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„ANTIFA STATT HANDALA“ vs. „ANTIFA MEANS: FREE PALESTINE“ oder „FICK DIE UNI“ – Über ein Chaos der Himmels- und anderer Richtungen. Verwunderungen zur Demo in Leipzig am 17.1.2026

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Der Satz mit den „Besser-Wessis“ hatte mich schon irritiert. Diesen tumben Begriff meinte ich seit Jahren nicht mehr gehört zu haben. Und wenn, dann aus dem Mund vergrämter ostdeutsch sozialisierter Frustbürger mit Rechtsdrall. Ein Satz mit den „Besser-Wessis“, denen man zeigen werde, dass sie „hier nichts zu suchen hätten“, fiel jedoch erst neulich wieder. Mikrophonverstärkt am Sammelplatz des „antideutschen“ Teils linker Gegendemos im Leipziger Stadtteil Connewitz. Dieses, seit über zwanzig Jahren auch mein Viertel, lebt in der kollektiven Phantasie (und Wirklichkeit) als linke Hochburg und „No-Go-Area“ für Nazis.

Gleich mehrere Gegenveranstaltungen reagierten auf die wochenlange Mobilisierung der pro-palästinensischen Gruppierungen „Handala“ und „Lotta antifascista“. Pro-Palästina heißt in deren Verständnis immer auch: Anti-Israel. Beide Gruppen unterstellten ausgerechnet Connewitz eine Bedrohung für Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung. Diese ginge von „zionistischen Schlägerbanden“ im linken Stadtteil aus. Dass die Kundgebung von „Handala“ & Co. kurz nach dem Jahrestag des traumatisierenden Einfalls von Neonazis in das Viertel angesetzt war, durfte als Provokation interpretiert werden. Es hatte nicht wenige sprachlos gemacht, wie stark personalisiert die Mobilmachung der (sich als links verstehenden) Israel-Kritiker*innen ausgerichtet war.

Der befürchtete Straßenkrieg der „beiden“ Antifas blieb zum Glück aus. Wohl auch, weil die provokative Wunschroute der Mottoparty „Antifa means: free Palestine“, die ursprünglich das symbolträchtige Kulturzentrum Conne Island angepeilt hatte, um auf dem Weg das Büro der linken Stadträtin Jule Nagel zu passieren, kurzfristig verboten wurde. Genau genommen bog man die Route aufgrund (begründeter) Sicherheitsbedenken um 180°: Auf der genehmigten Strecke durfte „Handala“ die lange Karl-Liebknecht-Straße, auf der sie gekommen war, wieder nach Norden zurücklaufen. Das baute sichtlich etwas von der Anspannung ab, die ab Mittag am Connewitzer Kreuz deutlich spürbar war. Die massive Polizeipräsenz dort hatte zusätzlich einen gewissen Erwartungsdruck aufgebaut. Man kennt das von Silvester.

 „Hier finden heute Veranstaltungen statt“, leuchtete diplomatisch auf den LED-Tafeln eines Polizeibusses am Kreuz. Dort war das Gravitationszentrum. Bis kurz vor Beginn stand, wie gesagt, die Möglichkeit im Raum, dass das Kreuz an diesem Tag zur Wasserscheide werden könnte, gar zur letzten Bastion gegen eine neuerliche Invasion.

Ich beobachtete das Geschehen inmitten regenbogenfarbiger Israelfahnen. Die Gegendemo am Kreuz lud den Aufmarsch der Anmelder*innen mit dem eingängigen Slogan „Antifa statt Handala“ zur Diskussion ein. Das hatte schon lyrischen Reim-Charakter und rief sich gut. Auch „Fuck Hamas!“ + „Fuck Netanyahu!“ zeigten, dass nicht immer alles Schwarz/Weiß sein muss.

Ich hatte derweil Zeit, mich etwas zu wundern. Vor allem über ein riesiges Transparent am Kreuz mit dem Logo einer „Anti-Wessi Aktion“. War das Satire?

