
Von Straßburg aus steuerten wir das 50 km entfernte, 1941 in „Betrieb“ gegangene KZ Natzweiler-Struthof an. Bereits auf der Fahrt zeichnete sich die Schönheit der Umgebung dieses „höchstgelegenen KZ Deutschlands“ ab. So nannt es der Elsässer Künstler Tomi Ungerer in seiner faszinierenden Biografie („Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass“, Zürich 1993, S. 131).
„Die Schönheit der Umgebung stand in seltsamem Kontrast zu den grausigen Vorgängen, die sich tagtäglich ereigneten.“, erinnerte sich der vom KZ Buchenwald nach Natzweiler-Struthof verlegte kommunistische Häftlingsarzt Fritz (Leo) Lettow. „Von einem Kranz hoher Berge, unweit des mächtigen [Berges] Donon, hatte man zu jeder Jahreszeit vom Lager aus eine berückende Aussicht. Grünende Wiesen und dunkle Wälder, trauliche Berghütten, malerisch und schön.“ („Arzt in den Höllen“, Berlin 1997, S. 142.)

Das Lagertor hatte in der Zeit des KZ, wie ein Foto von 1944 zeigt, ein anderes Aussehen und wurde nach 1945, wahrscheinlich aus erinnerungskulturellen Gründen, überformt.


Den Eindruck eines ästhetischen Widerspruchs zur Umgebung des auf 800 m Höhe im besetzten Elsass angelegten Konzentrationslagers, den wir bei unserem Besuch teilten, hielten mehrere Überlebende fest. Wie „eine Geschwulst“ habe das Lager „in der wunderschönen Landschaft“ gelegen, schreibt ertwa der Überlebende Eugéne Marlot. „Ein Verbrechen gegen die Natur und gegen die Menschlichkeit.“ („Die Hölle vom Elsass“, 2020, S. 13.)
Lettows Ankunft im März 1942 fiel in die Frühzeit des Lagers, das unter dem Kommandanten Egon Zill vom ersten Schwung deutscher Häftlinge („Kriminelle“) aus Sachsenhausen aufgebaut wird.
Der Entschluss zur Einrichtung geht, nach dem siegreichen „Frankreich-Feldzug“ 1940, auf eine von Albert Speer angeregte Suche nach Abbaumöglichkeiten des in der Region charakteristischen rosafarbenen Granits zurück. Der soll megalomane Bauten für das Tausendjährige Reich tönen. Der SS-Geologe Karl Blumberg wird auf dem „Mount Louise“, ein beliebtes Wander- und Skigebiet, fündig. Eine weitere lukrative Einnahmequelle für die SS-Firma „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ (DESt).
Das dort gelegene Hotel „Le Struthof“ mit seinen Nebengebäuden nebst unweit gelegener Bankiersvilla (mit Pool) wird 1941 beschlagnahmt. Umzäunt wird es zum Ausgangspunkt der Aufbauphase des Lagers Natzweiler. Bis Februar 1942 sind die ersten, noch überwiegend deutschen Häftlinge in improvisierten Unterkünften neben dem Hotel untergebracht; die Küche befindet sich in dem freistehenden Nebengebäude, großzügig „Festsaal“ genannt, in dem 1943 eine kleine Gaskammer für medizinische Versuche eingerichtet werden wird. Zu diesem Gebäude kehren wir später zurück.

Die mühsam in Zwangsarbeit angelegten Terrassen sind das markanteste Charakteristikum dieses einzigen deutschen KZ auf französischem Boden. Bis 1943 werden 17 Häftlingsblöcke sowie ein Dutzend Baracken für die SS errichtet. Das Baumaterial wird, wie die Häftlinge, im 8 km entfernten Ort Rothau angeliefert. Dann wird alles vom Hotel zum Lagerareal geschleppt. Das man ausgerechnet an einem stark abschüssigen Berghang einige hundert Meter unterhalb des Steinbruches errichtet. Umgeben war das Lager von einem doppelten, im inneren Ring elektrisch geladenen Zaun.

