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„SEELISCH KRANKES UNTERHOLZ“ (T. HARLAN) – Bericht von der Bildungsreise „Euthanasie und Holocaust im besetzten Polen“ (2025). Teil 2: Chelmno und der Weg dorthin

11–17 Minuten

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Der merkwürdige Satz mit dem Unterholz stammt vom Schriftsteller Thomas Harlan (1929-2010). Als Sohn des berüchtigten NS-Regisseurs Veit Harlan (Jud Süß, 1940) wuchs er nicht allzu weit von der Stätte des ersten NS-Vernichtungslagers auf und hegte eine gewisse Besessenheit für dieses Kulmhof am Ner, wie Chelmno nad Nerem auf Deutsch genannt wurde. Chelmno liegt etwa 80 km nordöstlich von Lodz. Erbaut wurde es vor allem für die Ermordung der Ghetto-Bevölkerung, ein typisches Vorgehen der Nazis.

Es gibt gleich mehrere Chelmnos in Polen, zudem darf es nicht verwechselt werden mit der polnischen Stadt Chelm (auch Cholm). Dort fanden 1940-41 ebenfalls Morde an Patient*innen statt, und die Täter betrieben hier im Kontext der NS-„Euthanasie“ im „Altreich“ (die „Aktion T4“ in zunächst sechs Tötungsanstalten) ein Standesamt zur Verschleierung.

Im rumpelnden Bus höre ich noch einmal das zweiteilige Hörspiel Reise nach Kulmhof (2001), das auf Harlans erstem Roman Rosa (2000) basiert. In Kulmhof, dem wir uns von Lodz aus über den kleinen Ort Kolo annähern, wurden zwischen 1941 und 1944 mindestens 150.000 Menschen ermordet. Harlans surreale Sätze hallten in mir wider, als ich im Sommer 2022 und nun im Herbst 2025 über das Gelände laufe. Doch dazu später, noch sind wir nicht dort. Der Weg dorthin ist ebenso wichtig.

Bevor wir unsere finale Reisestation erreichen, hält unser Bus in einem Wald. Er liegt bei Kleczew in der Nähe der Ortschaft Kazimierz Biskupi. Hier gibt es drei Massengräber mit den Überresten von etwa 3000 Menschen. Gedenksteine stehen dort, eine relativ neue Infotafel, die die Verbrechen an diesem Ort in mehreren Sprachen erläutert. Im Oktober 1941 war dieser Wald Schauplatz eines Massakers, in das das „Sonderkommando Lange“, dem wir in Teil 1 begegnet sind, nunmehr systematisch jüdische Menschen einbezog.

Der Wald ist als Punkt der Reflexion und Zusammenfassung der Reise gut gewählt. Denn hier verbanden sich exemplarisch die beiden Mordprogramme der „Euthanasie“ (die Tötung von Patient*innen) und des Holocaust. Dass sich besonders im „Wartheland“ Dynamiken verdichteten, die zu dem führten, was wir heute Holocaust nennen, machte ein eindrücklicher Moment der Fahrt deutlich. Von vielen wurde er als „Aha“-Effekt erlebt: Wir blicken im Herbstlaub des friedlichen Waldes auf eine Zeitleiste. Sie zeigt die Ereignisse, die sich vor allem 1940/41 häuften, überschnitten, „synergetisch“ verstärkten, praktisch ermöglichten: Versuche mit Tötungsmethoden, Vorbereitungen für den Bau mehrerer Todeslager, Massaker, Bürokratie. Ein Panoptikum der keineswegs linearen Entscheidungsprozesse der Täter.

Himmlers Besuch einer Heilanstalt im fernen Minsk „fehlt mir“, sein diesbezüglicher Mordbefehl, dazu die Suche nach „humaneren“ Mordmethoden – „human“ nur für die Täter, die massenhaft in Gruben voller zitternder Menschen feuern. Parallel zum vermeintlichen Stopp der „Euthanasie“ im „Altreich“ (August 1941) gab es neuerliche Vergasungsversuche in einem Krankenhaus in Mogilew (Belarus). Die filmt man sogar: https://www.youtube.com/watch?v=0HjsZ9fzpxg (Bilder dieses Films werden 1978 in der einflussreichen TV-Serie Holocaust aufgegriffen, dort aber irreführend mit „Hadamar“ verbunden. Man sieht hier einen Motor, der über Schläuche mit einem freistehenden festen Gebäude verbunden ist, in das Patient*innen geführt worden waren.)

