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KREMATORIUM MIT SEEBLICK – Ein Tag in Ravensbrück (2025)

10–16 Minuten

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Angestoßen durch Stefanie Claes´ intime Performance „Ravensbrück“ beim Kunstfest Weimar (25.8.2025) war es mir ein Anliegen, endlich die gleichnamige Mahn- und Gedenkstätte 90 km nördlich von Berlin zu besuchen. Dafür nahm ich gern die stundenlange Anfahrt auf Schienen in Kauf.

Im folgenden Report gehe ich auf einige architektonische, topographische und historiographische Aspekte ein.

Ziel war das Städtchen Fürstenberg an der Havel, nicht zu Unrecht ob seiner „malerischen Lage“ am Schwedtsee gepriesen. Fürstenberg, erbaut auf drei Inseln in der Havel, nennt sich stolz „Stadt des Wassers“. 

aus: Barbara Yelin „Emmie Arbei. Die Farbe der Erinnerung“ (Berlin 2023)

Sowohl das Gewässer als auch das angrenzende Waldgebiet waren als Barrieren und Sichtschutz in die Standortwahl der SS 1937 eingegangen. Im Mai 1939 war das KZ eröffnet worden. Auf dem im Winter zugefrorenen See konnte man, wie ein Foto zeigt, von Fürstenberg aus auch auf Eis das größte NS-Konzentrationslager für Frauen erreichen. Und vice versa. Vielleicht sogar mit einem Schlitten, auf dem am Sonntag das Kind einer Aufseherin juchzte…

Für die Kinder von Aufseherinnen gab es den KZ-eigenen Kindergarten, den man in der Nähe der Siedlung platzierte. Personell ausgestattet war dieser mit Erzieherinnen, die zuvor eine Ausbildung im Berliner „Fröbel“-Haus absolviert hatten, wie eine Audiostation in der Gedenkstätte informiert. Kinder im entsprechenden Alter gingen in Fürstenberg zur Schule. 

Die leitende KZ-Aufseherin Johanna Langfeld mit eigenem und befreundeten Kind. Zur umstrittenen Aufseherin gibt es den Dokumentarfilm „Die Aufseherin“ (https://www.mdr.de/tv/programm/sendung-997136.html)

Das KZ-Ravensbrück stellte gewisse eine emanzipatorische Verlockung für junge deutsche Frauen dar. Als Freundinnen wohnten sie zusammen in einem „Mädelshaus“, endlich fern von zu Hause und der öden Fabrikarbeit. Nach einem Schnellkurs in der offiziellen Ausbildungsstätte für Aufseherinnen war Ravensbrück, das die frühen Frauen-KZ Lichtenburg und Moringen beerbte und im März 1942 den Grundbestand des Frauenlagers in Auschwitz-Birkenau stellte, unter Umständen ein Karriere-Sprungbrett ins weitläufige KZ-System. Nur ein kleiner Teil der Wachfrauschaft musste von Arbeitsämtern dienstverpflichtet werden. 

Auf den naheliegenden Themenkomplex „sexualisierte Gewalt“ sei hier nicht weiter eingegangen. Das erotisch aufgeladene Bild der brutalen, zugleich attraktiven KZ-Wärterin in der Populärkultur wird in Ravensbrück bündig behandelt. Eine Zitat aus dem Strafprozess der berüchtigten Irma Grese, die in Martin Amis´ Roman „Interessengebiet“ eine Rolle spielt, findet sich in der Gedenkstätte auf Kissen gestickt: „Ich habe noch einmal nachgedacht und möchte gern ergänzen…“

Ravensbrück war zugleich eine Partner-Börse: zahlreiche Beziehungen, sogar Ehen zwischen Angehörigen des Wachpersonals kamen zustande, trotz der funktionalen Trennung zwischen dem Frauen-KZ (insgesamt mind. 130.000 Frauen aus über 30 Nationen, davon etwa 20.000 als jüdisch definiert) und dem (deutlich kleineren) Männerlager mit etwa 20.000 Gefangenen, die vor allem für Bauarbeiten dorthin verlegt worden waren. Im KZ Ravensbrück waren zudem insgesamt etwa 800 Kinder eingesperrt. Einige dort Geborene überlebten.