Das aufnahmebereite KZ Natzweiler-Struthof „immatrikuliert“ im Mai 1941 den ersten Transport von 300 Gefangenen, die zum Ausbau des Lagers gezwungen oder bereits im Steinbruch eingesetzt werden. Ab 1942 werden zunehmend Häftlinge aus Osteuropa inhaftiert.
Im Laufe seines Bestehens werden im riesigen Natzweiler-Komplex über 50.000 Häftlinge aus 30 Nationen malträtiert. 17.000, davon etwa 3000 im Stammlager, sollten die Lagerbedingungen und Torturen nicht überleben.
„Von den insgesamt 52000 KL-Insassen sind 35- bis 38000 trotz ihrer Registrierung in Natzweiler nie im Hauptlager gewesen.“, betont Robert Steegmann, Autor der maßgeblichen Monographie (Berlin 2010) über dieses Lager („Natzweiler-Struthof“, Straßburg 2020, S. 25).
Die gestufte Anordnung der Blöcke mit ihren mittigen Appellplätzen, jeweils verbunden durch hohe Treppenstufen aus Granit, ermöglichten eine panoptische Überwachung der Häftlingspopulation von den umgebenden Wachtürmen. Eine einzige gelungene Flucht, welche die Übergangsphase im Jahr 1942 nutzten konnte, ist dokumentiert.
Während unseres Aufenthaltes schlug das anfangs sehr ungemütliche Wetter um, blauer Himmel und Sonnenschein verwandelten die Szenerie regelrecht. Diese Unstetigkeit scheint für die Gegend typisch. In einer frühen Publikation der Lagergemeinschaft von Natzweiler schrieb der Deportierte Léon Boutbien über die „herrliche Umgebung“, deren Hintergrund „nach den Launen der Stunden und der Jahreszeiten wechselt, der im Licht glänzt, im Nebel verschwindet, über den die Winde hinwegfegen, oder den der Schnee wie mit einem Leichentuch bedeckt“. (in: „K.Z. Lager Natzweiler-Struthof“, o.O. 1965, S. 11.) Nur die Spur einer Ahnung, wie unerträglich und lebensfeindlich sich dieser Ort besonders im tiefen Winter angefühlt haben muss, hatte der nasskalte Wind, der Regen und der Nebel bei unserer Ankunft geben können.

Die massiven Treppenstufen, die in Zeugnissen als besonders quälend erinnert werden, können Besucher*innen heute leider nicht nutzen, um ein vages Gefühl für die damit verbundenen Strapazen zu entwickeln. Das Betreten der Terrassen war untersagt.
Der Slowene Boris Pahor, ab März 1944 Häftling in Natzweiler und dort aufgrund seiner Sprachkenntnisse Schreiber des Lagerarztes, erinnerte sich bei seinem Besuch im Eröffnungsjahr der Gedenkstätte (1960) lebhaft auch an diese Stiegen. In seinem bemerkenswerten Buch „Nekropolis“ legen sich in einem Gang über das Terrain mehrere Zeitebenen übereinander. Zur damaligen Fortbewegung auf diesem bizarren Lagergelände schreibt er: „Das Rennen, die Treppe hinab, wärmt die Körper nicht, sondern überlässt sie noch unmittelbarer der Umarmung der Gebirgsluft, während das geräuschvolle Knallen der Holzschuhe auf den Steinen sich wie das Bersten von überspannten Frost anhört.“ (ders., Nekropolis, Berlin 2001, S. 43.)
Die Comic-Adaption des Buches (Jurij Devetak, Nekropolis, Berlin 2023) hatte ich auf dem Gelände zum „Abgleich“ in der Hand.

