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„ES BLIEB BEGRABEN“ – Anmerkungen zu dem äußerst zähen Dokumentarfilm DAS UNGESAGTE (2025) von Hector/Herzog

7–11 Minuten

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Tatsächlich hatte Götz Aly den Film bei einer Veranstaltung in Berlin empfohlen. Ein Freund aus Berlin kam extra nach Leipzig, um mich in die Cinémathèque einzuladen. Das ist ein kleines feines Kino, in dem Filme laufen, die nicht überall gezeigt werden.

Der Dokumentarfilm Das Ungesagte der Filmemacher*innen Patricia Hector und Lothar Herzog verließ 2025 preisgekrönt die 59. Hofer Filmtage. Er läuft seit dem 6.11.2025 in (einigen) Spielstätten. Man fragt sich jedoch, was den Film zum „besten Dokumentarfilm“ in seiner Kategorie gemacht haben soll.

Den beiden Regisseur*innen ging es darum, schreiben sie auf der Website zum Film, die „damalige Begeisterung der Menschen für die NS-Ideologie genau zu kennen“, um die aktuelle „Präsenz rechtsextremer Ideologien“ besser verstehen zu können. (https://dasungesagte.de/dokumentarfilm/) – Ein ambitioniertes Vorhaben, mit dem ich vollkommen d´accord gehe. Die Frage ist nun, wie das dem Film gelingt. Ich meine: nur sehr unzureichend.

Elf hochbetagte Protagonist*innen (sämtlich Jahrgänge um 1925) sprechen in dem in fünf Kapitel unterteilten Film über ihre Kindheit im „Dritten Reich“, das Aufwachsen in der „Volksgemeinschaft“, ihre Begeisterung des Mittuns, die soldatischen Kriegsschrecken an der Front, das Schweigen danach. Auch ist davon die Rede, wie sehr familiäre (Nicht-)Beziehungen in ihnen bis heute weiterwirken, etwa als verweigerte Nähe zu den eigenen Kindern, als Lieblosigkeit. Dieser wichtige Aspekt kommt leider zu kurz, er hätte weitaus mehr Raum verdient. Gerade die Analyse der Sozialisationsweisen im NS-Staat, ihrer Zurichtung von Körpern (siehe die einschlägigen Arbeiten von Klaus Theweleit), führt zu einem tieferen Verständnis der spezifischen Gewaltformen, die dieses System hervorbrachte.

Man altert gemeinsam mit den Gesprächspartner*innen, die meist in ihrem privaten Umfeld sitzend erzählen. Der Film ist betont kunstlos. Dass die Interviewstrecken thematisch einer chronologischen Logik folgen, trägt indes nicht wirklich dazu bei, den Fokus des Films zu erkennen. Die Parts sind mit „Die Begeisterung“, „Der Hass“, „Der Krieg“, „Das Schweigen“ und „Das Erbe“ überschrieben. Jedes der Kapitel dauert zwischen 20 bis 30 Minuten, was sich zu einer Laufzeit von 145 Minuten summiert.

Dies ist bereits ein grundlegendes Problem des Films: die enorme Länge. Schon nach zehn Minuten weiß man nämlich, wie der Film funktioniert, wie er aufgebaut ist: Interviews reihum, oft inhaltlich miteinander verlinkt über einzelne Schlagworte, einige (mitunter gelungene) assoziative Aufnahmen der Orte, um die es gerade geht, dazwischen eingebaute Archivaufnahmen, Fotos. Manches kommt unvermittelt, überrascht dann aber nicht. Alles bleibt unkommentiert, rahmenlos, ohne weitergehende Informationen zu den gezeigten Menschen. Und man weiß: okay, das geht jetzt noch zwei Stunden so weiter.