Alles schießt zusammen. Allmählich formte sich Mitte 1941 die vielgestaltige Kontur des Unternehmens der Ermordung und Beraubung aller Jüdinnen und Juden Europas.

Die Beschreibungen des Massakers von Kleczew durch Überlebende gehört zum Schrecklichsten, was sich lesen lässt. Die Grausamkeit der Täter, die Menschen in Gruben mit Löschkalk verätzten, erschlugen, in den Gaswagen erstickten oder erschossen, bleibt unfassbar. Man findet diese grausigen Berichte an eher verstreuten Stellen, ich möchte darauf nicht weiter eingehen.

Wir verlassen den Wald. Der Bus fährt weiter, drinnen ist es auffallend still.

Zurück zur Reise nach Kulmhof. Wie kamen die Opfer in diese Vernichtungszentrale? Auf recht unterschiedlichem Wege. Von der Kleinstadt Kolo etwa, wo wir als nächstes haltmachen. Hier war ich 2022 ebenfalls schon einmal. Die damalige Reisegruppe wurde übrigens, ein Glücksfall, begleitet von Leon Weintraub, der das Ghetto „Litzmannstadt“ überlebt hatte. Weintraub, der noch immer zwischen Schweden und Polen pendelt, ist mit seiner deutschen Gattin unterwegs und in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Happy Birthday, Leon! (Noch einmal an dieser Stelle.)

Kolo, eine unscheinbare Kleinstadt, ist für den Kontext der Reise wichtig, da von hier eine Schmalspurbahn in die Nähe des Vernichtungslagers führte. Kulmhof hatte keinen direkten Bahnanschluss. Die ersten Transporte gingen von Kolo im Dezember 1941 mit insgesamt etwa 800 Jüdinnen und Juden ab. Die Bahn mit den lorenartigen Anhängern – davon gibt es heimlich gemachte Fotos – wurde auch für Opfer aus anderen Ortschaften genutzt. Die Kolonnen der Opfer übernachteten vor ihrer Ermordung in Kulmhof oft in dem großen Gebäude der Zawadka-Mühle am Flussufer der Ner.

Um eventuelle Überreste dieser Mühle, die in Lanzmanns Film Shoah (1985), in dem Kulmhof sehr präsent ist, als Ruine zu sehen ist, entspann sich auf der Reise eine interessierte Diskussion. Zumindest der junge Mitarbeiter Pjotr der Gedenkstätte Kulmhof wird mir erzählen, dass auf dem dortigen Privatgelände noch Grundmauern zu sehen sind. Via GoogleEarth kann man das erahnen.

Bevor wir endlich in Kulmhof ankommen, springe ich in der Reise-Zeit etwas zurück. Der zentrale Knotenpunkt für die Deportation der Jüdinnen und Juden vom Ghetto „Litzmannstadt“ nach Kulmhof ist der Bahnhof Radegast (benannt nach der slawischen Gottheit „Radogost“). Er liegt am nördlichen Stadtrand von Lodz. In direkter Nachbarschaft befindet sich der jüdische Friedhof, er ist einer der größten der Welt. Von 1896 bis 1944 fanden hier 45.000 Begräbnisse statt. Unter den hier Ruhenden entstammen 25% der Ghetto-Bevölkerung, die durch Hunger, Krankheit und Suizid gestorben war: Das Ghetto-Gräberfeld listet 43527 Gräber auf.

Auf dem Friedhof haben wir etwas Zeit zum Herumlaufen. Das Grab des Jugendlichen Dawid Sierakowiak, der ein lesenswertes Ghetto-Tagebuch hinterließ, sieht auffallend neu aus neben den verwitterten Steinen daneben. Leider reicht dann schon wieder die Zeit nicht, um sich eingehender die Fotoausstellungen in der Totenhalle anzusehen, wo in einem Nebenraum eine neue Ausstellung zu Kulmhof gezeigt wird.