Vier Baracken (Verwaltungsgebäude, Küche, Lagergefängnis, Krematorium) sind in der Gedenkstätte erhalten, wobei Küchenbaracke und Krematorium topographisch die beiden Pole des Lagers bilden. Steegmann schreibt zur Raumordnung des Lagers: „Wenn ein Häftling das Eingangstor im oberen Lagerteil durchschreitet, entdeckt er eine räumliche Anordnung, die langsam, aber unweigerlich auf den Tod zuführt. Dieser begegnet ihm auf der unteren Terrasse, wo 1943 das Krematorium gebaut wurde.“ (ders., a.a.O., S. 13.) Laut Margot wurde die zentrale Achse bergab „Krematoriumweg“ genannt.
Dem Tod konnte der Häftling jedoch jederzeit auch an anderen Orten „begegnen“: Der prominent platzierte Galgen für Hinrichtungen bietet eine geradezu zynisch-grandiose Rundumsicht, zahlreiche Häftlinge stolperten „auf der Flucht“ ins Schussfeld der Wachtürme und die sog. „Sandgrube“ oberhalb des Lagers, heute außerhalb des GS-Geländes an der Straße Richtung Steinbruch, war ein Ort für Exekutionen.
Zahlreiche Gefangene starben zudem an den Haftbedingungen im sog. „Bunker“, dem Lagergefängnis neben der Baracke des Krematoriums am Fuße des Hügels. Besonders die winzigen, „Hundehütte“ genannten Nischen (ursprünglich für Heizkörper vorgesehen) ließen die bewegungslosen Häftlinge im Winter erfrieren oder im Sommer ersticken.

1942 befahl Josef Kramer, seit Anbeginn hier tätig und ab Oktober des Jahres Kommandant, die Einrichtung eines Lager-Orchesters, das bei Exekutionen und Marsch zur Arbeit aufspielen musste, „um die Häftlinge zu demütigen“. (Hans Adamo in: F. Hervé/M. Graf Hg. „Natzweiler-Struthof. Ein deutsches Konzentrationslager in Frankreich“, Köln 2015, S. 20.)
Wiederum im untersten Lagerteil befand sich die „Klärgrube“, in der Abfälle und Fäkalien landeten sowie jene Menschenasche, die nicht zum Düngen im Garten des Kommandanten Verwendung fand. Die Grube ist mit einer christlichen Gedenkanlage markiert, während am Ort des Gartens heute eine Laterne mit einem „ewigen Licht“ steht.
„Verstorbene“ Häftlinge, zunächst noch von Häftlingen in tropfenden „Fleischkisten“ (Lettow) abtransportiert und ins Krematorium nach Straßburg gefahren, wurden 1942 in einem mobilen Ofen oberhalb des Hotels verbrannt. Ein Jahr später, der steigenden Belegung und wachsender Todeszahlen angepasst, werden die Toten im Lager-Krematorium mit Leichenkeller und manuellem Aufzug entsorgt.



