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URLAUB IN DER „OZAK“ – Triest, die Nazis und eine Reismühle (2025) – Teil 1

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Zu einer erinnerungskulturellen Reise kann ein Sommerurlaub werden, wenn sich der Aktionsradius mitunter auf gespenstische Weise mit dem einiger notorischer NS-Täter deckt. Dies ist nahezu unvermeidlich, wenn man, wie wir im Sommer 2025, den Weg von von Salzburg nach Triest nimmt, das kroatische Rijeka an der Riviera bei Lovran mitnimmt, um später von Udine aus die Heimreise anzutreten. Wir waren somit in weiten Teilen der einstigen „Operationszone Adriatisches Küstenland“ (OZAK) unterwegs, neben der benachbarten Zone „Alpenvorland“ ab September 1943 das Territorium der NS-Besatzung Norditaliens. Davon handelt dieser mehrteilige Report.

„Wir fuhren in der Kolonne nach Italien“, berichtete Franz Stangl der Journalistin Sereny. „Globocnik, Wirth und 120 andere Männer (…) Es sollte ein ganz anderes Leben werden.“ (Gitta Sereny, „Am Abgrund: Gespräche mit dem Henker“, München 1997, S. 308.)

In Wirklichkeit war Stangl, der ehemalige Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka (Teil der sog. „Aktion Reinhardt“, in der etwa 1,8 Millionen Jüdinnen und Juden in Gaskammern ermordet wurden), neben den genannten Odilo Globocnik und Christian Wirth mit Josef Oberhauser und zwei anderen nur Teil einer kleinen Vorhut. Diese Gruppe war nach ihrer mörderischen Arbeit im besetzten Polen ins Küstenland versetzt worden.

So „ganz anders“ war das Leben in der OZAK nicht, gehörten doch weiterhin Plünderung, Gewalt, Brandschatzung, Deportation und Mord zum Tagesgeschäft jener „abgebrühten“ Männer, die, so schreibt der italienische Historiker Elio Alphi, „hochspezialisierte Techniken und Unterdrückungsmethoden“ mit sich führten. Nach dem ersten Transfer von T4-Knowhow (die Gaskammern der NS-„Euthanasie“ im Deutschen Reich) nach Polen eine weitere Übertragung.

Zwei Drittel, nahezu 100 Täter der vormaligen „Aktion Reinhardt“ scharten sich als „Einsatz R“ (auch: „Abteilung R“) erneut um den ehrgeizigen Globocnik, ab Oktober 1943 HSSPF (Höhere SS- und Polizeiführer). Mit Triest kehrt „Globus“, wie er von seinem Protegé Heinrich Himmler genannt wurde, nach Hause zurück.

„Globus“ in geselliger Runde, Triest 1944

Bis Januar 1944 wird auf sein Drängen schubweise das nötige Personal von der „Kanzlei des Führers“ (KdF), die wie schon das „Euthanasie“-Programm nun den „Einsatz R“ verwaltet, ins Küstenland versetzt. Darunter befinden sich zahlreiche ehemalige „Trawniki“. So wurden die Wachmannschaften (Balten, „Volksdeutsche“, Ukrainer) aus den Vernichtungslagern genannt, die überwiegend aus Kriegsgefangenen rekrutiert worden waren.

Ein gesamtes Mordmannschaft wurde also nach Norditalien „in Marsch gesetzt“. Denn „T4“ war, das hatten die Richter in den deutschen Strafprozessen erkannt, sehr „bemüht (…), die eigenen Leute auch bei auswärtigen Einsätzen unter allen Umständen zusammenzuhalten“. (A. Rückerl Hg., „NS-Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse“, München 1978, S. 72.) Die Militärexperten Giusto/Chiussi listen 99 deutsch-österreichische Täter und 23 „Trawniki“ namentlich auf (vgl. „Globocnik´s Men in Italy 1943-1945″, Atglen 2017, S. 199 ff.)

Vor Ort werden lokale Kräfte angeworben, so dass sich die „Abteilung R“ weiter zu einer multiethnischen Tätergruppe ausweitet, darunter auch Frauen (Sekretärinnen, Küchenkräfte, Bedienstete).

Globus´ enge Freundschaft mit dem „Obersten Kommissar“ der OZAK SS-Obergruppenführer Dr. Friedrich Rainer, 1938 Gauleiter von Salzburg, hatte den Umzug erleichtert. Wahrscheinlich war Globocnik „ein Wunschkandidat Rainers“ (R. Moehrle). „Diese Einheit“, schreibt der dänische Wirth-Biograf Anders Otte Stensager, „hatte völlig freie Hand und operierte autonom von den übrigen Besatzungseinheiten.“ („Christian Wirth – Biografie eines NS-Täters“, Innsbruck/Wien 2025, S. 68.) Ein dynamischer Arbeitsstil, den diese Clique „findiger“ Verbrecher bereits zu schätzen gelernt hatte.

