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URLAUB IN DER „OZAK“ – Triest, die Nazis und eine Reismühle (2025) – Teil 2

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Eine der bedeutendsten Gedenkstätten Italiens ist die Risiera di San Sabba, um die es im zweiten Teil gehen soll. Zugleich Gefängnis, Mordanstalt, Kaserne, Depot und Sitz der Abteilung „R1“ stand dieses KZ bis Juli 1944 unter dem Kommando von Gottlieb Hering (Kommandant von Belzec)

Mitunter wird die Risiera zur Kategorie der Vernichtungslager gezählt. Dies ist irreführend, weil Vernichtung nicht der alleinige Zweck dieses Ortes war. Dem Historiker Aphi ist jedoch zuzustimmen, dass das Lager einen „`Mikrokosmos´ von jenen Formen und Methoden“ darstellte, „die von der nationalsozialistischen Politik der Unterdrückung und Vernichtung angewendet wurden.“ (Katalog, a.a.O., S. 46).

Das Lager war eine Adaption, wie der Globocnik-Biograf Johannes Sachslehner schreibt: „Das Lager wurde zu einer Folter- und Exekutionsstätte, in der auch der `Gaswagen´ und das Krematorium nicht fehlen dürfen; es basiert auf den in Polen gemachten Erfahrungen.“ („Zwei Millionen ham´ma erledigt“, Wien/Graz/Klagenfurt 2014, S. 332)

Der Triestiner Schriftsteller Mauro Covacich betitelt in einem schönen Büchlein über seine Stadt den Text zur Risiera di San Sabba merkwürdigerweise mit „Besichtigung eines Verbrennungsofens“. („Triest verkehrt“, Berlin 2022.) – Eben diesen Ofen gibt es in der Gedenkstätte nicht zu sehen. Dafür ist er dort ikonografisch markant herausgearbeitet durch glänzende Metallplatten im Boden des Fabrikhofes, nebst Rauchkanal und Stahlsäule. Letztere soll den einstigen Schornstein andeuten. Dazu später mehr.

Bei unserem Besuch der Risiera war der Haupteingang nicht passierbar. Er führt an der Stelle des einstigen Kommandantenhauses – dort ist heute sinnigerweise ein WC – in einem beklemmenden Gang durch den 1. Fabrikhof, der wie eine fatale Schleuse an der „Todeszelle“ im 2. Hof endet.

Derlei Passagen, die ich hier nur von innen sah, sind wirkungsvolle Metaphern in Gedenkanlagen. Sie erinnert z.B. an das „Denkmal der grauen Busse“ für die Opfer der „Euthanasie“, zudem an die den Gang („Schlauch“) zum Gaskammergebäude andeutende Schneise in der Gedenkanlage von Belzec.

Wir betraten den Ort somit über einen Seiteneingang durch die heutige „Gedenkhalle“. In dieser war früher die Dauerausstellung der Gedenkstätte untergebracht. Jetzt herrscht dort mahnende Leere in Hellgrau. Eine Stahlskulptur erinnerte mich sofort an das Kunstwerk von Nandor Glid in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Genau dieser Gebäudeteil der Fabrik diente bis 1945 als Garage. Er war der Stellplatz für die Fahrzeuge des „R1“-Kommandos, zu dessen Fuhrpark ein Gaswagen gehörte. Die Idee dazu soll einmal mehr auf den umtriebigen Ingenieur Lorenz Hackenholt zurückgehen, der wie eine ganze Reihe (laut Sara Berger: 20-30) alter Kumpane des „T4-Reinhardt-Netzwerkes“ in der Risiera stationiert war.

Christian Wirth, der sein Büro und Verhörräume in der Stadt hatte und seit Herbst 1943 erneut der Inspekteur dreier Zentren ist ging hier ein und aus. (Wirths Büro befand sich in der „Villa Segre“, Via Murat, eine gesichtslose Straße in der Nähe des Hafens. Sein Nachfolger Dietrich Allers wird später in der Via Giustinelli 1 wohnen.)

Der sog. 2. Hof der Risiera, rechts der Zelltrakt, im 1.Stock Werkstatträume

Apropos Gaswagen. Laut Wirth-Biograf Stensager handelte es sich bei dem Gaswagen um ein „ehemaliges Postauto“ (a.a.O., S. 72). Damit würde das berüchtigte „T4“-Transportmittel und der legendäre „Kaiser´s-Kaffee“-Gaswagen, der in Polen für Morde verwendet worden war, technisch verschmelzen. Ich halte das für weniger wahrscheinlich: Die Gaswagen, die von der osteuropäischen Bevölkerung ängstlich „Seelentöter“ genannt wurden, waren modifizierte LKW und (Berliner) Spezialanfertigungen.

