
Diesmal wieder besser mit Reisegruppe. Mit dem engagierten „Bildungswerk Stanislaw Hantz“ hatte ich bereits 2019 auf einer Fahrt zur „Aktion Reinhardt“ (Belzec, Sobibór, Treblinka + Majdanek) sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch Menschen kennengelernt, die mir etwas bedeuten.
Herbst 2024. An sieben Tagen wurden folgende Stationen bewältigt: von Berlin ging es über Warschau nach Bialystok, mit dem Bus nach Kaunas, sodann nach Vilnius, von dort wieder Bialystok, Retour via Warschau. Das durchgehend spätsommerliche Wetter trug nicht selten dazu bei, Kontraste mit erhöhter Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Zudem freute ich mich über das gemeinsame Unterwegssein mit zwei Freunden aus Reisen vorheriger Jahre.
Das didaktische Konzept der Hantz-Reisen (es war deren sechste nach Litauen, wohin sie alle zwei Jahre fahren) wurde routiniert exerziert: nach morgendlichen Einführungsvorträgen im Hotel wurden straff markante Stationen in der urbanen Landschaft sowie Umgebung abgeschritten. Kurzreferat, laminierte Fotos und Zitate an damaligen Schlüssel-Orten legten bei halbtägigen Rundgängen durch die Areale der ehemaligen Ghettos von Kowno und Wilna gleichsam imaginative Folien über den heutigen Rummel des Stadtbilds. Aus dem Getöse des Heute lösen sich Spuren, Zeichen und Artefakte wie flottierende Teilchen, die zu einem detektivischen Puzzle-Spiel einladen. Deren Passgenauigkeit hängt freilich nicht unerheblich vom Vorwissen des Suchenden ab. Jedenfalls habe ich, literarisch doch recht gut präpariert, mit Tagebuch und Kartenmaterial bewaffnet, die charmante Praxis der historiographisch-fundierten „Stadt-Guerilla“ als gewinnbringend empfunden. Erneut ging es mir weniger um den Erwerb von Fakten- als um leibliches Wissen, körperliche Erkenntnis. Ahnung der Räume, Dimensionen, Entfernungen. Nur darum nehme ich die gelegentliche Unbill einer Großgruppe, in der natürlich jeder Mensch ein eigenes Tempo hat auf mich.
Von den Gebieten der beiden größten Ghettos ging es jeweils folgerichtig zu den ihnen mord-logistisch angegliederten Stätten: für Kaunas/Kowno die zaristische Festungsanlage Fort IX, für Vilnius/Wilna das unvollendete sowjetische Tanklager Paneriai/Ponar. Beide waren für mich, erwartungsgemäß, die beeindruckendsten Punkte der Reise. Orte gegenwärtigen jüdischen Lebens, etwa die Choral-Synagoge in Kaunas, waren Teil des Pensums incl. Führung in jiddischer Sprache wie auch das (mich weniger interessierende) „Sugihara“-Haus. Es ist benannt nach dem als „japanischer Schindler“ bekannt gewordenen Konsul, der bis September 1940 in Kaunas rettende Visa für Jüdinnen und Juden ausgestellt hatte. Die alte Synagoge in Kaunas.

Da es in Litauen, laut „Holocaust-Atlas“ (http://holocaustatlas.lt), über 220 Vernichtungsstätten gibt, konnten die Abstecher zu Massengräbern lediglich exemplarischen Charakter haben. Es sei betont, dass der „Holocaust by bullets“ (d.h. der Massenmord durch Erschießen) in Litauen eine Dynamik entfaltete, die wegweisenden Charakter hatte: hier gelang den Nazis die nahezu völlige Auslöschung der jüdischen Bevölkerung (~200.000, = 96 %) bei extrem hoher Tatbeteiligung litauischer Kollaborateure (~20.000). Schon Ende 1941 war die Shoah in Litauen nahezu total.