Der 1918 gebaute Güterbahnhof Radegast, wo sich heute eine Gedenkstätte befindet, wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem Umladepunkt. Ab Dezember 1941 führten dann „Umsiedlungen“ vom Gefängnis und dem Ghetto auf Schienen Richtung Kulmhof. Bis September 1942 gab es vier Massendeportationen (70.000 Menschen), wie Tafeln informieren. Nach der gewaltsamen Auflösung des Ghettos (Juni bis Juli 1944) folgte eine neuerliche Deportationswelle mit 7000 Opfern, bevor im August 1944 die letzten Jüdinnen und Juden von „Litzmannstadt“ in das Vernichtungszentrum Auschwitz-Birkenau gebracht werden (67.000). Einige von ihnen wurden in KZ weitertransportiert, daher stehen in Radegast diverse Destinationen auf großen Stelen, die jüdischen Grabsteinen nachempfunden sind.

Die Gedenkarchitektur von Radegast gibt mir weiterhin zu denken. Der „Turm der Erinnerung“ erinnert überdeutlich an einen Fabrikschlot, und die langen Schienenstränge, die an der Decke des langen Tunnels verlaufen, der auf den Schornstein zuführt, beschwören die Vorstellung eines Holocaust, der vor allem in „Todesfabriken“ stattfand. Es sind wiederkehrende Metaphern, wie der einsame Waggon, der auf den Schienen der Station steht (und den man früher noch betreten konnte).

Nur für die Hälfte der Opfer des Ghettos „Litzmannstadt“ sind diese ikonischen Symbole passend. Für die andere Hälfte brachten die Gaswagen von Kulmhof, Gewalt bei Razzien, Hunger und Krankheit einen gewaltsamen Tod.

Doch nun endlich zu Kulmhof. Chelmno nad Nerem. Wie gesagt, das erste Vernichtungslager der Nazis. Ein Lager im landläufigen Sinne war es nicht. Als „Gaswagenstation“ bezeichnete es der Historiker Wolfgang Scheffler. In der Geschichte dieses „Lagers“ werden eine „Schlosszeit“ und eine „Kirchenzeit“ unterschieden. Dies liegt an der Nutzung des „Schloss“ genannten mehrstöckigen Gutshauses, direkt an der Straße am Rand des Dorfes. Dieses Gebäude diente als Schleuse für die zumeist ahnungslosen, systematisch getäuschten Opfer. Die Menschen mussten verwinkelte Gänge durchlaufen, sich entkleiden und über eine Art Rampe in die bereitstehenden Gaswagen steigen. Dies geschah nicht selten mit brutaler Gewalt.

Über Schläuche wurden die Abgase der LKW in den „Kastenaufbau“ geleitet. Ob im „Standgas“ gemordet wurde oder auf der Fahrt zum Massengrab, lässt sich nicht abschließend klären. Es existieren Aussagen zu beiden Versionen. Auch dazu, dass es zu Pannen kam, Gaswagen gar auf der Landstraße umkippten, explodierten und „Fracht“ verloren. Mitunter vergifteten sich sogar die Fahrer, die zum Teil namentlich bekannt sind (etwa Gustav Laabs, an dessen deutsche Tür Lanzmann in den 1970er Jahren pochen wird). Was da mehrmals täglich hin und her fuhr und qualvollen Tod brachte, war in der Gegend ein offenes Geheimnis: die „Seelentöter“.

Das „Schloss“ diente, wie die nahe Kirche, als Depot für das Eigentum der Opfer sowie als Gefängnis für die Zwangsarbeiter. Später, 1944, wird die Kirche als Gefängnis für die Opfer zum Vorraum der Vernichtung. Das „Schloss“ hatte man gesprengt, um Spuren zu tilgen. Der neuerliche Besuch von Kulmhof führt diesmal auch zur Kirche in Sichtweite des „Schlosses“. Das hatte ich 2022 leider versäumt.

