GEHEN+DENKEN [!]

HADAMAR VON AUSSEN – Die hessische „T4“-Tötungsanstalt (2023)

9–14 Minuten

To read

Diesmal sind wir im Auto unterwegs. Ein Freund und ich waren tatsächlich noch nicht in Hadamar. Obwohl wir beide im unweiten Marburg/Lahn studiert hatten. Das geht nicht. Die hessische Tötungsanstalt des „Euthanasie“-Mordprogramms, nach dem Krieg als „Aktion T4“ bekannt(er) geworden, ist neben einer Gedenkstätte noch immer, wie auch Pirna-Sonnenstein und Bernburg/Saale, eine psychiatrisch-heilpädagogische Einrichtung.

Hadamar heute: eine 10.000-Seelen-Gemeinde im Westerwald, nördlich von Limburg. Mit ihrer traditionsreichen Anstalt oberhalb der Kleinstadt beherbergt Hadamar eine „Attraktion“ der Erinnerungskultur: in der hiesigen, noch heute als Psychiatrisches Krankenhaus fungierenden Klinik wurden im Zuge des Mordprogramms der NS-„Euthanasie“ mehr Menschen „gnadenerlöst“ als es Einwohner im gleichnamigen Ort gibt: zunächst 10.000 „Patient*innen“ in der sog. „zentralenn“, von der „T4“-Zentrale in Berlin organisierten Phase mittels Gas (Januar bis August 1941), ab 1942 bis 1945 dann ca. 4500 Menschen durch Unterernährung, Vergiftung mit Medikamenten und Vernachlässigung. Dieses 2-Phasen-System steht historiographisch zur Disposition, da sich verschiedene Mordmethoden und Zeiträume keineswegs so klar voneinander abgrenzen lassen, wie man lange annehmen wollte. Dies nur am Rande.

Im Reiseberich konzentriere ich mich vor allem auf räumliche Aspekte. Insgesamt lässt sich von der Dauerausstellung der Gedenkstätte im rechten Gebäudeflügel des Hauptgebäudes sagen, dass ihr überholter Zustand, hinsichtlich didaktischer und ästhetischer Gestaltung, ins Auge sticht. Dies ist dem Team, geleitet vom Historiker (sowie Waffen-SS- und Wewelsburg-Spezialisten) Jan-Erik Schulte, bewusst. Vor 2028 wird es jedoch, wie ich erfragte, kaum eine neue Ausstellung geben. Grund sind die zähen Prozesse in der deutschen Bürokratie.

Die aktuelle Ausstellung, eine strapaziöse Bleiwüste aus Texttafeln bar sonstiger Medien oder Objekte, rangiert auf dem Stand des Katalogs „Verlegt nach Hadamar“ (1994). Den hatte ich schon in meiner Diplomarbeit zur deutschen Psychiatriegeschichte anno 2002 ausgiebig verwendet. Greifbare neuere und neueste Literatur wurden in die Ausstellung nicht einbezogen, so weit ich sehen konnte.

Topographisch beeindruckt der exponierte Standort der Anstalt. Sie thront geradezu über der Kleinstadt. Ende 1940 war das Klinikgebäude mit Vernichtungsanlagen ausgestattet worden, ab Januar 1941 nahm sie ihre „heldenhafte“ Entsorgungsarbeit „unwertes Lebens“ zugunsten der NS-„Volksgemeinschaft“ auf. Die bald über der Stadt stehende Rauchsäule aus dem eigens installierten Schlot auf dem Dach des Seitenflügels steht in einem grotesken Widerspruch zur vermeintlichen Geheimhaltung des ganzen „T4“-Programms. Vielerorts war das Programm ein offenes Geheimnis, im Fall der Mordanstalt Grafeneck beschleunigte das die Schließung.

Ein Kuriosum stellt die Tatsache dar, dass die zwei Krematoriumsöfen (geliefert von der Firma Kori, Berlin) im Keller eigenhändig installiert wurden; man zog Fachleute aus dem Ort, in dem ab Januar 1941 durchgehend Gerüchte und Beobachtungen der Massenvernichtung umliefen, dazu heran.