Ich beginne mit Kaunas. Dies war ab dem 24.6.1941 in deutscher Hand und Sitz des Kommandeurs der Sicherheitspolizei (KdS) Karl Jäger. Unsere Erkundung am ersten Tag begann sinnig am Ort jenes grausigen Pogroms, das am 27.6.1941 im Hof der ehemaligen Liekutis-Garage stattfand.
Vor allem durch seine Brutalität und die fotografische Dokumentation knipsender Wehrmachtssoldaten wurde dieses Pogrom berühmt. Ähnliches, das sich bis zum 28.6. synchron an anderen Orten in Kaunas zutrug und zu etwa 4000 jüdischen Opfern führte, ist weniger gut dokumentiert. Es gilt, was die deutsche Malerin Helene Holzman, privilegiert auf dem „grünen Berg“ (in der Nähe von Sugihara) wohnend, erschreckt beobachtete: „Alles geschah am hellichten Tage. Tausende von Litauern waren Augenzeugen. (…) Der Blutrausch führte zu entsetzlichen Exzessen.“
Die Frage, ob es bereits vor dem Einmarsch der Deutschen Pogrome und Morde an Jüdinnen und Juden in Litauen gab, möchte ich weniger eindeutig verneinen wie der führende Experte zu dem Thema, Christoph Dieckmann. Im erschütternden Buch von Solly Ganor ist von sehr frühen Massakern die Rede: „direkt vor ihrer Nase“ [der abziehenden Roten Armee] ermordeten die Litauer Juden.“, und die spätere Partisanin Rachel Margolis beobachtete ein Pogrom, dass nach der Übereignung von Wilna an Litauen und den Abzug der Sowjets bereits im Oktober 1939 stattfand.
In der Liekutis-Garage waren Litauer nicht nur „Augenzeugen“: Unter dem Jubel der Umstehenden erschlugen litauische Männer hier mit Stangen mehrere Dutzend jüdische Männer. Diese hatte man zuvor zum symbolträchtigen Wegschaffen von Pferdemist in den Hof des ehemaligen Reitstalls der Roten Armee (!) gebracht. Gewiss dauerte die Aktion und ihre Eskalationsstufen mehrere Stunden. Der auf Fotos sichtbare Wasserschlauch diente, hier gibt es verschiedene Darstellungen, der Demütigung (evtl. sogar Tötung) der Opfer, wohl auch der Reinigung, als es darum ging, spontan einen Wehrmachts-LKW zu säubern. Das folgende systematische Erschlagen mittels Zerdreschen der Köpfe von etwa 50-60 Opfern kann man sich anhand der grässlichen Bilder vorstellen. Untermalt wurde das Massaker von Applaus und Akkordeon-Musik (mitunter wird die „litauische Nationalhymne“ genannt, es kann auch der „Marsch der Slabodka-Juden“ gewesen sein, wie Ruta Vanagaite in ihrem aufsehenerregenden Buch „Our People“ zitiert.) Heute befinden sich auf dem Areal der einstigen Garage ein Gymnasium, benannt nach einem litauischen Piloten, ein Basketball-Platz und ein Gedenkstein.

