
Nun geht es aus Linz hinaus in westliche Richtung. Wie gesagt: Hitler hatte gigantische Pläne für seine „Patenstadt“. Im Linzer Schloss wollte er in Pension gehen, der „Sonderauftrag Linz“ raubte die größte Kunstsammlung der Geschichte zusammen (sie endete allerdings in Depots in Salzstollen). Es scheint, dass dem „Führer“ die schöne Stadt seiner Jugend mehr bedeutete als „Germania“-Berlin. Über Linz träumte er noch im Suizid-Bunker. Man weiß ja: Kindheitserinnerungen kehren im Alter mit geballter Wucht zurück.

Es empfiehlt sich, in Linz die verfügbaren Audiospaziergänge zu nutzen. Mit deren Sound im Ohr (z.B. steingeschichten.at) wandelt man auf den Spuren großdeutscher Geschichte. Nicht selten ist diese Geschichte etwas unscheinbar: das Areal des ehemaligen KZ „Linz II“ sieht heute aus wie ein Parkhaus, der kubische Beton der Gestapostelle („Kolpinghaus“), in der Franz Stangl, 1942/43 Kommandant der Vernichtungslager Treblinka und Sobibór, einst folterte, ist durch eine Plakette kenntlich gemacht. Die sieht sich schnell weg.
Es gehört wohl zum oberösterreichischen Humor, dass man den schmucklosen Vorplatz der einstigen Jesuitenschule NORDICO für skandinavische Kinder „Simon-Wiesenthal-Platz“ nannte, nach dem berühmten „Nazijäger“ und Überlebenden des KZ Mauthausen. Um die Ecke in der Betlehemstraße, wo die Linzer Synagoge 1938 irgendwie „verschwunden“ war, residiert heute die „Private Katholische Universität“. Ich schlage, bei so viel katholischer Dichte, als Namensgeber des Wiesenthal-Platzes den Namen Alois Hudal vor! Wer das ist? Bitte mal recherchieren!
Die Anlagen der ehemaligen „Hermann-Göring-Werke“ spiegeln sich gleißend in der Donau, wenn man, im Bus 360 nach Mauthausen sitzend, an dieser Landschaft dampfender Schlote vorbeifährt.

Die markanteste Spur teutonischen Irrsinns in Linz ist die Nibelungenbrücke mit ihrem Zwillingspaar klobiger Brückenköpfe. In ihrem Inneren wuselt nun die Studentenschaft der Linzer Kunstuniversität, gleichsam als Triumph von Kultur und Schönheit über das braune Barbarentum von damals. Ein „Transparenzlift“ erhebt sich einige Meter über das linke Gebäude hinaus. Er war am heiligen Sonntag leider nicht nutzbar.

Doch wir wollten ja eigentlich nach Westen: nach Hartheim. Das schöne Linz liegt, ich sagte es bereits im letzten Beitrag, mittig zwischen zwei dunklen Orten. Jeder der beiden darf für sich in den Sparten „Tödlichkeit“ und „Laufzeit“ Alleinstellungsmerkmale beanspruchen: Schloss Hartheim in der Gemeinde Alkoven führte mit über 18.000 Mordopfern die Top-6 der zentralen „Euthanasie“-Anstalten in der „Hartheim-Statistik“ an (Gesamtopferzahl ca. 30.000). Die Konkurrenten waren bekanntlich: Grafeneck, Brandenburg/Havel, Hadamar, Pirna/Sonnenstein und Bernburg/Saale. Wer war eigentlich Platz 2? Gern mal recherchieren!
Schloss Hartheim, für mich ein, pardon, „darktouristischer“ „Sehnsuchtsort“ seit Jahren. Ich besuche ihn via S-Bahn. Die Gemeinde Alkoven liegt 17 km westlich von Linz. Vom kleinen Bahnhof läuft man etwa 15 Minuten durch das Dorf zum Schloss, das als kompakter Würfel schon von weitem zu sehen ist.

Ich war für drei volle Stunden der einzige Besucher im „Mordschloss“. (Am Vormittag waren schon „ein paar Deutsche“ da, erfuhr ich später.) Während die relativ neue Ausstellung „Wert des Lebens“ im 1. OG mit zeitgemäßer Ästhetik, Gegenwartsbezug und barrierefreier Ausrichtung aufwartet, darf die Gedenkstättenausstellung im EG nach ihrem 20-jährigen Jubiläum als geschichtsdidaktisch überholt bezeichnet werden. Eindrücklich ist sie allemal.
Vor allem zum Komplex der Täterforschung gibt es mittlerweile neuere Untersuchungen (Reiselektüre war u.a. Rohrbach/Schwanninger Hrsg. „Beyond Hartheim“, Innsbruck 2019), daher war ich ein wenig enttäuscht von der kursorischen Darstellung der Haupt- und Nebentäter*innen, v.a. der Zentraltäterfigur Christian Wirth, der als der „böse Geist von Hartheim“ (so Georg Renno gegenüber Walter Kohl in „Ich fühle mich nicht schuldig“, Wien 2000) gegolten hatte. Die Verbindungen der „T4“ zur „Aktion Reinhardt“, dem Mord an den Jüdinnen und Juden im „Generalgouvernement“ (1,8 Mio. Tote) muss man sich gebückt im Halbdunkel erschließen. Das schwierig zu lesende Kleingedruckte in der Schublade entspricht in keiner Weise dem sehr hohen Personalaufkommen von Ex-Hartheimern in den Vernichtungslagern.