Die Anreise: Morgens 10 Uhr in Ostdeutschland. Bahnhof Fürstenberg. Selbstverständlich ging ich von dort die drei Kilometer per pedes zum einstigen Lagergelände. Just da entlang, wo einst Häftlingskolonnen getrieben wurden, bevor die Reichsbahn eine eigene Station in Lagernähe einrichtete. Irgendwann auf diesem Marsch trat ich auf Rosen-, Streifen- und Stacheldraht-Icons, die eine ortsansässige Schulklasse auf den Fußweg gesprüht hatte.  

Ein sowjetischer Panzer an der Straße zur Gedenkstätte erinnert daran, dass hier von 1945 bis 1993 nahezu 40.000 sowjetische Soldaten stationiert waren, das Zehnfache der Stadtbevölkerung. 

Die Rote Armee hatte das Lagergelände zu einem „Repatriierungslager“ ernannt, nach Gutdünken umgestaltet – oder schlicht verfallen lassen. Offiziersfamilien wohnten, vielfach ohne ihr Wissen, in den Häusern der einstigen Lager-SS. 

Die seit dem Kinofilm „Zone of Interest“ gewachsene Aufmerksamkeit für den Bautypus „Kommandantenhaus“ wurde in der Gedenkstätte Ravensbrück durch Themenausstellungen in den mehr oder minder authentischen „Führerhäusern“ bwereits vorweggenommen. Im knarzenden Gebälk der urigen Villen erfährt man etwas über die SS-Führer sowie ihr „Gefolge“, die mitunter fälschlich als SS-Mitglieder bezeichneten weiblichen Täterinnen.

In den am besten erhaltenen Häusern werden heute Jugendherbergszimmer von lärmenden Schüler*innen bewohnt; mit dem Smartphone chillen Teenagerinnen davor auf der Wiese. Einige „Zwei-Familienhäuser“ im Wald werden derzeit als künftige „Begegnungsorte“ der Hansche-Stiftung saniert. 

Eines der SS-Häuser („Haus Papel“) steht exklusiv der „Lagergemeinschaft Ravensbrück“ zur Verfügung, und hier suchte tatsächlich die Überlebende Emmie Arbel im Jahr 2023 für einige Zeit nach dem Überfall der Hamas auf Israel Zuflucht. https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/holocaust-emmie-arbel-antisemitismus-hamas-e164133/?reduced=true

In den Häusern der SS-Siedlung wurden nach Abzug „des Russen“ sowjetische Zwischenwände rückgebaut, Tapeten freigelegt. Spülbecken und Badewannen sind nur zum Teil erhalten wie zu Zeiten des Kommandanten Max Koegel und seines eifrigen Nachfolgers Fritz Suhren. Ein Kinderzimmer in der Villa des Kommandanten hat einen Balkon mit Blick ins Grüne.

Die originalen 32 hölzernen Häftlingsbaracken, deren Standorte heute durch Vertiefungen im weiten Schotterfeld kenntlich gemacht sind, waren, so teilte mir eine Mitarbeiterin im Besucherzentrum mit, im Zuge der Stationierung „vom Russen verheizt“ worden.

Jahrzehntelang war der Lagerkomplex militärische Sperrzone, unzugänglich. Die erhaltenen massiven Gebäude (SS-Siedlung, Kommandantur, Weberei, Zellenblock, Wasserwerk, Garagen, Tankstelle, Krematorium) beherbergen heute das umfangreiche Bildungsangebot der Gedenkstätte. Der hohe Stellenwert von Kunst ist hierbei erfreulich.

Die Dauerausstellung in der großen Kommandantur, die einst für die Registrierung der „Zugänge“ genutzt wurde, ist weitläufig, wirkt aber didaktisch überholt.

