GEHEN+DENKEN [!]

DIY-GEDENKARBEIT oder „ICH BIN AUCH TEIL VON DIESEM GEDÄCHTNISTHEATER“ – Die Internetaktivistin Susanne Siegert auf Lesereise, mit Station im Conne Island (8.2.2026)

8–13 Minuten

To read

Sollte eines Tages ein gut sortierter Buchladen für das noch zu gründende Genre „Kritik der Erinnerungskultur“ einen Regalmeter bereitstellen, ließe sich Susanne Siegerts Buch „Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ (München 2025) problemlos dort platzieren. Es würde dann neben allen Büchern von Max Czollek stehen, einem oder zwei von Per Leo, Maxim Biller, vielleicht auch Aleida Assmann und Harald Welzer, mit etwas Abstand zu Ulrike Jureits „Gefühlte Opfer“. Die Bücher von Eike Geisel, etwa „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“, sollten dann mit einer freundlichen Empfehlung des besagten Buchladens angepriesen werden. Das überaus kritische Buch „Gedächtnistheater“ (Hamburg 1996) von Y. Michal Bodemann, auf dessen provokanten Titel sich Siegert und Czollek gern beziehen, wäre dann schon schwieriger. Aber nur schlicht darum, weil es vergriffen ist.

Zur Vorbereitung der Lesung der in Bayern aufgewachsenen Susanne Siegert, seit einem guten Jahrzehnt Wahl-Leipzigerin, hatte ich mir noch einmal einige Radio-Interviews von 2025 angehört sowie ein paar Clips auf Instagram geschaut. Für letztere ist die Gewinnerin des Grimme Online Awards 2024 bekannt; vor allem die beträchtliche Reichweite ihres (etwas irritierend benannten) Kanals @keine.erinnerungskultur von 203 Tsd. (=203.000) Followern wird stets betont. Auf der Plattform TikTok sind es nochmal so viele. Ihr populärwissenschaftlich angelegtes Buch ist flüssig geschrieben und reißt eine breite Palette von Themen an. Es wirkt wie die gedruckte, ausgewalzte Fassung ihrer ebenfalls gezielt in zugänglicher Sprache gehaltenen Videos. An wen wendet es sich? An alle. Und: „Ich rechne mit gar keinem Vorwissen.“

Ihre Videos versteht die preisgekrönte „deutsche Millenial“ als „minikleine Fernsehbeiträge“, die sie „noch hundert Jahre jeden Tag“ machen könnte. Mit den (notwendig) kurzen, rasant geschnittenen Clips voller aufploppender Verweise, Pfeile und Markierungen, immer begleitet von einem high-speed-Kommentar der wortgewandten Journalistin zu vielfältigen Themen des Nationalsozialismus, traf und trifft sie ganz offenkundig den richtigen Ton. Sie hat die richtige Form gefunden, um vor allem junge Menschen (50 % ihrer Follower sind unter 25 Jahre jung) für das spezifische Thema zu interessieren. Untertitelt ist der Kanal folgerichtig: „Mit dem, was du in der Schule NICHT über Nazi-Verbrechen lernst“.

Zum Glück hatte ich, wie gesagt, noch einmal in die Radio-Interviews (NDR, SWR) gehört. Denn die Mischung aus Lesung und lebhaftem Vortrag, die am 8.2. im linken Kulturzentrum Conne Island in Leipzig-Connewitz vor einem großen, altersmäßig gemischten Publikum stattfand, blieb deutlich hinter den Intentionen zurück, die ich in Siegerts Gesprächen und ihrem Buch erkennen möchte. Vielleicht lag es am Fokus der Lesung, den sie diesmal auf ein stark autobiographisches Kapitel legte. Es kann sein, dass dieser private Aspekt am Wunsch einiger im Publikum vorbeiging, über Grundlagen einer innovativen Praxis von Gedenken zu reden. Auch ich hätte mich mehr über Theorie und Begriffsarbeit gefreut. Zumindest hatte das der denkerische Buchtitel versprochen.