In der ersten, heute „verschollenen“ Ausstellung 1983 verwendete man noch die Fotocollage eines Auschwitzer Topf-&-Söhne-Ofens, fast 30 Jahre später legte man das Fundament eines der Öfen im „historischen Keller“ in Hadamar frei. Sämtliche, als solche erkennbare Vernichtungsanlagen waren 1942 entfernt worden, bevor die Mordphase begann, die man heute als „dezentral“ beschreibt: die laufende Tötung von Patient*innen durch Medikamente, Unterernährung und Vernachlässigung.

Wie auch im sächsischen Pirna existierte in Hadamar ein regelrechter Frankenstein-Horror-Keller. Die nur etwa 12 qm kleine Gaskammer mit markantem Mosaikfliesenboden ähnelt jener der Tötungsstätte in Bernburg/Saale incl. bewässerter „Leichenrutsche“ auf dem Boden. Anders als dort kann man den Raum im „historischen Keller“ in Hadamar derzeit nicht betreten. Der Gaslauf, die Rohrleitung für das tödliche Kohlenmonoxid aus Gasflaschen, befand sich in ein Meter Höhe. Spuren der zu Täuschungszwecken installierten falschen Duschköpfe sind nicht erkennbar. Die Luftschutzkellertüren zum Verschließen des Erstickungsraums wurden ebenfalls zurückgebaut, das Guckloch der Täter zugespachtelt.

Ob der Sektionstisch im benachbarten Kellerraum das Original ist, ließ sich der Texttafel nicht entnehmen; an den kahlen Kellerwänden stellt man sich Regale voller Glasbehälter mit entnommenen Gehirnen vor, zum Versand an anatomische Institute.

Bis August 1941 waren es vor allem die berüchtigten „grauen Busse“, die aus allen Richtungen kommend die Stadt durchquerten und den Hügel zur Anstalt hinauffuhren. Ihr Erscheinen wurde allgemein zur Kenntnis genommen. Anfangs waren die Fahrzeuge (Busse der Reichspost), aus denen mitunter den Passanten zugewunken wurde, rot: „Der Transport erfolgte mit 2 oder 3 großen rotgestrichenen Omnibussen, die voll besetzt waren. Die Fenster waren verhängt, sodass wir nichts sehen konnten.“, sagt die Überlebende Klara Schröder, die 1934 das erste Mal in Hadamar „eingewiesen“ worden war, 1946 aus. Am 17.3.1941 wurde sie erneut dorthin gebracht. Sie gehört zu den wenigen Patientinnen, die nach der oberflächlichen „Visite“ bei einem Tötungsarzt der gewöhnlich folgenden Ermordung entging und verlegt wurde. Sie erinnert sich: „In Hadamar wurden wir hinter dem Frauenflügel ausgeladen und durch einen gedeckten Gang in das Innere des Gebäudes geführt. Mir fiel auf, dass das Gebäude irgendwie verändert war.“ (in: Christoph Schneider Hg., Hadamar von innen, Berlin 2020, S. 79.)

Über den Weg der Opfer von der Busgarage ins Gebäude habe ich vor Ort besonders nachgedacht. Er ist in den dortigen Darstellungen nicht konkret zu entnehmen, bestimmt wird er jedoch bei Führungen der Gedenkstätten-Pädagog*innen beschrieben. Der heutige Raum der Dauerausstellung war im Jahr 1941 der Auskleideraum für die angelieferten Opfer.

Nebenbei sei auf eine Grundstruktur aller NS-Mordstätten hingewiesen, die mit Kohlenmonoxid „betrieben“ wurden: es gab immer, sowohl in Chelmno/Kulmhof, den Lagern der „Aktion Reinhardt“ Belzec, Sobibor und Treblinka, als auch in den „T4“-Anstalten eine Art „Schleuse“. Diese zwang  die Opfer zielgenau in die Vernichtung. In den Vernichtungslagern auf dem Territorium des besetzten Polens hießen sie „Schlauch“ oder „Himmelsstraße“. Die einstige „Schleuse“ in Hadamar ließ mich an die hölzerne Rampe im „Schloss“ von Kulmhof denken, durch die die Opfer direkt in die bereitstehenden Gaswagen getrieben wurden. Eine ähnliche Schneise findet sich als beklemmende bauliche Struktur in mehreren NS-Gedenkstätten. In der Risiera di San Sabba in Triest (vgl. meinen Bericht dazu), stand ich ihr erneut gegenüber. Ich habe den Eindruck, dass die Künstler Hoheisel/Knitz mit ihrem mobilen „Denkmal für die grauen Busse“ diesen Aspekt aufgriffen: durch die Zementskulptur des Busses führt ein beklemmender schmaler Gang mit der Inschrift „Wohin bringt ihr uns?“ – Eines der Exemplare dieses mobilen Denkmals sollte, so eine Idee, dauerhaft in Hadamar stationiert werden, evtl. am Bahnhof, wo ab 1942 viele Opfer per Zug ankamen und mit LKW zur Anstalt gefahren wurden. (Seit 2022 werden dafür Spenden gesammelt.) Zu den Projekten von Hoheisel/Knitz: vgl. http://www.zermahlenegeschichte.de/