Die Krematorium-Baracke mit ihrem hohen Metallschlot, der mitunter rot glühte („mit der blutigen Tulpe an der Spitze“ – Pahor), wurde auch für medizinische Experimente und Exekutionen genutzt (etwa von vier Agentinnen im britischen Dienst, Juli 1944 und über 140 Widerstandskämpfer*innen aus der Region, September 1944). Der Ofen (Firma Kori, Berlin) heizte das Duschwasser für den Nebenraum auf. In einer Kammer sind Regale mit Urnen zu sehen, die tatsächlich auf Anfrage von Angehörigen gegen Gebühr versandt worden sein sollen.
Der das Museum beherbergende Block, links vom Lagertor, fiel 1976 einem neonazistischen Brandanschlag zum Opfer und stellt daher eine Rekonstruktion dar. Abgebrannt war ein Teil des Lagers aber schon Jahre zuvor: Der Großteil der im September 1944 von den Alliierten leer vorgefundenen Baracken – das Lager war kurz zuvor, zum Teil nach Dachau, evakuiert worden – wurde seltsamerweise in einer Zeremonie feierlich mit Fackeln von ehemaligen Häftlingen eingeäschert. Die verbliebenen Gebäude bilden eine eigenartige Symmetrie an den Ecken des Lagerareals.
In der Museumsbaracke, einst Sitz der Verwaltung, befindet sich eine anschaulich aufbereitete Ausstellung zur Geschichte des KZ sowie seiner zahlreichen, vor allem rechtsrheinischen Nebenlager. Bis 1944 sollten die Zahl dieser teils mörderischen „Außenkommandos“, die „Metastasen des Bösen“ (Steegmann), auf 70 anwachsen, während die Überbelegung des für 3000 Häftlinge ausgelegten Stammlagers mit 6000 ihren Höhepunkt erreichen wird.
Während im September 1944 das Stammlager, als erstes KZ im Westen, befreit wurde, sind seine Ableger, die sog. „Arbeitskommandos“, im „Altreich“ noch monatelang in Betrieb.
Die Ausstellung und zahlreiche Publikationen bedienen sich mit Gewinn der Zeichnungen des begabten Überlebenden Henri Gayot. Dieser hatte im Lager zunächst Skizzen angefertigt, die er später zu plastischen Bildern ausarbeiten konnte, die sich sehr gut als Illustrationen der omnipräsenten Gewalt im Lager eignen.

Als ein Manko der Ausstellung in der gut besuchten Gedenkstätte nahmen wir die fehlende Thematisierung der verschiedenen Opfergruppen wahr. Sowohl z.B. jüdische Opfer als auch Sinti und Roma werden nicht in ihrer Eigenständigkeit als besonders verfolgte Opfergruppen thematisiert, auch homosexuelle und „asoziale“ Häftlinge finden keine dezidierte Erwähnung. Der Schwerpunkt der Gedenkstätte liegt auf dem heldenhaften Kampf der französischen Resistance.
Die Gedenkarchitektur wird beherrscht von dem 40 Meter hohen „Leuchtturm des Gedenkens“ von Bertrand Monnet, der einen von einer Flamme verzehrten „Muselmann“ darstellt. Die um ihn aufgereihten Kreuzreihen am einstigen Platz der SS-Baracken erinnern an einen Soldatenfriedhof.

Das als reines Männerlager konzipierte KZ Natzweiler, in Frankreich „Struthof“ genannt, wies als besonders hartes Arbeitslager (Kategorie III) eine extrem hohe Mortalitätsrate von nahezu 40% auf. Es ist darin mit Flossenbürg und Mauthausen und ihren tödlichen Steinbrüchen vergleichbar.
Eine Besonderheit von Natzweiler stellt die systematische Aufnahme sog. „NN“-Häftlinge dar, die auf den „Nacht-und-Nebel-Erlass“ (Dezember 1941) zurückgeht, der das spurlose Verschwinden zumeist politischer Gegner zum Ziel hatte. 1943 wurden nahezu 1000 Häftlinge dieser Kategorie eingeliefert; ab 1944 wurde Natzweiler als ihr zentraler Bestimmungsort bestimmt. Durch den gleichnamigen Dokumentarfilm von Alain Resnais (gegen den die Bundesregierung bei seiner Premiere 1956 in Cannes übrigens opponierte), wurde die wohl auf eine Wagner-Oper zurückgehende Formel bekannt. (Vgl. hierzu Ewout van der Knaaps Studie zur Wirkungsgeschichte von Resnais´ Film: Nacht und Nebel, Göttingen 2016.) – Zu dem Thema gibt es eine DVD: https://www.unadif.fr/fr/actualites/histoire/la-voix-du-reve.html
Für die weit sichtbar mit „NN“ markierten Gefangenen waren schwerste Arbeit, Unterernährung und fehlende gesundheitliche Versorgung vorgesehen. Das für französische „NN“-Gefangene bevorzugt angeordnete brutale Arbeitskommando „Kartoffelkeller“ bestand im Ausschachten eines 70 m langen Tunnels. Über diesem befindet sich seit 2005 das moderne „Europäische Zentrum der deportierten Widerstandskämpfer“, in dem eine einführende Ausstellung zur NS-Herrschaft angeboten wird. Der einstige Zweck der gewaltigen unterirdischen Anlage, die zahllose Leben kostete, ist unbekannt.

