigene Gutsein impliziere ja ein Schlechtsein der anderen und verstelle zudem den Blick auf den „hausgemachten Nazismus“ im eigenen Land (NSU-Komplex). Dies spitzt sich zur These zu, „dass die Rhetorik der Erinnerungskultur zu einem Legitimationsinstrument für einen gesellschaftlichen Rechtsruck geworden“ sei. Es mag eingewandt werden, dass es die eine Rhetorik der einen Erinnerungskultur schwerlich gibt, ebenso wäre zu fragen, ob letztere wirklich derart monolithisch und bankrott ist. (Kritisiert wird jedoch, das sollte man nicht vergessen, besonders der offiziöse Teil der Erinnerungskultur: die leeren Rituale, Gedenkfeiern etc.) Das Schöne an steilen Thesen ist, dass die Besteigungsversuche zu gewinnbringenden Einsichten führen (können).

Besonders die Polarisierungen, die der Hamas-Überfall auf Israel am 7.10. im Umfeld der beiden Autor*innen bewirkte, förderten schmerzliche Erkenntnisse zutage: Linkssein geht zusammen mit Empathielosigkeit, Judesein schließt nicht per se aus, sich rassistisch zu äußern, Freunde, für die der Begriff der „Intersektionalität“ immer wichtig war, können ignorante Arschlöcher werden. Die radikale Selbstreflexion beinhaltet dann Einsichten wie diese: „Ist ja nicht so, als stünde man automatisch aufseiten der Guten, nur weil man links ist oder Diskriminierung erlebt oder eine sensiblere Sprache verwendet.“ Oder beide registrieren ihr „Privileg – im Nicht-privilegiert-Sein“, was beinhaltet, das unangenehme Gefühl der „Kompliz*innenschaft“ inmitten der Sicherheiten des westlichen Lebensstils aushalten zu müssen.

Wie sieht nun aber der Reset aus, den beide Autor*innen mit ihrem „Alles auf Anfang“ zu fordern scheinen? Im Grunde geht es einmal mehr darum, zivilgesellschaftliches Engagement stark zu machen und „notfalls ohne oder gegen die Politik aufrechtzuerhalten.“ Alles auf Anfang ist vor allem ein „Plädoyer für Verbundenheit gegen eine vielbeschworene Opferkonkurrenz“. Geht es den beiden um ein „multidirektionales“ Erinnern, das vielfältige Opferperspektiven und Erzählungen zugunsten einer „gruppenübergreifenden Solidarität“ einbezieht, wie es der US-Forscher Michael Rothberg schon 2009 vorgeschlagen hatte? Rothberg wies auf die Bedeutung der „sich überschneidenen, interethnischen und transnationalen Erinnerungen“ hin, die die Narrative der Holocaust-Erinnerung ergänzen, ohne mit diesen in einen Kampf um Vorherrschaft treten zu müssen. (Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2021.)

Haruna-Oelker und Czollek sehen, durchaus im Sinne Rothbergs, „Verbundensein als Konzept“, mit dem in einer „Schule der Empathie“ ein „Blick von den Rändern“ entwickelt werden kann. Es geht darum, „in Fahrt zu kommen“, um Strukturen zu verändern, die eigene Familiengeschichte zu recherchieren (siehe meinen Beitrag zu Susanne Siegerts Buch), intergenerationale Zusammenhänge zu begreifen und sich „fit zu machen für die Komplexitäten der gesellschaftspolitischen Welten“.

„Die plurale Gesellschaft ist heute auf dem besten Wege, die deutsche Erinnerungskultur neu zu gestalten.“, liest man hier. Hinsichtlich der Gestalt, die diese „neue Erinnerungskultur“ annehmen könnte, bleibt das Buch jedoch sehr vage, ist eher enttäuschend. Wenn man tatsächlich erwartet hat, dass die Suche zu einem exakten Ergebnis führt. Doch wie kann ein derart umfassendes gesellschaftliches Teilsystem wie eine „Erinnerungskultur“ überhaupt mit einem Resetbutton, den man wohl viel eher in neurechten Kreisen herbeisehnt, in Verbindung stehen?

Alles auf Anfang ist eher eine Metapher für das Neuausloten der eigenen Position(en) inmitten der gegenwärtigen Verwerfungen. Eine Sichtung der aktuell verfügbaren Ressourcen, eine Bestandsaufnahme. Auch eine Selbstvergewisserung, bei der es jeweils auf der einen Seite des Pingpong-Tisches „klick macht“. In allem sind sich die beiden Spieler*innen dabei einig – nicht wahr, Hadija?; genau, Max!. Das nimmt erheblich die Spannung aus dem Match, das keines ist. Ein wenig mehr Reibungshitze hätte Spaß gemacht.

„Wir schreiben jetzt die Erinnerung von morgen.“ Ja, das liest sich gut – und dennoch stellt sich irgendwann eine gewisse Ungeduld ein. Ein paar konkretere Anregungen für eine gesellschaftliche Praxis hätten dem Buch, das dahingehend schlau auf einer Meta-Ebene bleibt, durchaus gutgetan…

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.