Wenn nicht, zeugt es zumindest von einer kuriosen Lesart der Lage. Der Dissens der beiden „Antifas“ dreht sich grundsätzlich um divergierende Deutungen des vom israelischen Militär geführten Krieges in Gaza. Für gar nicht wenige ist die Sache sehr einfach: es sei ein Genozid. Den „Nahost-Konflikt“ möchte ich nicht kommentieren, vor allem, weil ich nicht den Eindruck habe, etwas Substantielles beitragen zu können. Ich blicke da nicht durch und schaue mir eher die hiesigen Reaktionsweisen darauf an. Der Riss innerhalb des linken Spektrums wird von Rechten natürlich feixend registriert, doch egal. (Rechte sind ohnehin stets blinde Passagiere in den Theorie-Fahrzeugen anderer.)

In Leipzig wird der grundlegende Zwist nun offenbar zusätzlich auf einem Nebenschauplatz ausgetragen. In diesem Nebenraum scheint tatsächlich genug Platz zu sein für deutsch-deutsche Identitätspolitiken. Akteur*innen mit dem (nicht immer stimmigen) Theoriegepäck der „Postcolonial studies“ sowie „Antiimps“, die Israel als brutale Kolonialmacht deuten möchten, kommen in dieser Perspektive als Sendboten westlicher Kaderschmieden daher, zu „uns“.

Es stimmt schon, dass sich an mittlerweile mehreren Universitäts-Standorten (z.B. „Freiburg postkolonial“) Verdichtungen „antizionistischer“ Diskurse abzeichnen. Und ja, sehr oft kippt das in israelbezogenen Antisemitismus oder ist davon zumindest nur mit Mühe zu unterscheiden. Einige Spielarten der „Dekolonisierung“, die Sticker auch für Connewitz fordern, erinnern in ihrem Extremismus an den neurechten Begriff des „Ethnopluralismus“: Fremdes soll bei sich bleiben, ergo: raus. Der Gedanke, dass es sich bei „Handala“ & Co. um ein „Querfront-Projekt“ handeln könnte, also eine Links-Rechts-Koalition, kam auch mir kurz. Vielleicht geht dieser Vorwurf jedoch zu weit, immerhin sind dokumentierte Abgrenzungsversuche der Anmelderin von rechten Trittbrettfahrer*innen in ihrem Dunstkreis nicht unbedingt als unaufrichtig abzubewerten. Was aber sollten die „BRD – Judenstaat“-Rufe aus der „Handala“-Demo uns sagen? (Unschöne historische Parallelen zu den Saalschlachten gegen Sozialdemokraten, bei denen Kommunisten und Nazis einst gemeinsame Sache machten, möchte ich nicht aufs Tapet holen.)

Muss der bedauerliche Umstand einer schon lange schwindenden Solidarität mit den israelischen Opfern des Hamas-Terrors aber zusätzlich in die Tristesse eines deutsch-deutschen Rasters gepresst und mit westeuropäischem Uni-Bashing verrührt werden? Letzters trägt die Marke „Luxusproblem“. Die Playlist der „Antifa statt Handala“-Party enthielt folgerichtig einen Track, in dem es um eine stinkende „Inzestfabrik“ ging: Hinter mir schallte es laut „Fick die Uni“. Der krude Song der Antilopen Gang (2017) enthält den eingängigen Refrain „Fick die Uni, fick die Uni / Was bringt die Uni? Die Uni bringt nichts!“. Wirklich nichts? Was ist mit den Fußnoten in den Abhandlungen linker Flugschriften? War ich auf einer anti-akademischen Veranstaltung gelandet? Stand ich in einem Block von Proletarier*innen, die erfüllt waren vom gerechten Zorn auf kleinbürgerliche Eierköpfe? Das sah nicht so aus, wenn ich neben mich schaute. Mir fiel jedoch sofort ins Auge, dass „meine“ Seite deutlich weniger people of colour angezogen hatte. Das fand ich bedauerlich.

Im Nachnhinein kommt es mir so vor, als kränkelte „Antifa statt Handala“ an diesem Samstag ein wenig an ungesundem „akademischen Selbsthass“. Vielleicht ist das tagesformabhängig. Oder möchte sich dieser Teil der Linken wirklich von der z.B. „kritischen Theorie“ verabschieden, die zwar ein ausgesprochen universitäres Gewächs war, äußerst knifflig zu lesen, nichtsdestotrotz Teil des Theoriebestecks linken Denkens.

