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„MEINE PERSÖNLICHE ABSURDITÄT“ – Beim Herumblättern in den Comics von Robert Crumb. Aus Anlass des Vortrags von Andreas Platthaus in Leipzig (2026)

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„Eros, Macht, Märkte“ endete gestern in der Nationalbibliothek. Als krönender Abschluss einer jedes Semester von der Leipziger Universität veranstalteten Vorlesungsreihe (studium universale) war Andreas Platthaus zu Gast. Der Journalist (FAZ), Comic-Experte und bekennende „Donaldist“ sprach über das Werk der amerikanischen Comic-Legende Robert Crumb. Dabei stellte er die Bedeutung des Eros, der Sexualität, ins Zentrum seines Vortrags. Die springt bei Crumb, dem „Vater der Underground comics“, förmlich ins Auge. Platthaus, offenkundig neben seinem Gott Carl Barks (1901-2000) ein Bewunderer Crumbs, konnte für seinen Vortrag auf eine einzigartige Sammlung zurückgreifen, die die Nationalbibliothek 2022 aus dem Nachlass des manischen Sammlers Armin Abmeier erworben hatte. Der trug zahllose Schätze der US-Underground-Comicszene zusammen, die in der Bibliothek zu bestaunen sind.

Das sprudelnde Stoßreferat des eloquenten Autors nahm ich zum Anlass, noch einmal in Crumbs Werk herumzublättern. Zumindest in dem, was bei mir noch davon übrig ist und nicht auf einem Flohmarkt gelandet war. Ich gestehe gleich zu Beginn: nicht wenig in diesem umfangreichen Opus wirkt auf mich heute eher peinlich, vor allem die omnipräsenten Sex- und Gewaltphantasien. Die ins Bild gesetzten Vergewaltigungen. Crumbs Werk, bevor es in den 1990er Jahren offizielle Museums- und Galerieweihen empfing, wurde, vor allem von Frauen, lange als ein Werk wahrgenommen, in dem Weiblichkeit auf fleischliche Attribute reduziert wird, die unentwegt als Zielscheibe männlicher Zugriffe, Grabscherei und Verdinglichung fungieren. Es scheint strichgewordener Sexismus. Chauvinismus aus Tusche. Umso schlimmer, als in den Bilderfolgen die geifernden Attacken schwitzender Kerle auf stereotyp dargestellte Frauenkörper immer nur halbherzig abgewehrt und so einige strips als zynische Verharmlosung sexualisierter Gewalt gelesen werden können. Dass Platthaus das gestern nebenher „Scheinvergewaltigungen“ nannte, lass ich ihm durchgehen, manchmal ist der Mund schneller als das Gehirn, und seine Zunge ist flott.

Auf Crumbs Comics, zuerst wahrscheinlich das kultige „Fritz the Cat“ (1967-1972), stieß ich erst vor etwa 30 Jahren. Zu einer Zeit, als der legendäre Künstler mit Familie, die zweite Gattin und ebenfalls Comic-Künstlerin Aline Kominsky sowie Tochter Sophie, in Südfrankreich lebte und sein Ruf als Kunstgröße gefestigt war. Im Jahr 2000 hatte die Illustration einer wortgetreuen „Genesis“ (Bibel) Crumb ein Honorar von 300.000 $ beschert; da wird der strikteste Atheist schwach. Der seit den 1970er Jahren gutverdienende, 1943 in Philadelphia als mittleres Kind einer katholischen Familie geborene Robert Crumb war 1993 den unverschämten Steuerforderungen der US-Behörden nach Europa entflohen. Der Vater, ein Ex-Marine, hatte wenig Verständnis für die künstlerischen autodidaktischen Marotten gleich mehrerer seiner Kinder aufbringen können.