R1 (Triest, mind. 53 Männer), R2 (Rijeka-Fiume, 16) und R3 (Udine, 17) waren die zentralen Stützpunkte (Zahlen des Personals nach S. Berger, „Experten der Vernichtung“, Hamburg 2014.). Mitunter wird ein R4 (Pola/Pula, später Venedig/Treviso) erwähnt.

Wir wohnten in Triest nur wenige Fußminuten oberhalb der berühmten Piazza l´Unita. Auf dem prächtigen Platz hatte Mussolini 1938 die italienischen „Rassegesetze“ verkündet. Eine Tafel in der Nähe des Brunnens, wo Mussolinis Tribüne stand, erinnert an das Ereignis.

Neu für die Massenmörder der ehemaligen „T4″ und „Aktion Reinhardt“ war die Aufgabe der Partisanenbekämpfung im „Bandengebiet“, ein nicht ungefährlicher Aspekt im neuen Einsatzgebiet Julisch-Venetien. Diese Region zählte, so Alphi, „zu den Gebieten Italiens mit dem am besten organisierten und beständigsten Antifaschismus kommunistischer Prägung“. (in: „Risiera di San Sabba. Katalog der Ausstellung“, Triest 2000, S. 49).

Der Gefahrenzuschuss befeuerte bei einigen der Männer bekanntlich die Vorstellung, dass der „Einsatz R“ ein sinisteres Verklappungsunternehmen für lästige Mitwisser gewesen sei. Man habe die Geheimnisträger des Holocaust heimlich entsorgen wollen, eine klassische Opfererzählung und ein Verschwörungsnarrativ. Dies bedient in gewisser Weise auch Thomas Harlan, Sohn des notorischen NS-Regisseurs „Jud Süß“). In seinem Roman „Heldenfriedhof“ (2000) hatte sich Harlan gewundert, dass z.B. die führenden Köpfe Franz Reichleitner (R2/Fiume) sowie die zentrale Figur, Christian Wirth (Inspekteur R1-3), auf der gleichen Strecke und mit dem gleichen Chauffeur (Konrad Geng) im Feuer von Partisanen endeten…

Wie auch immer, etwa 10% des deutsch-österreichischen „R“-Personals wird Italien nicht lebend verlassen. (Liste der Toten bei Giusto/Chiussi, a.a.O., S. 25.) 

Globocniks Amtssitz in Triest lag im prächtigen „Palazzo Giustizia“ (heute „Tribunale Trieste“) in der Nähe der Piazza Oberdan, benannt nach dem italienischen Volkshelden und erfolglosen Kaiser-Attentäter Wilhelm Oberdank (1858-1882). Dort waltete auch Rainer, während gegenüber in einem Schulgebäude eine Kompanie von „ukrainischen“ SS-Angehörigen (ehem. „Trawniki“) untergebracht war. (Eine weitere Kaserne für italienisch-slowenische „SS-Wachmannschaften“ befand sich in der Via Besenghi in der bergigen Innenstadt.)

Piazza Oberdan, im Hintergrund der Justizpalast

Odilo (Lotario) Globocnik zog es vor, im Home Office in der noblen „Villa Ara“ zu residieren, die dem jüdischen Vorbesitzer entwendet worden war. Die Villa war durch ein Tunnelsystem mit dem Justizpalast (Via Foro Ulpiano) verbunden, das „Kleine[s] Berlin“ genannt wird. Hier finden Führungen statt. (https://www.discover-trieste.it/leben/kunst-und-kultur/museen/kleine-berlin)

Das prächtige Schloss Miramare, zu dem ein weitläufiger Park mit Skulpturen gehört, ist eine der attraktivsten Ausflugsorte in der Gegend. Nicht weit davon wandelte einst der Dichter Rilke und erträumte seine Duineser Elegien. Sowohl das Schloss Duino als auch Miramare sind Orte der NS-Kontamination. In Miramare etwa trafen sich die Freunde Globocnik und Rainer, das „Duo infernale“, wie es der maßgebliche Wirth-Biograf Johannes Sachslehner nennt.

Dem berühmten Oberdan-Platz widmete der slowenische KZ-Überlebende Boris Pahor (wir kennen ihn als Überlebenden des KZ Natzweiler) ein assoziatives Büchlein. Erst im Nachhinein entdeckte ich, dass ich am Triester Stadtstrand „Barcola“, ein bei Einheimischen beliebter kleiner Pinienwald am Meer, ein Motiv malte, das sich auf der ersten Seite der Graphic-Novel-Adaption von Pahors Buch „Nekropolis“ findet (in: Pahor/Devetak, „Nekropolis“, Berlin 2023.)

Der „Faro della Vittoria“ („Siegesleuchttum“) ist seit 1927 in Betrieb.