Schon in Kulmhof hatten die Nazis die perfide Idee eines „Sonderkommandos“ aus „Arbeitsjuden“, die unter Todesdrohung bei der Vernichtung (genauer: der Beseitigung der Leichen) und der Verwertung der Habseligkeiten helfen mussten. Der Holocaust war eben auch ein gigantischer Raubmord. Einige der polnischen Zwangsarbeiter, die die Täter aus der Zeit des Fort VII (Poznan) mitgenommen hatte und die in der mobilen Phase vor Kulmhof Gasflaschen schleppen und Gräber ausheben mussten, überschritten offenbar die Grenze zur Kollaboration. So der Kapo Henryk Mania (der wichtige Augenzeuge der Vergasungen im Fort VII). Sie hatten Freundinnen im Dorf, tranken und feierten. Es gibt Berichte, dass es sich die deutsche Wachmannschaft, die ab März 1942 unter dem SS-Offizier Hans Bothmann (1911-1946) stand, außerordentlich gut gehen ließ im Dorf.

Unter den Angehörigen der jüdischen „Sonderkommandos“, die im etwa drei Kilometer entfernten „Waldlager“ als Totengräber an riesigen Massengräbern arbeiten mussten, ist das ausführliche und genaue Zeugnis des Geflüchteten „Szlamek“ (Slama Ber Winer) besonders kostbar. Es gehört zur besonderen Tragik dieses Menschen, dass er später in Belzec ermordet wurde. Unter dem Titel The World Will Tremble wurde 2025 die Geschichte der Flucht von Winer und Mordechaj Podchlebnik in Form eines Spielfilms verarbeitet. https://www.jewishnews.co.uk/two-men-tried-to-save-the-jews-but-no-one-listened/

Zum Umstand, dass Kulmhof nach wie vor das unbekannteste aller NS-Todeslager sein dürfte, trug bei, dass es nur sehr wenige Überlebende gab (ähnlich wie bei dem genannten Mordlager Belzec). Der Großteil der letzten „Arbeitsjuden“ von Kulmhof wurde 1944 ermordet, was zu einem Aufstandsversuch führte. Im Film Shoah sieht man Simon Srebnik (1930-2006), der Kulmhof als Jugendlicher knapp überlebte (er wurde eigentlich mit den anderen „erschossen“), gleichsam als Wiedergänger am Rande eines Massengrabes (!) balancieren. Wie vieles bei Lanzmann ein gespenstisches Bild.

Das Gedenkstättengelände, das als „Muzeum Kulmhof“ firmiert, bietet in einem kleinen Museum eine aktuelle Dauerausstellung, seit 2024 gibt es endlich den Katalog dazu. Von den originalen Gebäuden existiert auf dem Areal, an das ein kleiner Bauernhof grenzt, noch eine ehemalige Scheune (hinten im Bild).

Das Fundament des einstigen „Schlosses“ lässt sich von einem Laufsteg aus überblicken. Man gewinnt eine vage Vorstellung der räumlichen Struktur. Vom ehemaligen Gutshaus an dieser Stelle findet man im Internet alte Fotos.

Das zentrale Mahnmal ist das kolossale Betongebilde in der Nähe des einstigen „Waldlagers“. Es ist die „Kranzabwurfstelle“ für Gedenkveranstaltungen. Dorthin fährt man die gleiche Straße wie ab 1941 die hin und her pendelnden Gaswagen. Leon Weintraub begleitete uns, und ich habe keine Ahnung, wie sich das für ihn angefühlt haben muss. Ich fragte ihn leider nicht. Das Foto zeigt Leon in der Nähe des Monuments bei Chelmno.

Es ist empfehlenswert, sich nicht allzu lange bei dem überdimensionierten Mahnmal aufzuhalten. Diesmal, im Herbst 2025, baute das schwindende Tageslicht einen gewissen Zeitdruck auf. 2022 noch bei strahlendem Sonnenschein unterwegs, lief ich nun fast in der Dämmerung über das riesige Areal mit seinen Lichtungen, auf denen die Massengräber durch eine Umgrenzung aus Steinen gekennzeichnet sind. Hier erkundete jede*r für sich den leisen Ort. Diverse Monumente und zahlreiche individuelle Gedenktafeln mit Fotos erinnern an Opfergruppen, Herkunftsorte und Angehörige.