Am Beispiel dieses Massakers hätte sich das Wahnkonstrukt des „jüdischen Bolschewismus“ thematisieren lassen. Dies wurde jedoch unterlassen, warum auch immer. Leider. Gerade für Litauen, das zwischen Nazismus und Stalinismus zerrieben wurde, begünstigte die verquere Vorstellung einer jüdischen Schuld am vorgängigen bolschewistischen Terror die rasante Radikalisierung, angeheizt freilich durch die faschistische litauische Exilregierung.
Entgegen dem litauischen Jubel beim Einmarsch der Deutschen als „Befreier“ (identisch in Lettland) erinnern viele jüdische Überlebende und Tagebuchschreiber*innen das sog. „Russenjahr“ (Juni 1940-Juni 1941) als „relativ glückliche Zeit“ (S.Bak), als „angenehm“ (S. Rabinovici) und „sorgenfrei“, als „Zeit der Erwartung“ (R. Kruk) oder „anregend“ (A. Naor). Dan Diner nannte derlei Diskrepanzen bekanntlich „gegenläufige Gedächtnisse“.
Gleichwohl wurden 1941 prozentual ebenso viele jüdische Bewohner*innen Litauens (8 %) in den Gulag deportiert wie nichtjüdische (laut V. Davolute: 17.500, = 8 %). Das emanzipatorische Potential der Sowjetbesatzung hatte, letztlich fatal, einigen „roten Juden“ zu einer neuen Sichtbarkeit verholfen. In ihren bis dato ungewohnten Ämtern wurden sie misstrauisch wahrgenommen. Ihr Pionierhalstusch musste Mascha Rolnikaite, der wir eines der eindrücklichsten Zeugnisse verdanken, beim Einmarsch der Deutschen schnell verstecken.
In „der“ litauischen Erinnerungskultur, das darf vereinfacht gesagt werden, schlägt sich das Echo der „Theorie des doppelten Genozids“ in der Tatsache nieder, dass der Begriff „Genozid“ in Litauen nach wie vor vornehmlich als stalinistischer konnotiert ist. Das irritiert. Das einstige Gebäude der Gestapo in Vilnius preist sich heute als „KGB-Museum“ aus, und vielerorts gibt es Plätze und Straßen, die nach heldischen antisowjetischen „Partisanen“ („Waldbrüder“) benannt sind. Dass sie nicht selten zugleich eifrige Nazi-Kollaborateure waren, scheint nicht von Belang. Ein drastisches Beispiel ist der Gedenkstein in Ukmerge (wo wir leider nicht waren) für Juosaz Krikstaponis, Neffe des Präsidenten Smetona. Dieser hatte als Kommandant mehrere Massaker zu verantworten. (https://alles-ueber-litauen.de/ziele-in-litauen/ukmerge)

Fairerweise muss sogleich betont werden, dass es in Litauen eine Reihe, zumeist junge Historiker*innen gibt, die gegen das staatliche Narrativ anforschen und bemerkenswerte Publikationen vorlegten, von denen ich eine ganze Reihe in den Reisekoffer quetschte. Drei lernten wir persönlich kennen.
Vom einstigen Ghetto Kowno, eingerichtet im August 1941 im armen Stadtteil Slabodka (auch: Slobodka oder Slabotka), ist heute nur noch wenig zu sehen. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass es 1944 systematisch mitsamt der noch in Verstecken („Malinen“) lebenden jüdischen Verbliebenen abgebrannt wurde. Eine lebhafte Vorstellung vom Stil des randständigen Viertels gewinnt man indes noch immer. Neben diesem heute farbenfrohen Haus befand sich der Haupteingang zum Ghetto.