Ein klein wenig chauvinistisch wäre die Deutung ja schon, dass akademische West-Eliten den pro-palästinensische Demo-Hut aufhatten und den Diskurs allein bestimmen: alle nicht-westlichen Teilnehmende, alle Nicht-Studierende, die „Handala“ & Co. mit ihrer Kampagne auf die Straße brachte, werden implizit zu Fußvolk degradiert. Das generiert lediglich Masse, schwenkt Palästinafahnen und hält, wie ferngesteuert, Schilder hoch, auf denen in Melonenfarben steht: „They will never kill us all!“. Nützliche Idiot*innen? Hoffentlich nicht, auch wenn dieses Schild wirklich bullshit ist.

In Connewitz intensivierte sich im Vorfeld der Demo die Schlacht der Zeichen. Graffiti mit „Free…“ etc. wurden umgehend von Sprüher*innen überarbeitet, im Slang der Szene: „gecrossed“. Um am Folgetag an anderer Stelle wieder neu zu erstehen. Ein Aerosol-Wettrennen. Das verbreitete Plakat auf dem Foto unten findet sich an einigen Stellen in der Gegend in der Mitte durchgerissen. Ratet mal, welche Seite weggerupft wurde! Die linke Seite, richtig. Die mit Davidstern. Warum überhaupt die Gewalt am Papier? Um Unversöhnlichkeit zu signalisieren? Oder das Motiv als euphemistisch, gar verlogen zu diskreditieren?

Zum Schluss etwas zur „Psychogeographie“ des Demo-Tages. Auch die räumliche Konstellation der Stimmungsfelder am Kreuz war interessant: zwischen Demo und Gegendemo, zu der unter Applaus mittlerweile der schwarze „antideutsche“ Tross aus dem Süden gestoßen war (der mit dem „Besser-Wessi“-Mikro), bildeten Absperrvorrichtungen („Hamburger Gitter“) eine Art Bannmeile. Nennen wir es besser Schneise. Es lagen nur etwa 50 Meter zwischen den Fronten. In diesem Raum konnte man noch kurz vor Beginn der Demo (14 Uhr) herumschlendern, spielerisch die Zäune übersteigen und beide Seiten begutachten. Die Polizei nahm das gelangweilt und grußlos zur Kenntnis. Dann war aber Schluss damit. Die Ordnung des Dafür oder Dagegen wurde aus gepanzerten Polizeikörpern und Edelstahl gemauert. So sortierten sich der Raum und die Meinungsbildung. Da musste man, wie ich beobachtete, wirklich mit Beamt*innen diskutieren können, um noch zurück zur eigenen Gruppe und Seite zu gelangen. Ob Du wirklich richtig stehst, siehst Du, wenn…

Im weitgehend geräumten Spalier zwischen den Parteien dominierte nun die Medientechnik. Presseleute wuselten dort um wie Kegel postierte Polizist*innen herum. Dazu rechte und freche Medienaktivisten (z.B. „Weichreite“) mit ganz eigener Agenda, verdammt nach Identitäre Bewegung aussehende, lächelnde Nipster (Nazi-Hipster) mit Rasierkante oder irgendwie Versprengte. Nach beiden Seiten wurde aus dem Spalier heraus interviewt („Warum sind Sie heute hier?“), während Kundige in der Gegendemo sorgsam auf politisch besonders fragwürdige Interviewer (rechts, stets männlich) hinwiesen. Die bekamen dann den Mittelfinger.

Dass sich in der Schlucht zwischen zwei linken Lagern, die sich gegenseitig ein „Nazis raus!“ zubrüllten, süffisant Rechte an den Zaun heranwanzten, war ein irritierender Anblick. Er sagt einiges über gegenwärtige Verwerfungen. Dazu zählt bedauerlicherweise offenbar immer noch das leidige Ost-West-Ding. Der Wunsch „Bleibt weg von uns“ der „Anti-Wessi Aktion“ – ich möchte immer noch gern an eine Satire glauben – ging an diesem sonnigen und eiskalten Samstag in Erfüllung. Connewitz blieb unberührt, standhaft.

Chaos der Himmels- und anderer Richtungen: Connewitz im Süden ist also authentischer „Osten“, hier aber ohne Nazis, die „Wessis“ sollten in ihre „Kolonie im Osten“ oder eben „glei“ (das ist Sächsisch) nach drüben, in die BRD. „Handala“ & Co. zogen, zumindest an diesem Tag, in nördlicher Richtung ab…

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.