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OVERHEAD – Zur Performance „RAVENSBRÜCK“ von Stefanie Claes (2025)

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Zum Kunstfest Weimar, das stets eine Reise wert ist, zog es mich 2025 vor allem aufgrund einer Performance. Unbedingt wollte ich die deutsche Erstaufführung von Ravensbrück sehen. Die multimediale Arbeit der belgischen Schauspielerin Stefanie Claes feierte 2023 in Antwerpen Premiere. Ravensbrück kam nun in die thüringische Kulturstadt. Am 25.8. war Claes zunächst im netten Kulturort mon ami, am Folgetag wiederholte die Künstlerin ihre Performance in der ehemaligen „Häftlingskantine“ der nahen Gedenkstätte Buchenwald.

Claes (42) konstruierte mit einfachen Mitteln eine im wörtlichen Sinn vielschichtige performative Installation. In ihr geht es um die Geschichte ihrer Familie, vor allem um ihre Großmutter Mia Kermis, die Ravensbrück, das größte Frauen-KZ der Nazis (vgl. meinen Bericht dazu) überlebt hatte.

Im Begriff Geschichte steckt das Geschichtete, das Aufeinanderfolgen, sich Übereinanderlegen, Verdecken und Unter/Hinter-Sich-Lassen. Unter der Schicht der Gegenwart zu liegen, ist der Modus des Vergangenen. Für die anspielungsreichen Filme von Jean-Luc Godard hatte Klaus Theweleit den schönen Begriff der „Zeitkompresse“ gefunden, eine Verdichtung verschiedener zeitlicher Ebenen in einem aufblitzenden Moment der Gleichzeitigkeit.

Vielschichtig war nicht nur Claes´ Herangehensweise: der Einsatz transparenter Folien, durchscheinender Papiere, Überblendungen und Lichtprojektionen. Auch ihr Versuch, das familiäre Weiterleben einer traumatischen Erfahrung durch das Übereinanderlegen von Bildern zu vermitteln, wobei sich irritierende Doppelungen ergeben, war ein Teil dieser Ge-Schichte. Ich nahm dies als überaus gelungen wahr.

Unterlegt von zu Beginn eingespielten, dann geloopten Geräuschen visualisierte die Künstlerin mittels Overhead-Projektor (in Weimar wohl noch als „Polylux“ bekannt) zunächst den Weg ihrer jüdischen Großmutter: Vertreibung, Deportation in Güterwaggons, Gewalterfahrung im Lager. Alles wird in so einfachen wie eingängigen Bildern dargestellt. Es geht um die Massenvernichtung in der Spätzeit des Lagers, die anhaltende Angst, dann das Über- und schmerzhafte Weiterleben. Die schlichten, handwerklichen Mittel, die Materialität der Folien, Papiere, der Risse und Klebestreifen ließen das Ganze noch intimer wirken.

Folien schoben sich übereinander, bildeten im Licht neue Zusammenhänge, Überblendungen. Claes´ hochkonzentriertes Hantieren im kleinen Saal des mon ami war ein wortloses Erzählen. Der Körper der Künstlerin ist ein integraler Bestandteil davon, mitunter selbst Projektionsfläche, Untergrund. Projektionen wurden von ihr rasant auf Papierbögen übermalt, dann zerschnitten, zerrissen, um etwas Tieferliegendes freizulegen. Lange Bahnen mit aufgereihten Motiven wurden über den Projektor gezogen, mit Stift, Pinsel und Schere manipuliert. Die Performance erinnerte an die Werkstatt eines Animationsfilms, dessen Entstehen man beiwohnen darf.

Mitunter schälten sich Zeichen schrittweise heraus, ergaben sich: Ein Hakenkreuz aus schwarzem Gaffaband entstand plötzlich auf der Leinwand, Foto-Silhouetten wurden nachgezeichnet, die Augen sogleich weggewischt.

Für das sogenannte „intergenerationelle Trauma“, die Weitergabe der inkommensurablen Erfahrung, fand Claes ein eingängiges Bildmotiv: eine omnipräsente schwarze Kugel. In ihr kommt ein Fehlen, eine Leere zur Bildsprache. Sie ist ein schwarzes Loch, das alles verschluckt. Eine Verdunkelung, ein Schatten, der sich bei den Nachkommen der Überlebenden über alle Freuden legt: das finstere Rund ist mal ein Loch im Körper der Mutter, die die Kinderhand nicht zu greifen imstande ist. Mal ist es die Sonne, das Eis, der Ball oder der Apfel, die für das Kind ins Schwarze hinüberwelken.   

Ein Faltblatt, denn so ganz ohne Kommentar geht es doch selten, enthielt zum Glück ergänzende Informationen. Darin wird die Dynamik in Claes´ Familie angesprochen, die durch die unerbittliche Härte der Überlebenden-Großmutter und der Omnipräsenz ihrer KZ-Erfahrung geprägt war. Die schreckliche Erfahrung hatte alles andere relativiert, ein Effekt, der sehr häufig von Angehörigen der sogenannten „Zweiten“ und „Dritten Generation“ erwähnt wird. Die Probleme ihres Lebens scheinen, gemessen am Leid der Eltern und/oder Großeltern, bedeutungslos.

Auch die Performance Ravensbrück schließt sich rückwirkend mit den Gedanken kurz, die ich beim Besuch der Ausstellung Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis im Münchner Jüdischen Museum hatte (vgl. meinen Beitrag dazu). Claes ist Teil dieser „3G“.

Die einstündige, nonverbale Performance endete mit einem vielstimmigen „Chor“ und einer Art „Familienaufstellung“. Hier platzierte Claes alle Frauen ihrer Familie „singend“ in einer bunten Reihe. Im Nebeneinander des auffallend farbigen Quartetts ist die „schwarze Kugel“ nicht mehr zu sehen. Was nicht heißt, dass sie verschwunden ist.

Begleitend zu ihrem Stück publizierte Claes ein kleines limitiertes Büchlein mit dem zeichnerischen „Drehbuch“, eine Art Storyboard, das ich dankend erwarb. Einige der Zeichnungen weichen merklich von ihrer Weimarer Performance ab.

Es gehört zum Konzept der Künstlerin, mit Variationen spielen zu müssen. Das liegt auch daran, dass jede Aufführung von der Künstlerin minutiös vorbereitet werden muss und viele der Materialien sich im Zuge der Geschichte verändern, zerstört werden.

Außerdem ist jede Performance, das hat diese ephemere Kunstform so an sich, ein Unikat.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.