Während sich das verwinkelte, zugemauerte Ghetto in Wilna im Herzen der Stadt befand, muss man sich das Ghetto Kowno als weitgedehntes, stacheldrahtumzäuntes Areal aus staubigen Straßen, Holzhütten, Gemüsegärten und Plätzen vorstellen, das an weite Felder und die Memel grenzte.
So berichtet, um ein anschauliches Beispiel zu nennen, Renata Yesner, dass sie als Kind mitunter im Freien übernachtete, um das Gemüsebeet ihrer Familie vor dem Haus zu bewachen und in diesem „Reich der Kinder“ mit Banden über ein wildes Feld im Ghetto streifte, Pilze sammelte oder Krähen jagte. Nicht selten sah sie „Leichen im Gras“ liegen, Resultat vergeblicher Fluchtversuche über die angrenzende Wiese. (Die Gedenkstätte Dachau veranstaltete vor einigen Jahren eine Ausstellung zu den „jüdischen Kindern von Kowno“.)
Einschub: ein besonderes Merkmal der autobiographischen Literatur zu Kaunas und Vilnius ist die Jugendlichkeit der Autor*innen. Je nach späterer Deportationsroute sind diese Memoiren gehäuft mit bestimmten KZ assoziiert: angesichts der Verbindung von Kowno und Dachau frage ich mich, ob der Umstand dabei eine Rolle spielte, dass Hans Cramer, seit 1937 Bürgermeister von Dachau, Gebietskommissar der Stadt Kauen war.
Eine Holzbrücke verband das „Kleine Ghetto“ (3000 J., bis Oktober 1941) mit dem „Großen“ (27.000 J.), heute durch einen Gedenkstein kenntlich gemacht. Diesem steht, vielsagend, ein weiteres Mahnmal für Romas Kalanta gegenüber. Der junge Mann hatte sich 1972 in Kaunas aus Protest gegen die sowjetische Besatzung selbst verbrannt.
Die duale Struktur temporärer Ghetto-Zonen existierte ebenfalls im Ghetto Wilna (Ghetto 1 und 2). Diese Zweiteilung diente der logistischen Optimierung der Vernichtung und der Organisation der Zwangsarbeit. Kontingente von Menschen schob man nach Bedarf bei sog. „Aktionen“ hin und her. Die Ungewissheit, in welchem Teil des Ghettos, in das man anfangs nach „Einzugsgebiet“ oder per Zufall gezwungen wurde, man eher Überlebenschancen hatte, war Teil der perfiden Strategie der deutschen Zivilverwaltung. Was in Kowno „Jordanscheine“ („Lebensscheine“) hieß, kam im Ghetto Wilna als farbenfrohe Palette von gelben, rosa, grünen und blauen Arbeitsberechtigungen daher, um die man sich schlug. Mit Menschen, die „weiße Scheine“ genannt wurden, wollte aus Todesangst niemand zusammenwohnen, aus Angst, mit in den Vernichtungskreislauf gerissen zu werden.
Das Ghetto Kowno ist, anders als Wilna, von dem fast nur Aufnahmen aus der Vorkriegszeit existieren, ungewöhnlich gut fotografisch dokumentiert. Der Fotograf George Kadish (Zwi Kadushin) fotografierte, wohl im Auftrag des Judenrates, über zwei Jahre lang heimlich mit einer Leica das Leben im Ghetto (einige Aufnahmen waren Teil der Yad-Vashem-Schau „Flashes of Memory“ in Berlin). Viele Bilder sind enthalten in Raya Kruks Buch sowie in Gregori Schurs wichtiger Publikation. Die in Milchkannen versteckten Negative wurden zeitweilig in einem Brunnen versteckt. https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1047778

An die in sämtlichen Berichten vom Ghetto Kowno erwähnte „Aktion“ auf dem „Demokratu“-Platz, Sammlungsort für die größte einzelne Mord-Kampagne nach einer Reihe von „Aktionen“ („Intelligenzaktion“, „Aktion der Tausend“ etc.) wird heute durch eine Stele erinnert.

Hier warteten am 28.10.1941 Zehntausende stundenlang auf ihre Selektion durch Helmut Rauca. Mitunter vertrieb man sich die Zeit mit Singen. Für 9200 Jüdinnen und Juden brachte der Abend und der Folgetag den langen Marsch (eine Schlange von 2 km Länge) zur Erschießung im Fort IX.
Eine kuriose Anekdote: der spätere Dachau-Überlebende David Ben-Dor saß an eben diesem Abend des 28.10. mit seinen Eltern (der Vater war deutscher jüdischer Arzt) am Tisch. Als Ehrengast war geladen – der Massenmörder Rauca. Ben-Dor schreibt von seiner damaligen ignoranten Haltung: „(…) was uns anlangte, hätten diese Erschießungen genausogut auf dem Mond stattfinden können.“ Lange wollten, wie Raya Kruk anmerkt, die Bewohner des Ghettos den Gerüchten vom „Todesfort“ nicht Glauben schenken, eine sozusagen epistemische Grundstruktur. Lieber glaubte man positiven Nachrichten, und seien sie noch so abstrus.
Ein Forschungsdesiderat ist der Verbleib jener von den Deutschen offenbar systematisch produzierten fotografischen und filmischen Aufnahmen „litauischer“ Verbrechen. In mehreren Aufzeichnungen finden sich diesbezügliche Andeutungen; Holzman schreibt sogar von Filmkameras.

Dies bringt uns zum berüchtigtsten der Forts, da es mehrere als Stätten von Massakern gab (Fort IV, VII, IX). Solly Ganor überlebte durch unfassbares Glück eine chaotische Massenerschießung im Fort VII. Er behielt es als „Hölle“ und „perverse Schießbude“ in Erinnerung. Karl Jäger, bejahrter Kommandant des Einsatzkommandos (EK) 3 und ehrgeiziger Führer einer „Schießkladde“ (W. Wette) mit möglichst hohen Mordzahlen („Jäger-Bericht“), nannte dies „Paradeschießen“.