„Im Wald / gab es 3 / Autos die die Hölle / genannt wurden“, ließ Harlan in seinem Roman Rosa sagen. Das seltsame Buch lehnt sich an die reale Person Rosza Peham an, die mit dem deutschen Wachmann Franz Maderholz liiert war. (Dazu gibt es ebenfalls ein Hörspiel: Die Akte Rosa Peham, BR 2001). In seinem Roman hatte Harlan über merkwürdige Veränderungen in der Pflanzenwelt rund um das „Waldlager“ geschrieben. Von einer „Atemnot des Bodens“, einem „seelischen Schock“ des „schwermütigen“ Waldes, von „Depressionen“ der Pflanzen. Das Mordgeschehen sei „in das Innere der Moleküle als Erinnerung vorgestoßen“: „Erbkranke, sie alle.“ Diese Sätze kann man als Metaphern lesen, indes gibt es in der Tat Untersuchungen, wie etwa von Roma Sendyka (Krakau), die morphologische Veränderungen der Flora an Stätten des Holocaust thematisieren.

Zur Geschichte von Kulmhof gehört die Vernichtung der Spuren des Massenmords. Für die „Aktion 1005“, die diese gewaltige Vertuschung unter Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter und Scheiterhaufen zu bewerkstelligen suchte, hat Kulmhof eine besondere Bedeutung. Hier experimentierte der SS-Offizier Paul Blobel (1894-1951) mit Methoden der Einäscherung (die er später mit zu anderen Tatorten in ganz Osteuropa nahm). Ein sogenannter „Feldofen“, den der Täter Walter Dejaco ersonnen hatte, eine primitiv gemauerte Verbrennungsgrube, kam in Kulmhof zum Einsatz, um Knochenmehl zu produzieren.

Die anfangs nur verscharrten Leichen wurden „enterdet“ und verbrannt. Die zerstoßene Asche wurde entweder wieder in Gruben geschüttet oder im Wald verstreut. Tatsächlich stellte eine Untersuchungskommission nach dem Krieg fest, dass sich die Vegetation um Kulmhof besonders üppig ausnahm. Ein Umstand, der mich erneut an Harlans Bemerkungen zum Wuchern der dortigen Pflanzenwelt denken ließ (Steinpilze so groß „wie Hüte“) und zu den Gerüchten passt, dass Menschenasche als Dünger an die Bevölkerung der umliegenden Dörfer verkauft worden war. Mehrere Aussagen deuten darauf hin, dass die Täter Säcke mit gemahlener Asche im nahen Fluss entsorgten, mitunter von der Brücke der besagten Mühle von Zawadka.

In den Massengräbern von Kulmhof liegt somit nur ein Teil der Asche der Opfer. Dies ist ein Umstand, der vor dem Hintergrund jüdischer Beerdigungsriten zusätzlich Grund zur Trauer gibt. Der Weg der Asche wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Ich erinnere mich, ein assoziativer Hechtsprung, in diesem Kontext an die bisweilen rabiaten Proteste gegen eine Aktion des Kunstkollektivs Zentrum für politische Schönheit. Ihre 2019 in Berlin installierte Säule hatte (vermeintlich?) menschliche Asche aus Auschwitz-Birkenau enthalten. Anlass für jüdische Aktivist*innen, den Behälter wütend mit schwerem Werkzeug zu bearbeiten. Im Zuge ihrer missglückten Aktion, die eigentlich auf einen „Verrat an der Demokratie“ hinweisen wollte, publizierte das Kollektiv um den Philosophen Philip Ruch einen lesenswerten Text mit dem Titel Der Weg der Asche. https://politicalbeauty.de/sucht-nach-uns.html

Ich bin am Ende des Berichts angelangt. Abschließend spreche ich die Empfehlung aus, an solchen Bildungsreisen teilzunehmen, die „dunklen“ Orte aus eigener Anschauung kennenzulernen. Gern nahm ich den Umstand in Kauf, im Pulk unterwegs zu sein. Das ist sonst nicht so meins. Ein weiteres Mal ergaben sich interessante und gewinnbringende Bekanntschaften…

Über diese Links lassen sich z.B. Bildungsfahrten buchen:

https://bildungswerk-ks.de

https://whatmatters.de/de/home.htm

Es folgt eine Liste ausgewählter Literatur zum Komplex „Euthanasie & Holocaust“, dazu etwas aus der Vielzahl der Bücher über das Ghetto „Litzmannstadt“ sowie zum Todeslager Kulmhof:

Henry Friedländer, Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin 1997.