Vor dem Eingang zum „Schutzhaftlager“, erinnert sich die norwegische Deportierte Inger Gulbrandsen in Loretta Walz´ preisgekrönter Doku „Die Frauen von Ravensbrück“ (2005), „waren noch Blumen“. „Aber mit der Schönheit war Schluss, als wir durchs Tor kamen.“ 

Auf der langen Lagerstraße knirscht (heute) der Schotter unter den Sandalen. Über das einstige Arbeitslager der Siemens-Niederlassung, in dieser Form ein Unikum im KZ-System, sind nicht nur Gras, sondern auch Brennnesseln und Disteln gewachsen. Dort war ich nicht.

Interessant und historiographisch unterbelichtet ist das etwa 1,5 km entfernte ehemalige „Jugendlager Uckermark“, ein ursprünglich von der Polizei  eingerichtetes KZ für (vermeintlich) deviante Mädchen und junge Frauen. Die Haftbedingungen waren übel. Zum Jahreswechsel 1944/1945 wurde das „Jugendlager“ geräumt und von der SS übernommen, um systematisch als Sterbe- und Selektionsort genutzt zu werden (Unterernährung, stundenlanges Stehen in der Kälte, Gift, Abtransport zur Ermordung). Ausgezehrte Frauen nannte man im Lagerjargon zynisch „Schmuckstücke“, das weibliche Äquivalent zum sog. „Muselmann“.

Ausschlaggebend waren weniger rassistische Kriterien, sondern die Arbeitsfähigkeit und der Gesundheitszustand. Aussortierte erhielten sog. „rosa Karten“, um von der Arbeit „freigestellt“ zu werden. Dieser Urlaub bedeutete den Tod. Auf dem Areal des Lagers Uckermark ist wenig erhalten, die Sowjets hatten dort Garagen errichtet, einige Fundamente von Blöcken sind mittlerweile freigelegt worden.

Zwischen den benachbarten Lagern gab es im Zuge der Endphase ein „reges Kommen und Gehen“, wie die Überlebende und Ethnologin Germaine Tillion in ihrem Standardwerk schreibt. Die Suche nach Arbeitsunfähigen wurde, so Tillion, zu einer „Menschenjagd“ („Frauenkonzentrationslager Ravensbrück“, Lübeck 1998). 

Die „Abgänge“ ins Jenseits wurden von der SS als Überstellung in ein fiktives „Schonungslager Mittwerda“ getarnt. Zuvor hatte vor allem ein riesiges Zelt im Lager, das stetig wachsende Krankenrevier (Blöcke 25-32) sowie das sog. „Irrenstübchen“ als Sammelort der zum Tode Selektierten gedient. Das einstige KZ Uckermark, 1945 „Dreh- und Angelpunkt der Massentötungen“ (Strebel), ist sinnigerweise über die „Himmelpforter Landstraße“ [sic!] zu erreichen.

Die „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“ zu DDR-Zeiten beschränkte sich ab 1959 bis zum Abzug der Sowjets räumlich auf einen Bruchteil des Lagers. Die improvisierte Gaskammer (in Betrieb Januar-April 1945, die Zahl der Opfer schwankt in der Literatur zwischen 2500 und 6000) in unmittelbarer Nähe hatte „der Russe“ leider auch „verheizt“. Dazu später mehr.

Die diversen, mehr oder weniger pathetischen Figurengruppen, die sich über Jahrzehnte in der Gedenkstätte open air angesammelt hatten, sind nun in den Fluren der verfallenden Fabrikhalle der Schneiderei versammelt. 

Sie stehen dort als traurige Gestalten inmitten von Industrieschrott und vermodernden Schautafeln früherer Dauerausstellungen und wirken wie zurückgelassene und sich selbst überlassene Häftlinge. 