Das heutige Fort IX ist eine beeindruckende Anlage. Sie ist dominiert durch die 1986 errichtete, dreiteilige Riesenskulptur, die an eine gefrorene Explosion erinnert. Die einstige zaristische Garnisonsfestung mit Gefängniszellen auf zwei Etagen ist sehr gut erhalten. Gleich drei Gedenksteine thematisieren die Erschießung von 999 Jüdinnen und Juden aus München (und Umgebung), die im Fort IX ermordet wurden. In Gruben gefundene deutsche Ausweispapiere und Kinderfotos zoomte man in der Ausstellung auf ein beklemmendes Großformat.

Das Museum und das Gelände überraschten positiv. Ich hatte in der Tat ein postsowjetisches Opfer-Narrativ erwartet. Es gab jedoch neue und didaktisch ansprechende thematische Ausstellungen in den Zellentrakten sowie gelungene künstlerische Interventionen (u.a. von dem geschätzten Christian Boltanski, der ein kleines Feld mit Glöckchen entwarf, die im Wind leise klingelten und wie kleine Halme subtil dem Steinkoloss gegenüberstehen).
Ausführlich wird im Museum der 64 jüdischen Sklavenarbeiter*innen der „Aktion 1005“ (das erzwungene Wiederausgraben von Leichen zur Vertuschung der Morde) erinnert. Dies war jenes Kommando, dem Weihnachten 1943 nach monatelanger „Enterdung“ auf dem „Schlachtfeld“ (Standort der brutalistischen Skulptur) auf spektakuläre Weise die Flucht gelang. Der Anführer der Massenflucht, der Überlebende und Forscher Alex Faitelson, legte bis ins hohe Alter unermüdlich Publikationen vor. Auf Faitelsons Anregung hin entstanden die wertvollen Zeichnungen von Anatoli Garnik.

Leider machte sich bei unserem zweistündigen Besuch des Fort IX der leidige Zeitdruck unangenehm bemerkbar: alles hetzte zum Bus. Zeit zum Gedenken blieb nicht.
Die Shoah in Litauen fand, wie gesagt, flächendeckend statt, das heißt auch auf dem Land. „Hascht schon mal an der Grube gestande?“, zitiert Wette den schwäbischen Orgelbauer Karl Jäger, der durch das blutige Mittun aller den rechten Korps- und Mordsgeist herstellte. Seinen Adjutanten Joachim Hamann hatte er mit der Vernichtung der ländlichen jüdischen Gemeinden betraut. Das motorisierte „Rollkommando Hamann“ erwies sich, massiv unterstützt durch einheimische „Weißbänder“, als hocheffizienter Exekutor. Litauische Polizei bereitete die Massaker in Dörfern und Wäldern vor. Die Mörder reisten an, sobald alles bereit war. Von 7.7. bis 2.10.1941 beging das scheußliche „Rollkommando“ mindestens 62 Massenmorde in kleinen Ortschaften. Hier eines der beiden Massengräber bei Ziezmariai mit insgesamt geschätzten 2200 Menschen:

Der Ort lag bereits auf halbem Weg nach Vilnius. Diese Stadt erwartete ich mit besonderer Neugier. Die ausführlichste Erkundung galt denn auch Wilna/Wilne/Wilno, gepriesen als „Jerusalem des Nordens“, einst polnische Metropole, Zentrum des aufgeklärten Judentums („Haskala“), Wohnort des gelehrten „Gaon“ (nach ihm ist das Jüdische Museum in Vilnius benannt).
Der Spaziergang durch das Gebiet des ehemaligen Ghettos (jiddisch: „Wilne“) macht dessen überschaubare Ausdehnungen erfahrbar. Es liegt heute in der verwinkelten Altstadt, die von Cafés, engen Gassen und Boutiquen dominiert wird. Man kann das Areal des einstigen „Ghetto 1“ in einer Stunde bequem umrunden. Zahlreiche Straßen sind umbenannt, andere, etwa die wichtige Rudnicka-Straße mit dem Ghetto-Haupttor, tragen noch ihren Namen. Es war für mich erfreulich, den einstigen Wohnort meiner „Lieblingsüberlebenden“ Mascha Rolnikaite (Rudnicka 16) lokalisieren zu können.