Graugestrichene Busse der Reichspost und LKW wurden in Triest jedoch benutzt, um jüdische Gefangene aus der Risiera zum Hauptbahnhof zu bringen, zur Deportation nach Auschwitz, Dachau, Mauthausen oder, zuletzt, Bergen-Belsen. Insgesamt 23 dieser Züge verließen ab dem 7.12.1943 die Stadt. Am Bahnhof von Triest befindet sich eine Gedenkplatte.

Die Risiera di San Sabba mussten etwa 20.000 Menschen „durchlaufen“, die Mehrzahl davon politische Gefangene, antifaschistische Aktivist*innen, Partisan*innen oder schlicht als solche unter Verdacht stehende Zivilist*innen. Als Gefängnis war die Risiera auch ein Ort der Zwangsarbeit (Diebesgut sortieren, Holzhacken). Eine Gruppe von 30 jüdischen Arbeitern wurde zu Schneiderarbeiten gezwungen (und überlebte).

Foto: Der einstige Eingang zum Lager vor der Umgestaltung zur Gedenkstätte: das Kommandantenhaus, in dem Hering und später Josef Oberhauser (Wirths Adjutant) wohnten, links Unterkünfte und Büros der deutschen Mannschaft.

Von der Reismühle aus starteten Kommandos zur „Bandenbekämpfung“ oder zu „Vergeltungsaktionen“, die mehrfach im Abfackeln ganzer Dörfer gipfelten. Um Triest, Udine sowie im kroatischen Istrien finden sich zahlreiche Ortschaften mit Gedenksteinen, die an NS-Massaker erinnern.

Gefoltert und getötet wurde in der Risiera vor allem abends und nachts, mit besonderem Gewicht auf kruder „Handarbeit“ (Erhängen, Erwürgen, Erschlagen mit Knüppeln). Weil die Mühle in einem Wohn- und Industriegebiet liegt, wurde offenbar weniger geschossen. Dennoch war es ein „offenes Geheimnis“, was hier geschah. Zeugen sprachen von Gestank und „gelblichem Rauch“, das Entsorgen der Asche im Meer wurde beobachtet.

Man geht heute von 5000 Opfern aus, die hier ermordet wurden; die Zahl der jüdischen Opfer, da sie hauptsächlich deportiert wurden, ist dabei vergleichsweise gering. In einer Mauernische befindet sich eine Vitrine mit, ein wenig befremdlich, „Asche aus Jerusalem“ sowie einige Besitztümer jüdischer Gefangener.

Die Hinrichtungen und der (gelegentliche) Betrieb der mobilen Gaskammer (Gaswagen) in der Garage wurden durch Musik aus Lautsprechern übertönt (alte Lautsprecher sind noch immer an den Ziegelmauern installiert). Es ist davon auszugehen, dass der stille „Sala della Commemorazioni“, eine Art Kapelle, einst ein lärmender Tatort des Massenmords mit Abgasen war. Zu diesem Umstand findet sich dort m.W. kein Wort.

Die architektonische Gestaltung der Gedenkstätte stellt eine eigenwillige Konfrontation aus quasi-authentischen Räumen (v.a. die sog.„Mikrozellen“ und die benachbarte „Todeszelle“) und Materialien dar. Die ausgestellte KZ-Häftlingskleidung ist deplaziert, da sie in der Risiera nicht getragen werden

Die baulichen Interventionen in den Gesamtkomplex kann man extrem nennen: So wurden vom Architekten Romano Boico ganze Gebäudeteile (Lagerhallen, Kommandantenhaus, Gebäude der deutschen SS) abgerissen und einschüchternd hohe Betonmauern eingezogen, die das Areal durchschneiden und unterteilen.

Das Entfernen der Böden von drei Stockwerken, ehemals Räume zur massenhaften Inhaftierung, bei Belassen der Balkenkonstruktion ließ den „Saal der Kreuze“ entstehen (der als „christlich“ anmutend kritisiert wurde). Ich habe es allerdings nicht so empfunden, dass die Risiera in eine „Art Heiligenschrein“ verwandelt wurde, wie Susanne Knittel kritisch anmerkte. („Grafeneck, Triest und die Politik der Holocausterinnerung“, Bielefeld 2018, S. 246.)

