
Die schöne Stadt Linz liegt fast exakt in der Mitte zwischen zwei grässlichen Orten: zum KZ Mauthausen sind es in östlicher Richtung 22 km, zur „T4“-Tötungsanstalt Schloss Hartheim im Städtchen Alkoven nur 17 km, westwärts. Mit der einstigen „Patenstadt“, teilweise aus dem Stein der Brüche im Lagerkomplex Mauthausen-Gusen, hatte der „Führer“ Großes vor.
Von Linz gelangt man in weniger als 45 Minuten bequem mit einem Linienbus zum Dorf Mauthausen, wenige Stationen hinter St. Georgen an der Gusen. Man passiert auf dem Weg auch die Gedenkstätte Gusen, und es empfiehlt sich, auch diese zu besuchen. Ich wählte als Weg zur NS-Gedenkstätte Mauthausen, lange Jahre die einzige ihrer Art in Österreich, die Straße „Wiener Graben“. Sie führt direkt, die Ortschaft rechts liegenlassend, zum gleichnamigen Steinbruch. Er war nicht nur integraler Bestandteil des Lagersystems, sondern ist als Ort tausendfachen Todes das Markenzeichen dieses trutzburgartigen Konzentrationslagers der härtesten Katergorie (III = Vernichtung durch Arbeit). (Die weitere Nutzung des Steinbruchs wurde noch bis in die 1950er erwogen.)
Mein Fußweg im Sonnenschein glich dem, den nicht wenige Häftlinge nach ihrer Deportation nach Mauthausen, unter freilich ganz anderen Bedingungen, gehen mussten. Tatsächlich erklommen viele Deportierte, etwa Erwin Gärtner, 1939 aus Dachau kommend, schon auf ihrem ersten (oft nächtlichen) Marsch die berühmte „Todesstiege“. Dies ist eine extrem steile, in den Fels gehauene Treppe, die vom Steinbruch hinauf zum Lager führt. Dieser Gang ist gegenwärtig nicht möglich, da die legendäre Treppe (186 unregelmäßige, von Häftlingen gebaute Stufen) aus „Sicherheitsgründen“ nicht passierbar ist. Vorsicht! Lebensgefahr!

Vom „Zauber des Gemütvollen und behaglich Anheimelnden“ hatte der Überlebende Joseph Drexel in seiner Erzählung „Die Reise nach Mauthausen“ (1945) geschrieben. Der Wiesenpfad hinauf ins Lager kam ihm wie der „friedlichste Weg, der sich denken lässt“ vor. Vom „Zauber des Gemütvollen und behaglich Anheimelnden“ hatte der Überlebende Joseph Drexel in seiner Erzählung „Die Reise nach Mauthausen“ (1945) geschrieben. Der Wiesenpfad hinauf ins Lager kam ihm wie der „friedlichste Weg, der sich denken lässt“ vor. Und auch ich stapfte bei bestem „Hitlerwetter“ über „Waldpfade und Wiesenraine“, bis sich das ehemalige KZ Mauthausen wie eine Festung weithin sichtbar auf der Anhöhe abzeichnete. (Drexel in: Angerer/Schuber, „Der Nachhall von Mauthausen in der Literatur“, Salzburg/Wien/München 2007).
Von oben hatte und hat man beste Sicht ins schöne oberösterreichische Umland, genannt das „Mühlviertel“. Und auch ich stapfte bei bestem „Hitlerwetter“ über „Waldpfade und Wiesenraine“, bis sich das ehemalige KZ Mauthausen wie eine Festung weithin sichtbar auf der Anhöhe abzeichnete.