Da ich vom Wege abkam, verlor ich kurzzeitig die hastige Reisegruppe, die unterdessen in einem Hinterhof verschwunden war. Dort saß einst der Judenrat, im Hof stand der einzige Baum des Ghettos. Die Altstadt von Vilnius war einst berühmt für ihre Bögen. Von diesen sind indes nur noch wenige erhalten.

Große Teile des ehem. Ghettos sind heute überbaut, da ganze Straßenzüge 1943 von den Nazis gesprengt worden waren. Übliche Verkehrswege im labyrinthischen Ghetto waren nicht selten Wanddurchbrüche, Dachböden, Keller sowie die Kanalisation. Durch diese gelangen letztlich Fluchten und konnten Waffen eingeschleust werden. Ein Gemälde des „child survivors“ Samuael Bak, dessen Werke in einem der „GAON“-Museen ausgestellt sind, versinnbildlicht diesen engen Lebensraum sehr gut.

Der Bau mitunter äußerst raffinierter und kunstvoller „Malinen“ ließ in der vergleichsweise ruhigen Phase des Ghettos (1942) eine „unterirdische Stadt“ erstehen, wie Sutzkever schreibt. Die häufig klaustrophobischen, luftarmen Kellerräume – eine der eindringlichsten Schilderungen verdanken wie der Überlebenden Shoshana Rabinovici – führten zu regelrechtem „Malinenwahnsinn“ mit tödlichen Tragödien. Es kam während laufender Razzien zu Fällen von Tötung allzu lauter Menschen im Versteck.
Die im einzigen staatlichen Holocaust-Museum, „The Green House“ nachempfundene „Maline“ unter dem Dachboden erinnert eher eher an eine Pfadfinder-Unterkunft. Die Vielfalt der damaligen Lösungen wird ebenso wenig deutlich wie der reale Horror dieser luftarmen Verstecke. Die Ausstellung des „Green House“ ist sichtlich in die Jahre gekommen, jede Nische dieser „Holzhütte“ ist vollgestopft mit Schautafeln, die ungelenke Führung eines blutjungen österreichischen „Gedenkdieners“ in den engen Räumen war für mich nicht zum Aushalten.
Die spärliche Ausstattung des Museums sagt viel über den Umgang des Staates Litauen mit diesem Teil seiner Geschichte. Als erheblichen Kontrast dazu habe nicht nur ich die abendliche Präsentation empfunden, bei der uns die ehemalige Direktorin des „Green House“, Milda Jakulytė-Vasil, ein ehrgeiziges, komplett privat finanziertes (!) Mega-Projekt vorstellte: https://lostshtetl.lt/en/about/ Am entlegenen Ort eines einstigen Shtetls entsteht ein, wie ich fürchte, überdimensioniertes Freilichtmuseum, das eindeutig Elemente des Reenactments einbezieht und ein „jiddisches Disneyland“ zu werden droht.
Eine sehr wichtige Station des Ghetto-Rundgangs war die berühmte „Strashun“-Bibliothek in der gleichnamigen Straße, Arbeitsort des vielzitierten Ghetto-Chronisten Herman Kruk (er sollte auf einem Scheiterhaufen im KZ Klooga enden).