„Mordschlösser“: Am Renaissancebau aus dem 16. Jahrhundert frappiert nicht nur dessen Schönheit. Auch die strukturelle Ähnlichkeit der dort ersonnenen Todesstrecke mit den anderen „T4“-Anstalten fällt ins Auge. Die exponierte Lage irritiert erneut (vergleiche dazu meinen Eindruck von der Gipfellage der Mordanstalt Hadamar) – das Gebäude steht weit sichtbar wie ein Koloss im Dorf. „Geheime Reichssache“ sieht anders aus. Den bizarren „Schloss-Charakter“, wie aus einem bösen Märchen, finden wir nominell wieder an anderen Orten des Todes: in Chelmno/Kulmhof, in Pirna (Schloss „Sonnenstein“), zuvor in Grafeneck in Baden-Würtemberg.
Hinsichtlich topologischer Aspekte sei kurz auf den im „Wettbewerb für christliche Literatur“ (!) preisgekrönten Roman „Schattenschweigen oder Hartheim“ von Franz Rieger (Graz 1985) eingegangen. Er wurde jüngst in einer Neuauflage publiziert und löste in mir ambivalente Gefühle aus: Besonders die literarische Darstellung der räumlichen Lage dieses Tatortes der NS-„Euthanasie“ weckt eine gewisse Skepsis. Die Ortsbeschreibung von Riegers Protagonist, ein seit Jahrzehnten in der Gemeinde ansässiger Dorfpfarrer, rückt das Schloss nämlich mit literarischen Mitteln in mehrfache Distanz zur Bevölkerung. Diese ahnt zwar etwas, weiß aber nichts. Und kann nichts wissen.
Vor allem decken sich die Angaben von Entfernungen im Buch nicht mit meiner körperlichen Erfahrung vor Ort. Riegers Protagonist beschreibt das Schloss als „alleinstehend in der Ebene“ und „bar jeden Schutzes, wie das Schloss des Zauberers“ (S. 23) anmutend. Obwohl „kein Baum in der näheren Umgebung steht, die nächsten Häuser eine abseits vorbeiführende Straße säumen“ könne „man sich nicht ungeschützt nähern“, da man „sofort ins Blickfeld der Wächter“ gerate. (S. 27) Das Schloss sei eine verbotene Zone, eine Annäherung gefährlich: „Der Zugang zum Schloss wurde für Unbefugte gesperrt, Tafeln kündigen an, das Wachpersonal patrouilliert mit Hunden um das Schloss und in der Umgebung.“ (S. 26) Diese Wächter seien zudem „immer zu zweit“ und mit einem Schäferhund unterwegs (S. 48).
Nun, all das erweist sich als gelinder Blödsinn, wenn man vor Ort ist. Das ist einer der Vorteile einer physischen Präsenz an „dunklen Orten“.