Christopher Browning, Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpolitik, München 2003.

Osterloh/Schulte, „Euthanasie“ und Holocaust. Kontinuitäten, Kausalitäten, Parallelitäten, Paderborn 2021.

Osterloh/Schulte/Steinbacher, „Euthanasie“-Verbrechen im besetzten Europa. Zur Dimension des nationalsozialistischen Massenmords, Göttingen 2022.

Bailer/Wetzel, Mass Murder of People with Disabilities and the Holocaust, Berlin 2019.

Cameron A. Munro, Engineered for Mass Murder: The Nazi Gas Vans 1939-1945, Berlin 2025.

Alex J. Kay, Das Reich der Vernichtung. Eine Gesamtgeschichte des nationalsozialistischen Massenmords, Darmstadt 2023.

Langebach/Liever (Hg.), Im Schatten von Auschwitz. Spurensuche in Polen, Belarus und der Ukraine: Begegnen, Erinnern, Lernen, Bonn 2017.

Sara Berger, Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, Hamburg 2013.

Parzer/Rotzoll/Schulze, Die besetzte Anstalt. Die Psychiatrie in Kocborowa (Polen/Westpreußen) und ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg, Köln 2019.

Andrej Angrick, „Aktion 1005“. Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-45, 2 Bde., Göttingen 2018.

Ganzenmüller/Utz, Orte der Shoah in Polen. Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum, Köln/Weimar/Wien 2016.

Morsch/Perz/Ley (Hg.), Neue Studien zur nationalsozialistischen Massentötung durch Giftgas, Berlin 2011.

Ruta Sakowska, Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, Berlin 1993.

Jäckel/Rohwer, Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg, Stuttagart 1985.

Adalbert Rückerl (Hg.): Nationalsozialistische Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse. Belzec, Sobibor, Treblinka, Chelmno, München 1977.

Loewy/Bodek (Hg.), „Le Vrais Riches“. Notizen am Rand. Ein Tagebuch aus dem Ghetto Lodz (Mai bis August 1944), Leipzig 1997.

Oskar Rosenfeld, „Wozu noch Welt?“. Aufzeichnungen aus dem Ghetto Lodz, Frankfurt/M 1994.

Gumkowski (Hg.), Briefe aus Litzmannstadt, Köln 1967.

Das Ghettotagebuch des Dawid Sierakowiak. Aufzeichnungen eines Siebzehnjährigen 1941/1942, Leipzig 1993.

Lucille Eichengreen, Rumkowski, der Judenälteste von Lodz. Autobiographischer Bericht, Hamburg 2000.

„Unser einziger Weg ist Arbeit“. Das Ghetto in Lodz 1940-1944, Frankfurt/M 1990.

Manfred Struck (Hg.), Chelmno/Kulmhof. Ein vergessener Ort des Holocaust?, Berlin 2001.

Shmuel Krakowski, Das Todeslager Chelmno/Kulmhof. Der Beginn der „Endlösung“, Göttingen 2007.

Patrick Montague, Chelmno and the Holocaust. The History of Hitler´s First Death Camp, North Carolina 2012.

Chris Webb/Artur Hojan, Chelmno Death Camp, Stuttgart 2019.

Grzanka/Grzanka, The Shadow of the Holocaust. The Beginning of the Operation of the German Kulmhof Death Camp in Chelmno-on-Ner, Chelmno 2016.

Kulmhof. The Beginning of the Holocaust. Permanent Exhibition Catalogue, Chelmno 2024.

Stadtarchiv Stralsund (Hg.), Stralsunderhefte für Geschichte, Kultur und Alltag, Stralsund 2024.

Stanislaw Lem, Das Hospital der Verklärung, Frankfurt/M 1975.

Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt/M 1983.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.