Die Planungsgeschichte des KZ Mauthausen begann im Zuge des überwiegend freudigen „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich bereits im März 1938. Der Bau, Ausbau und Erweiterung fast bis zu seiner späten Befreiung (5.5.1945!) endeten im Grunde niemals. Das Lager wurde zu Teilen aus jenem Granit gebaut, dessen Quelle die Standortwahl bestimmt hatte. Genauso wie im nahen Zwillings-KZ Gusen, wo es einen Steinbruch gibt, der noch heute genutzt wird. Der Fels wurde benötigt für Prunkbauten in Nürnberg (Reichsparteitagsgelände) und megalomane Phantasien im nahen Linz, der Traumstadt aus Hitlers Jugend. Dem Anlegen von Straßen aus Schotter durch ausgemergelte Häftlinge wohnten die Anwohner, vielerorts Bauern, auf Rufweite bei.
Hier die eiskalten Eckdaten des KZ: In den Lager-Komplex Mauthausen nebst über 40 Nebenlagern („Österreich ist von Mauthausen bedeckt“, hatte Elisabeth Reichart geschrieben) wurden ab August 1938, angefangen mit den ersten aus Dachau überstellten Gefangenen, insgesamt etwa 190.000 Menschen aus mehr als 40 Nationen deportiert. Die höchste Belegungszahl erreichte der M-Komplex im März 1945 mit über 84.000 Menschen, darunter nunmehr Tausende Frauen. Personal: Die Lager-SS zählte Ende 1942 1200 Zugehörige, im April 1945 waren es, incl. Soldaten der Luftwaffe, Marine etc., 6000 Aufseher sowie 65 Aufseherinnen. Sie waren außerhalb des Lagers untergebracht. Es gab eine kleine SS-Siedlung.
Die anfänglich dominierenden Gefangenengruppen aus Deutschen und Österreichern wurden ab 1940 von zunächst Polen, dann sowjetischen Kriegsgefangenen sowie Ungarn zahlenmäßig übertroffen. Weiterhin gab es über 7000 spanische („staatenlose“) Häftlinge (dies ist der Grund für eine ausgeprägte Erinnerung mit Spanien-Bezug in der Popkultur). Man geht von mind. 90.000 Toten im gesamten Lager-Komplex aus (Gusen war führend). Davon fielen 50% allein den Gewaltexzessen der letzten Monate des „Dritten Reiches“ zum Opfer.