Mein Kommentar hier ist eine Mixtur, ein mediales Potpourri aus Höreindrücken der Radio-Mediathek, aus Video-Schnipseln, einer Lektüre des Buches und dem Besuch der Veranstaltung. Einen Extrakt dessen, was Siegert an der gegenwärtigen „Erinnerungskultur“ bemängelt, bekommt man jedoch am nuanciertesten auf dem akustischen Wege. Mir scheint, die gesprochene Sprache ist ihr Medium. In den Radio-Interviews macht sie klar, dass „Erinnerung“, darauf brachte sie ein Podcast mit Jens-Christian Wagner (Leiter der Gedenkstätte Buchenwald), ein ziemlich schiefer, unpassender Begriff ist. Wer erinnert denn? Und wer erinnert noch? Ist Erinnern nicht eine subjektive Erfahrung, die ein Erleben oder Erleiden voraussetzt? Kann und darf man sich als Nachkomme von Täter*innen des Holocaust an diesen überhaupt „erinnern“? Ist das nicht anmaßend? Siegert zieht den Begriff „Gedenkarbeit“ vor, in dem steckt zugleich die Anstrengung, die mit wirklichem Gedenken einhergeht. Da gehe ich vollkommen d´accord mit ihr.

Siegerts Ansatz, das gibt sie unumwunden zu, ist ein „sehr privater“. Es geht darum, was vor der „eigenen Haustür“ passierte. Sie plädiert für die Verschiebung der Perspektive, weg von einer, wie sie meint, vorherrschenden Fixierung auf ikonische Verbrechensorte wie „Auschwitz“, auf gängige „Holocaust icons“ (Stacheldraht, Waggons, Schornstein, Schienen) oder auf die berühmten Nazi-Schergen mit „H“ (Hitler, Himmler, Heydrich). Hin zu einem lokalen Blickwinkel, der die Tatorte vervielfältigt und neue Opfergruppen sichtbar macht. Gedenkstätten können, meint Siegert, diesen wichtigen Bezug zum eigenen Leben nicht wirklich herstellen, sie bleiben Orte, wo man Schuld und Schrecken abladen kann. Sie fänden allzu oft keinen Anschluss an die Lebensrealität junger Menschen. Vor allem, weil viele dieser Bildungseinrichtungen auf der Ebene der „digitalen Erinnerungskultur“ noch Dinosaurier seien, kein übergreifendes Konzept in dieser Richtung hätten.

Im Buch schreibt sie, dass die „kleinen, regionalen Tatorte[n]“ eine „große Chance“ für eine „persönliche Erfahrung“ böten, „sich diese Antworten selbst erarbeiten zu müssen, so gut es eben geht“. Anstatt der allzu bequemen Möglichkeit nachzugeben, „Antworten auf diese Fragen durch Hinweisschilder, Mitarbeitende [von Gedenkstätten] oder Ausstellungen vor Ort zu bekommen“. (S. 81) Es geht Siegert offenbar um einen DIY-Ansatz: selbst suchen, selbst recherchieren, selbst in Beziehung setzen. Natürlich gern mit anderen zusammen. Ausgangspunkt ist die persönliche Recherche, ob als Spaziergang, Grabung oder, es gibt so viele Möglichkeiten, online-Suche via Arolsen Archives oder Bundesarchiv. Siegert zeigt dankenswerterweise genau, wie einfach das im Grunde ist: Suchmaske ausfüllen und dann auf Antwort warten. Zum Teil sind ihre Videos ganz praktisch orientierte Tutorials. Siegert betont, dass das vielbeschworene Ableben der letzten Überlebenden nichts daran ändert, dass sehr viele Zeugnisse und Dokumente erhalten sind, auf die man zugreifen kann (ein Aspekt, der mir auf der Lanzmann-Konferenz am 9./10.2. in Berlin, vgl. meinen Beitrag dazu, überdeutlich klar wurde).

Der subjektive Ansatz ist, denke ich, zugleich Stärke und Schwäche dieses postulierten „Neudenkens“. Der Ansatz, in seiner/ihrer Umgebung mit der Suche zu beginnen, der ist ja nun keineswegs neu (Stichwort: Geschichtswerkstätten). Worin besteht hier das „neu denken“? Natürlich lässt sich jede Menge Familiengeschichte wie mit einem Bohrturm ans Tageslicht fördern, nicht weniges davon gewiss schwarz und unschön. Wie aber schlägt sich dann der Bogen zum Holocaust, zum größeren Zusammenhang? Das hat eine Person im Publikum nach der Lesung/Gespräch neulich zu Recht gefragt. Die Antwort von Siegert blieb unbefriedigend. Außerdem: nicht jedes KZ, das ist so, war unmittelbar und notwendig ein Teil jenes umfassenden Mordprogramms der Nazis, das wir heute Holocaust oder Shoah nennen.