Am „lost place“-Charakter dieser Industriebrache kann die vor kurzem eröffnete Ausstellung „Maschinen dröhnen. Nadel schleppt den Faden, scharfes Messer glänzt, schneidet entzwei und sticht“ der französischen Künstlerin Dominique Hurth, die sich mit der Zwangsarbeit der Texled (Uniformproduktion) beschäftigt, nichts ändern. Radiobeitrag dazu: https://www.deutschlandfunkkultur.de/was-stoffe-ueber-das-leben-im-kz-erzaehlen-kunstausstellung-in-ravensbrueck-100.html

Tragende, Skulptur von Will Lammert, Gedenkstätte am Schwedtsee, Konzentrationslager Ravensbrück, Fürstenberg, Brandenburg, Deutschland, Europa
Olga Benario

Am Seeufer liegt der zentrale Gedenkort. Die berühmte Bronzefigur der „Tragenden“ auf einer Säule ist der in Bernburg („Aktion 14f13“) vergasten Kommunistin Olga Benario nachempfunden. Dies ließ mich an ein mögliches Kindheitstrauma in meiner DDR-Kita denken, die ihren Namen trug. 

Olga Benario: Nachdem man uns etwa 1980, ich war vier Jahre alt, in der Kita vom Erstickungstod der Namensgeberin in einem Duschraum erzählt hatte, war mein Verhältnis zum heimischen Badezimmer tagelang getrübt. Die weiße Emaille und die Fliesen flößten mir Angst ein. Meine gelinde Besessenheit für dieses unerfreuliche Spezial-Thema führe ich übrigens auf diese Urszene zurück.

Das Stichwort Gaskammer leitet über zum letzten Punkt, der mich beim Besuch in Ravensbrück besonders interessierte: Spuren der mörderischen Endphase des Lagers. Hier ist ein Mangel an Information in der Dauerausstellung zu konstatieren. Bernard Strebel, Autor eines Standardwerks zum KZ Ravensbrück, meinte, dass die finale Dynamik dem Lager Ravensbrück „den Charakter eines Vernichtungslagers“ verliehen habe (in: Herbert/Orth/Dieckmann, „Die nationalsozialistischen Konzentrationslager“,  Göttingen 1998, Bd. 1). So heißt es auch in Walz´ Film „Die Frauen von Ravensbrück“. Das ist gewiss überzogen.

Gleichwohl trat das „heillos“ überfüllte Frauen-KZ, in das ab Mitte 1944 unentwegt Häftlingsmassen fluteten, 1945 in eine fatale Periode der Massenvernichtung ein. (Kranke und geschwächte Häftlinge ließen sich zu diesem Zeitpunkt – die sog. „Schwarzen Transporte“ – nicht mehr zur Ermordung nach Hartheim oder Auschwitz abschieben.) 

Das Krematorium mit Seeblick:

Gemeinhin werden zwei Phasen dieser Radikalisierung unterschieden: Phase 1 mit Erschießungen neben dem Krematorium. Phase 2: Vergasungen und fortgesetztes Erschießen. Für die verbrecherische Praxis war u.a. ein kleines Mordkommando unter Otto Moll zuständig, des berüchtigten Chefs der Krematorien von Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 („Ungarn-Aktion“). Moll, dessen erste Ehefrau Wärterin in Ravensbrück war, reist ab Januar 1945 mit seinem Killerkommando zwischen Sachsenhausen und Ravensbrück hin und her. (Nebenbei bemerkt: Moll galt als pathologisch, gefühlskalt und unberechenbar. Es gibt Hinweise, dass seine offenkundige Psychopathie auf eine Hirnverletzung im Zuge eines Unfalls zurückging, bei dem der sadistische „Meisterschütze“ ein Auge verloren hatte.)

Die Öfen des Krematoriums hatte die Berliner Firma Kori geliefert, Konkurrenzgewerbe der Erfurer Ofenbauer „Topf & Söhne“.

Der grässliche Moll ist Teil dessen, was Stefan Hördler in seiner brillanten Studie „Ordnung und Inferno“ (Göttingen 2015) das „Auschwitzer Netzwerk“ nennt und sich als „Konzentration einer in sich konsistenten Gruppe von Vernichtungsspezialisten“ vor Ort spann. Fürstenberg, „Stadt des Wassers“, wurde anno 1945 zu einem strategisch bedeutenden SS-Standort.