aus der graphic novel „Der Fotograf von Mauthausen“ (2018)
In diese enormen Opferzahlen gehen die insgesamt ca. 10.200 Ermordeten ein, die, als arbeitsunfähig, krank und unerwünscht eingestuft, durch Giftgas starben: in Gaswagen („Sonderwagen“), die ab 1942 zwischen Gusen und Mauthausen pendelten (insgesamt ca. 900 Opfer aus beiden Lagern). Weitere Todesorte waren zwei stationäre Gaskammern. In Mauthausen ging sie ab März 1942 „in Betrieb“. Die Gaskammer in der unweiten „T4“-Tötungsanstalt Schloss Hartheim (siehe dazu meinen separaten Beitrag) wurden bis 1944 zur letzten Station von Tausenden von Häftlingen. Sie wurden in zwei Phasen ermordet. Von Bedeutung ist hierbei die sog. „Aktion 14f13“, die im April 1941 im KZ Sachsenhausen begann und dem Massenmord an geschwächten und kranken KZ-Insassen diente. In mindestens zwei „Vergasungsaktionen“ wurden mit dem Gift „Zyklon B“ fast 700 Insassen in Baracken in Gusen ermordet. Allein aus Gusen starben wiederum etwa 2000 Häftlinge in Hartheim („Konzentrationslager Gusen 1939-1945. Spuren-Fragmente-Rekonstruktionen“, Wien 2021, S. 20.)
Die Kooperation zwischen Hartheim, mit über 18.000 Opfern (Stand 1941) einsamer Spitzenreiter in der sog. „Hartheim-Statistik“ der Nazis, und den KZ Mauthausen / Gusen funktionierte reibungslos. Der Mauthausen-Kommandant Franz Ziereis und das Hartheimer Führungspersonal verstanden sich prächtig. Der ärztliche Leiter Rudolf Lonauer, nebenbei in Personalunion Direktor der „Euthanasie“-Zwischenanstalt Niedernhart, sortierte fleißig aus in den verschiedenen Filialen Mauthausens. Währenddessen hielt sein Stellvertreter Dr. Georg Renno die Stellung im Schloss.
Das KZ Dachau, in dem Dr. Lonauer ebenfalls „begutachtete“, spielte zudem nominell eine Rolle: die Vergasungsanstalt Hartheit fungierte bei den Todestransporten als vermeintliches „Häftlingssanatorium Dachau“.
Mit dem Herbst 1941 zeichnete sich die Ausweitung der Selektionskriterien, anfänglich auf „Arbeitsfähigkeit“ und „Gesundheit“ fokussiert, hin zu rassistischen Kategorien ab. Jüdische Häftlinge aus Mauthausen und Gusen waren in diesem Kontext, zeitgleich zu den Massenerschießungen von sowjetischen Juden im „Osten“, die ersten Opfer in Hartheim – und vielleicht mit die ersten der sich formierenden sog. „Endlösung“.
Zwischenbemerkung:
Mehr und mehr schält sich heraus, dass die „Euthanasie“ das wegweisende Kernverbrechen des NS war. Hier begann faktisch, nicht nur technologisch und personell (worauf sich viele Untersuchungen nicht zu Unrecht konzentrierten), der Genozid. Wenngleich auf gewundenen Pfaden: Ein lineares von „Windhuk nach Auschwitz“ (Zimmerer) gab es vielleicht ebenso wenig wie ein „von Hartheim nach Treblinka“. Dennoch bleibt es verführerisch, die „T4“-Anstalten, als Miniaturen von Belzec etc. anzusehen. – Ich stimme Alex J. Kay zu, der sieben systematische Mordprogramme der Nazs sowie deren tödliche Synergieeffekte zu einer „Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Massenmordens“ zusammenführte: „Die `Euthanasie´- Morde waren mehr als nur ein Vorspiel – sie waren das erste Kapitel des NS-Genozids.“ (ders., „Land der Vernichtung“, Darmstadt 2023, S. 55.) Stefan Hördler schrieb 2015: „Die `Euthanasie´-Aktion besaß eine ausnehmende Bedeutung für die weitere Radikalisierung nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.“ (a.a.O., S. 112) „14f13“ könnte gleichsam als Scharnier zwischen „Euthanasie“ und Holocaust bezeichnet werden.
Hervorstechend an Mauthausen sind: 1) eine extreme Todesrate, die durch kriegsbedingte Produktion in unterirdischen Anlagen (Melk, Ebensee) Ende 1943 erneut drastisch anstieg, sowie 2) eine letale Laufzeit bis zum bitteren Ende: noch im April 1945 baute man einen Krematoriumsofen der Erfurter Firma „Topf & Söhne“ ein. Es war bereits der dritte Ofen (die Firma „Kori“ war schon vorher da). Er komplettierte den im Kellergeschoss gelegenen Vernichtungskomplex aus Genickschussanlagen, Gaskammer, Galgen und Verbrennungsbereich. Die letzte Vergasung (von 33 Österreichern) fand 28.4.1945 statt (vgl. Marsalek/Hacker, „Kurzgeschichte der KZ Mauthausen und seiner drei größten Nebenlager“, Wien o.J., S. 15; Choumoff, a.a.O., S. 120).
Zurück zur Reise. Vorausgeschickt sei: mir ist bewusst, dass sonnendurchflutete Fotos und blauer Himmel einen ästhetischen Mehrwert bilden. Wäre hier lediglich von einer mittelalterlichen Feste die Rede, genösse man das Ganze unbeschwert, oder?

Nun sind wir oben angelangt: Betritt man den steinernen Burgfried von der Seite, befindet man sich zunächst im Garagenhof des Fuhrparks der Lager-SS. – Für den linkerhand liegenden Löschteich gab es noch in den 1950er-Jahren regionale Anfragen zur Nutzung als Schwimmbad. Warum denn nicht, dachte man sich?
Durch den Garagenhof gelangt man, unterhalb des SS-Stabsgebäudes mit herrlichem Balkon (leider geschlossen zwecks Erweiterung der Ausstellung), zum eine Ebene höher liegenden Haupttor. Dies führte ins eigentliche „Schutzhaftlager“. Eine breite Straße, heute gesäumt von vielgestaltigen nationalen Denkmälern der zahlreichen Opfergruppen, verlängert sich geradewegs in Richtung Steinbruch. Dies war der übliche Weg der Häftlinge hinein und (weniger oft) hinaus. Überliefert ist die Ansprache von SS-Mann Bachmayer (Suizid 1945) an Neuankömmlinge, dass der Schlot den einzigen „Ausgang“ darstelle. Den Satz liest man in vielen Memoiren Überlebender.