Einen zusätzlichen düsteren Schatten über dieses spürbar schreckliche Natzweiler werfen die umfangreichen Medizinverbrechen, die hier an Häftlingen begangen wurden. Sowohl die Anatomie der prestigeträchtigen „Reichsuniversität Straßburg“, das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ als auch weitere Abteilungen der SS-Forschungsstätte „Ahnenerbe“ waren darin involviert. Im Zuge dieser Medizinverbrechen fanden unter den Ärzten Hirt, Wimmer, Bickenbach, Haagen u.a. Versuche mit chemischen Kampfstoffen (flüssiges Lost, Phosgen-Gas) sowie Typhus-Impfstoffen statt, wobei sowohl das Krankenrevier des Lagers als auch eine 1943 eingerichtete Gaskammer verwendet wurden.
Das Vorhandensein dieser Gaskammer hat in der Nachkriegszeit besondere Aufmerksamkeit ausgelöst, verbunden mit dem aufsehenerregenden Fund von Leichenteilen aus Natzweiler im anatomischen Institut in Straßburg. Obgleich dieses KZ kein Vernichtungslager war und der Anteil der als „jüdisch“ definierten Häftlinge im Natzweiler-Komplex bei „nur“ etwa 11% lag, ist die Gaskammer durch den Mord an 86 jüdischen Menschen direkt mit der Shoah verbunden. Mehrere Hinweistafeln im Raum Straßburg weisen auf dieses spezifische Verbrechen hin. Ebenso ein bizarres Straßenschild vor Ort:

Die Geschichte dieser „86“ soll abschließend skizziert werden. Die Gedenkstätte Natzweiler richtete eine neue und informative Ausstellung auf dem aktuellen Forschungsstand im ehemaligen Gaskammergebäude ein.
Dieses liegt unweit der Serpentine neben dem „Struthof“, neben dem es einen Parkplatz gibt. Der Gasthof war nach dem Krieg wieder (oder noch) in Betrieb, wie die Künstlerin Judy Chicago in den 1980ern festhielt: ein Foto der Terrasse mit Blick auf die frühere Gaskammer diente ihr als Vorlage für das Gemälde „Banality of Evil / Struthof“ (1989). Es war Teil ihres umfangeichen „Holocaust Project“.


Der ca. 800 m lange Fußweg vom Lager hinunter deckt sich mit dem Pfad, den damals Häftlinge, SS sowie der (jeweilige) Kommandant nahmen, dessen prächtige Kommandanten-Villa (mit Pool, versteht sich) man passiert.

Es darf als erwiesen gelten, dass die Gaskammer von Natzweiler nicht eigens gebaut wurde, sondern durch Modifikationen der einstigen Kühlzelle im „Festsaal“ genannten Nebengebäude entstand. Zwischenzeitlich diente der kleine Raum für Gasmaskenübungen der SS (wahrscheinlich mit Tränengas). Erst im April 1943 wurde der Umbau zur „G-Zelle“ fertiggestellt, um Raum zu bieten für Otto Bickenbachs Versuche mit Phosgen-Gas (Hintergrund bildete die Angst vor einem Giftgaseinsatz durch die Alliierten). Die unfreiwilligen Probanten mussten in der Kammer das Giftgas selbst aus Glasampullen freisetzen. Die Verabreichung der „Tablette“ des Luftwaffenarztes war nicht für alle lebensrettend. Viele Häftlinge starben qualvoll an Verätzungen der Atemwege und Lungenödemen.

