
In einer Schlüsselszene des Films A REAL PAIN (2024) ruft ein älterer Mann dem aufgebrachten Jüngeren im Zug hinterher: „Dort hinten werden Sie bestimmt auch nicht viel mehr Leid finden!“ Benji Kaplan, der Aufgewühlte, spürt das Bedürfnis, sich wegzusetzen, weg aus der 1. Klasse, in der seine Gruppe fährt. Diese buchte eine Bildungsreise durch Polen, Heritage Tours, eine von zahlreichen solcher Programme, in denen gemeinsam nach jüdischem Erbe gesucht wird.
Die Regiearbeit des US-Schauspielers Jesse Eisenberg (bekannt aus Actionkomödien wie ZOMBIELAND) erhielt 2024 durchwachsene Kritiken. Im Januar 2025 war der Film in deutschen Kinos gestartet. Streamingdienste sortieren ihn als „Buddy Comedy“, ein Genre, in dem sich alles in der Regel um männliche Kumpelei, Sauftouren (z.B. HANG OVER) oder hemdsärmelig und wortkarg ausgetragene Beziehungsprobleme dreht.
Ich komme auf den Film zurück, weil es ihm gelingt, mit seiner leichtfüßig-unprätentiösen Machart grundlegende Fragen aufzuwerfen, wie Holocaust-Gedenken und Erinnern funktionieren (könnten). Zusätzlich verband der Film sich nunmehr mit den Eindrücken der Ausstellung „Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“ im Münchner Jüdischen Museum (vgl. meinen Beitrag dazu).
Gerade die an Minimalismus grenzende Pathoslosigkeit von A REAL PAIN, sein trockener Humor und die vielleicht bei Woody Allen abgeschaute dialogische Verve sagten mir zu. Sicher, der Film ist Mainstream. Er gibt auch nicht vor, Kunst zu sein, sogenannte tiefgründige Einsichten zu vermitteln. Im Grunde ist das Verwirrtsein sein Thema, denke ich. Nicht eine Minute langweilig, mag man ihn allerdings als zu kurz, als zu abrupt endend tadeln.
Dass A REAL PAIN vieles nur anreißt und zahlreiche lose Enden hinterlässt, wurde vielfach bemängelt. Und ja, je länger man über ihn nachdenkt, umso mehr Leerstellen tun sich auf: Dinge, die der Film andeutet, nicht (ganz) ausführt, gar unterschlägt, vielleicht gar nicht in den Blick nimmt oder nehmen möchte. Nicht nur bei diesem US-Film kann sich das herablassen Gefühl einstellen, dass Drehbuch-Ideen, die im europäischen Kino als Ausgangspunkt für weitere Erkundungen dienen, in Hollywood bereits den Klimax, das höchste der Gefühle, bilden. Gewiss ist das ein Zugeständnis an die Zielgruppen.
Der Film bleibt also irgendwo hängen. Auch wenn man nicht so genau sagen mag, an welcher Stelle oder was man sich ferner wünschen würde. Was hätte sich ergeben, auflösen können? Vielleicht sind gerade dieses Fragmentarische und die ausgestellte Naivität seine Stärken? Kommt man überhaupt je an ein Ende bei diesem schwierigen Thema?
Die beiden Protagonisten, die jüdischen Cousins David und Benji, wirken gänzlich unbeschwert von historischem Vorwissen, ein Aspekt, der in ihrem kaum vorhandenen Gepäck symbolischen Ausdruck findet. Zur Reflexion über das tagsüber Gesehene bleibt abends nie Zeit (oder Lust), man ist viel zu müde am Ende des Tages. Keine Fotos, keine Medien mussten mit auf die Reise nach Polen, nur das Handy (mit Videos von Davids süßer Tochter) und Apps zur fixen Reiseplanung. Der Film bleibt strikt in der Gegenwart, die (Vor-)Geschichte der Akteure muss man stufenweise erahnen.