Die Hauptstraße im Lager, zugleich ehemaliger Appellplatz, säumen heute originale Baracken. In ihnen ist ein Teil der Ausstellung der Gedenkstätte untergebracht. Zur Errichtung der ersten Gedenkstätte 1965 benötigte man selbstredend Geld. Daher riss man kurzentschlossen einen Großteil der Baracken dahinter ab. Die noch erhaltenen gewinnen dadurch an besonderer Bedeutung. Dies muss sich jedoch nicht unbedingt decken mit ihrer damaligen Bedeutung für das Lager-Geschehen…

Die anschauliche Dauerausstellung im ehemaligen Wäscherei-Block besteht seit 2013 und bietet, recht gelungen, drei synchrone Themen-Stränge an: NS-Geschichte, spezifische Lager-Geschichte und individuelle Geschichten. Auffallend ist die ausgiebige, systematische Nutzung von Häftlings-Zeichnungen zur Repräsentation des Lagers.
Ein Großteil der ehemaligen Lagerfläche ist nunmehr Wiesengelände mit steinernen Markierungen einstiger Baracken-Standorte. Die jeweils eigens ummauerten Bereiche, etwa der „Todesblock“ (Baracke 20) oder das „Quarantänelager“ (Lager III), beherbergen Gebeine – oder sie sind passenderweise als Friedhöfe angelegt.
Ein Teil des einstigen KZ lag außerhalb der heutigen Umzäunung. Etwa das große Zeltlager, das im Sommer 1944 aufgrund Überfüllung auf einem nahen Hügel für hauptsächlich ungarische Juden eingerichtet wurde. Einen „Aschefriedhof“ erreicht man nur von außen, daneben liegt eine der einstigen Exekutionsstätten. Unterhalb des Lagers auf der anderen Seite existierte ein „Sanitätslager“ (ursprünglich: „Russenlager“), in direkter Nachbarschaft zum Sportplatz, der ein Austragungsort überregionaler Fußballspiele war.
Das Lager-Gelände hebt sich ästhetisch durch die Eingrenzung unverwüstlicher Wachtürme und dicker Mauern von den maroden Pfosten und Stacheldrahtverhauen anderer Lager ab. Mauthausen ist ein markanter grauer Brocken. Ein fieser Batzen. Ein kalter Todesklotz.

Zeichnung von Simon Wiesenthal aus: ders., „Denn sie wussten, was sie tun“ (Wien 1995).
Wie andere große KZ besaß Mauthausen einen „Sonderbau“, sprich: Bordell. Auch in diesem Punkt sticht das KZ hervor: „Das Lagerbordell in Mauthausen war das erste im KZ-System; gleichzeitig war es auch das Bordell, welches am längsten bestand.“ Im Oktober 1941 von Himmler angeordnet, wurde es im Juni 1942 mit weiblichen Häftlingen (üblicherweise aus dem KZ Ravensbrück) im Block 1 neben dem Lagertor eröffnet. Erst im Frühjahr wurde der Betrieb, den die SS selbst rege nutzte, eingestellt. (Robert Sommer, „Das KZ-Bordell“, Paderborn 2010, S. 111 ff.)
Die Bilder des Lager-Orchesters, dessen Aufspielen bei Hinrichtungen durch Fotos dokumentiert ist, sind bekannt. Klaus Stanjeks Dokumentarfilm „Klänge des Verschweigens“ (2012) folgte den Spuren seines Onkel, der in Mauthausen Akkordeon spielen musste, um zu überleben. Mithin wirkt der Filmemacher und Angehörige etwas unentschlossen, was die „Haftgründe“ des homosexuellen Verwandten anging. Doch Päderast?
Es gibt in der das Lager betreffenden Erinnerungskultur mehrere musikalische Annäherungsversuche: z.B. Joe Zawinuls Album „Mauthausen. …vom großen Sterben hören. Chronicles from the Ashes“ (2015) oder die Auftragsarbeit zum Jahrestag der Befreiung von W. R. Kubizek „… und alle Toten starben friedlich. Oratorium in fünf Teilen“, Libretto: Vladimir Vertlib, (UA 2007).