Am Seiteneingang, dem Eingang für die Opfer aus der „Schleuse“, wird in Hadamar gegenwärtig gebaut: ich bin sicher, dass man in der künftigen Ausstellung die Prozedur der „Aufnahme“ der Opfer sowie ihren letzten Weg besser herausarbeiten wird. Es verändert das Gehen, wenn man weiß, dass sich in der Gedenkstätte vielfach der Weg der Opfer mit dem der Ausstellungsbesucher*innen deckt.

Einen „Höhepunkt“ der Gedenkstätte stellt der größtenteils authentische, hölzerne Schuppen dar, der einst für die ankommenden Busse verwendet wurde. Die Garage, ab 1945 jahrzehntelang  auf einem nahen Landgut als Traktor-Scheune benutzt und halb verfallen, konnte 2006 renoviert werden, aber (aus Brandschutzgründen) nur in der Nähe des Originalstandortes wieder aufgebaut werden (ca. 8 m versetzt). Sie ist, nachdem man die Busgarage in Pirna fahrlässig verfallen ließ bzw. in Eigentumswohnungen umzuwandeln gedenkt, die einzige noch existierende Garage ihrer Art. Sie hat in gewisser Weise ikonischen Wert. In der „T4“-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz griff man zum durchaus wirkungsvollen, gestalterischen Mittel einer Andeutung des Standortes der einstigen Garage mittels rostiger Stahlplatten (vgl. meinen Beitrag zu Hartheim, „Westlich von Linz“).

Die Garage in Hadamar bot gleichzeitig Platz für drei Busse, die zuvor um das Hauptgebäude herumfahren mussten. Obwohl der hintere Teil der Anstalt mit einer zwei Meter hohen Mauer und Stacheldraht umgeben war, bekommt man eine gute Vorstellung davon, wie leicht sich im Grunde Einblicke in die Vorgänge gewinnen ließen. Wenn man wollte. Dieses topologische Wissen halte ich für einen der wichtigsten Aspekte, derlei Ort körperlich aufzusuchen, abzuschreiten und zu erfassen.

Blicke und Einblicke waren vor allem durch die Erhebung hinter der Anstalt möglich. Auf deren Gipfel legte man 1942 einen eigenen, ebenfalls ummauerten Friedhof an. Dort hinauf mussten ausgewählte „Patienten“ die ab 1942 durch Gift und Hunger Ermordeten (täglich nicht selten zehn und mehr Leichen) hinauftragen und in Gruben verscharren, die später als Einzelgräber getarnt wurden. Diese „Patienten“ waren als Totengräber eingesetzt und wurden mit höheren Rationen belohnt.