Der Zelltrakt im Erdgeschoss

Das besagte „Krematorium“ fehlt in keiner Erwähnung des Ortes. Es gilt als einzigartig auf westeuropäischem Boden. Wobei Aphi schreibt, ohne Nennung seiner Quelle, dass für das nahe Städtchen Prosecco – genau, aus eben dem kommt das sektartige Getränk – ein „zweiter Verbrennungsofen“ geplant gewesen sei. In den Strafprozessen stellte die Existenz des Krematoriums einen besonders belastenden Aspekt dar. Dies schlug sich in den Versuchen der Täter nieder, genau dies zu verharmlosen.

Überliefert ist bzgl. des Ofens in der Risiera z.B. eine Aussage des „fliegenden“ „T4-Reinhardt“-Maurers Erwin Lambert. Er hatte bereits in der „Euthanasie“-Tötungsstätte Hartheim bei Linz (siehe meinen Beitrag dazu) unter Wirths strengem Blick gebaut und konstruierte mehrere Gaskammwern. Seine Aussage zielte offenkundig darauf ab, das Krematorium als primitives Provisorium erscheinen zu lassen: Er habe ein Loch in den vorhandenen Schlot geschlagen und „daneben“ eine Art Kamin mit eingemauertem Rost gebaut. Kurios, dass der erfahrene Handwerker die eigene Arbeit als „zur Leichenverbrennung nicht geeignet“ darstellen möchte. (zit. n. René Moehrle, „Judenverfolgung in Triest während Faschismus und Nationalsozialismus“, Berlin 2014, S. 360.) 

Tatsächlich war das Krematorium in einem Hofgebäude untergebracht. Der vorgefundene Trocknungsofen im Maschinenraum der Fabrik wurde bis April 1944 umgebaut und der neue Ofen, so noch einmal Aphi, „bei einer Triester Metallfabrik in Auftrag gegeben“ (Katalog, a.a.O., S. 130). Im Schutt des am 29.4.1945 gesprengten Krematoriums – es konnte somit genau ein Jahr in Betrieb gewesen sein – wollte ein Mitarbeiter im Mai 1945 die Teile wiedererkennen.

August Dietrich Allers wird im Juni 1944 Wirth ersetzen, bei dessen Beerdigung er bereits anwesend war. Kurzzeitiger Interimschef als Inspekteur war, wie in Polen, Wirths Stuttgarter Kripo-Kollege Hering, der im Juli 1944 versetzt wird.

Allers wusste natürlich „nichts“ von einem Krematorium. Im Prozess 1970 wird er in Frankfurt/M aussagen, dass er erst „in den letzten Wochen“ des Krieges erfuhr, „dass sich auf dem Gelände der Risiera-Kaserne ein Krematorium befinden würde“. Auf dem Kasernengelände habe er „nie ein konkretes Gebäude gesehen, das einem Krematorium entsprechen könnte.“ (zit. n. A. Scalpelli, „San Sabba. Istruttoria e processo per il Lager della Risiera“, Milano 1988, Bd. 2: I Documenti, S. 28 f.) Dies lag wohl daran, dass Allers, wie er glauben machen möchte, nur 2-3 mal die Risiera besucht hatte. Vor allem habe ihn nur die Kantine interessiert. Eine der Kantinen lag im Erdgeschoss, direkt neben dem Krematorium in Hof 2.

Josef Oberhauser, Wirths „Schatten“ und letzter Kommandant der Risiera – er wird angeblich die letzten Gefangenen am 29.4.1945 mit Handschlag entlassen -, „stützte“ im Prozess in München 1971 die Aussage seines einstigen Chefs: die Verbrennungsanlage sei „außer Betrieb gewesen, als Allers seinen Posten in Triest antrat.“ (Wir erinnern uns: es wurde erst im April 1944 in Betrieb genommen mit der Verbrennung von in Opicina erschossener Geiseln.) Zudem hatte er, Oberhauser, mit dem Krematorium „nichts zu tun“, versteht sich. Außerdem sei der Zugang vom ersten zum zweiten Hof „durch ein schweres Tor“ verriegelt und „von einem Polizeiposten bewacht“ gewesen. (Scalpelli, a.a.O. S. 34.) Es muss hart sein, als Kommandant, der man ab Juli 1944 gar nicht gewesen sein will, so vielen Hindernissen begegnen zu müssen!

Eine alte Fotografie aus Zeiten des zivilen Betriebes der Fabrik, aufgenommen aus dem höchsten Gebäude, in dem sich 1944 die Unterkünfte der italienischen SS-Wachmannschaft befanden, zeigt ein Dach im Hof. Dieses Gebäude beherbergte möglicherweise den erwähnten Trocknungsofen. Die horizontale Dachkonstruktion weicht jedoch vom Modell der Gedenkstätte ab.