Der russisch-jüdische Schriftsteller Vertlib äußerte sich zu einigen Aspekten seiner Arbeit am Libretto bei einer Konferenz zur Bedeutung von Kunst in der Erinnerungskultur: https://www.youtube.com/watch?v=Zn-UU-xopFU
Insgesamt ist das Lager fotografisch sehr gut dokumentiert. Dies verdankt sich u.a. dem Umstand der Rettung/Kopie tausender Negative aus dem Labor des Erkennungsdienstes, dem u.a. der katalanische Häftlings-Fotograf Francisco Boix zugeteilt worden war. Zudem gab es offenbar eine gewisse Manie, stets tödlich endende „Fluchtversuche“ von Gefangenen fotografisch festzuhalten und in mehrfacher Ausfertigung an SS-Dienststellen zu versenden. (Einen vergleichbaren Stellenwert hat das „Auschwitz Album“, das Fotografen des Auschwitzer Erkennungsdienstes, sehr wahrscheinlich zu propagandistischen Zwecken, 1944 angefertigt hatten und das zufällig in Bergen-Belsen gefunden wurde). Boix gelang es, im Nürnberger Prozess auszusagen und zumindest einige der Fotos als Beweismaterial zur Verfügung zu stellen.
Der Dichter Heimrad Bäcker, vormals NSDAP-Mitglied, verbrachte Jahrzehnte seines erwachten Lebens mit der Spurensuche in Mauthausen und Gusen. Jahre vor der Aufarbeitung streifte er in den 1960er Jahren mit dem Fotoapparat über die überwucherten Gelände der einstigen KZ Mauthausen und Gusen, machte Tausende Fotos von den Spuren der Gewalt, nahm Relikte an sich (!) und versuchte später, mit seinen Büchern „nachschrift“ 1 & 2 (1986 ff.) das Wesen des Holocaust literarisch zu fassen. Die mittels „konkreter Poesie“ entstandenen gefeierten Werke, die vor allem Tätersprache collagieren und typographisch komponieren, halte ich für völlig überschätzt. Ihr Erkenntnisgewinn ist sehr übersichtlich. Sie machen den unguten Eindruck einer täterzentrierten Fleißübung. Vor wenigen Jahren hat das Münchner NS-Dokumentationszentrum dem Werk Bäckers eine Ausstellung gewidmet: https://www.nsdoku.de/heimrad-baecker
Radio-Link mit Besprechung einer Ausstellung mit Fotos von Bäcker: https://oe1.orf.at/artikel/663411/Fotos-von-Heimrad-Baecker-im-mumok
Die visuelle Repräsentation des Lagers hat zahlreiche historische Untersuchungen angestoßen: Lukas Meisel „Mauthausen im Bild. Fotografien der Lager-SS“, Wien 2019; Frübis/Oberle/Pufelksa, „Fotografien aus den Lagern des NS-Regimes“, Wien 2019 – dazu: https://www.youtube.com/watch?v=sQjU1cM4e6Y; Benito Bermejo, „Francisco Boix, der Fotograf von Mauthausen“, Wien 2007. Letztere Publikation inspirierte zum gleichnamigen Netflix-Spielfilm von 2018 sowie zur graphic novel „Der Fotograf von Mauthausen“ (EA 2018, Wien 2021).