Diese Opgergruppe ist ein in der Forschung bislang unterbelichteter Aspekt, den der Kulturwissenschaftler Christoph Schneider, Autor des Buches „Hadamar von innen“, zur Diskussion stellte. Die erzwungene Hilfestellung von Patient*innen bei den Tötungsabläufen im Kontext der „Euthanasie“ schließt an den Begriff „Funktionshäftling“ an, der Teil des Sprachgebrauchs des KZ-Systems war. Zu den sozusagen „Funktionspatient*innen“, die zur Kollaboration in den Tötungsanstalten herangezogen wurden, ist bisher wenig geforscht worden. Dies liegt zum Teil daran, dass mit der sog. „Grauzone“ ein verwirrendes Terrain betreten ist. Hier sind (moralisch) eindeutige Wertungen nahezu unmöglich, und der Vorwurf der Diffamierung der Opfer steht im Raum. Der Vorwurf der Kollaboration hat bekanntlich nicht wenige Überlebende angehalten, ihre Aussagen zu verzerren und Details zu verschweigen. Für Hadamar hat Monika Daum im Rahmen eines frühen Forschungsprojektes den „Zwang zur Hilfe beim Mord“ klar benannt, jedoch nicht stringent weiterverfolgt. Für die Frauenabteilung fanden sich Aussagen von einem massiven Festhalten von „Kameradinnen“, die sich bei der Ermordung durch Todesspritzen in Todesangst „bis zuletzt wehrten“. Für Daum kam die Situation der „Arbeitspatienten“ in Hadamar und seinem Hofgut „der Lage von KZ-Häftlingen sehr nahe“. (in: „Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945“, Bonn 1986, S. 194 ff.) Schneider deutete ähnliche Zusammenhänge in seiner Monografie zur Anstalt „Kalmenhof“ (Paderborn 2024) an.

Legt man die strukturelle Verwandtschaft der „T4“-Anstalten mit den NS-Vernichtungslagern zugrunde (Anlieferung von Opfern, umgehende Tötung aller Menschen in möglichst kurzer Zeit, Vernichtung der Überreste), ließen sich die in diesem Kontext eingesetzten Patient*innen auch als „Sonderkommandos“ charakterisieren. Das heißt als spezielle Arbeitskommandos, die, unter Todesdrohung, zur Hilfestellung bei der Vernichtungsarbeit erpresst wurden. Doch die Forschung scheint noch nicht bereit, diesen Konnex wirklich ernsthaft herzustellen.

Zurück zu Hadamar: Der Wissensstand der „Patienten*innen“ in den Bettensälen von Hadamar – die Männerabteilung war ab 1942 im Nachbargebäude, einem Kloster, untergebracht, die Frauen im Hauptgebäude – hinsichtlich der Todesgefahr, in der sie schwebten, variierte. „Es wurde aber von keinem bemerkt, dass Gift verabreicht würde, es mutete uns nur immer komisch an, dass so viele begraben wurden.“, sagte Walter Höger aus (Hadamar von innen, S. 134). Es kam vor, dass eine ehrgeizige Schwester „wie ein Raubtier“ hinter „Patientinnen“ „her tigerte“, um „fortwährend ihre Gifttabletten anzupreisen“. (Charlotte Hoffmann, ebd., S. 155.)

Die Tötung erfolgte auf unterschiedliche Weise. Sie wurden von Ärzt*innen angewiesen, Kanditat*innen von Schwestern und Pflegern mitunter vorgeschlagen. Es gibt Berichte von in Gift getränkten Zuckerwürfeln, nächtliche Tablettengabe oder das Verlegen in ein kleines „Tötungszimmer“, wo von Pfleger*innen Spritzen mit überdosierten Beruhigungsmitteln (Luminal, Scopolamin) gesetzt wurden. Wenn dies nicht reichte, musste ein Arzt nachlegen. „Hungerkost“ und unterlassene Pflege unterstützten den „Abgang“.

Auf dem ehemaligen Friedhof, der nicht nur etwa 4500 Opfer, sondern, obenauf, Kriegstote birgt, ist heute eine idyllische „Gedenklandschaft.“ Vogelgezwitscher, saftiges Gras, eine kleine Kapelle. Hier stehen Grabsteine mit religiösen Symbolen sowie eine Säule mit „Mensch achte den Menschen“. Die obligatorische Kranzabwurfstelle.

Gegen Ende des „Reichs der Vernichtung“(Alex J. Kay) hatte sich, wie überall, das Spektrum der Opfergruppen auch für Hadamar erweitert. Auf die „Aktion 14f13“, die Ermordung geschwächter KZ-Häftlinge, wird in der Schau zu wenig eingegangen, die Ermordung kriegstraumatisierter „Volksgenoss*innen“, etwa aus dem zerbombten Hamburg, oder von Wehrmachts- und SS-Angehörigen werden an Beispielen indes anschaulich gemacht. Ein eigenes, besonders finsteres Kapitel ist die Ermordung von sog. „Mischlingskindern“, das waren sog. „halbjüdische“ Kinder aus Erziehungsheimen, die in Hadamar plötzlich „an Darmkrippe starben“. Sie alle liegen gemeinsam im Wiesengrab. Auf die 1945 gefundenen dreizehn Kindergräber fehlt heute jeder Hinweis.