Die besagten 86 Häftlinge, darunter 29 Frauen, deren Ankunft im reinen Männerlager erhebliches Aufsehen erregte, waren jene, die von 115 verblieben waren, die der Anthropologe und SS-Rassekundler Dr. Bruno Beger ausgewählt hatte.
Beger hatte in Auschwitz vergeblich nach „innerasiatischen Typen“ (z.B. Mongolen) gesucht, die seine obsessiv verfolgte These einer Wanderbewegung der „arischen Rasse“ beweisen sollten. Aus ungeklärten Gründen schwenkte er offenbar spontan auf „jüdische“ Opfer um. Diese wurden sodann über 1000 km nach Natzweiler zur anthropometrischen Vermessung, Röntgenfotografie und anschließenden Ermordung verfrachtet. Das wirre Fernziel war die „Skelettgewinnung“ zu Sammlungszwecken.
Josef Kramer ermordete diese Menschen eigenhändig, eine für einen Kommandanten doch recht ungewöhnliche Arbeit. In vier Durchläufen wurden kleine Gruppen vom 11. bis 18.8.1943 in der zuvor erneut umgerüsteten Gaskammer erstickt, wahrscheinlich mit Zyklon B. Die Leichen wurden per LKW in das anatomische Institut von Prof. August Hirt nach Straßburg gebracht, wo sie 1944, angesichts des Anrückens der US-Army, von Angestellten zum Teil kremiert wurden – oder weiter in Becken trieben, um letztlich von den schockierten Alliierten gefunden zu werden.
Bis in die Gegenwart (zum Teil in der Ausstellung der GS) hält sich der Mythos, dass dieses Verbrechen auf die alleinige Initiative von Hirt zurückgeht, der als Medizinverbrecher ohnehin durch Kampfstoff-Versuche (vielleicht auch durch sein verletzungsbedingtes Aussehen als „Kinderschreck“) als Monstrum ausgewiesen war. Den aufstrebenden jungen Beger habe Hirt lediglich als anthropologischen Assistenten benötigt für das Vorhaben einer „jüdischen Schädelsammlung“ in einem Straßburger Museum, erzählt die Legende.

Bruno Beger bei „Vermessungen“ in Tibet. Zur Tibet-Expedition von Schäfer & Co. vgl. Peter-Meier Hüsing, „Nazis in Tibet“ (2017)
Die akribische Forschungsarbeit des forensischen Historikers Julien Reitzenstein, der sein Buch zur „Straßburger Schädelsammlung“ 2019 auf der Leipziger Buchmesse vorstellte, hat überzeugend dargelegt, dass vielmehr Beger bei diesem Verbrechen der „federführend handelnde Wissenschaftler“ war. Reitzensteins minutiöse Rekonstruktion, bis hin zur Reisekostenquittung, hat eine zusätzlich Perfidie des Verbrechens deutlich gemacht: da die Leichen nach dem Mord letztlich keine „Verwertung“ mehr fanden, worin auch immer die bestanden haben mag, und offenbar nur auf Begers Versuch, eine nach der missglückten Tibet-Expedition weitere Blamage vor Himmler zu vermeiden, war ihr Tod doppelt sinnlos.
Beger, der übrigens 1931 in meiner Heimatstadt Gotha (im „verfeindeten“ Gymnasium „Ernestinum“) sein Abitur gemacht hatte, wurde niemals für sein skrupelloses Tun verurteilt, wenngleich zahlreiche Hinweise auf seine Autorschaft hindeuteten. Er starb 98-jährig. Dass Hirt sich 1945 suizidierte, hatte es allen schuldhaft Involvierten leicht gemacht, die Verantwortung abzuwälzen. (J. Reitzenstein, Das „SS-Ahnenerbe“ und die „Straßburger Schädelsammlung“ – Fritz Bauers letzter Fall, Berlin 2019.) – https://www.julienreitzenstein.de/opfer-des-ns-regimes/

Wir verlassen nach vier intensiven Stunden einen der gewiss grausamsten Orte, der je in einer „malerischen und schönen“ Umgebung im „Kranz hoher Berge“ errichtet worden ist.


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