Ab Herbst 1944 besetzten in Ravensbrück somit erfahrene Auschwitz-Akteure  Schlüsselpositionen. Nicht nur Rudolf Höß brachte Ende 1944 seine Familie in der Nähe unter und pendelte von seiner Dienstelle aus Oranienburg zur Koordinierung der anlaufenden Massenvernichtung. Auch wird am 12.1.1945 Johann Schwarzhuber, jahrelang tätig in „Sondermaßnahmen“ in Auschwitz (sprich: Massenmord), neuer Schutzhaftlagerführer. In dieser Zeit wohnt übrigens auch der Pionier der Gaswagenmorde im besetzten Warthegau (Nordpolen), der Polizist Herbert Lange, in der Ravensbrücker SS-Siedlung. Er ist nun beschäftigt mit dem Verhör der „Verräter“ des „20. Juli“ in der nahen Sicherheitspolizei Fürstenberg-Drögen und im Zellenblock des Lagers. 

Birkenau am See: Der Überlebende Carl Laszlo nutzte einen von der SS zu Täuschungszwecken erfundenen Ort als Absender von Häftlingenpost für seine Auschwitz-Memoiren

Die Exekutionen mit Kleinkaliberwaffen fanden in Ravensbrück vor allem vor (oder im?) sog. „Erschießungsgang“ statt, eine Baulücke zwischen Lagermauer und Zellenblock, die als Kugelfang diente. Meistens abends und im Schein von Taschenlampen (!) mussten sich die herangefahrenen Frauen paarweise nebeneinander aufstellen. Die Zahl der Opfer, wahrscheinlich einige Hundert, ist nicht bekannt. 

Florjan Lipuc schreibt in seinem Buch „Schotter“ (Salzburg/Wien 2019), das den Namen Ravensbrück nicht nennt, aber von eben jenem handelt, zu dieser Szenerie: „Die Strafmauer fing die Treffer der Kugeln auf und barg die in sich, die den Körper durchschlugen und nicht in den Knochen stecken blieben. Leicht durchdrang die Kugel mit ihrer Durchschlagskraft den Körper, wo doch der ausgemergelte Körper nicht viel Widerstand leistete. Menschen entlang einer Mauer aufzustellen, sie mühsam an der Mauer auszurichten, steht im Gegensatz zum Genickschuss, der Handlangung zur Vollstreckung eines schnellen Entschlusses.“

Zu den Gaskammern: Höß überwachte in Ravensbrück offenbar den Bau einer doppelten Gaskammer mit dem Tarnnamen „Neue Wäscherei“ im Norden des Lagers, ebenfalls außerhalb der Lagermauer. Von ihr liegt eine Skizze von Walter Jahn vor. Diese vermeintliche „Gasanlage“ sollte jedoch niemals in Betrieb gehen. 

Die Angabe „Gasdüsen“ ist verwirrend. Jahn gilt als unzuverlässiger Zeuge.

Irgendwann im Januar 1945 wurde der Tötungsort mit Giftgas – entweder auf zentralen Befehl des Reichsführers-SS Heinrich Himmlers oder lokaler Entscheidungen hin – in einer Holzbaracke direkt neben dem Krematorium improvisiert. Das bis dahin als Materiallager genutzte Gebäude wurde z.T. von weiblichen Handwerkern notdürftig abgedichtet (Holz, Kitt, Blech), eine Zwischenwand zur Gaskammer eingezogen. Der Todesraum konnte, laut Aussage von Schwarzhuber, etwa 150 Menschen fassen, was jedoch nicht zu seiner Aussage der doch enormen Größe (9 x 4,5 m) passt. Ob wirklich Duschköpfe eingebaut und Fliesen verlegt wurden, ist ebenso fraglich wie die Existenz einer separaten Entkleidungsbaracke. Gab es am Schuppen eine Schwingtür oder eine Klappe zur Entfernung der Leichen? Wurde Zyklon-B (Kieselgur oder Pulver?) durch eine Dachluke eingeworfen, von Häftlingen gar, oder von der SS auf einer Leiter stehend durch eine Öffnung in der Wand gekippt, wobei es seltsamerweise „wie Mehl gestaubt“ haben soll? Zudem ist wohl nicht mehr zu klären, ob es sich bei dem etwa zehnköpfigen männlichen „Sonderkommando“, das am 25.4.1945 im Zellenblock ermordet wurde, um jüdische Häftlinge gehandelt hatte. Viele offene Fragen.