Der umfangreichen Publikation „Tötungsanstalt Hartheim“ (Linz 2013) konnte ich entnehmen, dass es in Wahrheit „erstaunlich wenige Sicherheitsvorkehrungen“ gegeben hatte. Also keine patroullierende SS mit Hunden etc. Die Existenz von Wachmannschaften war ein bequemer Mythos (ebd., S. 79.) Bei Rieger liegen die Bauernhöfe, die erstaunlich nahe sind, „weit verstreut um das Schloss“, der „nächstliegende befindet sich in einiger Entfernung zum Schloss“. (S. 49). Allein der Erzähler, der regelmäßig mit dem „Gefühl der Zeugenschaft“ auf den Kirchturm steigt, um die „schwefelgelbe Rauchsäule“ zu beobachten, vermag das Geschehen zu überblicken. Dies, obwohl der Kirchturm „800 m“ entfernt und der Beobachter „weitsichtig“ ist. Die „Leute dort“ könnten, „wenn sie nicht vorsätzlich das Schloss beobachteten, wozu sie keine Zeit haben [!], die Vorgänge, die ich von hier aus sehe, nicht mitbekommen“. Zudem seien diese Höfe, „große Vierkanter“ von „dichten Obstbaumbeständen umgeben“ (S. 49), anders wiederum als das Schloss, dass ja, wie gesagt, „bar jeden Schutzes“ allein in der „Ebene“ stehe…
Das Buch stellt, so das Fazit, obgleich es relativ früh die Verbrechen benennt, ein Entlastungsangebot dar. Mitwisserschaft, stillschweigendes Dulden, die Angst vor Repression sowie das daraus resultierende Schweigen werden thematisiert, zugleich jedoch mittels subtiler Mittel in ihrer moralischen Tragweite relativiert. Was hätte man denn tun und wissen können? Ich unterstelle dem Autor keine bewusste Relativierung. Die österreichische Erinnerungskultur hat zudem erschreckend spät begonnen, sich mit diesem Tatkomplex überhaupt zu beschäftigen. (In der Gedenkstätte werden die wenigen couragierten Akte des Widerstandes thematisiert.)
Vor Ort bekommt man, es sei noch einmal betont, einen Eindruck, wie dicht das Geschehen in das Dorf eingeschrieben war. Busse mit den Opfern fuhren täglich die Dorfstraße entlang, mitunter fiel Asche von einem LKW auf dem Weg zur Donau. Die legendären „Pyramiden von Hartheim“, so der Titel eines frühen Werkes von Walter Kohl (1997), waren (angeblich?) von Dorfbewohnern angehäufte Asche- und Knochenreste am Straßenrand. Widerstandsakte oder nur vermukster Protest?
Die überlieferten Fotos, die von Anwohnern aus nächster Nähe gemacht wurden, unterstreichen jedenfalls das Mittendrin-Sein. Satellitenaufnahmen der Topographie des Ortes zeigen, dass die bewohnten „Vierkanter“ zum Teil keine 100 m vom Schloss entfernt lagen.

Die angelieferten Menschen wurden in Hartheim in einer letalen Einbahnstraße stufenweise ausgelöscht. Ein eingespieltes System. Ihr Weg führte von der Busgarage zu hintereinandergeschalteten Räumen, in denen fotografiert, entkleidet, vergast, gelagert, geschändet (Zahngold, Präparate) und verbrannt wurde. In Hartheim lässt sich dieses „Fließband“ abschreiten, motorisch nachvollziehen. Mit Geländer.

Der einst mit Holzlatten vernagelte Arkadengang, der den „Schlauch“ oder die „Himmelsstraße“ der Vernichtungslager präfigurierte, hebt sich durch seine Eleganz drastisch ab von den muffigen Kellergängen anderer „T4“-Anstalten. In Hartheim wurde zwischen edel ziselierten Säulen gemordet.
Architektur des Mordens: In Grafeneck und Brandenburg erfolgte der Gang der Opfer in die Gaskammer unter freiem Himmel. Pirna, Bernburg und Hadamar sind verschachtelt angelegt, der Mordvorgang, in Hartheim ebenerdig (mit vernageltem Fenster), war dort mit Abzweigungen, Treppen und Etagenwechseln verbunden. Er erfolgte unterirdisch.
Im Schlosshof war es enorm zugig, die Türen schepperten vom Wind. Auf meine Nachfrage bestätigte die Mitarbeiterin des „Lernorts“, dass es in Alkoven „allgemein sehr windig“ sei. Dies mag beigetragen haben zur weiten Ausbreitung des infernalischen Gestanks, der bis Ende 1944 vom Schloss ausging. In dem konnten die „T4“-Mitarbeiter*innen ihre Zimmer (2. OG) „nur mit Taschentuch vor der Nase“ verlassen. Es ist mir schleierhaft, wie Dr. Georg Renno, zweiter Tötungsarzt und meistens vor Ort, hier zeitweilig seine Familie nebst Kindern unterbringen und abendlich, wie berichtet wird, mit seiner Querflöte in den Rauch hineinmusizieren konnte.
Die physische Nähe von Opfern und Täter*innen kommt in Hartheim als eine Besonderheit hinzu: ein großer Teil des Personals, das aus ca. 70 Personen bestand, wohnte im dreistöckigen Schloss, ihre Zimmer gruppierten sich um den Lichthof. Brigitte Kepplinger hält fest: „Der Massennord war wohl in keiner Tötungsanstalt so eng mit dem Alltagsleben des Personals verflochten wie in Hartheim. Allein aufgrund der räumlichen Gegebenheit war ein Ausweichen oder Wegsehen nicht möglich.“ („Tötungsanstalt“, a.a.O., S. 95) Dieser Aspekt ließ mich an die Risiera di San Sabba in Triest denken (siehe dazu meinen Beitrag „Urlaub in der OZAK“, Teil 2)