Hadamar und seine Anstalt wurden am 26.3.1945 von US-Militärs befreit, neben den Gerüchten um die Morde in der Anstalt waren jedoch vor allem die sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiter*innen unter den Opfern für die Alliierten interessant. Die amerikanische Militärjustiz war zunächst nur hinsichtloch dieser Opfergruppen befugt. Kurz nach der Befreiung durch US-Truppen wurde durch Sektionen von Leichen festgestellt, dass die aufgrund ihrer Tuberkulose in Hadamar „erlösten“ Zwangsarbeiter*innen aus den umliegenden Lagern keineswegs „unheilbar“ krank gewesen waren. Was zu erwarten war.

Einige der Überlebenden der sog. „dezentralen“ Phase haben Hadamar übrigens als „KZ“ und „Lager“ bezeichnet. Es gehört zu einem dunklen Aspekt der Befreiung, dass diese für einige nicht sofort eine solche war. Schneider betont: „Die Befreiung Hadamars ist nicht gleichzusetzen mit der eines Konzentrationslagers. Dort verloren die Bewacher sofort alle Gewalt über die Häftlinge, das Personal der Anstalt verlor diese Macht keineswegs am Tag, als US-amerikanische Truppen Hadamar besetzten.“ (S. 198.) Leider gibt es Aussagen, dass sogar nach der Befreiung noch sexualisierte Gewalt, z.B. Vergewaltigungen von Patientinnen durch Pfleger, stattfand.

Auf den Hadamar-Prozess, immerhin recht früh angestrengt, möchte ich nicht weiter eingehen, hierzu ist Schneiders Anhang „Eine Ermittlung“ in „Hadamar von innen“ hilfreich. Kurzes Fazit des Prozesses: Freispruch für die wissenden Bürokräfte (aufgrund mehrheitlicher „Dienstverpflichtung“ durch das Arbeitsamt), nicht vollstreckte Todesstrafe für einige Haupttäter (Doktoren) sowie später amnestierte Haftstrafen für Pflegekräfte. Einmal mehr gab es „Mengenrabatt“ für die Zahl der Opfer, wie der Pionier der „Euthanasie“-Forschung Ernst Klee bitter festgestellt hatte. (Seinen umfangreichen Nachlass vermachte Klee übrigens Hadamar.) Zu Ernst Klee und Hadamar vgl. den Podcast von Gedenktort-T4: https://gedenkort-t4.podigee.io/5-ernst-klee

Der Vollständigkeit halber muss hinzugefügt werden, dass im Hadamar-Trial 1945 in Wiesbaden härtere Strafen verhängt wurden (drei vollstreckte Todesurteile).

Im Eingangsbereich der Gedenkstätte ist ein Relief in die Wand eingelassen. Es war im März 1953 installiert worden und ist die erste Gedenktafel, die explizit auf die bis heute marginalisierte Opfergruppe dieses Verbrechenskomplexes hinweist. Dies erschließt sich ikonografisch, anders als bei der Gedenk-Glocke vor dem Klostergebäude, jedoch nur aus dem Kommentar.

Abschließend ein musikalischer Verweis:

Karlheinz Stockhausens Mutter kam 1941 in Hadamar um. Seinen Musiker-Söhnen schien der berühmte Komponist dies jahrzehntelang vorenthalten zu haben. Jedenfalls erfuhren die Brüder davon erst durch die beherzte Recherche der Schülerin eines Musikgymnasiums: https://www.deutschlandfunk.de/stockhausens-mutter-und-die-toetungsanstalt-hadamar-100.html

Dies ist ein Beispiel des beschämten Schweigens von Angehöriogen dieser Opfergruppe. Die von den Nazis behauptete Erblichkeit psychischer Krankheit und Behinderung wirkte noch jehrzehntelang, vielleicht sogar bis heute, in den Familien fort. Sie sind die „Belasteten“ (Götz Aly).

Hinterlasse einen Kommentar

Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.