Die Verlage „Zweitausendeins“ und „März“, geschäftstüchtige Zerfallsprodukte der deutschen Studentenbewegung, fluteten in den 1980er und 1990er Jahren den Büchermarkt mit Crumb-Sammelbänden, Faksimiles seiner zahllosen „Sketchbooks“ und Anthologien von US-Comics der 1960er und 1970er. Sehr vieles ist mittlerweile im Kunstverlag TASCHEN erschienen. Wie kaum ein zweites Werk ist Crumb mit der Hippie-Ära verbunden. In den Heftchen war die Welt noch überschaubar und in Ordnung: Es gab dope heads, mitunter miese LSD-Trips, fiese Schweinebullen und Frauen, die sich nicht so zierten und „Emanzen“ sein wollten. Alles war groovy. Einfallstor ins crumb´sche Universum war bei mir der krude Animationsfilm „Fritz the Cat“ (1972) von Ralph Bakshi. Sowas hatte man als Zeichentrick noch nicht (im Kino) gesehen. Ich hatte den Film auf Video. Der psychedelisch-transgressive Streifen spülte enorme Geldmengen und Aufträge in Crumbs Haus. Der Schöpfer hatte sich bis dato mit Kleinauflagen und Glückwunschkarten durchgeschlagen. Die im Eigendruck gefertigten Comic-Hefte, die in einer kleinen Community Gleichgesinnter (Männer) entstanden, verkaufte er für wenige Cents, so eine schöne Legende, aus einem Kinderwagen auf der Straße (etwa die „ZAP-Comix“). Den Kinofilm, ein nicht jugendfreier Kassenschlager über die Abenteuer eines umtriebigen, dauergeilen Katers, der ziellos zwischen WG-Orgien, Polizeigewalt und krummen Dingern herumirrt, hasste Crumb bekanntlich. „Er hat gestunken.“, meinte er. Das war nicht sein anarchischer Fritz! Grund genug für den kompromisslosen Zeichner, seine frivole Katze in der letzten gezeichneten Comic-Episode 1972 sterben zu lassen.

In Crumbs Sex-Universum werden Frauen, stets wandelnde anatomische Karikaturen aus strammen Waden, klobigen Stiefeln, ausladenden Hinterteilen, langen Haaren und Puppengesicht (in dieser Reihenfolge), von betont mickrigen Männlein bestiegen. Die labilen Zwerge klammern sich verzweifelt an den wuchtigen Frauenbeinen fest, masturbieren sich an den zugehörigen Lackstiefeln oder trachten sehnsüchtig danach, im gewaltigen Po des „Prachtweibs“ zu versinken. Buchstäblich. Hat die deutsche Übersetzung, die hier „Po-Po-Possen“ anbietet, zur schlüpfrigen Atmosphäre dieser Panels beigetragen? Wahrscheinlich schon. Oder findet jemand, dass „Sally Wabbelarsch“ ein lustiger Name ist?

Crumbs Plots kommen nicht selten als body horror, als organischer Schrecken mit ausgeprägtem Ekelfaktor daher: es gibt neben explodierenden Köpfen und zerfließenden Visagen auch danteske Landschaften aus Gesichtern, die brutal breitgetreten werden. Körperlose Schlünde am Boden gieren nach Fellatio, Körperöffnungen triefen –Splat! – und dünsten tierische Gerüche aus. Nichts für Zartbesaitete. Zahllose Beispiele ließen sich anführen, in denen es um lupenreinen Schuh- und Fuß-Fetischismus geht.

In diesem Kompendium der Obsessionen, die Crumb in den Tintenstift diktiert werden, scheint eine gehörige Portion Sexualangst zu stecken. Der Künstler mit seiner Brille aus Glasmurmeln, der hageren Gestalt im schlabbrigen Anzug mit Dauerhut sieht aus wie der Inbegriff des Nerds. Er hat das Zeichnen als „eigene Sextherapie“ bezeichnet, die ihn von Zwängen befreien sollte. Im Grunde sind es die Frauenfiguren, die in seiner Vision nur aus Volumina zu bestehen scheinen, die machtvoll in sich ruhen, wie die Nanas der Niki de Saint-Phalle. Von ihnen geht eine Kraft aus, die ich hier nicht „naturhaft“ nennen möchte. Jedenfalls scheinen sie die Männer keineswegs nötig zu haben, die sich unentwegt an sie heranmachen, meist mit Gewalt ihre Nähe suchen. In Crumbs schräger Zeichen-Welt sind es alberne Kerlchen, die sich, allesamt alter egos des Künstlers, an und auf den müden Riesinnen abarbeiten. Die Frauenkörper sind wahre Gebirge für die triebhaften Bergsteiger mit ihrer tiefsitzenden Angst vor Impotenz.

Szene aus Zwigoffs Film: Crumb beim Foto-Shooting in einem Pornoverlag

Es stimmt wohl: Crumb war ein Masochist. Er hat nicht gezögert, sich den damit einhergehenden Fetischismus, die Anomalie, immer wieder neu auszumalen. Seine Comic-Adaption der „Psychopathia sexualis“ des Psychiaters Krafft-Ebing (im Sammelband Nausea) muss ihm ungeheuren Spaß gemacht haben. Sodomie und Selbstverachtung. Crumb liebte das Klein- und Ausgeliefertsein, das Bangen um Erlaubnis. Er imaginiert sich nicht nur einmal als Kind an (Mamas?) großem Busen. Platthaus berichtet aus eigener Anschauung, wie Crumbs selbstbewusste Gattin und Künstler-Partnerin Aline Kominsky (gestorben 1922) für ihn die Bühne bereiten, bei lästigen Vernissagen mit den schrecklich vielen Menschen das Feld eruieren musste, bevor der schüchterne Meister still eintrat.