In der Nähe der Piazza Oberdan befand sich das Gestapo-Gefängnis, angebaut an den Justizpalast, mit unterirdischen Zellen. Pahor schreibt darüber: „Man kann tatsächlich am Äußeren des Gebäudes nichts Abstoßendes erkennen (…); sein giftiger Schlund war im Keller, eigentlich im umgebauten Keller versteckt, in dem die Maurer Betonzellen errichtet hatten.“ („Piazza Oberdan,“ Klagenfurt-Wien 2009, S. 132.) Ähnliche Betonzellen sehen wir später in der Risiera di San Sabba (siehe Teil 2 dieses Berichts).

Von der Piazza aus rumpelt eine alte Zahnradbahn hinauf in den kleinen Ort Opicina. Die Bahn ist erst seit wenigen Jahren wieder in Betrieb, die obendrein sehr kostengünstige Fahrt sollte man sich nicht entgehen lassen. Wir genossen die knarzende Tour auf den Berg zum „Obelisken“ mit herrlichem Ausblick auf Triest und die Küste.

Der verwaiste deutsche Soldatenfriedhof, Mai 1944-1959 Ruhestätte des von Partisanen getöteten „wilden Christian“, liegt außerhalb des kleinen Ortes Opicina versteckt im Gehölz. Man gelangt dorthin, wenn man den „Campingplatz Obelisk“ hinter sich lässt und einen alten Bunker passiert.

Zurück zur Geschichte von Triest unter der Besatzung der Nazis. Erste antisemitische Razzien der Gestapo setzten in der Stadt am 9.10.1943 (Jom Kippur) ein. In der Forschung wird von 8000 jüdischen Deportierten aus Italien ausgegangen (fast 1500 davon aus der OZAK über die Risiera). Etwa 800 wurden auf italienischem Boden ermordet. Die Zahlen variieren allerdings in der Literatur.

Es finden sich Stolpersteine in Triest mit der Nennung des „Polizeihaftlagers“ Fossoli, das eine Zeit lang als Sammellager diente. Zu diesem Lager siehe Sergio Andreanelli in: W. Ramsey Hg., „The Nazi Death Camps. Then and now“, Essex 2016, S. 258 ff.

Während Siegfried Pucher in seiner (unzureichenden) Globocnik-Biografie schreibt, die Deutschen seien von der „Hilfsbereitschaft der italienischen Bevölkerung gegenüber den Juden überrascht“ gewesen. („…in der Bewegung führend tätig“, Klagenfurt 1997, S. 131), konstatiert Mario Avagliano eher ein „breites Einverständnis der `arischen´ Italiener mit Rassismus und Antisemitismus“. Die rassistische Verfolgung sei hier „auf überwiegende Zustimmung der Bevölkerung“ getroffen. (in: C. Müller u.a. Hg., „Die Shoah in Geschichte und Erinnerung“, Bielefeld 2015, S. 70 ff.)

Gleichwohl ist belegt, dass sich viele Jüdinnen und Juden mit fremder Hilfe verstecken konnten und der „Einsatz R“, verglichen mit seiner Vorgeschichte in Polen, weniger Energie in die spezifische antisemitische Verfolgung investieren konnte. Zumindest wird man in Nachkriegsprozessen zur eigenen Entlastung versuchen, die Ermordung von Jüdinnen und Juden vor allem den toten Tätern Wirth und Gottlieb Hering (Kommandant des Vernichtungslagers Belzec) anzulasten.

Spuren des jüdischen Viertels der ehemals großen Gemeinde Triests finden sich nahezu keine. Die große Synagoge (Piazza Giotti) wurde 1942 von den Faschisten geschlossen, ist aber sehr gut erhalten. Der „Einsatz R“ nutzte sie als Depot für beschlagnahmtes Eigentum.

Bereits in den 1920er Jahren war das alte jüdische Viertel unter Mussolini abgerissen worden, wobei man, ein nationalistischer Glücksfall, ein römisches Amphitheater im Herzen der Altstadt „entdeckte“. Heute ist das Areal des einstigen Ghettos ein geschäftiger Teil des Zentrums.

Der älteste jüdische Friedhof, hoch oben auf dem Colle San Giusto, wo ein römisches Forum zu bestaunen ist, war bereits 1909 von der Stadt konfisziert und in einen Park umgewandelt worden. Der heutige, seit dem 19.Jahrhundert bestehende jüdische Friedhof liegt in der Via della pace. Auf dem Colle (Hügel) Stelle richteten die „Schwarzhemden“ (italienische Faschist*innen) 1926 den „Parco della Rimembranza“ ein, eine wüst wirkende Ansammlung von Gedenktafeln für im Krieg gefallene Söhne des Landes. Mittlerweile bezieht der Ort aber auch Opfer der Nazis ein.

Der 1934 platzierte Bronzekoloss verstellt zum Glück nur teilweise den „bella vista“ auf die Stadt.

Mit diesem Ausblick beende ich Teil 1. Im zweiten Teil wird es vor allem um die Risiera di San Sabba gehen, eines der wichtigsten Nationaldenkmäler Italiens.

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.