Weitere Abweichungen ergeben sich beim Vergleich des Gedenk-Ensembles mit einem in der Dauerausstellung stehenden Modell. Dieses zeigt, wie im kleinen Begleitheft zur Ausstellung nachzulesen ist, „two industrial buildings“ im Fabrikhof, „partly to kill the prisoners and partly to hide the crematorium“. („The Risiera of San Sabba“, Triest 2016, S. 25.)

Die Kontur eines der Gebäude zeichnet sich an der Gebäudemauer deutlich ab und unterstützt die räumliche Vorstellung.

Metallplatten deuten den (wahrscheinlichen) Standort des Krematoriums an

Die heutige Anlage mit den metallenen Bodenplatten fusioniert in einem Quadrat somit das Krematorium und das zweite nebenstehende Gebäude, der eigentliche Tatort vor der Verbrennung. Vielleicht eine Konzession an den Platzbedarf im Hof bei Gedenkfeiern.

Die relativ neue Dauerausstellung im Erdgeschoss ist direkt neben der Metallplatte betretbar. Sie versammelt allgemeine Informationen zur Besatzungszeit sowie die wichtigsten Punkte der Geschichte dieses sehr interessanten Ortes.

Obwohl das einstige Fabrikgelände mit den riesigen Lagerhallen eine große Fläche umfasste, ist bemerkenswert, auf wie kleinem Raum sich letztlich die Strukturen des KZ verdichteten: Wohnräume der Besatzung, Gefängniszellen, Küche, Mordstätte und Krematorium lagen sehr nahe beieinander, ebenso Alltag und Freizeit. Eine bei den Tätern beliebte Kneipe, die noch heute existiert, liegt direkt gegenüber.

„In direkter Nähe der eigentlichen Mordfabrik zu wohnen und zu arbeiten, war die Lebensrealität der Mannschaft.“, hatte Stensager zu den Mordstätten Belzec und Hartheim festgestellt (a.a.O., S. 51). Auf den „Mikrokosmos“ der Risiera, die wir nun verlassen, trifft dies ebenfalls zu.

Unsere letzte mehrtägige Station in Italien war Udine, eine schöne Stadt im Herzen des Friaul. Wir wohnten direkt in der Altstadt. Ich konnte nicht anders, als hin und wieder kurz daran zu denken, dass genau hier einst die beiden SS-Franze Stangl und Suchomel spazieren gegangen waren.

Der Amtssitz von „R3“ in Udine befand sich zunächst außerhalb in der Via San Martino, später im SD-Gebäude in der Via Cairoli, in der Nähe der grünen Piazza I Maggio mit Blick auf das Schloss. Der kreisrunde Park ist ein beliebter Flanierort mit zentralem Springbrunnen.

Einen „Parco della Rimembranza“ gibt es auch in Udine. Anders als in Triest ist der schmale Grünstreifen mit einigen Gedenktafeln den zivilen Opfern des Krieges gewidmet.

Eine ästhetische Herausforderung stellt das „Monumenta alla resistenza“, das Denkmal für den Widerstand, in Udine dar. Selten habe ich ein hässlicheres Monument gesehen: Ein riesiges Betonquadrat auf einer Verkehrsinsel der Piazzale XXVI Luglio mit rostiger Schrottskulptur und einem Wasserbecken, in dem tote Tauben trieben. In den Beton des Rahmens sind teils unleserliche Sätze eingemeißelt.

Wir verlassen nun die OZAK. Wieder nehmen wir die gleiche Straße, die versprengte Reste des „Einsatz R“, nun wirklich in Kolonnen fahrend, auf ihrem Rückzug nach Österreich genommen haben dürften.

Das 30 km nördlich von Udine gelegene Dorf Avasinis, das auf unserem Rückreiseweg lag, wurde am 2.5.1945 noch Schauplatz eines Endphaseverbrechens der abziehenden Kommandos. Bei dem Massaker, das eine Kompanie der Waffen-SS („Karstjäger“) im Rahmen ihrer Art der „Partisanenbekämpfung“ dort anrichtete, wurden 51 Menschen ermordet. Hier hielten wir nicht mehr an.

Die Geschichte des „Einsatz R“ endete in Kirchbach/Kärnten, kurz hinter der italiensischen Grenze. Dort wurden die „Experten der Vernichtung“ am 7./8.5.1945 von August Dietrich Allers entlassen. Nun sollten sie sich selbst durchschlagen.

Die Dorfgemeinde muss in diesen Tagen die höchste Rate an kriminellen Gästen ihrer gesamten Geschichte gehabt haben.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.