Dass es keine Rückblenden gibt, das filmische Mittel zur Herstellung von historischen und biographischen Zusammenhängen par excellence, hat der Filmkritiker Richard Brody (New Yorker, November 2024) als Stärke des Films verortet: „By keeping the narrative in the present tense, Eisenberg throws down a cinematic gauntlet, of bringing history to life in the present tense, photographically and dramatically. It’s here, in that quasi-documentary exploration of the sites that figure in the story, that the movie gains significance and power.“
Benji Kaplan ist, das wird schnell klar, ein schwieriger Charakter: unstet, prekär, ökonomisch abhängig, dabei voller Prinzipien. Der Antipode zu seinem introvertierten Cousin und Freund David. Benji scheint unentwegt auf der Suche nach emotionaler (Ent-)Ladung: charismatisch vereinnahmt er Menschen, redet unentwegt, charmant ist er, mitunter brutal ehrlich. Man dankt es ihm sogar. Er wirkt irgendwie „echt“. Auf einem jüdischen Friedhof stößt Benji den bemühten, etwas steifen Reiseleiter James vor den Kopf, lässt diesen aber nachdenklich werden bezüglich seiner Rolle als Guide. Zwischen den Grabsteinen toter Jüdinnen und Juden hatte Benji wieder den Drang, etwas zu äußern: „Das Hauptproblem an Ihrer Tour ist, wir sind komplett abgeschottet von allem, was echt ist. Ich hatte nicht eine Interaktion mit einem von hier. Wir rennen nur von einem Touristending zum nächsten Touristending.“ Er empfiehlt dann dem verunsicherten Reiseleiter: „Sie könnten es lockerer nehmen mit den Zahlen und Fakten. Nur ein kleines bisschen, ginge das?“ Nun hatte man freilich nicht den Eindruck gewonnen, dass der Reiseleiter die Teilnehmer*innen mit historischen Daten überhäuft. Seine Worte am Denkmal für den Warschauer Ghetto-Aufstand wirken eher kursorisch, da gäbe es natürlich viel mehr zu sagen. Vor einem anderen Monument wird Benji die Mitreisenden zu einer turbulenten Fotosession anstiften. Nach einigem Zögern machen sie mit, David fotografiert.
Der Schauspieler Kieran Culkin, der die Figur Benji verkörpert, spielt die anderen Akteur*innen an die Wand (er wurde als „Naturgewalt“ bezeichnet und erhielt einen Oscar als bester Nebendarsteller). Er ist der eigentliche Taktgeber des Films, der Motor. Seine Kommentare und Anwandlungen, seine spontane Agilität, die Ausbrüche, selbst sein unflätiges Rülpsen, wirken sich auf alle anderen aus. Oft sucht Benji den Blackout im Kiff oder dem Inhalt der Hotelbar. Offenbar will er sich selbst entkommen. Demgegenüber wirkt David befangen, zurückgenommen, neurotisch, festgenagelt auf die Rolle des peinlich berührten Verwandten. Er bewundert seinen überdrehten, haltlosen Cousin.
In einem Interview mit der SZ deutet Eisenberg ein, wie autobiografisch dieser Charakter gefärbt sei: immer fühle er sich außenstehend, fremd und befangen. Er beneide Menschen um deren soziale Wirkungsmacht. Im Film reguliert David-Jesse psychopharmakologisch seine Kurve. In sogenannten stabilen Verhältnissen lebend, wissend, dass zu Hause Kind und Frau auf ihn warten und ein normaler Job, hat er sich nur, aber immerhin, eine Woche Zeit „frei geschaufelt“. (Benji wird am Ende des Films wieder stranden, am Flughafen sitzen bleiben.) Die Zeit nimmt sich David mehr noch für seinen Cousin, dessen Suizidversuch ihn bedrückt, als im Andenken an die Großmutter Dory. Diese finanzierte den Enkelsöhnen, Anlass der Unternehmung, in einem letzten Wunsch die Reise nach Polen. Benji stand seiner grandma näher, und er leidet darunter, dass diese Reise keine Repräsentation ihrer historischen Erfahrung sein kann. Im polnischen Zug hat er ein „Gruselgefühl“, das raus muss: „Spürt niemand sonst die Ironie? Alle haben was Feines zu Futtern, und wir sitzen bequem, und nur achtzig Jahre früher hätte man uns alle reingepfercht in dieses Scheißding wie Vieh! (…) Verbarrikadieren wir uns doch komplett von dem echten Schmerz der Menschen, wie es sich anfühlen könnte, in so einen Scheißgüterwagen gesteckt zu werden und den Kopf zermatscht zu kriegen.“
Dass die Reisegruppe mehrfach an Orten herumspaziert, an denen ich selbst (Lublin, Warschau) zu Fuß war, geht freilich in die Wahrnehmung ein. Im Film sieht man die kleine Gruppe im Sonnenschein über das Gelände des KZ Majdanek laufen. Eine beeindruckende Kameraeinstellung wählte Eisenberg für ihre kurze Visite der Gaskammer, die bei meinem Besuch der Gedenkstätte 2019 nicht zugänglich war: Im Film blicken die Reisenden aus ausdruckslosen Gesichtern zunächst in unsere Richtung, leicht an uns vorbei. Bevor der Schwenk die grün-blau-schimmernde Betonzelle zeigt, in der tausende Menschen mit dem Gift „Zyklon-B“ ermordet worden waren. Vielleicht wäre diese Filmsequenz noch eindringlicher gewesen, wenn sie die Gaskammer gar nicht gezeigt hätte. Doch wer hätte verstanden, was sie sahen?