Dem Film hätte an sehr vielen Stellen die Schere gut getan. Nicht immer erschließt sich, welche Funktion bestimmte Äußerungen im Film haben könnten. Fanden die Filmemacher*innen gänzlich alles Material so bedeutend, dass sie sich nicht trauten, gestalterisch einzugreifen? Darum, weil es, so der Trailer, ein „letztes Zeugnis seiner Art“ sein könnte? (Das will ich nicht hoffen!)

Eine allgemeine Strukturschwäche ist der markanteste Eindruck, den der Film hinterlässt. „Zäh!“ war das erste Wort, das uns einfiel, als wir aufatmend die Cinémathèque auf die nächtliche Straße verließen. Ich glaube, das ging nicht nur uns so. Der Film wirkt mitunter, pardon, als wäre ein passenderer Name Der Ungeschnittene. Obgleich ich nicht viel zu geben versuche auf Reaktionen des Publikums im Kinosaal: Gestern Abend stellte sich relativ schnell sichtliche Ermattung ein. Wo man absacken konnte, sackte man ab (in den Sofareihen ganz vorne im Saal), hinten litt man, zumindest ich, auf Stühlen im Parkett. Ich hörte Seufzer, wenn nach einer kurz hoffnungsvoll schwarzen Leinwand – Ende? – das nächste Kapitel unerbittlich auf uns zukam.

Der Eindruck des Zähen kommt vor allem daher, dass die Filmemacher*innen das Tempo ihres Films nicht strukturieren. Der Strom des Erzählens – die bejahrten Partner*innen sind glücklicherweise verbal erstaunlich gut unterwegs – wird irgendwann zum sprichwörtlichen Plätschern. Das hat einen Grund ebenfalls darin, dass der Film tatsächlich gänzlich frei von Überraschungen ist, wie ich schon sagte. Alles kennt man im Grunde schon.

Sehr selten mischen sich die beisitzenden Filmemacher*innen mit Fragen ein. Man wohnt keinen Gesprächen bei, es sind Monologe von Menschen, deren Augen mitunter die beiden Gegenüber suchen. Meistens kommen von denen, wenn überhaupt, nur nichtssagende Rückfragen. Ihren Anspruch, „verdrängte Gefühle der Befragten zu `reaktivieren´ und auch für Interviewpartner unangenehme Fragen zu stellen“, sehe ich nirgends eingelöst. Mit ihrer eigenen, geradezu hörbaren Sprachlosigkeit haben die beiden Regisseur*innen eine Menge Potenzial verschenkt. Daher haben sie auf die Gegenfrage einer rüstigen Dame: „Was hätten sie denn mit 12 gemacht?“ keine Antwort. Man möchte gar nicht erst den Vergleich zu Claude Lanzmanns insistierender, nicht selten bohrender Fragetechnik ziehen, mit der er Überlebende und Täter bisweilen an den Rand des Zusammenbruches führte. Das wäre unfair. Eine Psychoanalyse des „kollektiven Unterbewusstseins der Deutschen“ (Flyer), was immer das sein soll, ist Das Ungesagte jedenfalls nicht.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht alle der greisen Interviewpartner*innen ein Teil der widerlichen „Wohlfühldiktatur“ (Aly), der NS-„Volksgemeinschaft“, sein durften. Die Filmemacher*innen entschieden sich dafür, auch zwei jüdische Opfer zu Wort kommen zu lassen. Diese bilden eine Art Gegen-Narrativ zur allgemeinen Ahnungslosigkeit der NS-Kinder. Beide Überlebende berichten z.B. vom Zustand ihrer Väter, die nach der brutalen KZ-Haft 1938/39 zerstört und weinend zu Hause eintrafen. Der deutsche Trailer des Films schneidet eine dieser Sequenzen so, als sei der vor der Kamera erzählende Sohn, nicht sein drangsalierter jüdischer Vater, den unerbittlichen Schlägen ausgesetzt gewesen. (Ich finde solche effekthaschenden Montagen, für die vielleicht eher der Film-Verleih verantwortlich ist, unzulässig.)