Eine aktuelle Doku über Mauthausen widmete sich dementsprechend insbesondere den Fotografien des Lagers: KZ Mauthausen. Von Fotografen, Häftlingen, Henkern | Doku HD Reupload | ARTE – YouTube
Erstaunlich wenig erfährt man in der Dauerausstellung über den berüchtigten Täter-Arzt Aribert Heim, genannt „Schlächter von Mauthausen“ oder „Dr. Tod“. Der Truppen-Arzt (und Eishockey-Spieler) stach hervor durch abstruse, autodidaktische Operationen und tägliche (einschließlich sonntags) vorgenommene Tötungen von Häftlingen mittels Giftspritze. (zu Heim vgl. Stefan Klemp, „KZ-Arzt Aribert Heim. Die Geschichte einer Fahndung“, Berlin 2010; populärwissenschaftlich: Kulish/Mekhennet, „Dr. Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher“. Aribert Heim war vor einigen Jahren der „Schurke“ in der passablen spanischen Netflix-Action-Serie „Jaguar“ (2021) – Wieder einmal ein kurioser Casting-Zirkel: der Schauspieler Stefan Weinert gab 2018 den Kommandanten Ziereis, um dann 2021 den Heim zu mimen; spezialisiert auf deutsche Hackfressen?

evtl. Heims blutige Wirkungsstätte in Mauthausen
Aus unerfindlichen Gründen versuchten die Macher der wirkmächtigen US-Serie „Holocaust“ (1978), die viele Drehorte in Österreich wählten, ausgerechnet im steinernen Mauthausen ihr „Auschwitz-Birkenau“ zu simulieren. Bis hin zur authentischen Gaskammer, in die sie die nackten Komparsen schickten.

Nach der Neukonzeption der GS Mauthausen war die Gaskammer, in der ca. 4000 Menschen unter der Regie von SS-Hauptscharführer Martin Roth umkamen, nicht mehr zugänglich. Grund der Veränderung war der Umstand, so Dr. Barbara Glück (junge Direktorin mit Büro in Wien), dass die Gaskammer zwei Türen habe und sich Besucher der GS bis dato in dem Raum chaotisch von zwei Seiten begegnet seien. Der Raum sei damals jedoch kein „Durchgangsraum“ gewesen, betont sie im Interview.
Eine technische Besonderheit der Vergasung stellte in Mauthausen die „Gaszelle“ dar. In einem kleinen separaten Raum wurde das „Zyklon B“ zunächst durch Wärme in gasförmigen Zustand versetzt und dann in die Todeszelle gepumpt. Der blaue Schimmer auf dem Foto entstand, wenngleich passend, jedoch durch eine moosige Fensterscheibe. Die Ende April 1945 im Zuge der Demontage der Vergasungsanlagen eingerissene Trennwand zwischen den beiden Zellen wurde erst nach 1948 rekonstruiert.

Dem Vernichtungsbereich ist seit einigen Jahren die Ausstellung „Tatort Mauthausen. Eine Spurensuche“ vorgeschaltet, um Besucher*innen informell „einzustimmen“ auf die Räume dahinter. Niemand soll dort unbedarft hineinstolpern, so die Intention. Leuchttische mit Informationen zu den gängigen Todesarten müssen zumindest passiert werden.
Der Verbleib der anonym abmontierten, (falschen) Duschköpfe in der gefliesten Gaskammer ist unbekannt. Der Künstler Marko Zink, der wochenlang in Mauthausen analog fotografierte, hielt im Rahmen seines in der GS ausgestellten Projektes die Rohre der Gaskammer fest. Ihn erinnerten sie, keineswegs überzeugend, an „Mondrians Gitterbilder“. Zinks Collage haben stattdessen, wie seltsam, auffällige Ähnlichkeit mit dem Cover-Motiv von Choumoffs Buch über die Gasmorde. (Marko Zink, „M 48° 15´ 24.13´´ N 14° 30´ 6.31´´ E. Mauthausen – Die Tilgung der Erinnerung“, Wien/Berlin 2019.)
https://www.vorarlbergmuseum.at/ausstellungen/marko-zink-m-48-15-2413-n-14-30-631-e/
Einen gewichtigen Teil der Erinnerungskultur um Mauthausen beansprucht das Endphaseverbrechen der „Mühlviertler Hasenjagd“. So wird zynisch die Menschenjagd auf 419 sowjetischen Gefangenen genannt, die aus dem „Todesblock“ entflohen waren. Am 2.2.1945 folgte eine konzertierte Suche, in die neben der Lager-SS die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden, die Hitlerjugend und der „Volkssturm“ einbezogen wurden. Niemand sollte lebendig gefangen werden. Erschossene blieben im Schnee liegen und wurden später mit Leiterwagen abgeholt. Nur etwa 15 Geflohene konnten, teils durch Unterstützung von Bauernfamilien, dem gnadenlosen Massenmord entkommen. Der zog sich immerhin über Wochen hin. Thomas Karny hat den Ereignissen mit dem quasi-dokumentarischen Buch „Die Hatz. Bilder zur `Mühlviertler Hasenjagd´“ (1992) ein anschauliches literarisches Denkmal erschaffen. Andreas Grubers Film „Hasenjagd“ (1994) machte Kino daraus: „Für Österreich so wichtig wie `Schindlers Liste´ für den Rest der Welt“, meint das Plakat.