Ein kleines Schild markiert heute den Standort der Baracke mit Gaskammer.

Es war tatsächlich ein „Klein-Auschwitz“, was in den ersten Monaten des Jahres 1945 in der Nähe des Sees entstanden war: das von einem Bretter- und Schilfzaun blickdicht umgebene Areal verband Gaskammer und Krematorium zu einer funktionalen Einheit. Es gab ein „Sonderkommando“ zur Leichenverbrennung. Auch der Scheiterhaufen unter freiem Himmel durfte nicht fehlen: Als das überhitzte Krematorium am 25.2.1945 in Brand gerät und für einige Tage ausfällt, werden die Leichen mit Benzin verbrannt. 

Vielleicht spielte die Künstlerin Claes in ihrer Performance „Ravensbrück“ auf diesen Umstand an: Leichengrube mit Streichholz.

Das Tragische bezüglich der ungeklärten Fragen zur Gaskammer in Ravensbrück: viele dieser Fragen hätten sich im Mai 1945 beantworten lassen. Das Gebäude wurde nämlich von den Befreiern in intaktem Zustand in Besitz genommen und nicht, wie allgemein angenommen, von der SS gesprengt. Dies beweist eine seltene sowjetische Fotografie von einem gewissen Lysenko:

Das Foto findet man nicht im Netz, es ist abgebildet bei Hördler (a.a.O.)

Die Gedenkstätte Ravensbrück ist ein weiteres trauriges Beispiel der Spurenverwischung durch Nachnutzung im Kontext des „Kalten Krieges“. Den neuen Verwaltern fehlte die Einsicht in die Bedeutung baulicher Relikte für die Geschichtsschreibung. So vollendeten sie vielfach die Versuche der Nazis, ihre Verbrechen zu vertuschen.

Die roten Markierungen im Lageplan beziehen sich auf die mutmaßlich zwei Gaskammergebäude:

Ebenso ungeklärt ist, dies zum Schluss, wie historiographisch mit den relativ zahlreichen Zeugenaussagen umgegangen werden soll, die die Existenz von mobilen Vergasungsanlagen zum Gegenstand haben. Deren Einsatz in Ravensbrück lässt sich offenbar nicht letztgültig „belegen“. So wird von Gaswagen als „grüner Minna“ berichtet, von einem „umgebauten Bus“ und sogar einem modifizierten holländischen Eisenbahnwaggon, der im Waldstück auf einem Abstellgleis für Gasmorde verwendet worden sein soll… 

Der an vielen Orten auftauchende „Sonderwagen“ bleibt wohl eine der geheimnisvollsten und zugleich infernalischsten Erfindungen des „Dritten Reiches“.

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Ich beende meinen Bericht. Erschlagen von stundenlangem Gehen auf dem Areal des Lagerkomplexes begab ich mich am Abend wieder zum Bahnhof Fürstenberg. Leider war der Schwedtsee nicht zugefroren, es wäre eine Abkürzung gewesen, und ein Boot hatte ich nicht dabei. Vielleicht sollte Fürstenberg gemeinsam mit der Gedenkstätte über die Einrichtung eines Wassertaxi-Shuttle-Services nachdenken…

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Ama Ndlovu explores the connections of culture, ecology, and imagination.

Her work combines ancestral knowledge with visions of the planetary future, examining how Black perspectives can transform how we see our world and what lies ahead.