Von ihrer Ausgrenzung, den Bedrohungen, der Herabwürdigung erzählen die jüdischen Gesprächspartner im Film sehr eindringlich. Aus ihrer Perspektive und der der anderen hätte man mit einem klaren Konzept eine interessante Gegenüberstellung schaffen können. Dass einer der Gesprächspartner aus Angst vor dem gegenwärtigen Antisemitismus nur unter einem Pseudonym am Filmprojekt teilnahm, ist beschämend für die Gesellschaft, in der er beschlossen hatte, weiterhin zu leben. Und über antisemitische Sprüche hinwegzusehen.   

Den jüdischen Stimmen gegenüber steht die Überzahl derer, die lediglich rückwirkend ihre damalige Teilnahmslosigkeit zur Kenntnis nehmen können. Ich sehe nicht, dass die „Verbindung beider Perspektiven“, der Täter und Opfer, so der irreführende Flyer des Films, „unerwartete, erschütternde Erkenntnisse“ hervorbringt. Es ist eher so, dass diese „gegenläufigen Gedächtnisse“ (Dan Diner), heute wie damals, nirgend zueinander finden: Die Erinnerungen der jüdischen Gesprächspartner, nach deren gewaltsamen Verschwinden und Verbleib damals eben „nicht gefragt“ wurde, hören sich neben der unumwunden zugegebenen Ignoranz der übrigen besonders schmerzhaft an. Sätze wie „Das haben wir einfach hingenommen“, „Das wussten wir nicht“, „Wir wurden so erzogen“ oder „Wir haben nicht nachgefragt“ werden vom Gros zerknirscht konstatiert. Propaganda, Indoktrination, völkisches Gemeinschaftsgefühl sowie schmeichelhafter Überlgehenheitswahn riegelten die Wahrnehmungswelt dieser damals jungen Menschen ab. Ein damit, heute, verbundenes Gefühl der Scham wird selten sichtbar. Allenfalls ist es ein leises Bedauern: „Mit 13 hätte man schon nachfragen können“, räumt einer der Sprechenden ein.

Genau um sichtbare Zeichen von Gefühlen scheint es Hector/Herzig gegangen zu sein. Das gelingt jedoch nicht wirklich. Es war nicht nur eine Idee des Films, noch greifbare Zeitzeug*innen vor ihrem bald zu erwartenden Ableben zum, wie betont wird, erstmaligen Sprechen über eine Zeit ihres Lebens zu ermutigen. Sie sollten, scheint mir, auch Reue oder etwas ähnliches zeigen, mit dem sich ihr Erleben moralisch einordnen lässt. Sie sollen es selbst einordnen. Wiederholt werden einige gefragt, ob sie denn nicht etwas bedauern. So richtig wollen sie das aber nicht. Die Kindheit war großartig, die Märsche mit der HJ, der Sport mit den Mädels. Auch ihnen habe das „Reich“ übel mitgespielt, sagt eine der Frauen. Sie wolle sich ja nicht zum Opfer machen, tut es aber dennoch. Seine Weigerung, sich bei irgendjemandem „zu entschuldigen“, nimmt man einem anderen Mann, der mit sanfter Stimme vom Töten spricht, nicht wirklich übel. Doch es ist letztlich ziemlich enttäuschend, wie er das zu begründen versucht.

Schwer auszuhalten ist dann das 3. Kapitel „Krieg“. Hier sind umgehend alle weiblichen Stimmen verschwunden, und der Film ist dicht davor, einer Landser-Wehmut der jungen Kriegsteilnehmer freien Lauf zu lassen. Es war wirklich nicht schön, kranke „Russen“ zu erschießen, vor allem, weil man gar nicht dazu gezwungen werden musste. Es brauchte nur eine „Einladung“ des Offiziers. So war das. Ein Trupp Waffen-SS konnte aus wirklich „netten Kerlen“ bestehen; kaum zu glauben, dass die „irgendwelche Schweinereien“ verbrochen haben. In diesem Kapitel kommt Selbstmitleid, das in Deutschland 1945ff. vielfach an die Stelle eines zu Sagenden getreten war, unverstellt hoch.  