„Kruczeks“ umfangreiches Tagebuch, in der Bibliothek wacker von einer Sekretärin abgetippt, wurde 1944 zum Großteil aus den Trümmern gerettet; die maßgebliche Ausgabe ist die des New Yorker YIVO-Instituts von 2002. Die Strashun-Bibliothek, die ab dem 9.9.1941 Bücher verlieh, ist ein faszinierender Ort, an dem sich diverse Aspekte des Ghettos bündeln. Sie war nicht nur ein Zentrum des „geistigen Widerstands“, sondern eine rege konsultierte Möglichkeit der eskapistischen Unterhaltung, wo „in Erwartung ihres Todes“ (Margolis) hungrig gelesen wurde. An Sonntagen kamen 700 Personen, wie die Mitarbeiterin Margolis berichtet, die an Samstagen (Schabbat) gern auf dem leeren Balkon saß.
Die Mitarbeiter*innen der Bibliothek fertigten Diagramme und Leser*innen-Profile an und kamen zu dem Schluss, „dass nach den `Aktionen´ diejenigen, die davongekommen waren, sofort wieder zu lesen begannen.“ Von der Feier anlässlich der Ausleihe des 100.000. Buches nebst Preisen (12.12.1942) wird in mehreren Memoiren berichtet, etwa im Tagebuch des wissbegierigen Jugendlichen Yitskhok Rudashevski, der eine Rede hielt. Sein Tagebuch (Juni 1941-April1943) hat mich auf ungewohnte Weise berührt und begleitet. Sehr gern wäre ich länger auf seinen Spuren im Ghetto gewandelt, die ihn u.a. täglich zum „Jugendklub“ führten, wo vielfältige Workshops stattfanden. Sein letzter Eintrag im Tagebuch lautet tragisch und zutreffend: „Uns kann das Schlimmste geschehen.“ (7.4.1943)
Das in seiner Intensität wahrscheinlich nur mit dem KZ/Ghetto Theresienstadt vergleichbare reiche Kulturleben in Wilna musste auf dieser ohnehin sehr dichten Reise zu kurz kommen. Dass es ein gut besuchtes Ghetto-Theater gab sowie Aufführungen von Beethovens 9. Sinfonie, außerdem Jazz-Konzerte, bei denen der SS-Offizier Bruno Kittel, Liquidator des Ghettos und Nachfolger des Sadisten Franz Murer (Zivilverwaltung), mit seinem Saxophon mitspielte, sind verwirrende Komplexitäten.
Das Wohnhaus des gefürchteten Franz Murer, in dem er gemeinsam mit seinem Chef Hingst residierte, ist heute eine Schusterwerkstatt. Murers Fußweg zur „Arbeit“ am Ghettotor betrug keine zehn Minuten. Der als äußerst brutal und sadistisch beschriebene Massenmörder wurde 1963 in Österreich in einem skandalösen Prozess freigesprochen.

Die „Strashun“ war eine Zentrale des organisierten Widerstands der FPO (in Kaunas: AKO). Sie ermöglichte abendlich in Kellerräumen geheimes Kampftraining und diente später als eines von zwei Waffenlagern. Im Hinterhof der Bibliothek befand sich das Ghetto-Gefängnis, in das Bewohner*innen von der jüdischen Polizei zumeist aufgrund kleiner Delikte wie „Schmuggel“ eingeliefert wurden.
Die raffinierte Vorrichtung zum Einschleusen von Lebensmitteln, eine Art Korsett am Körper für Mehl, Erbsen etc., nannte man auf Jiddisch „Kompressen“ (Sutzkever). Eine verbreitete Bestrafungspraxis, wenn man nicht von Murer gleich am Ghettotor erschossen wurde, war die Prügelstrafe.
Anders als im Ghetto Kowno lässt sich für Wilna von einer überwiegend negativen Bewertung der jüdischen Polizei und des Judenrats sprechen. Der überaus umstrittene Jakob Gens (litauischer Offizier mit nichtjüdischer Frau und Kind außerhalb des Ghettos) setzte auf „Überleben durch Arbeit“. Er schien aber hinsichtlich des jüdischen Widerstands zumindest ambivalent.
Das Thema des Widerstands kam auf besondere Weise während der Reise zur Sprache, da eine Mitreisende einen persönlichen Link herstellen konnte: Befreundet mit dem Sohn der Witwe des ehemaligen Widerstandskämpfers Sheinbaum, der feierlich im Ghetto beerdigt wurde, steuerte sie dankenswerterweise ein Kurzreferat bei.
Hier endet der erste Teil des Berichts zu Litauen. In Teil 2 wird es vor allem um die Mordstätte Ponary gehen, der zentrale Gedenkort der litauischen Erinnerungskultur.


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