Eine kurze Zusammenfassung dieses Verbrechens: https://www.youtube.com/watch?v=SCBAUaK4Qsg
Der Abstieg via „Todesstiege“ vom Lager in den Steinbruch ist derzeit ebenso wenig möglich wie der Weg nach oben. „Unfallgefahr“, wie gesagt. Unfälle waren bis 1942, bevor der Steinbruch allmählich an Bedeutung verlor, einkalkuliert, erwünscht. Sie wurden quotenmäßig forciert. Nicht selten stürzten Häftlinge mit Brocken von dort in den Tod und/oder rissen andere mit.


Himmler stiefelte bei einem seiner Besuche selbst die Stiege empor. Wohl, um sich in die Häftlingsbedingungen einzufühlen. Im Libretto von „… und alle Toten starben friedlich“ heißt es: „Fünfzig Kilo wog ein Stein im Durchschnitt. Hämisch erzählten uns die Peiniger, Himmler persönlich haben einen Stein gehoben und erklärt: „Es ist Häftlingen durchaus zuzumuten, Steine mit einem solchen Gewicht zu tragen.“

Einen solchen Brocken mussten „Strafkommandos“ mehrfach hoch- und runtertragen, bis zum Herztod. Wer seine „Probezeit“ bestand, hatte zumindest Chancen auf eine weniger mörderische Arbeit. Das waren nicht viele.
„Vernichtung durch Arbeit“, das Mauthausen-Programm, erfolgte zudem häufig durch „Flüge“ (Suizid oder „Unfall“) von der sog. „Fallschirmspringerwand“: 50 m in die Tiefe. Sehr gern genutzt für jüdische Häftlinge.

Collage von Simon Wiesenthal
Im französischen Film „Der Verschlag“ (1961, Regie: Armand Gatti) wurden Mauthausens Steinbruch und die dortigen Morde recht früh ins Bild gesetzt. Interessanterweise heißt das KZ im Film, das überdeutlich auf Mauthausen anspielt, „Tatenberg“. Dies erinnert an den „Totenberg“, den das „Kinderlied aus Mauthausen“ von Stella Rotenberg besingt: „bald fliegt ihr hinaus / zum Rauchfang hinaus / als Rauch auf dem Totenberg“ (in: Angerer, a.a.O., S. 238.)
In den Steinbruch selbst gelangte ich also nur von unten, erneut über die Landstraße „Wiener Graben“. Es gibt einige Gedenktafeln in der Schlucht, dort, wo einst Hammerschlag, Schüsse, Schreie zu hören waren und „pharaonische“ Sklaven-Verhältnisse herrschten. Das Ganze wirkt nun idyllisch: Gesumm, Insekten. Das Wasser am Fuße der „Fallschirmspringerwand“ glitzert in der Sonne.

Interessant ist die Aussicht nach oben auf einen Teil der Gedenkmonumente am Rand der Schlucht: man sieht vor allem die israelische Skulptur (die auffallend der berühmten „Blume“ im kroatischen KZ Jasenovac ähnelt) und die Installation der DDR aus den 1960ern: zugleich Stacheldraht-Mauer und schützendes Geländer direkt vor dem Abgrund.
„Deutschland, bleiche Mutter“ (Bertolt Brecht, 1933) steht hinter der Plastik auf der Mauer.
Soweit, so schlimm. Mauthausen. Teil 2 handelt eingehender von der „T4“-Tötungsanstalt Hartheim, westlich von Linz.


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