
Wieder ein Kultur-Wochenende. Es ist immer noch 2025. Neben der Visite einiger Ausstellungen stand das Stück „Halt´s Maul, Kassandra!“ im Deutschen Theater auf der Agenda: der fast dreistündige Parforceritt im prunkvollen DT war dem 2001 allzu früh verstorbenen Kultur-Maniker Thomas Brasch gewidmet. https://www.deutschestheater.de/programm/produktionen/halts-maul-kassandra – Die Einführung des Dramaturgen im rosafarbenen Separee war hilfreich, um einige Szenen zu verstehen.

Als Sohn jüdischer Emigranten 1945 in England geboren, musste Brasch, nun Sohn eines hohen Funktionärs in der SBZ und künftigen DDR, mit Schreibverboten und seinen umgehend abgesetzten Theaterstücken leben. 1976 wird er die berufliche Sackgasse westwärts in Richtung Klassenfeind verlassen (die Einschätzung seines staatsgefährdenden Charakters stammte von der Stasi-Informantin Anetta Kahane, heute bekanntlich Vorsitzende der antirassistischen Amadeu Antonio Stiftung).
Braschs enorme Kulturproduktion im Westen, bald auch im Medium Film incl. Bayerischer Filmpreis 1981 mit frecher Dankesrede in Anwesenheit von Franz Josef Strauß, trug zunehmend melancholische Züge. Brasch, das macht der Theaterabend deutlich, kam niemals von der DDR los – und in der BRD nimmer an. So war sein hochenergetisches Leben ein ewiges Fristen im Interim. Die Inszenierung des DT entfaltete als multimediale Collage aus Vortrag, Originaltönen, Videoschnipseln, Gedichtrezitationen, teils satirischen Szenen und krachend-punkiger Live-Musik eine enorme Sogwirkung. Das gefiel durchaus.
Eine gespenstische Doppelbelichtung gelang der Dramaturgie mit einer (scheinbar) live eingespielten Videoübertragung, die den Hinterhof des Theaters in das KZ-Gelände aus Braschs Meta-Film „Der Passagier – Welcome to Germany“ (1988) verwandelte. Der Film handelt von der Rückkehr eines Überlebenden (Tony Curtis) nach Deutschland zwecks Dreharbeiten (als Rabbiner tritt der Theaterkollege George Tabori auf).

Sodann die Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning – Netzwerke des Surrealismus“ in der Neuen Nationalgalerie. Sie zeigt aus einer Privatkollektion stammende Werke, die zuvor Gegenstand einer umfangreichen Provenienzforschung gewesen waren (und nunmehr für unbedenklich erklärt wurden). https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/max-ernst-bis-dorothea-tanning-netzwerke-des-surrealismus/

Der kuratorische Ansatz verdeutlicht die fluchtbedingte geografische Bewegtheit der Kunstwerke, ihr Flottieren durch die Institutionen und Sammlungsbestände: Zum Teil sichtbar gemachte Rückseiten der Leinwände entpuppen sich als Flickenteppich von Datierungen und Siglen der (vorübergehenden) Eigentümer*innen. Im Wust der Chiffren wird ein rotes Kreuz als das Zeichen einer von Rosenbergs Stab (eigentlich) angeordneten Vernichtung lesbar.

Die letzte Ausstellung führte uns in die Nationalgalerie der Gegenwart, den Hamburger Bahnhof. Die dortige Haupthalle wartet mit der opulenten Installation „embrace“ von Klára Hosnedlová auf, die aus riesigen Filzgebilden, amorphen Plastiken, gestickten Fotografien, Stahlplatten, Beton (als Sinnbilder des Ostblocks, heißt es) und künstlichen „Durchbrüchen der Natur“ (Plastikpfützen) besteht.

Ausgediente Lautsprecher-Ensembles aus Berliner Technoclubs beschallen den Raum mit osteuropäischer Vokalkunst und kryptischen Texten. Der Eindruck eines Einzuges archaischer Mythenwelten in die Gegenwartskunst setzt sich in den Nebentrakten fort, die man teils durch waldartige Tunnel betritt.
In einem lichten Saal lagert Delcy Morelos´ tonnenschweres, duftendes Gebirge „Madre“ aus Erde, Zimt, Honig und Samen: ein Riesenhaufen. Er soll die Verbindung von „Mütterlichkeit“ und „Erde“ symbolisieren und hinterließ ob dieser Kombination bei mir einen eher schalen Geschmack, derweil Buchweizen-Gerüche die Nase reizten. Ist die Frage erlaubt: Wer räumt das wieder weg?

Dass sich in direkter Nachbarschaft zu „Madre“ gewichtige Teile der stolzen Beuys-Sammlung wie außerirdischer Schutt häufen, ist nur folgerichtig: Falls man die metaphysisch-verquaste Verwandtschaft dieser Arbeiten nicht bereits riechen konnte, stoplert man nun fast darüber.

Der „Filzanzug“ von Beuys war aus „konservatorischen Gründen“ leider „nicht sichtbar“ (in der Reinigung?), dafür welkte die post-dadaistische „Capri Batterie“ in einer Vitrine. Sie wirkt nach wie vor lächerlich billig.

Mit den Werken und Theoremen des legendären Hut-und-Westen-Mannes, der das „Dritte Reich“ als Hitlerjunge und Soldat, wie ein Text in der Schau immerhin ehrlich vermerkt, aktiv mitgetragen hatte, verbindet mich ja eine gewisse Hass-Liebe. Meistens kippt sie in die Richtung des „H“-Pols, befeuert noch durch die anthroposophische Grundierung der „Sozialen Plastik“. Was immer das sein soll.
Das Büchlein „Beim Wort genommen. Joseph Beuys und der Nationalsozialismus“ von Ron Manheim hatte dem teutonischen Großartisten eine völlige Unfähigkeit, „die Vergangenheit aus kritischer Distanz zu betrachten“, attestiert. (Berlin 2021, S. 65).
Die mehrere Hallen durchziehende Installation „An Opera Out of Time“ des queeren Kosovaren Petrit Halilaj bewegt sich ebenso in den Übergangsgefilden von Kunst-Natur / Natur-Kunst, bezaubert aber durch Humor, farbenfrohen faunischen Surrealismus und kindlich anmutende Märchenwelt. Inmitten der bunten Chimären zwitschert gar eine possierliche Tier-Oper,


Nein, Fuchs- und Huhn-Mensch mussten nicht die ganze Zeit ausharren: sie waren ebenfalls Kunst-Natur.


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