In Terry Zwigoffs einfühlsamem Film-Portrait (1994) ist Crumb als sensibler Künstler zu sehen, der in Anwesenheit anderer Menschen auffallend häufig lacht; man spürt die Verlegenheit dahinter. Man sieht Crumb mit Zeichenbuch auf der Straße, ein Dokumentarist der Straße, verblüffend treffende Portraits zeichnend, sitzend beim Plausch mit dem Bruder, der Mutter oder mit Freundinnen. Zahlreiche weibliche Stimmen sind bei Zwigoff versammelt. Man erfährt, dass Crumb – will man das wissen? – 4-5mal am Tag onaniert(e). Das erinnert an einen weiteren „großen Masturbator“ der Kunstgeschichte, den Surrealisten Salvador Dalí, der ebenfalls ein eigenwilliges Verhältnis zur Sexualität unterhielt. Von Crumb, der den „bullshit of fame“, also Ruhm und Zaster, immer mit Achselzucken quittierte, unterscheidet sich der gierige Faschist Dalí freilich erheblich.

Trotzdem: Das Infantil-Jungenshafte der exaltierten Erotik von Crumbs Kästchenwelt, in der es vor allem um den „Ärger mit den Frauen“ geht, stößt einem weiterhin unschön auf. Es sind eben doch Männerphantasien. Hatte ich mal darüber lachen können? Ich kann mir keineswegs sicher sein, dass ich beim damaligen „Lesen“ (schon) unangenehm berührt war von diesem frivolen Humor, der auf den wirklich meisterlich gezeichneten Seiten kredenzt wird.

Crumbs Werk, das ist das große „Aber“, ist bei all dem überaus vielfältig. Diese eigentlich nostalgische Welt eines vergangenen Amerika dreht sich um Einsamkeit, Macht, Gewalt, um Selbstzweifel, Ängste und Begierden. Doch Crumb ist kein Sozialkritiker, kein Mahner oder Verkünder. „Ich will kein Propagandist sein. Kann ich nicht. Ich bin am besten, wenn ich meine persönliche Absurdität ausdrücke, oder sonstwas. Dabei fühle ich mich nicht unbehaglich.“, stellte er in einem Gespräch klar (in: Robert Crumb´s Sammelband, Verlag Zweitausendeins)

Wieviel uns das heute noch sagen mag, das ist jedem und jeder überlassen, versteht sich. Ich schätze, dass seine Comics weiterhin eher männlich gelesene Personen ansprechen werden. Neben den semi-pornographischen Geschichten, die man getrost als Psycho-Müll beiseitelassen darf, stehen würdevolle Portraits (etwa von Psychiatrie-Insassinnen, die Dr. Diamond im 19. Jahrhundert fotografierte), essayartige Literaturadaptionen (Sartre, Kafka, Philip K. Dick) und autobiographische Erkundungen, die freilich mitunter an psychoanalytischen Exhibitionismus grenzen. Mit Frau und Tochter, die ebenfalls zeichnet, bildete Crumb eine produktive Einheit.

Platthaus, der Fan, betont, wieviel die Comic-Kunst, lange Zeit nur als kommerzielles Kaugummi-Genre wahrgenommen, den Bilderfindungen des mittlerweile 82-jährigen Crumb verdankt. Das stimmt, aber ich möchte doch anmerken, dass die überwiegend klassische Bildsprache des Traditionalisten und Anti-Modernisten Crumb mittlerweile von einigen Techniken überholt worden ist. Das muss wohl so sein bei Vorreiter*innen, und vielleicht ist es wirklich so, dass Crumps misogyne, „anti-feministische“ Comics – er hatte zeitlebens, wenig überraschend, ein spannungsvolles Verhältnis zur Frauenbewegung – sogar „als Initialzündung für US-amerikanische feministische Comics“ funktionierten, wie Kalina Kupczynska in einem Aufsatz schreibt.

Es lohnt sich daher, doch noch einmal die breite Palette von Crumbs Werk zu sichten. Etwas herumzublättern, das eine oder andere auch zu überblättern. Sein oft den Rahmen der Satire sprengendes, mitunter obszönes Werk ist weiterhin für Überraschungen gut.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.