Der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Eisenberg äußerte sich zu den Dreharbeiten in Majdanek: https://www.reddit.com/r/Jewish/comments/1hprhzp/jesse_eisenberg_discusses_filming_at_majdanek_in/?tl=de&rdt=59187

Was A REAL PAIN von früheren Filmen unterscheidet, die sich mit sogenannten „intergenerationellen Traumata“ beschäftigen, der Weitergabe traumatischer Erfahrungen von Überlebenden an ihre Nachkommen, ist der Fokus auf die „Dritte Generation“. Die wird im Film mit einem ironischen Seitenhieb von David gegen Benji direkt benannt: die „Dritte Generation wohnt bei Mama im Keller und kifft.“ Überaus schmerzhaft anzusehende Filme wie PIZZA IN AUSCHWITZ (Regie: Moshe Zimmerman, 2008) zeigen die seelischen Verheerungen der „Zweiten Generation“, den mehr oder minder glückenden Umgang der Söhne/Töchter mit den Horror-Erfahrungen der Überlebenden-Eltern.
In A REAL PAIN kommen diese Eltern gar nicht mehr vor. Im Interview mit der SZ betonte Eisenberg, dass er als Jude in New York eine gehörige Paranoia und Ängste vor sozialer Interaktion geerbt habe. Und: „Das Seltsame an Paranoia ist, dass sie sich weitervererbt, aber sozusagen ihren Ursprung vergisst.“ Genau dies scheint einer der zentralen Punkte des Films zu sein: die konkrete Bedrohung ist verschwunden, soziales Gleichgewicht ist potentiell möglich, Polen ist eigentlich kein Schreckensort mehr. Dennoch dauert eine psychische Schieflage fort. In einer der letzten Szenen des Films legen David und Benji, etwas ratlos, was sie sonst tun könnten, einen Stein auf die Schwelle des Hauses, in dem einst ihre Dory gewohnt hatte. Ein polnischer Mann auf dem Balkon beschwert sich darüber: Unfallgefahr. Man befürchtet schon eine unangenehme Szene, Antisemitismus. Doch es geht harmlos aus.
Der israelische Psychologe Dan Bar-On, der über viele Jahre mit Überlebenden und ihren Nachkommen arbeitete, meint: „Wenn es um die Beziehung der Enkel zu den Überlebenden geht, müssen wir das Konzept des Durcharbeitens neu überdenken und uns fragen, was eigentlich sie durcharbeiten.“ (ders., Hoffnung bis zu den Enkeln des Holocaust, Hamburg 1997, S. 30.) Diese Frage stellt sich ebenso für A REAL PAIN: Was arbeiten Benji und David, David und Benji, eigentlich durch?
Konsequent ist das frühe, „enttäuschende“ Finale: das einstige Haus der Großmutter ist denkbar unspektakulär, der unbeholfene Erinnerungsakt mit den Steinen missglückt. Man nimmt sie wieder weg. Wortlos dreht man nach einigen Minuten um.
David wird seinen Stein mit nach New York nehmen und auf seine Treppe leben. Ein schöner Moment. So viel Anti-Pathos hatte ich nicht erwartet und bin, tatsächlich, beeindruckt.



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