Bei all dem sieht man, dass vor allem die nicht-jüdischen Gesprächspartner*innen sich auf zwei Zeitebenen bewegen: sie kehren einerseits nostalgisch in die Normalität ihrer Vergangenheit zurück (schöne Kindheit, „Begeisterung und Hingabe“, dann Schrecken des Krieges), bevor sie sich andererseits wieder zur Räson rufen. Sie sitzen schließlich vor einer Kamera in der Gegenwart. Nicht selten kommentieren sie sogleich ihre eigene Erzählung, manchmal Schwärmerei, nun aus der Perspektive des heutigen Wissens. „Wahrscheinlich war es Mord“, sagt ein alter Herr über das Frontgeschehen aus heutiger Sicht. „Aber damals…“

Diese NS-Kinder und jungen Erwachsenen, die bereit waren, sich freudig und heroisch im Vernichtungskrieg zu verheizen, was können sie uns heute sagen? Was ist das „Ungesagte“? Nach diesem Film weiß ich es immer noch nicht. Neues, für uns neues, sagt keine einzige der befragten Personen. Neu mag es für sie sein, neu, es endlich aus dem eigenen Mund zu hören. Dass es das erste Mal sei, kann ich mir übrigens nur schwer vorstellen. Was war das nach dem Krieg Gesagte, wenn dies, alles sattsam bekannt, das Ungesagte sein soll?

Eine freundliche Mitarbeiterin des Kinos erinnert mich an den Umstand, dass das überwiegend junge Publikum häufig mit nur wenig Vorwissen in Filme zu dieser Thematik geht. Für diese sei eben vieles doch neu. Das ist gewiss richtig. Doch mit welchem Gefühl verlassen sie das „Lichtspiel“ in unserem Fall? Liegt nicht eine gewisse Gefahr darin, dass Das Ungesagte die Vorstellung vom Relativen aller Werte bedient? Das heißt die Ansicht, das jede Generation eben in ihrer eigenen Wirklichkeit lebe, in ihrem Wertesystem, und erst wir, die Nachgeborenen deuten mit erhobenem Zeigefinger auf sie.

Mich störte zudem die Andeutung, dass diese Generation einfach „nicht gefragt“ worden sei, dass keiner was habe wissen wollen. Weder die Kinder, noch sonstwer wollten etwas erfahren? Es mag sein, dass der Einfluss der „68er“, der Täter*innen-Kinder in Deutschland, auf die Aufarbeitung der NS-Zeit überschätzt wird. Das hat der Leipziger Historiker Jan Gerber erst jüngst in seinem Buch Das Verschwinden des Holocaust (Berlin 2025) noch einmal betont. Nur eine Minderheit sei erschrocken gewesen über den Massenmord. (Bis zur TV-Serie Holocaust, USA 1978, die 1979 in Deutschland ausgestrahlt wurde und ein riesiges Echo hervorrief). Dass niemand gefragt habe, das stimmt so nicht, oder höchstens für einige der Menschen in Das Ungesagte.

Einzelstimmen können im Medienformat schnell zu einer breiten Behauptung des Allgemeinen, exemplarisch, werden. Da ist Skepsis geboten.

Nein, dieser Film fördert nichts zutage, was man nicht schon woanders hören, lesen und wissen konnte. Leider.

Der Film lief in der Cinémathèque noch mehrmals. Am 29.1.2026, 19 Uhr, zusätzlich mit Gespräch mit den beiden Filmemacher*innen.

https://cinematheque-leipzig.de/

Tariler: https://www.youtube.com/watch?v=eos7EJokzso

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.