So gesehen, muss sich vielleicht weniger das „Erinnern“ an den Holocaust ändern als die Wahrnehmung von Mikrozonen in unserer Gesellschaft, die weiterhin voller Spuren, sprachlichen Rückständen und biographischen Bezügen aus und zu Nazi-Deutschland sind. Es geht darum, fordert Siegert, unbekannte Orte aufsuchen, die nicht „wie ein KZ aussehen“, also nicht dem medial fabrizierten Bild einer „Todesfabrik“ entsprechen. Die Betonung dieses Aspekts hat gewiss mit dem zu tun, was sie immer wieder neu erzählt, weil sie immer wieder danach gefragt wird: wie fing es an im März 2020? Ja, es war das Gelände eines Außenlagers des KZ Dachau (Mühldorfer Hart), heute ein unscheinbares Waldstück mit nur wenigen Überbleibseln, das sie in der unmittelbaren Nähe ihres Heimatortes beeindruckte. Das war die Initialzündung. Kurz davor lag ein Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (die in Polen bekanntlich „Staatliches Museum“ heißt). Vielleicht war es genau dieser Kontrast, der frappierte: friedlicher Hain mit Löchern und Gerümpel hier vs. Riesengelände mit Baracken, Gaskammertrümmern, Schienensträngen und Fotowänden dort.

Die Analyse der gegenwärtigen Erinnerungslandschaft, wenn man es Analyse und nicht eher Eindruck nennen will, deckt sich durchaus mit der vieler Menschen, zum Teil auch meinen Wahrnehmungen. Nicht wenige Mitarbeitende von Gedenkstätten und Institutionen sehen das sogar genauso: es dominieren leere „Nie-wieder!“-Reden nebst Kranzabwürfen an fixen Gedenktagen, „inhaltsleere Skripte“ werden von innerlich unbeteiligten Funktionären heruntergelesen, die meisten Rituale wirken hölzern und hohl. Zudem dienen sie vielfach ganz anderen Zwecken. Es ist oft Erinnerungspoitik und nationale Repräsentanz. Das hat man alles schon gelesen.

Der Begriff des „Gedächtnistheaters“, bei Bodemann entliehen, manchmal wird er zum „Gedenktheater“, drängte sich förmlich auf. Was Bodemann u.a. wütend machte, war die freche Vereinnahmung jüdischer Erfahrung durch deutsche Täter*innen-Nachkommen in einem rituellen Zirkus. Das hat Czollek ohne viel Innovatives zum „Versöhnungstheater“ weiterentwickelt. „Theater darf es bleiben“, sagt Siegert im Radio, Rituale haben ihre Daseinsberechtigung, nur müsse man sie eben modernisieren und „hinterfragen, was im Rahmen des Theaters passiert“. Reflektiert räumt Siegert ein, dass sie selbst mit ihren Videos und nun auch dem alten Medium Buch „ein Teil dieses Gedächtnistheaters“ sei. Dieser ehrliche Blick auf die eigene Rolle und ihre „inszenierte Dimension“ (S. 12) gefällt mir.

Mit manchen ihrer verkürzten Deutungen der Gegenwart bin ich jedoch nicht einverstanden. In ihrer Präsentation im Conne Island zog sie auf ihren PowerPoint-Folien „Trennstriche“, die betont keine Schlussstriche sein sollten. Da standen sich, sehr dualistisch, immer zwei Sichtweisen gegenüber: alt (bisher) und neu (DIY). Doch glaubt sie wirklich, dass „unser“ Bild der Überlebenden heute noch vom unwissenden Vorwurf bestimmt ist, dass ihre vermeintliche Widerstandslosigkeit sie „wie Schafe zur Schlachtbank“ laufen ließ, dass sie nur Opfer waren? (S. 120). – Anmerkung: Das mit den „Schafen“ oder „Lämmern“ war ein böses Wort aus dem Munde des Ghetto-Kämpfers Abba Kovner (1918-1987). Es brauchte die zahllosen Aussagen der Überlebenden im Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961), um den bitteren Vorwurf der in Israel Geborenen gegenüber den vermeintlich schwachen Holocaust-Überlebenden zu revidieren. Hinsichtlich „jüdischer Rache“ ist mittlerweile so einiges populär (Netflix etc.)

Wir sollen, da rennt sie offene Türen ein, Überlebende auch als „unbequem“ und „unversöhnlich“ akzeptieren, nicht nur als Verkünder humaner Botschaften und des Glaubens an „das Gute im Menschen“ (Anne Frank). Ein Plakat mit der Anregung „Seid Menschen!“ der Überlebenden Margot Fiedländer war mir vor kurzem auf der Antifa-Demo aufgefallen. Das klingt doch irgendwie ziemlich naiv, oder? Holocaust-Überlebende werden, das stimmt schon, mitunter als Orakel der Versöhnung missbraucht. Die Frage bleibt, von wem und warum.