Am Geländer wird nicht selten jemand mit einer Zigarette gestanden haben, wenn unten ein „Transport“ ankam. Mir fiel außerdem auf, dass das Gebäude überaus geräuschintensiv ist. Es hallte enorm. Bei der „Abfertigung“ von „Transporten“ (in 16 Monaten durchschnittlich 20-60 Menschen am Tag) muss es unfassbar laut zugegangen sein.
Die Wirtschaftsräume für die T4-Belegschaft lagen im Erdgeschoss, inmitten des 240 qm großen Todesbereichs. Dies führte zu grotesken Begegnungen, wie Kepplinger schreibt: „Nicht nur das Pflegepersonal, auch die Bürokräfte waren ständig mit den Opfern konfrontiert. Da sich der Kühlraum für die Lebensmittel zwischen Auskleideraum und Aufnahmeraum befand, mussten sich Köchin/Koch und Küchenhilfen mehr als einmal durch eine Gruppe von Opfern drängen, um die benötigten Lebensmittel aus dem Kühlraum zu holen.“ (in: „Beyond Hartheim“, S. 26) Die Küche im EG, in der eine Weile auch der Koch Kurt Franz, später der letzte Kommandant von Treblinka, genannt „Lalka“ („Die Puppe“), zugange war, ist nur 15 m vom Krematorium entfernt, die Abwaschkammer lag neben dem Sezierraum.
Bedauerlicherweise herrscht in der Literatur keine Einigkeit hinsichtlich bestimmter baulicher Aspekte: Es ist nicht restlos geklärt, ob wirklich die Berliner Firma „Kori“ den Krematoriumsofen lieferte (obgleich meist so angegeben) und wie er eingebaut war. Die Existenz eines Schornsteins in der Ecke des Hofes ließe sich, schrieben Marckhgott/Reese 2008, nicht zweifelsfrei verifizieren. Bis heute, teilte mir eine Mitarbeiterin von Hartheim mit, ist nicht wirklich klar, wo genau der Schlot stand: Man fand keine Spuren im Fundament des Hofes, wenngleich sich ein Häftling des „Rückbaukommandos“ (Dezember 1944) an einen „Fabrikschornstein von 26 m Höhe“ erinnerte und in der frischen Erinnerung der Büroangestellten Helene Hintersteiner (nach Schließung der T4-Anstalt Mitarbeiterin des dortigen Tarn-„Gaukinderheimes“, Freispruch 26.11.1947) „im Freien ein großer haushoher Schornstein“ gestanden hatte. Nur wo genau? Selbst neueste Techniken und Drohnen-Aufnahmen haben dieses Rätsel nicht lösen können.

Eine neuere Doku über Hartheim (https://www.youtube.com/watch?v=5eOOLZfUmrE) hat die bauliche und Funktionsstruktur effektvoll veranschaulicht; einige Darstellungen (etwa die Grundfläche des Ofens) decken sich jedoch nicht mit jenen der Gedenkstätte.
Die ungewöhnliche und lange Nachnutzung des Schlosses als privates Wohngebäude (!) haben die meisten Spuren der Verbrechen verschwinden lassen. Leider hat die Erinnerungskultur planierend mitgewirkt: „Die 1944/45 beabsichtigte, aber wegen der widrigen Umstände nur unvollständig durchgeführte Beseitigung der Spuren wurde in mancher Hinsicht 1969 durch die Adaptierung der Gedenkstätte vollendet.“ (in: „Tötungsanstalt“, a.a.O., S. 476 ff.)
Hier noch aktueller Radio-Beitrag (2020) über eine Gruppenreise nach Hartheim: https://www.deutschlandfunkkultur.de/euthanasie-opfer-besuch-in-der-ns-toetungsanstalt-100.html
Asche: In einiger Entfernung vom Schloss (4 km) wurde eine, wie man mir sagte, eher unzugängliche Gedenkstelle am Donau-Ufer eingerichtet. Sie soll den Ort symbolisieren, an dem Asche der Opfer in den Fluss geschüttet worden war. Die genaue Stelle kenne man nicht, da sich der Uferverlauf etwas verändert habe.
Die Zahlen der in Hartheim vergasten KZ-Häftlinge schwanken zwischen 6000 und 10.000. Mit Beginn der „Aktion 14f13“ in Hartheim (August 1941) war dann auch die Asche jener KZ-Häftlinge darunter, die bis zur völligen Erschöpfung den für die Linzer Brücke benötigten Granit aus den Steinbrüchen von Gusen und Mauthausen geschleppt hatten.
Da die Donau tatsächlich von Westen nach Osten fließt, trieben Aschepartikel – mitunter wurden ganze Säcke ins Wasser geworfen – unter der Linzer Nibelungenbrücke vorbei…


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