Noch ein Punkt: denkt Siegert wirklich, dass heute immer noch die prominenten „Nazi-Schergen“ mit Hitler als Spitzen-Ganoven „das „unser“ Bild des NS prägen? Dass ein Drittel der Befragten in Deutschland die eigenen Vorfahren gern als Widerstandskämpfer*innen phantasiert, heißt nicht zwingend, dass nicht mittlerweile doch ein Bewusstsein dafür besteht, dass der NS eine flächendeckende Veranstaltung war, in der sich die „Volksgemeinschaft“ selbst feierte und potentiell alle (Mit-)Täter*innen gewesen sein können.

Mit ihrer Diagnose der Gegenwart, die einige Diskurse aus dem Nachkrieg aufkocht, hinkt Siegert mitunter etwas hinterher. Oder anders gesagt: sie simplifiziert, um besser Trennstriche ziehen zu können. Trennstriche vereinheitlichen, das weiß sie selbst, immer das, wovon sie abgrenzen wollen. Vorher/nachher-Logik. Man entdifferenziert, um Pointen zu setzen. Das kann durchaus gewinnbringend sein. Dennoch: Das Problem an derlei fluxen Bestandsaufnahmen der Gegenwart bleibt der pauschalisierende Blick auf eine vermeintlich einheitliche „Erinnerungskultur“. Die wird implizit zu einem Monolithen gemacht, den man ad hoc beschreiben kann. Mir scheint, der offizielle Part, das offiziöse ritualisierte Gedenken, das zweifellos oft sehr trist ist, wird fürs Ganze genommen. Die zahllosen Initiativen, die bereits bestehen, seien es Vereine, Schulprojekte, lokale Forschungen und internationale, oft ehrenamtliche Kooperationen etc. werden ausgeblendet – oder, wie bei Siegert, als innovativer Ansatz mit dem Tamtam des „Neudenkens“ aufs Tapet geholt. Vielleicht hat der Verlag den aufschneiderischen Titel verordnet? Siegerts Auftreten und Sprache habe ich als bescheiden und aufrichtig wahrgenommen.

Die Aktivistin hat völlig recht damit zu betonen, dass man aus Gedenkstätten keineswegs notwendig geläutert oder als besserer Mensch herauskommt. Diesen Verwandlungsauftrag, etwa in Form von Schulausflügen, an Institutionen oder Denkmale zu delegieren, ist in der Tat heuchlerisch. Bleibt noch zu fragen, wie es um die Plattformen steht, derer man sich für eine „digitale Erinnerungskultur“ bedient, wenn Gedenkstätten es nicht oder nur unzureichend bringen. Ist Instagram nicht ein „oberflächliches“, auf schnelles Swipen ausgelegtes Verblödungswerkzeug, eine Datenkrake, die zudem einem trump-affinen Techkonzern gehört? Vom dämlichen TikTok ganz zu schweigen? Geht es immer darum, die Leute da „abzuholen“, wo sie gerade chatten und daddeln? Muss man sich Ihrer Rezeptionsweise um jeden Preis anpassen? Aufmerksamkeitsökonomie heißt das dann. Ich bin hier unentschieden, aber es stimmt wohl, dass man „diese“ Medien „nicht den Rechten überlassen“ darf.

Was die Form betrifft, die diese Medien dem Diskurs aufzwingen, hat der Radio-Reporter mit seiner Frage recht, ob man da nicht gleich „Gas geben“ (!) müsse. Damit die Leute nicht sofort gelangweilt weiterwischen. Ja, sagt die Influencerin, gleich der erste Satz, und das kann sie gut, muss packen. In den ersten Sekunden entscheidet sich, ob die Leute das kurze Video überhaupt bis zu Ende sehen. Ob sie das tatsächlich tun, weiß man im Grunde auch nicht, höchstens durch Kommentare. Von denen hat Siegert schon viele bekommen. Tatsächlich wenig Unangenehmes aus der rechten Ecke; dafür viel Zuspruch.

Es bleibt kompliziert, auch wenn das Buch leicht zu lesen ist und die Videos, Susi Siegerts „minikleine Fernsehsendungen“, auf dem Display (allzu) schnell am Auge vorbeiziehen.

Hinterlasse einen Kommentar

Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.